Schlafmittel: die guten und schlechten Seiten

März 2014 | Medizin & Trends

Ist die ganze Schafherde mehrmals durchgezählt und vom Schlaf nach wie vor keine Spur, so soll der Griff in die Nachttischlade Abhilfe schaffen. Schlafmittel aller Art sind hierzulande in vieler Munde, ist doch bereits jeder vierte Österreicher von einer Schlafstörung betroffen. Wie gesund ist der Schlummer zum Schlucken? MEDIZIN populär über die guten und schlechten Seiten.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Wie man sich auch dreht und wendet, der Schlaf will und will nicht über einen kommen. Und sinkt man endlich doch in Morpheus’ Arme, dann schreckt man plötzlich auf und wälzt sich bis zum Morgen ebenso wach wie verzweifelt im Bett hin und her: Szenen wie diese spielen sich in den allermeisten Schlafzimmern Österreichs immer wieder einmal ab. „Das sind Schlafprobleme, die meist auf Aufregungen zurückgehen, wie sie zum Beispiel vor neuen beruflichen Aufgaben bestehen“, kennt Univ. Doz. Dr. Gerda Maria Saletu-Zyhlarz, Leiterin des Bereichs für Schlafforschung und Pharmakopsychiatrie an der Medizinischen Universitätsklinik Wien, den Hintergrund. Wer es erlebt hat, weiß: Hat sich die Aufregung gelegt, kehrt auch der gesunde Schlaf von selber wieder.
Von Schlafstörungen hingegen spricht man in der Medizin erst dann, „wenn der Schlaf länger als vier Wochen hindurch öfter als drei- bis viermal pro Woche schlecht ist und dadurch das körperliche und seelische Befinden deutlich beeinträchtigt ist“, liefert Saletu-Zyhlarz die Definition. Von Schlafstörungen in diesem eigentlichen Sinn sind laut Österreichischer Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung 25 Prozent der Österreicher betroffen. Jeder Vierte also weiß hierzulande auch ein Lied von den Folgen zu singen: „Wer über Wochen keinen gesunden Schlaf hat, ist ständig müde, kann sich schlecht konzentrieren, ist in seiner geistigen wie körperlichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt, hat schlechte Laune und ist oft auch anfälliger für Krankheiten, da bei Schlafstörungen auch das Immunsystem schwächelt“, so Saletu-Zyhlarz. „Meist tritt dann noch dazu tagsüber Angst davor auf, in der nächsten Nacht wieder nicht gut schlafen zu können, und diese Angst erzeugt eine Anspannung, die den gesunden Schlaf erst recht unmöglich macht.“  

Angst vor Abhängigkeit

Als Ausweg aus dem Teufelskreis bieten sich Schlafmittel aller Art an – und die Österreicherinnen und Österreicher greifen kräftig zu. Tun sie gut daran? Schließlich ist der Schlummer zum Schlucken in der Vergangenheit immer wieder in viel beachteten Verruf geraten (siehe „Schlafmittel im Fokus der Weltöffentlichkeit“ unten). Und obwohl viele schlaffördernde Mittel, die heute gegeben werden, teils anders strukturiert sind, teils über andere Mechanismen funktionieren, wird auch aktuell immer wieder vor negativen Folgen der Einnahme gewarnt. Gefürchtet sind Nebenwirkungen wie Konzentrationsschwächen, Kopfschmerzen und Schwindel am Tag, noch viel mehr aber die Gefahr der Abhängigkeit, die darin münden kann, dass ohne Schlafmittel kein Schlaf mehr möglich ist. Bei einer Dauereinwirkung können die Substanzen in den Tabletten, Kapseln & Co durchaus zu Schäden an Leber, Nieren und Nerven sowie zu Persönlichkeitsveränderungen führen, heißt es, und setzt man sie ab, zu unangenehmen Entzugserscheinungen.

Als „Lernhilfe“ anwenden

Statistiken aus Deutschland zeigen aber, dass nur die wenigsten Menschen, die Schlafmittel nehmen, süchtig danach und krank davon werden. Mehr als 90 Prozent schlucken sie vorübergehend mit dem Ziel, die Schlafstörung so bald wie möglich loszuwerden, indem sie sie sozusagen verlernen. Die Mittel sollen also dabei helfen, gutes Schlafen wieder zu lernen. „So gebraucht, nützen sie bei weitem mehr, als dass sie schaden können“, ist Saletu-Zyhlarz sicher.

Damit man für sich das Beste aus dem Schlummer zum Schlucken herausholen kann, bedarf es aber noch weiterer Voraussetzungen als eine gesunde Einstellung, die einen bei der maßvollen Einnahme bleiben lässt: „Es gibt sehr viele verschiedene Schlafmittel, deswegen ist es empfehlenswert, bei Schlafstörungen einen Arzt um Rat zu fragen, der sich auf Schlafmedizin spezialisiert hat und die Mittel genau auf den individuellen Bedarf abstimmen kann“, appelliert Saletu-Zyhlarz. Welche Substanz in welcher Dosis und für welche Dauer gewählt wird, richtet sich u. a. nach der Art der Schlafstörung und Schlafarchitektur, nach früheren und aktuellen Krankheiten, der persönlichen Konstitution, aber auch dem Alter und Geschlecht. Saletu-Zyhlarz: „Für die einen sind bestimmte Benzodiazepine ideal, für andere eignen sich eher Medikamente wie Antihistaminika, Antidepressiva oder Neuroleptika.“ Da mit zunehmendem Alter die Produktion des Schlafhormons Melatonin nachlässt, hilft Älteren oft schon die Einnahme dieser körpereigenen Substanz.
Wieder gut ein- und durchschlafen – das schaffen nach den Erfahrungen von Saletu-Zyhlarz bei einer gezielten Therapie nach einiger Zeit die meisten auch wieder ohne medikamentöses Hilfsmittel: „Viele vergessen irgendwann einmal, ihre Tablette zu nehmen, bemerken am nächsten Morgen, dass sie trotzdem gut geschlafen haben und benötigen das Medikament in der Folge gar nicht mehr oder nur noch selten.“

Alkohol, Baldrian & Co

Wenn es um Schlummer zum Schlucken geht, wird hierzulande aber mindestens so oft zur Flasche wie in die Nachttischlade gegriffen: Alkohol ist der Österreicher liebstes aus der Pflanzenwelt gewonnenes Schlafmittel, weiß Gerda Maria Saletu-Zyhlarz: „30 Prozent der Menschen mit Schlafstörungen setzen Alkohol als Schlafmittel ein, 70 Prozent schlafen dann tatsächlich besser ein.“ Die Krux: Die meisten wachen in der zweiten Nachthälfte auf, können dann nicht mehr einschlafen und sind deswegen am nächsten Tag erst recht nicht fit.
Ein derartiges Risiko geht nicht ein, wer in der Hoffnung auf besseren Schlaf auf andere Mittel aus dem Hause Natur vertraut: Für die schlaffördernde Wirkung von Baldrian, Hopfen, Melisse „gibt es zwar keine ausreichenden wissenschaftlichen Beweise“, sagt Saletu-Zyhlarz. „Aber wenn ein Patient meint, dass ihm zum Beispiel Baldriantee hilft, kann er ihn ohne Bedenken trinken“, so die Expertin. Schließlich zählen Rituale aller Art, die dazu beitragen, dass man zur Ruhe kommt, zu den besonders gesunden Betthupferln.

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Schlafmittel im Fokus der Weltöffentlichkeit

Contergan
Man hielt es für ein vergleichsweise nebenwirkungsarmes Schlafmittel und stellte darüber hinaus fest, dass es nicht nur gegen Schlafstörungen, sondern auch gegen die morgendliche Übelkeit in der Schwangerschaft wirkte: Also wurde Schwangeren Ende der 1950er Jahre Contergan empfohlen. Die schlimme Folge: Bis Anfang der 1960er Jahre brachten weltweit geschätzte 10.000 Frauen ihre Kinder tot oder mit verstümmelten Armen, Beinen oder Ohren zur Welt.

Valium

Dem Schlaf- und Beruhigungsmittel widmeten die „Rolling Stones“ 1966 einen eigenen Song und nannten es „Mother’s little helper“, eine Bezeichnung, die bis heute gebräuchlich ist.

Rohypnol

1989 machte dieses Schlafmittel Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass die sogenannten Todesschwestern von Lainz etwa 50 alten Pflegebedürftigen tödliche Dosen von Rohypnol injiziert hatten.

Halcion
In den 1990ern sorgten immer wieder die Nebenwirkungen des damals populären Schlafmittels Halcion für Aufsehen: Koordinations- und Konzentrationsschwierigkeiten, Sprach- und Wortfindungsstörungen, alles das hatte US-Präsident George Bush, der öffentlich zugab, ohne Halcion nicht schlafen zu können, also abhängig zu sein. Während eines offiziellen Festbanketts in Japan ist er infolge der Nachwirkung der „blue bombs“, wie er die Pillen nannte, sogar vom Sessel gefallen.

Propofol
2009 starb Michael Jackson den Gerichtsmedizinern zufolge nach einer Überdosis Propofol: Der „King of Pop“ hatte das Medikament, eigentlich ein Narkosemittel, jahrelang missbräuchlich als Schlafmittel genommen.

Webtipp:
Österreichische Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung: www.schlafmedizin.at

Stand 03/2014

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