Krank vom Sitzen

Dezember 2014 | Medizin & Trends

Wie langes Lümmeln Körper, Geist und Seele schadet
 
Sitzen ist das neue Rauchen, so die eindrückliche Warnung von US-Medizinern. Denn inzwischen zeigt sich immer deutlicher, dass vom langen Lümmeln auf Sessel, Couch & Co längst nicht nur Kreuzweh kommt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Kaum sind wir morgens aufgestanden, setzen wir uns wieder nieder: Erst an den Frühstückstisch, dann in Auto, Bus oder Bahn, um in die Arbeit zu gelangen. Dort nehmen wir am Schreibtisch Platz, an der Werkbank, an der Kassa, hinter dem Schalter. Abends geht es – wieder im Sitzen – zurück nach Hause, wo das Sofa fürs gemütliche Lümmeln vor dem Fernseher bereitsteht.
Zwar durchsitzen wir auf diese Art und Weise nicht jeden Tag, und einige unter uns hocken auch nie so viel. Doch wie eine Studie an der Universität Regensburg ergab, bringt ein Erwachsener in westlichen Industrienationen wie Österreich im Durchschnitt 50 bis 60 Prozent des Tages weitgehend regungslos auf Sessel, Couch & Co zu, kurzum: Mehr als die Hälfte der Zeit, in der wir wach sind, sitzen wir. Und das ist viel, viel zu viel. „Der Mensch ist nicht zum Sitzen gebaut“, ruft Univ. Prof. Dr. Paul Haber, Leiter des Wiener Zentrums für medizinische Trainingstherapie und Trainingsberatung, in Erinnerung: „Von den Muskeln, Knochen und Gelenken über das Herz-Kreislaufsystem und die Verdauungsorgane bis hin zur Atmung ist einfach alles auf tägliche Bewegung ausgerichtet.“
Nach wie vor ist der Körper auf die Bedürfnisse unserer Vorfahren aus der Steinzeit eingestellt: Auf der Suche nach Nahrung sollen sie täglich viele Stunden unterwegs gewesen sein, sagen Anthropologen. Waren die Jäger und Sammler müde, so haben sie sich nach Meinung der Menschenforscher eher auf den Boden gekauert oder sich gleich hingelegt, statt sich hinzusetzen.
Die Sitzgesellschaft von heute muss dagegen mit Konsequenzen rechnen, warnt Haber. Diese bestehen längst nicht mehr nur darin, dass es nach vielen Stunden Sitzen im Rücken zwickt, dass die Schultern schmerzen oder der Nacken verspannt ist. Immer mehr neue Studien und Erkenntnisse zeigen, dass uns das lange Lümmeln vielfach schadet, weshalb US-Mediziner das Sitzen bereits als „das neue Rauchen“ bezeichnen.

Im Sitzen zu Krebs

Langes Sitzen kann zu Krebs führen: Zu dieser Erkenntnis gelangten Forscher bei der Auswertung von 43 wissenschaftlichen Studien, für die Menschen unter anderem zu ihren Sitzgewohnheiten und Krebserkrankungen befragt wurden. Laut dieser Meta-Analyse erhöht sich vor allem die Gefahr für Darm- und Gebärmutterhalskrebs, wenn man zu viel sitzt. „Außerdem wird vermutet, dass durch Bewegungsmangel das Brustkrebsrisiko steigt“, berichtet Haber aus der Forschung. Auf die Frage, warum das tägliche, stundenlange Sitzen krebskrank machen kann, hat die Wissenschaft allerdings noch keine Antwort. Vermutet wird, dass durch das häufige nahezu regungslose Verharren verschiedene Entzündungsprozesse im Körper nicht gestoppt werden können. Und diese Prozesse sind es, die letztendlich die Bildung von bösartigen Tumoren fördern.

Im Sitzen zu Herzschwäche

Im Sitzen ist der Puls niedrig, da das Herz sich nicht besonders anzustrengen braucht, um Blut durch den Körper zu pumpen. „Wer viel sitzt, unterfordert so lange Zeit den Herzmuskel, und das ist nicht gut“, nennt Haber eine weitere Konsequenz. Denn wie die übrige Muskulatur baut sich durch das Dauersitzen auch der Herzmuskel ab. „Und mit ihm schrumpft die Kraft des Herzens“, erläutert Haber. „Das führt dazu, dass man rasch ermüdet, schon bei geringen Belastungen an Atemnot leidet und die gesamte Leistungsfähigkeit zurückgeht.“

Im Sitzen zu Diabetes

Sitzen unterfordert nicht nur den Herzmuskel, auch die übrigen Muskeln des Körpers sind nahezu inaktiv, während wir z. B. am Computer arbeiten. So verbrauchen sie kaum etwas von dem Zucker, den wir uns über Nahrungsmittel und Getränke zuführen. „Das hat zur Folge, dass vergleichsweise viel Zucker im Blut kursiert und die Blutzuckerwerte ansteigen“, weiß Haber. Messbar ist der Anstieg bereits nach einigen Stunden, die man im Sitzen zubringt. „Wer beinahe jeden Arbeitstag lang so gut wie durchgehend sitzen bleibt, riskiert, dass der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht bleibt und Diabetes entsteht“, warnt Haber.

Im Sitzen zu Herzinfarkt und Schlaganfall

Die beim Sitzen kaum benützten Muskeln des Körpers verbrauchen nicht nur wenig Zucker, sie verbrennen auch wenig Fett. So bleiben mehr Cholesterine und Triglyzeride im Blutkreislauf zurück. Haber: „Die Triglyzeride und das schädliche Cholesterin LDL lagern sich an den Wänden von Arterien ab und verengen dadurch die Arterien.“ Im Extremfall werden diese sogar verstopft. „Und das führt im Herz zum Herzinfarkt und im Gehirn zum Schlaganfall“, verdeutlicht Haber die Gefahr.

Im Sitzen zu Venenleiden

Nicht nur die Arterien, auch die Venen leiden unter dem langen Lümmeln. Im Sitzen verlangsamt sich der Blutfluss, was im Extremfall, z. B. auf Langstreckenflügen, zu einer Thrombose führen kann. Auch wer zu Krampfadern neigt, tut sich im Sitzen keinen Gefallen. Denn durch die Bewegungslosigkeit verschlimmert sich das Problem. „Wie alles im Körper beruht auch der Blutkreislauf auf dem Prinzip Bewegung. „Nur so kann der gesunde Fluss aufrecht bleiben“, erläutert Haber.

Im Sitzen zu Übergewicht

„Wer sitzt, verbraucht kaum Energie“, bringt es der Mediziner auf den Punkt. So werden die Kilokalorien, die in Frühstück, Mittagessen und Kaffeejause stecken, nicht zur Gänze verbraucht, vom Abendmahl ganz zu schweigen. „Führt man sich jeden Tag mehr Energie zu, als man benötigt, was bei einer sitzenden Lebensweise rasch der Fall ist, legt der Körper die überschüssigen Kilokalorien in Fettreserven an“, beschreibt Haber den heute gängigen Weg zum Übergewicht. Die überschüssigen Kilos auf den Rippen sind über kurz oder lang nicht nur belastend, sondern auch bedrohlich: „Übergewicht erhöht das Risiko für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs“, warnt Haber. So wird das Sitzen mehrfach gefährlich.

Im Sitzen zu Alzheimer

Körperliche Inaktivität zählt neben Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und erhöhten Blutfettwerten zu den Risikofaktoren für die Erkrankung an Alzheimer-Demenz: Das ergab eine Langzeitstudie mit 20.000 Probanden an einer US-amerikanischen Klinik. Die Erklärung: Bei der Bewegung wird mit dem gesamten Körper auch das Gehirn besser durchblutet, was die Denkleistung erhöht und das Gehirn länger fit hält.    

Im Sitzen zu Verdauungsproblemen

Langes Lümmeln lähmt auch Magen und Darm, die beiden Verdauungsorgane drosseln das Tempo ihrer Tätigkeit. „So kann es zu Verdauungsproblemen kommen, vor allem zu Verstopfung“, listet Haber eine weitere Konsequenz auf. Das ist nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich: Je länger Stuhl im Darm verbleibt, desto größer wird das Risiko, dass darin befindliche Bakterien oder andere Erreger die Darmwand entzünden, was zu Darmerkrankungen bis hin zu Darmkrebs führen kann.

Im Sitzen zu Rückenschmerzen

Im Sitzen bewegen wir den Rücken kaum, da wir meist in derselben oder zumindest in ähnlicher Haltung auf der Sitzfläche verharren. Das lässt unsere Muskulatur im Nacken, Schulterbereich und unteren Rücken sozusagen erstarren. „Verspannungen entstehen, und die können sehr schmerzhaft sein“, so Haber. Damit nicht genug: „Wird der Rücken immer nur sehr wenig bewegt, baut sich dort nach einiger Zeit die Muskulatur ab“, gibt Haber zu denken. „Dadurch nimmt der Druck auf die Wirbelsäule, die einzelnen Wirbel mit ihren Gelenken und auf die Bandscheiben zu.“ Bandscheibenvorfälle, schmerzhafte Fehlhaltungen und Verschleißerscheinungen an den Gelenken sind mögliche, qualvolle Folgen.

Im Sitzen zu Knochenschwäche

So wie die Muskeln benötigen auch die Knochen Bewegung, um ihre Masse beizubehalten. „Wird zu wenig Druck auf die Knochen ausgeübt, nehmen in der Knochenmasse die knochenabbauenden Zellen gegenüber den knochenaufbauenden zu, der Knochen schwindet und wird poröser“, erklärt Haber. „Das bedeutet, dass bei Stürzen oder auch schon bei ungewohnten Belastungen die Gefahr für Knochenbrüche steigt.“

Im Sitzen zu Depressionen

Bei Bewegung werden im Körper Substanzen freigesetzt, die zum einen stimmungsaufhellend wirken und zum anderen Stresshormone abbauen. „Wer sich so gut wie nie bewegt, kommt weder in den Genuss der körpereigenen Stimmungsmacher, noch werden stressabbauende Substanzen ausgeschüttet“, warnt Haber. „Daher neigen jene, die zu viel sitzen, eher als sportliche Menschen zu depressiven Verstimmungen und zu Depressionen.“

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Im Sitzen früher tot:
Lebenserwartung nimmt erstmals ab

Nicht nur die Erwachsenen in westlichen Industrienationen bewegen sich zu wenig, auch schon Kinder verbringen täglich zu viel Zeit im Sitzen. Deswegen ist jedes vierte Kind in den Industrienationen wie Österreich zu dick. Viele sind sogar so dick, dass sie aufgrund des starken Übergewichts schon als Jugendliche an Bluthochdruck und Diabetes leiden.
Doch nicht nur das: Laut einer Studie des Sportartikelherstellers Nike soll die ungesunde Lebensweise bisher ungekannte Spätfolgen haben. Im Durchschnitt werden Kinder und Jugendliche, die heute aufwachsen, weniger alt als ihre Eltern werden. So steht zu befürchten, dass erstmals seit Menschengedenken die Lebenserwartung von einer Generation auf die nächste abnimmt.

Stand 11/2014

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