Thrombosen: Wie man sie bemerkt und beseitigt

Mai 2014 | Medizin & Trends

Mit der Zahl der Übergewichtigen steigt ein gesundheitliches Problem, das lebensbedrohlich werden kann: die Neigung zu Thrombosen. Die Venenverstopfungen treten meistens in den Beinen auf und bleiben oft lange Zeit unerkannt. Wie der Stau in der Pipeline bemerkt und beseitigt wird.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Wer 150 Mal mit dem Auto zwischen Wien und Innsbruck hin- und herpendelt, fährt etwa so weit wie unser Blutgefäßsystem lang ist: rund 150.000 Kilometer. Ob Auto- oder Blutbahn: Dass es auf einer derart langen Strecke immer wieder einmal zu Vorfällen und Stockungen kommt, ist normal. Aber nicht nur das: Es ist sogar notwendig, dass sich in der Pipeline, die permanent fünf bis sechs Liter Blut durch unseren Körper pumpt, ständig kleine Gerinnsel bilden, erläutert der Gefäßspezialist und Internist Univ. Prof. Dr. Erich Minar vom Wiener AKH: „Diese Thrombosen dienen dazu, die winzigen Verletzungen abzudichten, die praktisch dauernd an den Gefäßwänden entstehen“, schon wenn man sich nur am Tischbein stößt oder mit dem Ellbogen die Türklinke touchiert. Sind die Wunden verschlossen, werden die Thrombosen wieder aufgelöst – sofern mit dem Blut alles in Ordnung ist: „Denn im Blut eines gesunden Menschen steht das Thrombin, also das Enzym, das den Thrombus bildet, in einem Gleichgewicht mit dem Antithrombin“, erklärt Minar. Und Antithrombin, ein Hemmstoff der Blutgerinnung, verhindert, dass aus einem kleinen Thrombus ein großer wird, der nicht nur winzige Wunden an den Gefäßwänden, sondern gleich das ganze Gefäß verstopft.

Erhöhte Staugefahr

„Das Verhältnis zwischen jenen Faktoren, welche die Blutgerinnung fördern bzw. hemmen, kann aufgrund von verschiedenen Störungen der Blutzusammensetzung unharmonisch sein“, nennt Minar eine der drei wesentlichen Ursachen für den Stau in der Pipeline. Bei etwa jedem 20. ist das von Geburt an der Fall: Die Betroffenen neigen dann stärker dazu, Thrombosen zu bekommen, „sie leiden an einer sogenannten Thrombophilie“, präzisiert der Facharzt. Das Risiko für Thrombosen wird aber auch dann erhöht, wenn sich durch eine schwere Infektion, Operation oder Verletzung die Zusammensetzung des Bluts ändert. Auch bestimmte Medikamente wie die Pille oder eine Erkrankung an Krebs lassen unseren Lebenssaft leichter gerinnen und erhöhen so die Staugefahr.
Darüber hinaus fließt bei Betroffenen oft auch das Blut langsamer: „Diese Blutströmungsgeschwindigkeit nimmt zum Beispiel ab, wenn sich jemand kaum bewegt, aber auch, wenn Krampfadern bestehen“, erklärt Minar. Eine Thrombose kann sich aber auch bilden, wenn die Gefäßinnenwand nach Verletzungen oder Operationen so geschädigt ist, dass sie nicht mehr gleitfähig genug ist, um das Blut ohne Klumpenbildung durchfließen zu lassen.

Risiko Übergewicht

Gestörte Blutzusammensetzung, reduzierte Blutströmungsgeschwindigkeit, verletzte Gefäßwand: Von Fachleuten wird das gefährliche Trio nach seinem „Erfinder“ Virchow-Trias genannt. Treten gleich mehrere dieser Faktoren in einem Bündel auf, ist das Risiko für Thrombosen besonders groß. „Das ist etwa bei Übergewichtigen der Fall, die sich unzureichend bewegen und aus irgend einem Grund operiert werden müssen“, gibt Minar ein drastisches Beispiel. Tatsächlich stieg mit der Zahl der Übergewichtigen zuletzt auch die Zahl der Thrombose-Patienten an – derzeit liegt sie hierzulande bei etwa 10.000.
Thrombosen können aber auch Normalgewichtige treffen, dann etwa, wenn sie sich nach einer Operation oder Verletzung längere Zeit kaum bewegen konnten. Minar: „Durch die Bewegungsarmut verringert sich die Blutstromgeschwindigkeit, und durch die Wunde kommt es noch dazu zu einer Veränderung der Blutzusammensetzung.“ Zu unrecht stark gefürchtet sei hingegen eine andere mögliche Ursache für Thrombosen: das lange Sitzen auf Reisen in Auto, Bus, Flugzeug oder Eisenbahn. Die sogenannte Reisethrombose trete laut Minar nur bei einem verschwindend geringen Teil der Passagiere auf.

Schmerzen, Schwellungen

Wie macht sich eine Thrombose bemerkbar? „Durch den Blutstau, der nach dem Gefäßverschluss entsteht, kann es zu ziehenden Schmerzen kommen, die aber abnehmen, wenn man liegt“, nennt der Gefäßspezialist ein typisches Symptom. Ein weiteres Zeichen für einen Stau z. B. in den Waden ist eine zunehmende Beinschwellung. Spätestens wenn es so weit gekommen ist, sollte man zum Arzt. Denn Thrombosen, die meistens in den Beinvenen, manchmal in den Becken- und selten in den Armvenen auftreten, „können für Komplikationen sorgen und das Leben gefährden“, so Minar. Das ist dann der Fall, wenn sich Blutklumpen lösen und mit dem Blut im Venensystem in Richtung Lunge gespült werden. „Auch dort können die Thromben Blutgefäße verstopfen“, schildert Minar das Problem. Das kann sich durch Alarmzeichen wie Atemnot, Bruststechen und Blutspucken bemerkbar machen – und im allerschlimmsten Fall tödlich enden.
Liegt ein bestimmter Herzfehler vor, können Thrombosen auf eine andere Art problematisch werden: „Bei Menschen, die ein Loch im Herzen haben, kann ein Thrombus aus den Bein-, aber auch aus Becken- und Armvenen vom Lungenkreislauf in den großen Körperkreislauf übergehen“, erklärt Minar. „Dann besteht die Gefahr, dass der Pfropfen Herzkranzgefäße verstopft und einen Herzinfarkt verursacht, oder dass er ins Hirn gespült wird und dort einen Schlaganfall herbeiführt.“

Gerinnungshemmer, Bewegung

Um das Schlimmste zu verhindern, sollte man am besten schon bei den ersten Anzeichen einer möglichen Thrombose zum Arzt. Durch eine Ultraschalluntersuchung lässt sich die Verstopfung der Vene dingfest machen: Auf den Bildern ist meist deutlich erkennbar, ob wirklich eine Thrombose die Ursache für Schwellungen und Schmerzen ist, oder ob z. B. eine Gelenksabnützung oder Verletzung dahintersteckt. „Die Therapie besteht immer darin, die Blutgerinnung zu hemmen und ein Fortschreiten der Thrombose zu verhindern“, so Minar. „Dafür werden gerinnungshemmende Mittel entweder injiziert oder in Form von Tabletten gegeben.“ Die Behandlung dauert mindestens drei Monate, meist aber länger, so der Experte weiter. „Manchmal kann es auch notwendig sein, die Mittel lebenslang zu nehmen, um weiteren Thrombosen vorzubeugen.“  
Kann man dem Stau in der Pipeline vorbeugen? „Frisch Verletzte oder Operierte, die länger liegen müssen, werden mit vorbeugenden Mitteln, sogenannten Antithrombotika, behandelt und sollten zusätzlich Kompressionsstrümpfe tragen“, so Minar. Durch den Druck, den die Strümpfe auf die Beinvenen ausüben, wird der Blutfluss beschleunigt. Wer aus anderen Gründen ein hohes Thromboserisiko hat, kann mit Sport viel dazu tun, um die Gefahr zu bannen: „Bewegung ist das beste Mittel, um den Blutfluss zu unterstützen und der Bildung der gefährlichen Klumpen vorzubeugen“, weiß der Spezialist.    

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Wenn Arterien verstopfen


Wenn Arterien bzw. Schlagadern verstopfen, also jene Gefäße, die das mit Sauerstoff und Nährstoffen vollgepumpte Blut durch den Körper schicken, sind andere Mechanismen im Spiel als bei Venenthrombosen: „Verstopfungen von Arterien kommen durch Ablagerungen an den Gefäßwänden zustande“, erklärt der Wiener Gefäßspezialist Univ. Prof. Dr. Erich Minar.  Und diese Ablagerungen entstehen wiederum durch einen zu hohen Anteil an schlechtem Cholesterin (LDL) oder Triglyzeriden im Blut, aber auch durch Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes. Kommt es durch die Ablagerungen zu Verstopfungen in den Herzkranzgefäßen oder der Halsschlagader, so droht ein Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Buchtipp:

Weiser, Pink, Herold, Klaghofer, Slavka, Riss
Schöne & gesunde Beine
Erfolgreich gegen Krampfadern, Besenreiser, Thrombosen, Cellulite & Co.
ISBN 978-3-902552-80-8
144 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte

Stand 04/2014

 

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