Die Heilkraft der Freude

August 2014 | Psyche & Beziehung

Warum Genuss gesund und Verdruss krank macht
Genuss gilt in der modernen Medizin längst nicht mehr als Widersacher der Gesundheit. Ganz im Gegenteil: Heute weiß man, dass Genießen Krankheiten nicht nur fernhalten, sondern sogar heilen kann. Die Genussfähigkeit selbst wiederum hat man als einen wesentlichen Gradmesser für psychische Stabilität erkannt. Ständig zu nörgeln, griesgrämig und verdrießlich zu sein, bildet hingegen einen unerfreulichen Nährboden für körperliche und seelische Leiden aller Art. MEDIZIN populär über die beachtliche Heilkraft der Freude.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Die Voraussetzungen für ein freud- und genussvolles Leben sind eigentlich gut: Das Streben nach Glück, nach Ausgeglichenheit im körperlichen, psychischen und geistigen Sinn ist ein Urbedürfnis und „als gesundes Programm in uns Menschen angelegt“, stellt Prim. Dr. Manfred Stelzig, Leiter des Sonderauftrags für Psychosomatik der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, gleich zu Beginn klar. Wir sind also geradezu auf Genuss  programmiert – ein wirksamer Trick der Natur, unsere Art zu erhalten. Ob es sich um Essen, das Zusammensein mit lieben Mitmenschen, um Bewegung, Entspannung, Sex, handwerkliche oder künstlerische Hobbys handelt: Würden wir keine Freude daran haben, uns würde etwas Fundamentales fehlen; Genuss- und Glücksmomente sorgen im Leben für den notwendigen Antrieb.

Genießen für ein starkes Immunsystem

Menschen, die meistens gut gestimmt sind, die gerne lachen, das Leben in vollen Zügen genießen, sind nicht nur glücklicher, sondern auch gesünder. Zahlreiche Studien geben den Frohnaturen unter uns Recht: „Bei Menschen mit einer positiven Lebenseinstellung beobachtet man eine verbesserte Immunsituation sowie eine Verringerung von Entzündungsfaktoren, etwa von Interleukin-6“, berichtet der Arzt, Psychologe und Psychotherapeut Univ. Prof. DDr. Christian Schubert. Die erfreulichen Konsequenzen: „Untersuchungen zeigen, dass die Betreffenden bessere Karten haben, was das Erkrankungsrisiko und die Lebenserwartung betrifft“, weiß Schubert, der sich als Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Medizinischen Universität Innsbruck auf die Wechselwirkungen zwischen Psyche, Nerven- und Immunsystem spezialisiert hat. „Durch den positiven Effekt von positiven Emotionen auf Entzündungen verringert sich langfristig das Risiko für chronische Entzündungserkrankungen.“ Angefangen bei Hautproblemen bis hin zu Krebs werden zahlreiche Krankheiten mit chronischen Entzündungsprozessen in Verbindung gebracht.
Wer hingegen immer das Haar in der Suppe sucht, wer ständig nörgelt, griesgrämig und verdrießlich ist, belastet nicht nur seine Mitwelt, sondern vor allem die eigene Gesundheit: „Viele Studien zeigen, dass negative Stimmung oder Stress einen ungünstigen Effekt auf das Immunsystem hat“, sagt der Psychoneuroimmunologe. „Unter chronischer Belastung kommt es außerdem zu einem Anstieg von Entzündungsaktivität.“

Freude für bessere Selbstheilungskräfte

Aktuelle Studien beleuchten die Zusammenhänge näher: „Es gibt direkte Zellkontakte zwischen vegetativen Nervenzellen und -fasern und den Immunzellen“, erläutert Schubert. „Sogar Krebszellen werden von vegetativen Fasern versorgt. Das heißt, der Einfluss der Psyche – von Stress oder Freude – wird direkt an die Krebszelle übertragen, mit entsprechend negativen oder positiven Konsequenzen“, betont Christian Schubert. Humor, Entspannung und Freude können demnach nicht nur beim Gesundbleiben, sondern auch beim Gesundwerden helfen.
Indem man sich dem zuwendet, was einem gut tut oder in eine freudige Stimmung versetzt, fördert man das Immunsystem. Weil eine gestärkte Abwehr Viren, Bakterien und andere Erreger besser bekämpft, kann man von einer Stärkung der Selbstheilungskräfte sprechen. Das Immunsystem lässt sich zudem durch Psychotherapie und Methoden wie Selbsthypnose sowie Autosuggestion positiv beeinflussen. „Studien konnten zeigen, dass bei einer Herpesviruserkrankung durch Hypnose die Häufigkeit von Herpes genitalis-Schüben verringert werden kann und dass spezifische Killerzellen in einer erhöhten Aktivität auftreten“, erklärt Schubert.

Schöne Erinnerungen für gesunden Blutdruck

Positive Gedanken sind demnach eine entscheidende Zutat, wenn es um die Heilkraft der Freude geht. „Sie erzeugen positive Emotionen, die den Organismus mit Glücksgefühlen überfluten“, erklärt Manfred Stelzig. Untersuchungen konnten zeigen, dass positive Vorstellungen (z. B. die Erinnerung an den Urlaub) beruhigend wirken und etwa Blutdruck und Herzfrequenz senken. Wenn wir die Freude „ganzkörperlich fühlen“ kann sie ihre Wirk- und Heilkraft so richtig entfalten. „Dann beeinflussen Körper, Seele und Geist einander in positiver Weise“, so Stelzig. Der Zusammenhang lässt sich z. B. mittels Biofeedback sichtbar machen, indem man Atmungsfrequenz, Herzschlag, Blutdruck, Hautwiderstand, Hauttemperatur sowie Muskelspannung misst.

Positiver Stress als Muntermacher

Die natürliche Programmierung auf Freude und Genuss bedeutet übrigens nicht, dass wir nur auf der faulen Haut liegen wollen, im Gegenteil: „Wir brauchen und suchen die Ausgewogenheit zwischen Herausforderungen und Entspannungsphasen“, betont Manfred Stelzig. „Freude entsteht als Konsequenz, wenn man etwas gern tut.“ Bei produktiven Tätigkeiten erleben wir im Gegensatz zum negativen Stress (Disstress) einen positiven Stress, den Eustress. „Er ist quasi ein Muntermacher, steigert die Leistungsfähigkeit und Kreativität“, erläutert der Psychiater. Ist man mit Freude bei der Sache, profitiert auch die Denkleistung. „Das Gehirn gewinnt an Plastizität, die Synapsen verknüpfen sich“, geht Stelzig ins Detail.

Freudlose Gesellschaft sucht Spaß

Mit der Heilkraft der Freude gesund zu bleiben, könnte so einfach sein. Geradezu auf die Butterseite des Lebens gefallen sind jene Frohnaturen, die grundsätzlich optimistisch eingestellt sind. Die Fähigkeit, sich zu freuen, ist auch sozial erworben, betont Christian Schubert: „Liebende, warmherzige, optimistische Eltern werden wahrscheinlich ein positiv gestimmtes und kein griesgrämiges Kind haben.“  
Leider kommen gegenwärtig bei vielen die Glücks- und Genussmomente zu kurz: Es fehlt an Zeit und Muße, um innezuhalten, es mangelt an dem Bewusstsein für schöne Erlebnisse und an der Fähigkeit, diese zu genießen. „Wir leben in einer weitgehend freudlosen Gesellschaft mit einer Fokussierung auf rasche Vergnügungen und auf Spaß“, bedauert Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek, Psychiater, Psychotherapeut und ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts in Wien. „Spaß und Freude sind zwei ganz unterschiedliche Dinge“, streicht der Experte hervor. „Spaß ist ein so genanntes Gipfelerlebnis, bei dem es durch eine Dopamin-Ausschüttung zu einem raschen Anstieg und ebenso raschen Abfall des positiven Gefühls kommt.“ In der Folge will man bald wieder einen solchen „Gipfel“ erleben – die Intervalle dazwischen werden kürzer, der Suchtkreislauf beginnt.
   

Mit Genuss gegen die Sucht

Bei der Freude hingegen handelt es sich um ein „Plateauerlebnis“, bei dem das Wohlgefühl langsam ansteigt und lange anhält. „Wahrer Genuss hat nichts mit süchtigem Verhalten zu tun“, sagt Musalek und ergänzt: „Genießen ist ein passiver Vorgang, der zum Erreichen viel Aktivität braucht.“ Zuerst muss man sich darauf einstimmen: „Bei einer Wanderung plant man im Voraus, wie man sie anlegen wird: die Route, die Rast, die Jause“, gibt der Suchtexperte ein Beispiel. „Mit dieser Auseinandersetzung stellen sich Vorfreude und eine erste Hinwendung zum Genusserlebnis ein.“ Außerdem bedarf es der Hingabe. Weil diese uns verletzlicher und dünnhäutiger macht, fällt sie vielen schwer. Noch schwieriger: „sich von dem zu Genießenden beschenken zu lassen“, beobachtet Michael Musalek. Entsprechend ist die Genussfähigkeit auch ein wichtiger Gradmesser für (psychische) Gesundheit. Umgekehrt weiß man, dass psychische Erkrankungen wie z. B. eine Depression mit Freud- und Antriebslosigkeit und dem Verlust der Genussfähigkeit verknüpft sind.

Selbstbedienung am Buffet des Lebens

Zwar bedeuten Genuss und Glück für jeden etwas anderes: ein Jazz-Konzert, eine Kunstausstellung, eine Rückenmassage, ein bunter Blumenstrauß. Was jedoch jeder zum Glücklichsein braucht, ist die Fähigkeit, sich am Buffet des Lebens zu bedienen, aus den vielen Gustostückerln zu wählen und Prioritäten zu setzen. „Indem man die meisten der unzähligen Möglichkeiten verwirft, kann man auf das zugehen, was für das persönliche Glück wirklich relevant ist“, betont Psychiater Manfred Stelzig. Wenn sich außerdem „das, was entspannt und einfach gut tut, und das, was einen herausfordert, die Waage hält“, kann man alle Freuden des Lebens genießen.    

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Sechs Schritte zur Freude
Univ. Prof. DDR. Christian Schubert über den Weg zum Glücklichsein

1 ) Positive Beziehungen
„Menschen, die es als Genuss empfinden, in positiven, qualitativ hochwertigen Beziehungen zu sein, fühlen sich sehr wahrscheinlich wohl in ihrem Leben.“

2) Kontrollierbarkeit der Umwelt
„Menschen, die es verstehen, ihren Alltag so zu strukturieren, dass sie nicht in Stress geraten, geht es besser.

3) Sinnhaftigkeit

„Wohltuend wirkt, wenn man dem eigenen Leben einen Sinn und Zweck zuschreiben kann.“

4) Selbstbestimmtheit
„Menschen, die sich nicht so leicht durch die Interessen anderer beeinflussen lassen, sind emotional positiver eingestellt und fühlen sich freier.“

5) Persönliches Wachstum
„Wer sich vor den Herausforderungen des Lebens nicht scheut, ist auf dem besten Weg zum Glücklichsein.“

6) Selbstakzeptanz

„Ein starkes Selbstbewusstsein wirkt ebenfalls positiv, auch auf das Immunsystem.

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Botenstoffe des Genusses
Woraus der Cocktail der Freude gemixt ist

Serotonin, das „Glückshormon“, ist verantwortlich für eine gehobene bzw. ausgeglichene Stimmungslage. Es gibt uns nicht nur das Gefühl von Gelassenheit und innerer Ruhe, es wirkt u. a. auf den Schlaf-Wach-Rhythmus, den Appetit, die Schmerzwahrnehmung.

Dopamin, das „Wohlfühlhormon“, und Noradrenalin als sein Helfer sind für Antrieb und Motivation zuständig. Sie sorgen für Freude und Begeisterung, auch das Lustempfinden führt man auf die Botenstoffe zurück.

Endorphine, körpereigene Morphine, sorgen für ein Hochgefühl und sind etwa für das bei Läufern bekannte „Runner’s High“ verantwortlich. Sie sind z. B. an der Steuerung von Antrieb beteiligt und regeln das Schmerzempfinden.

Oxytocin, das „Kuschel- bzw. Treuehormon“, wird  u. a. verstärkt beim Orgasmus gebildet und sorgt für ein wohliges Gefühl der Verbundenheit zwischen den Liebenden. Oxytocin hat aber noch viele andere Wirkungen und ist deswegen aktuell ein begehrtes Objekt der Forschung (siehe S. 48).

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Genuss als Therapie

Wie das Orpheus-Programm Süchtigen das Genießen lehren will

Um suchtkranke Menschen dabei zu unterstützen, gesund zu werden, ihre Genussfähigkeit zu entfalten und (wieder) Freude am Leben zu empfinden, hat man am Wiener Anton-Proksch-Institut im Rahmen des so genannten Orpheus-Programms eine Genusstherapie entwickelt. Um Genussfähigkeit zu entwickeln, bedarf es bestimmter Werkzeuge; Sensibilität zählt ebenso dazu wie Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. „Und es braucht Spielräume sowie eine Atmosphäre, in der man sich öffnen, hingeben und beschenken lassen kann“, ergänzt Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek. Da jedem etwas anderes Genuss bereitet, kann „alles zum Genussmittel werden“, so der Experte, der außerdem überzeugt ist: „Man kann alles genießen, wenn man das Genießen erlernt und die Genussfähigkeit entfaltet hat.“

Stand 07/2014

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