Das Hin & Her der Liebe

Januar 2014 | Partnerschaft & Sexualität

Was On-Off-Beziehungen zusammenhält
 
Einmal lieben sie sich, dann hassen sie sich. Einmal sind sie unzertrennlich, dann sind sie wieder getrennt: Es ist das ewige Hin und Her, das On-Off-Beziehungen kennzeichnet. Woran es liegen kann, wenn Paare nicht mit-, aber auch nicht ohne einander sein können.
 
Von Wolfgang Kreuziger

Es ist ganz großes Kino, das Partner in On-Off-Beziehungen einander oft über Jahre hinweg liefern: Bittersüße Romanzen gefolgt von griechischen Tragödien, tränenreiche Trennungen abgelöst von inniger Wiedervereinigung – und für beide sind das stets nur kleine Stationen einer scheinbar ausweglosen Endlosschleife. Dabei spielen die vasenwerfenden Diven und türknallenden Machos ihre Rollen fast so oscarverdächtig wie Hollywood-Mime Leonardo di Caprio, wenn er sich zum zigsten Mal von Model Bar Refaeli trennt, oder Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton, wenn sich dieser einmal mehr schlagzeilenträchtig mit Sängerin Nicole Scherzinger versöhnt. Die Stars trösten sich mit so mancher publicity­trächtigen Klatschspalte über die Tränen hinweg, normalen Paaren hingegen bleibt oft nur der Herzschmerz.

Beziehung mit tiefen Narben

Dramatik, Streit bis aufs Blut und die darauf folgende knisternde Versöhnungserotik: Brauchen das manche Paare, um glücklich zu sein? „Nein, denn außer in Hollywood, wo das zum Marketingkonzept gehört, leidet jeder normale Mensch unter dem ewigen Hin und Her, dem ständigen Wechsel von Partnerschaft und Trennung, wie das in On-Off-Beziehungen passiert“, widerspricht die Ärztin, Paar- und Sexualtherapeutin Dr. Claudia Wille. Je öfter in mitunter bühnenreif inszenierten Spektakeln diese abgekühlte Liebe wieder aufgewärmt wird, umso problematischer sei das für die Nachhaltigkeit der Beziehung: „Gut wäre eigentlich, wenn ein Partner nach dem vielleicht dritten Mal protestieren würde: Mit mir nicht mehr! Wenn Liebespaare wiederholt miteinander Schluss machen, ist das letztlich ein tiefer Vertrauensbruch, der oft nicht mehr zu kitten ist. Verlassen zu werden, ist jedes Mal ein schmerzvoller, emotionaler Stressfaktor ähnlich einem Todesfall. Auch wenn das Paar wieder zueinander findet, bleiben unterm Strich tiefe Narben und das Gefühl, dass auf den anderen kein Verlass ist.“

Das Kind in uns kehrt zurück

Es ist ein teuflischer Kreislauf, der solche „Gummibeziehungen“ kennzeichnet: Wird einem der Beziehungspartner die Nähe zu bedrohlich, zieht er die Reißleine und schmeisst alles hin. Eine große innere Sehnsucht nach Nähe bleibt jedoch; sie zieht ihn weiterhin magisch zum anderen hin. „Diese Menschen verspüren das Gefühl: Ich kann nicht mit dir, aber auch nicht ohne dich leben“, bringt es die Wiener Psychotherapeutin auf den Punkt. Ihre Erfahrung zeigt, dass die emotional tief verwurzelte Ursache dieser Ängste und Probleme fast immer viele Jahre zurückliegt. „Menschen in On-Off-Beziehungen erfuhren zumeist in ihrer Kindheit bei Vater und Mutter keine verlässliche Geborgenheit. In der Psychologie nennt man ihren damals erlernten Bindungsstil ängstlich-ambivalent, weil ihre Eltern abwechselnd liebevoll und abweisend waren.“ Die Betroffenen erlebten also weder den in der Psychologie sogenannten „sicheren“ Bindungsstil mit anhaltender Liebe, noch einen „vermeidenden“ mit ständiger Abweisung. Stattdessen pendelten sie orientierungslos zwischen diesen Extremen hin und her. Von den On-Off-Partnern aus ihrem Klientenkreis weiß Wille zu berichten, dass nicht selten ein Elternteil alkoholsüchtig war, sich nüchtern anders verhalten hat als betrunken und also nicht berechenbar war. Oder es handelt sich um Kinder aus geschiedenen Ehen, wo die Eltern nach der Trennung nicht verlässlich für ihren Nachwuchs da waren. Mitunter wuchsen sie auch unter der Obhut einer depressiven Mutter auf, die so sehr mit ihrer Krankheit beschäftigt war, dass sie emotional für ihre Kinder nicht anwesend sein konnte. „Ein Kind versteht aber nicht, warum die Mama heute lieb und morgen böse ist“, verdeutlicht Wille. „Es hegt Selbstzweifel und weiß nicht: Bin ich jetzt liebenswert oder doch nicht? Im Erwachsenenalter werden die erfahrenen Zweifel ins eigene Liebesleben übertragen. Denn nirgends ist der Mensch wieder so sehr Kind wie in der Liebe.“

Zweifler sucht Zweiflerin

Mit derartigen Zweifeln im Schlepptau wird meist schon der erste Schritt ins Beziehungsleben zum Fehltritt. Wer nämlich glaubt, dass bindungsunsicher aufgewachsene Menschen sich umso mehr einen Partner suchen, der verlässlich wie ein Uhrwerk tickt und treu wie ein Hund liebt, der irrt. Die Erfahrung zeigt: Zögerer und Zauderer landen erst recht wieder bei Zögerern und Zauderern. „Unterbewusst suchen wir in der Partnerwahl nach jemandem, der wie unsere Eltern ist“, verrät Wille. „Im Fall von On-Off-Beziehungen ist es eben wieder jemand, der wenig berechenbar ist oder als Kind selbst enttäuscht wurde; jemand, der nicht an die beständige Liebe glaubt, weil er sie nicht erlebt hat.“ Kein Wunder, dass sich zwei solche Zweifler im Doppelpack erst recht nicht gegenseitig aneinander aufrichten können. Mehr noch, sie suchen sogar noch beim anderen und in der Beziehung nach Haaren in der Suppe, die beweisen, dass ein Happy End eine Illusion bleiben muss. Häufig endet der schwierige Drahtseilakt zwischen Nähe und Distanz damit, dass ein Beziehungsteil klammert und der andere die Loslösung vom dadurch drohenden Gefühl des Eingesperrtseins sucht.

Fremdgehen als Selbstverteidigung

Als Quintessenz der freiwerdenden Ängste kommt oftmals rasch eine emotionale Lawine ins Rollen, fast aus dem Nichts steht plötzlich Trennung im Raum. Denn lieber verlässt so mancher On-Off-Partner den anderen, bevor er selbst Gefahr läuft, verlassen zu werden, so Wille. „Die innere Stimme sagt ihm: Bin ich nur fies genug, kann ich selbst nicht mehr verletzt werden. Hier wird unangemessenes Verhalten in der Beziehung als Schutzwand aufgebaut, um selbst nichts abzukriegen.“ Nur allzuoft wird das Gegenüber im Fahrwasser solcher Gedanken geradezu den absurdesten Tests unterzogen. „Dann sagt einer dem anderen mehr oder weniger ins Gesicht: Ich bin halt schwierig – und jetzt schauen wir einmal, ob du mich trotzdem willst.“ Auch Fremdgehen kennt die Psychotherapeutin in solchen Beziehungen als Mittel, um auf Distanz zu gehen. „Gleichzeitig ist es das prickelnde Spiel mit dem Risiko: Fliege ich auf, dann wird mich der Partner verlassen, so wie ich es vorausgesehen habe.“

Scheitern als Bestätigung

Womit die ängstlich-ambivalenten Beziehungsparter bereits in einer der größten Fallen gefangen sind: der selbsterfüllenden Prophezeiung. Wille: „Sie hoffen zwar irgendwo auf die erfüllte Liebe, glauben aber in ihrem tiefsten Inneren nicht daran. Das Scheitern der Beziehung bestätigt sie dann auf gewisse Weise sogar positiv in ihrem Gefühl: Ich habe es ja immer schon gewusst.“ Sie tun andererseits auch wenig bis nichts dafür, dass es in der Partnerschaft besser läuft. Die US-Wissenschafterin Dr. Amber Vennum stellte bei Forschungen an der Universität von Kansas fest, dass in On-Off-Beziehungen gefangene Menschen signifikant weniger über beziehungsrelevante Themen wie eine gemeinsame Wohnung, gemeinsame Familiengründung oder den Kauf eines Haustiers sprechen als andere Paare. Demgegenüber treffen sie als Resultat der „Unverbindlichkeit“ häufiger egoistische Entscheidungen, die Konflikte mit dem Partner auslösen und die Beziehung belasten. Heiraten solche Paare dennoch, empfinden sie danach einen geringeren Zufriedenheitgrad und weniger Vertrauen in die Zukunft.

Die Muster durchbrechen

Der Ausweg aus belastendenden On-Off-Beziehungen, die die Psychologen als durchaus „normale“ Beziehungsneurose einstufen, führt über Gespräche, Mediation oder noch besser eine Psychotherapie, wobei die wiederkehrenden Verhaltensmuster bei sich selbst erkannt und danach durch positive neue Erfahrungen durchbrochen werden sollen. „Zuerst müssen die Partner separat ihre eigenen Kindheitsprobleme auflösen, erst danach ist auch eine Paartherapie sinnvoll“, empfiehlt Claudia Wille. Nur in den allerseltensten Fällen sind es psychotische Menschen mit krankhaften Persönlichkeitsstörungen, die in On-Off-Beziehungen stecken, so die Expertin: „Diese können im Gegensatz zu den anderen ihr eigenes Verhalten nicht mehr realistisch einschätzen. Bei ihnen kommt überdies die Gefahr von Gewalt oder Stalking hinzu.“ Doch ob Psychose oder Neurose, oft erleiden dabei auch die konsultierten Therapeuten rasch dasselbe Schicksal wie die Partner ihrer Klienten: Sie werden „off-geschaltet“: „Menschen mit ängstlich-ambivalentem Bindungsstil haben ebenso wie beim Beziehungspartner auch oft rasch kein Vertrauen mehr in den Therapeuten und seine Fähigkeiten“, bedauert Wille. „Deswegen sind sie leider häufig auch schnell auf Nimmerwiedersehen bei der Tür hinaus.“

Stand 12/2013

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo bestellen

E-Magazin

Abo Service

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo Service

E-Magazin

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

Abo Service

Gewinnspiel

E-Magazin

Newsletter