Herpes: Was die Viren alles anrichten können

März 2014 | Medizin & Trends

Als ob Husten, Schnupfen, Heiserkeit nicht schon schlimm genug wären: Liegt das Immunsystem flach, haben auch Herpesviren leichtes Spiel. Von Fieberblasen bis Fehlgeburt, von Gürtelrose bis Lungenentzündung reicht die Bandbreite der Probleme, die auf das Konto dieser Erreger gehen können. MEDIZIN populär informiert, wie die Herpes­-Familie ihr Unwesen treibt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Können Forscher aus Feinden der Gesundheit Freunde machen? „Im Fall von Herpesviren könnte das möglich sein; es ist gut vorstellbar, dass sie sich einmal als nützlich für uns erweisen“, blickt Univ. Doz. Dr. Friedrich Breier, Dermatologe am Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel in Wien, in die Zukunft. Doch ehe aus der schrecklichen Familie der Herpesviren eine nette Familie wird, die uns beim Gesundwerden hilft, werden noch viele Jahre vergehen. Denn das Vorhaben stellt die Forscher vor große Herausforderungen: „Man arbeitet daran, mit Hilfe von Herpesviren bestimmte Gene in Körperzellen zu schleusen, die dort zum Beispiel Krebs heilen“, beschreibt Breier das ehrgeizige Ziel.

Besondere Fähigkeiten
Dass man das akkurat mit Herpesviren versucht, liegt an ihren ganz besonderen Fähigkeiten. Zum Unterschied von anderen Erregern bewegen sich Herpesviren entlang von Nervenbahnen fort, nachdem sie via Haut oder Blutbahn in den Körper eingedrungen sind. Noch tun sie das allerdings nicht als Boten von heilbringenden Stoffen, sondern um uns mit diversen Krankheiten zu quälen. Anders als andere Erreger werden Herpesviren darüber hinaus nicht von unserem Immunsystem abgetötet und ausgestoßen. Vielmehr ziehen sie sich nach getaner Arbeit in bestimmte Nervenknoten zurück, um zu ruhen. Früher oder später werden sie wieder aktiv und lösen neuerlich Leiden aus. Das tun sie meist dann, wenn unser Abwehrsystem anderweitig beschäftigt ist. Und so haben Herpesviren just in der Blütezeit von Husten, Schnupfen, Heiserkeit Hochsaison.

Husten, Küssen, Hände schütteln

Erkältung und Grippe machen aber noch aus einem anderen Grund die Bahn frei für Herpesviren, denn beim Husten und Niesen erhöht sich die Ansteckungsgefahr beträchtlich:
„In den Tröpfchen von Nasensekret oder Hustenschleim gelangen die Viren von einem Menschen zum anderen“, schildert Breier den Weg der Infektion. „Anstecken kann man sich aber auch beim Händeschütteln und bei anderem Hautkontakt, beim Geschlechtsverkehr und beim Küssen.“ Sofern sie nicht sofort eine Wirtszelle finden, halten sich die Viren allerdings nicht lange. „Daher können sie entgegen der weit verbreiteten Meinung nicht über Besteck oder Gläser übertragen werden“, stellt Breier klar.

Fieberblasen & Genitalherpes

Und doch sind sie so weit verbreitet wie kaum eine andere Art von Erregern. Am weitaus häufigsten treiben die Herpes simplex-Viren Typ 1 und Typ 2 ihr Unwesen: Nicht weniger als 90 Prozent der Österreicher sind damit infiziert. „Diese Viren führen zu Fieberblasen und zu Genitalherpes, also Blasen im Genitalbereich“, verdeutlicht Breier. Vom Ausbruch der Blasen verschont bleiben nur sehr wenige Infizierte – sie haben Gene, die sie davor schützen. Wer nicht derart begünstigt ist, bekommt es mit Bläschen zu tun, die jucken, spannen, brennen, immer wieder aufplatzen und bluten.
„Platzt eine Blase auf, können die Viren an eine andere Stelle der Oberlippe oder der Schleimhaut im Genitalbereich gelangen, und es bildet sich dort eine weitere Blase“, schildert Breier mögliche Komplikationen. Auch Ansammlungen von drei, fünf oder noch mehr Blasen sind möglich. Außerdem kann es auf den Wangen, in den Nasenlöchern, um die Augen herum oder an der Zungenspitze zur Bildung von Fieberblasen kommen bzw. außerhalb des Genitalbereichs von Genitalherpes. „Das ist allerdings selten der Fall“, beruhigt Breier.
Was meistens gilt: Nach etwa zehn Tagen verkrusten die Blasen; fällt die Kruste ab, ist das Leiden überstanden. Allerdings nur vorübergehend, denn wer einmal ein Herpes-Bläschen an der Lippe oder im Genitalbereich hatte, bekommt meist in zeitlichen Abständen immer wieder eines. „Abgesehen von Schwächungen durch Erkältungen oder die Grippe sind oft auch Magen-Darm-Erkrankungen oder Stress schuld daran, dass das Virus wieder aktiv wird“, so Breier. Bei Frauen geschieht das oft im Zuge hormoneller Veränderungen während der Menstruation. Aber auch starke Sonnenbestrahlung z. B. im Urlaub am Meer oder im Gebirge sowie eine Schwächung durch eine neuerliche Herpes-Infektion kann die Viren aus der Reserve locken.

Windpocken & Gürtelrose

Schließlich treiben neben den Herpes simplex-Viren noch weitere Unholde aus der Herpes-Familie häufig ihr Unwesen: die Varicella zoster-Viren etwa, die meist schon Kindern zur Qual werden und Windpocken auslösen können, sobald sie in die Blutbahn gelangt sind. Der auch Feucht- oder Schafblattern genannte Ausschlag mit nässenden Bläschen juckt stark und ist unangenehm, aber ungefährlich. Allerdings begeben sich nach vollbrachter Tat auch die Varicella zoster-Viren am Ende einer Nervenbahn zur Ruhe. Breier: „Ist das Immunsystem irgendwann im Erwachsenenleben geschwächt, zum Beispiel wegen anderer Erkrankungen, wegen Stress oder rein altersbedingt, werden sie wieder aktiv.“ Dann wandern sie neuerlich Nervenbahnen entlang und lösen Herpes zoster aus, die Gürtelrose. Diese zeigt sich zunächst oft in Rötungen mit Bläschen am Oberkörper, auch Schmerzen können hinzukommen. Unbehandelt kann Gürtelrose zu Hör- und Sehnerven wandern, schlimmstenfalls sogar deren Funktion beeinträchtigen und zu Hör- und Sehstörungen führen.

Fieber & Fehlgeburt
Ein umtriebiger Vertreter der Herpes-Familie ist auch das Epstein-Barr-Virus, mit dem ebenfalls sehr viele Menschen infiziert sind. Dieser Erreger kann für das Pfeiffersche Drüsenfieber sorgen. „Diese Krankheit äußert sich zuerst in hohem Fieber und einer Schwellung der Milz“, erklärt Breier. Beides klingt ab – doch wird das Virus nach der Zeit des Rastens wieder wach, kann es hartnäckige, kleinflächige Hautausschläge bescheren und Lymphknotenschwellungen verursachen.
Für Menschen, deren Immunsystem wegen einer anderen Krankheit besonders stark geschwächt ist, stellt ein weiteres verbreitetes Mitglied der – derzeit noch ausschließlich schrecklichen – Herpes-Familie eine Gefahr dar: das Zytomegalievirus. Hat man sich damit angesteckt, fühlt man sich für kurze Zeit so, als wäre man an Grippe erkrankt. Danach hat man mehr oder weniger lange Ruhe. Wird dieses Virus wieder aktiv, kann es unangenehm bis gefährlich werden und Netzhauterkrankungen, eine Magen- und Darmentzündung und eine Lungenentzündung verursachen. Breier: „Riskant ist das Virus außerdem für Schwangere, denn steckt sich eine werdende Mutter an, kann es zu Fehlbildungen beim Kind kommen oder zu einer Fehlgeburt.“   

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Was ist Herpes?

Herpes simplex-Viren sind in der großen Familie der Herpesviren besonders stark vertreten. Auf ihr Konto gehen z. B. die so häufigen Fieberblasen (Lippen­herpes).
Die Besonderheit der Herpesviren: Sie verbleiben nach der Erstinfektion lebenslang im Körper ihres Wirts, werden früher oder später wieder aktiv und lösen neuerlich Leiden aus, z. B. eine Gürtelrose.

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Was schützt vor Herpesviren?

Impfung
Gegen Windpocken gibt es eine Impfung, die Kleinkindern ab neun Monaten empfohlen wird. Obwohl mit dem Herpes zoster-Virus ein und derselbe Erreger Windpocken und Gürtelrose verursacht, können sich gegen Windpocken Geimpfte mit Gürtelrose anstecken. Da ab dem 50. Lebensjahr das Immunsystem schwächer wird, wird über 50-Jährigen geraten, sich gegen Gürtelrose impfen zu lassen. Wer nur gegen Gürtelrose geimpft ist und noch nie Windpocken hatte, kann bei einer Infektion mit Herpes zoster schwach an Windpocken erkranken.

Tabletten

Sogenannte Virostatika beugen Lippen- und Genitalherpes vor (und lassen sie im Fall des Falles rascher abheilen).

Spezialsalben

Salben, die die Wirkstoffe Acyclovir oder Docosanol enthalten, schützen ebenfalls vor Lippen- und Genitalherpes (und sorgen im Krankheitsfall für schnellere Heilung).

Sonnenschutz
Bei starker Sonnenbestrahlung die Lippen mit Sunblockern zu schützen, hilft gegen Lippenherpes.

Starke Abwehrkräfte
Mit einer ausgewogenen Ernährung, eventuell ergänzt durch Spurenelemente wie Zink und Selen, sowie mit regelmäßigem Sport hält man das Immunsystem in Schuss – und ist so besser vor (Herpes)Viren-Attacken geschützt.

Buchtipp:
Breier, Gruber
Fieberblasen, Herpes & Co
ISBN 978-3-99052-015-4
ca. 144 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte 2012

Stand 02/2014

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