Gallenleiden – Frauenleiden

Oktober 2014 | Medizin & Trends

Vor allem wenn sie älter als 40 sind, haben Frauen wesentlich öfter Gallenleiden als Männer. Fast immer sind es Steine, die dem Verdauungsorgan zu schaffen machen. Wie es zu den Problemen kommt und warum man sie nicht anstehen lassen sollte.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Der Geschmack der Sachertorte mit Schlag liegt noch auf der Zunge, und da ist schon wieder diese Übelkeit, wie neulich nach der Betriebsfeier, wo es Schweinsbraten gab: „Wenn einem nach einem fettreichen Essen wiederholt schlecht ist, deutet das auf ein Problem mit der Galle hin“, stellt Prim. Dr. Günther Zeidler, Leiter der Abteilung für Chirurgie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Ried im Innkreis, die Diagnose.
Weitere klassische Anzeichen von Gallenproblemen: Zur Übelkeit nach einem deftigen Mahl gesellen sich heftiges Aufstoßen und Erbrechen. Am Ende dieser Kaskade unangenehmer Beschwerden steht dann oft eine Gallenkolik mit krampfartigen Schmerzen im rechten Oberbauch, die in Wellen auftreten. Diese Pein kann Minuten, aber auch Stunden anhalten.
Doch nicht nur die bisweilen lange Dauer macht die Schmerzen zu einer besonderen Marter, sondern auch deren Intensität: „Eine Gallenkolik tut sehr weh“, weiß Mediziner Zeidler und fügt an: „Betroffene beschreiben diese Schmerzen als kaum erträglich.“ Noch dazu strahlen sie oft in den gesamten Bauchraum und bis in den Rücken und Schulterbereich aus – so vergrößert sich die Qual für die Patienten noch einmal.

Östrogene als Wurzel des Übels

Die große Mehrheit der Patienten sind Patientinnen. Zeidler: „Frauen sind viel öfter von einem Gallenleiden betroffen als Männer.“ In der Altersgruppe der Über-40-Jährigen haben in den westlichen Industrienationen wie Österreich sogar mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer ein Problem mit dem Verdauungsorgan. Erst ab dem Alter von 70 Jahren schwindet dieser große Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern: Dann bereitet jede dritte weibliche wie männliche Galle Beschwerden.
Dass Gallenleiden in den Lebensjahrzehnten davor hauptsächlich Frauenleiden sind, liegt vor allem am Frausein: „Die weiblichen Sexualhormone, die Östrogene, können die Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit so ungünstig beeinflussen, dass es zu Beschwerden kommt“, informiert Zeidler. Besonders anfällig für unangenehme Reaktionen auf Schlagobers, Schweinsbraten & Co wird die Galle, wenn viele Östrogene im Körper kursieren. Dass ist etwa dann der Fall, wenn die Frau schwanger ist, mit der Pille verhütet oder gegen Wechseljahresbeschwerden östrogenhaltige Medikamente einnimmt. Gesellen sich zum hohen Östrogenspiegel Übergewicht und eine genetische Vorbelastung etwa durch einen Elternteil, der ebenfalls ein Gallenproblem hat, werden Bratwürstel, Mayonnaise-Salat und Tiramisu noch gefährlicher. Fettreiche Speisen, das Erbe und zu viele Kilos auf den Rippen sind laut Zeidler aber auch schon für sich allein genommen Risikofaktoren.

Koliken als Alarmzeichen

Unmittelbar ausgelöst werden Gallenbeschwerden bis hin zu Koliken fast immer von Gallensteinen, die sich aus Gallenflüssigkeit bilden und Gallengänge zum Zwölffingerdarm verstopfen. Ist der Transportweg dicht, staut sich Gallenflüssigkeit an. „Mit dem Erbrechen und Aufstoßen will sich der Körper selbst helfen und die aufgestaute Gallenflüssigkeit loswerden“, erklärt Zeidler die Hintergründe. „Mit der Kolik, dem krampfartigen Zusammenziehen der Gallenblase und der Gallengänge, versucht er, die Steine loszulösen und die Gallengänge freizulegen.“ Manchmal gelingt das sogar: Dann werden die Gebilde, die einen Durchmesser von wenigen Millimetern bis hin zu sechs Zentimetern haben, über den Darm ausgeschieden, ohne weiter Probleme zu bereiten. Doch auch wenn sich die Sache von selbst erledigt, sollte man Koliken als Alarmzeichen sehen und gleich nach dem ersten Auftreten der klassischen Beschwerden zum Arzt gehen.

Entzündungen als Gefahr

Der dringende Handlungsbedarf besteht aus zwei Gründen: „Haben sich einmal Steine gebildet, ist erstens die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich weitere bilden, die neuerlich zu Beschwerden führen“, warnt der Mediziner. „Und zweitens können Steine, die in Bewegung geraten, die Wände der Gallenblase und der Gallengänge so reizen, dass kleine Wunden entstehen.“ Werden die Wunden von Erregern in der Gallenflüssigkeit infiziert, kommt es zu Entzündungen, die ebenfalls Schmerzen verursachen.
Aber nicht nur das: „Die Entzündungsherde können sich von der Gallenblase aus binnen weniger Tage auf die umliegenden Organe ausbreiten, auf die Leber, die Bauchspeicheldrüse oder den Zwölffingerdarm“, schildert Zeidler die Risiken. „Dann ist die Gefahr groß, dass es zu einem Versagen dieser Organe kommt, und solche Multiorganversagen sind lebensbedrohlich.“ Dasselbe gilt auch umgekehrt: Führen Infektionen der umliegenden Organe wie etwa der Leber zu Gallenentzündungen, wird es ebenfalls gefährlich.  

Entfernung als beste Therapie

Außer Gallensteinen können der Galle noch Polypen zu schaffen machen, gutartige Gewebewucherungen, die an den Gallenblasenwänden oder in den Gallengängen wachsen. Ganz ungefährlich sind diese Polypen trotz ihrer Gutartigkeit nicht. Zeidler: „Mit der Zeit können sie sich zu gefährlichen bösartigen Tumoren entwickeln.“
Das Tückische: Weder Polypen noch Gallensteine, sofern sie nichts verstopfen oder reizen, verursachen Beschwerden. So bleiben sie oft jahre- und jahrzehntelang unbemerkt. „Oft sieht man die Veränderungen erst, wenn aufgrund einer anderen Erkrankung oder nach einer Gallenkolik eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraums gemacht wird“, weiß Zeidler.
Dann die Gallenblase auszuräumen, bringe genauso wenig, wie die Gallensteine zu zertrümmern. Auch Medikamente zu nehmen, die die Steine auflösen, lohne sich nicht. Denn danach würden sich sowohl die Steine als auch die Wucherungen erneut bilden. Zeidler: „Die beste Therapie bei Gallensteinen und Polypen ist, die Gallenblase entfernen zu lassen.“
Vor der Operation braucht niemand Angst zu haben, beruhigt der Chirurg. „Dabei handelt es sich um einen Eingriff, der für den Körper weit weniger belastend ist als etwa eine Gallenkolik, denn man operiert mit der Methode der Schlüssellochchirurgie durch kleine Schnitte.“
Nach der OP kann es sein, dass sich der Darm manchmal erst noch daran gewöhnen muss, statt über die Gallenblase nur noch über den Lebergallengang mit Galle versorgt zu werden. Die Betroffenen leiden dann noch eine Zeit lang an Durchfall, besonders wenn fettreich gegessen wird. Doch abgesehen davon lebt es sich ohne Galle sehr gut und für nahezu alle Operierten besser als vorher, hat Zeidler vielfach erfahren: „Sie wissen, dass sie vom höllischen Schmerz einer Gallenkolik verschont bleiben werden und auch keine der übrigen unangenehmen Begleiterscheinungen von Gallenleiden erleben müssen, und das macht ihnen das Leben viel leichter.“

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Fett & Galle

Als Galle bezeichnet der Volksmund sowohl die Gallenblase als auch die Gallenflüssigkeit. Die Gallenblase eines Erwachsenen ist etwa sechs Zentimeter lang und vier Zentimeter breit, hat die Form einer Birne und fasst rund 1/16 Liter. Die Gallenflüssigkeit wird in der Leber produziert, über Gallengänge in die Gallenblase transportiert und dort gespeichert. Sie besteht zum Großteil aus Wasser und Gallensalzen, auch andere Substanzen wie Enzyme und Elektrolyte finden sich darin.
Werden Speisen mit besonders hohem Fettgehalt verzehrt, schüttet die Gallenblase über die Bauchspeicheldrüse eine Extraportion Flüssigkeit in den Zwölffingerdarm aus. So bekommt der Darm Unterstützung bei der Fettverdauung. Wurde die Gallenblase entfernt, so wird die Gallenflüssigkeit in immer gleich großer Menge von der Leber über Lebergallengänge in den Darm transportiert.

Stand 09/2014

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