Gehör in Gefahr

Dezember 2014 | Medizin & Trends

Die schlimmsten Feinde gesunder Ohren
 
Meist schon Wochen vor Silvester beginnt in den Straßen das große Krachen – und bei den Ärzten der Hochbetrieb: Knalltraumata und Tinnitus haben jetzt Saison. Doch nicht alle Gefahren fürs Gehör kommen mit gewaltigem Getöse daher. MEDIZIN populär über die lauten und leisen Feinde der Ohren.
 
Von Wolfgang Kreuziger

So manche spektakuläre Neujahrsshow endet nicht nur sprichwörtlich mit einem Knall: Rund 1000 Partytiger landen laut Schätzungen der HNO-Ärzte jedes Jahr nach dem großen Feuerwerks- und Böllergetöse mit Gehörschäden in den heimischen Notaufnahmen. Es sind dabei nach Statistiken des Kuratoriums für Verkehrssicherheit zu 97 Prozent Männer und zu 65 Prozent unter 25-Jährige, die am Tag nach Silvester für diesen Ansturm in den HNO-Ambulanzen sorgen, der zehn Mal so groß wie sonst ist.
Und doch spiegelt die fröhliche Knallerei zum Jahreswechsel angesichts von rund 1,6 Millionen Menschen mit einer Hörschädigung und bis zu einer Million Tinnitus-Erkrankten in ganz Österreich nur einen kleinen Teil eines großen Trends wieder. „Studien zeigen seit Jahrzehnten eine kontinuierliche Zunahme von Hörproblemen in der gesamten Bevölkerung“, warnt Dr. Peter Reisenberger, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten in Gmunden. „Annähernd jeder fünfte Österreicher hört schlecht. Leider werden die Gefahren für die Ohren in Beruf und Alltag nach wie vor unterschätzt.“ Und damit für jene hochsensiblen Schalldetektoren unseres Körpers, die die leisesten Geräusche um das 18-Fache verstärken, Lärm jedoch bei Bedarf durch Versteifung der Mittelohrmuskulatur bis zu einem gewissen Grad abdämpfen können. Allerdings stößt der Selbstschutz der Ohren rasch an seine Grenzen.

Drei Millisekunden für die Ewigkeit

Sanftes Waldesrauschen und blubbernde Bäche – im Grunde hat Mutter Natur unsere Lauscher für solche feinen Geräusche bis 85 Dezibel (dB) Lautstärke konstruiert. Damit stellt bereits jede stark befahrene Straße (90 dB) einen Härtefall fürs Trommelfell dar, ganz zu schweigen von Böllern (ca. 130 dB), Gewehrschüssen (140 dB) oder startenden Düsenfliegern (150 dB). „Ein einmaliges hochfrequentes Nahereignis über 120 Dezibel kann ausreichen, um bleibenden Schaden anzurichten“, nennt Reisenberger die Krachmacher als Hauptgefahrenquelle. Ein Knall von drei Millisekunden Dauer kann genügen, so wissen die Experten, um lebenslanges Leid zu bringen. Reisenberger weiß von einem seiner Patienten zu berichten, der nach einem einzigen LKW-Reifenplatzer in unmittelbarer Nähe hochtontaub geblieben ist, er konnte danach hohe Klänge wie Geflüster nicht mehr hören. Andere leiden nach Schüssen oder extrem laut explodierenden Airbags an Höreinbußen oder Tinnitus.
„Sowohl bei einem Knalltrauma als auch bei Tinnitus hat der Arzt leider nur begrenzte Maßnahmen zur Verfügung“, nennt Reisenberger ein weiteres Problem für die Hörgesundheit. „Er versucht, die Sauerstoffversorgung durch Medikamente oder Infusionen anzukurbeln und verabreicht Mittel zur besseren Durchblutung.“ Sind etwa durch ein Knalltrauma erst einmal Tausende Sinneshärchen des Innenohres geknickt oder bis zur Funktionslosigkeit abgestorben, kommt jedoch deren Reizwahrnehmung nicht wieder.

Fünf Stunden Disco als Limit

Es sind aber nicht nur laute Böller, die unseren Ohren zusetzen. Selbst vergleichsweise moderate Geräusche haben tragische Folgen, wenn man ihnen lange ausgesetzt war. „Erst Lautstärke und Belastungsdauer zusammen definieren die Verletzung“, bringt es Reisenberger auf den Punkt. Experten haben die zu befürchtenden Risiken mit Grenzwerten in Zahlen gegossen: Demnach brauchen unsere Hörorgane nach fünf Stunden Durchschnittsdiskothek bei 95 Dezibel eine Woche Lärmpause um sich komplett zu regenerieren, dasselbe gilt nach einem nur einstündigen Popkonzert bei 100 Dezibel. Kein Wunder, dass gerade Jugendliche Gefahr laufen, diese Werte massiv zu übertreffen, was auch die steigende Anzahl Gehörgeschädigter unter Minderjährigen erklärt. Sänger wie der heute fast gehörlose Ozzy Osbourne oder die schwer hörgeschädigten Popstars Mick Jagger, Sting oder Cher zeigen die Gefahren, die aus dröhnenden Subwoofern wummern.

Riskante Berufe

Während in der Freizeit das Meiden von Lärmerregern in Eigenverantwortung der beste Schutz für die Ohren ist, sind in der Arbeitswelt viele der Gewissenhaftigkeit von Vorgesetzten ausgeliefert. Heute gilt laut Unfallversicherungsanstalt AUVA Schwerhörigkeit mit 700 Fällen pro Jahr als häufigste Berufserkrankung – obwohl am Arbeitsplatz bei über 85 Dezibel das Tragen eines Gehörschutzes gesetzlich vorgeschrieben wäre. Doch Theorie und Praxis klaffen auseinander, kritisiert auch Reisenberger: „Daher stellen Beschäftigte in der Land- und Forstwirtschaft die allergrößte Risikogruppe dar, denn im Wald an der Motorsäge wird seltener ein Gehörschutz aufgesetzt als in der Fabrikhalle.“ Zu den meistgefährdeten Berufen zählen darüber hinaus Musiker, die ein erhöhtes Risiko für Gehörschäden tragen, wie auch Arbeiter in Industrie und Bauwesen. Laut den errechneten Grenzwerten muss ein Bauarbeiter bei einer 90-Dezibel-Belastung allein durch den lauten Autoverkehr mit bleibenden Hörverlusten rechnen, wenn er regelmäßig länger als 35 Wochenstunden an einer stark befahrenen Straße arbeitet.    

Gefahrenherd Haushalt

Umso mehr verlangen Menschen in Hochrisikojobs wie diesen nach einer regenerativen Stille im trauten Heim. Doch wie hoch stehen die Chancen darauf? „Schlechter als man denkt, denn gerade der Haushalt ist eine der meist unterschätzten Lärmgefahrenquellen“, warnt Reisenberger. „Jeder hat schon den schmerzenden Ton von Bohrmaschinen oder Küchengeräten verspürt. Gerade solch ein konstant hochfrequenter Ton ist schädlicher als laute Musik, bei der sich immerhin noch laute, leise, hohe und tiefe Töne abwechseln. Aber Hand aufs Herz, wer setzt beim Kochen oder Heimwerken einen Gehörschutz auf?“ Die größte Gefahr lauert sowieso oft dort, wo man es am wenigstens erwartet: „Bei Altglassammelstellen müsste ein Schild das Aufsetzen von Gehörschutz vorschreiben“, meint der HNO-Arzt. „Das Klirren ist wie Gift für die Ohren.“

„Negative Sparkasse“ Hörsinn

Mit dem Älterwerden beeinträchtigt zumeist auch die schlechter werdende Durchblutung unsere Hörfähigkeit. „Dennoch werden nicht alle jenseits der 60 irgendwann schwerhörig“, relativiert Reisenberger. „Im Gegensatz zu den Augen, wo die Linse zwangsläufig an Elastizität verliert, kann das Ohr ohne Schäden bis ins hohe Alter brillant funktionieren.“ Dadurch ist es nicht nur jenes Sinnesorgan das mit 18 Monaten als erstes voll entwickelt ist, sondern oft auch das letzte, das seinen Dienst quittiert. Allerdings summieren sich über die Jahre die durch Krankheit oder Knalltraumata abgestorbenen Sinneshärchen. „Ich sehe unser empfindliches Gehör wie eine negative Sparkasse, die anfangs gefüllt ist und in die später nichts mehr eingezahlt werden kann“, gibt der Mediziner zu bedenken. „Damit wir nicht zu viele Kapital abbauen, müsste künftig in erster Linie unser Bewusstsein für die lauernden Gefahren geschärft werden, egal ob daheim oder am Arbeitsplatz.“ Dies beinhaltet für ihn auch die Anwendung von Gehörschutz im Haushalt nicht als Ausnahme, sondern als Regel. Reisenberger: „Vorsicht bleibt für unsere Ohren der allerbeste Schutz.“

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Krankheiten, Medikamente, Rauchen:

Kein nerviger Kracher, kein Lärm, kein Knall – und doch baut unser Gehör ab. Ein Phänomen, das öfter als man denkt auftritt und meist durch Krankheiten ausgelöst wird, die Durchblutungs- und Stoffwechselprobleme verursachen und so die Sinneshärchen und Hörnerven beeinträchtigen. „So bleiben häufig bei Innen- oder Mittelohrentzündungen kleine Gehörschäden zurück. Aber auch andere gesundheitliche Probleme von Viruserkrankungen bis Meningitis oder Mumps und Masern im Erwachsenenalter können aus demselben Grund schwerwiegende Folgen für das Ohr haben“, weiß HNO-Arzt Dr. Peter Reisenberger.
Da die Labyrinth-Arterie als einziges Gefäß ins Innenohr führt, können zudem Gefäßerkrankungen wie Diabetes und Atherosklerose die Blutzufuhr ins Innenohr behindern und es auf Dauer ebenso in Mitleidenschaft ziehen wie manche Medikamente. Denn auch gewisse Schmerzmittel, Bestandteile der Chemotherapie, aber auch Antibiotika schädigen die Sinneshaarzellen.
Untersuchungen der University von Manchester haben überdies gezeigt, dass speziell starke Raucher aufgrund resultierender Gefäßverengung ein erhöhtes Risiko für Hörschäden tragen. „Eine weitere Gefahr droht unseren Ohren von Problemen der Wirbelsäule“, verrät Reisenberger. So reicht mitunter eine Verspannung im Nacken, um Tinnitus auszulösen. Der Grund ist eine Verbindung zwischen den Nervenbahnen der Halswirbelsäule, den Kiefergelenken und Hörzentren im Gehirn!

Stand 12/2014

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