Freundschaft

August 2014 | Psyche & Beziehung

Warum wir nicht ohne einander sein können
Der Mensch ist ein Kuscheltier und braucht zumindest einen Zweiten, um glücklich zu werden und gesund zu bleiben. Virtueller Austausch, wie er mehr und mehr um sich greift, tut uns hingegen nicht so gut.Von Mag. Alexandra Wimmer

Zuwendung und Nähe, Vertrautheit und Geborgenheit stehen ganz weit oben auf der Wunschliste des Kuscheltiers Mensch: Wir wollen in Kontakt mit anderen Menschen sein, uns ihnen nah fühlen; wir wünschen uns Freunde, die mit uns durch dick und dünn gehen, mit denen wir unsere Geheimnisse teilen und die uns auch dann mögen, wenn wir einmal nicht gut drauf sind.
„Über das Herstellen von sozialen Kontakten und das Knüpfen von Freundschaften versuchen wir, diese Bedürfnisse zu stillen“, drückt es die Salzburger Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin Dr. Elisabeth Oedl-Kletter aus. Im „Du“ liegt eine besondere Heilkraft – ein tragfähiges soziales Netz stärkt und (unter)stützt uns. „Echte Bindungsbeziehungen stabilisieren uns im Inneren“, verdeutlicht die Expertin. Das beginnt mit den ersten Bezugspersonen – Mutter und Vater – und setzt sich bei engen Freunden, Vertrauten, Liebespartnern fort.

Gesunde Impulse

Schon deshalb, weil schöne Momente oder besondere Erlebnisse zu zweit bzw. in Gemeinschaft intensiver als allein erlebt werden, steigern Freundschaften das Wohlgefühl. Nähe zu teilen und die Zeit in Gemeinschaft zu genießen, braucht allerdings auch unser Engagement: „Nur wenn man in eine Beziehung Zeit und Energie investiert, kann diese dauerhaft funktionieren“, betont Oedl-Kletter. Damit nicht genug: Wer sich auf einen anderen einlässt, nimmt auch in Kauf, in Frage gestellt zu werden: „Gute Freunde stimmen uns nicht immer zu, sie konfrontieren uns auch mit jenen Seiten, die ihnen weniger gut an uns gefallen“, gibt die Psychotherapeutin zu denken. Auch wenn das unbequem sein mag, sie erweisen uns damit buchstäblich einen Freundschaftsdienst: „Das In-Frage-gestellt-Werden hält uns flexibel und fordert uns auf, eingefahrene Gleise zu verlassen“, sagt Oedl-Kletter. Freunde liefern uns damit gesunde Impulse, uns weiterzuentwickeln.

Fels in der Brandung

In manchen Lebensphasen brauchen wir gute Freunde ganz besonders: In Umbruchzeiten können sie der sprichwörtliche Fels in der Brandung sein. „Soziale Kontakte sind immer dann besonders wichtig, wenn die familiären Bindungen sich deutlich verändern, wie das etwa in der Pubertät der Fall ist“, weiß Oedl-Kletter. An der Schwelle zum Erwachsenwerden stellt man die „bis dahin relativ stabilen familiären Bindungen“ gründlich in Frage. „Damit man sich diese Instabilität erlauben kann, braucht es in dieser Zeit ein anderes Gerüst, etwa in Form einer Peergroup.“ Besonderen Halt durch Freunde benötigen wir auch, wenn eine Liebesbeziehung endet; auch das Alter zählt zu den sensiblen Phasen: „Es ist fast das Schwierigste am Altern, dass das soziale Netz sich ausdünnt und viele Menschen, mit denen man wichtige Erfahrungen gemacht hat, nicht mehr leben oder nicht mehr erreichbar sind“, so Elisabeth Oedl-Kletter. Dann ist es umso wichtiger, Kontakt zu Menschen jüngerer Generationen zu pflegen.

Nähe macht verletzlich

So sehr wir die Nähe zu vertrauten Men­schen genießen, sie macht uns auch verletzlich – Konflikte in engen Beziehungen treffen besonders hart. „Von Menschen, die uns sehr nahe stehen, enttäuscht oder gekränkt zu werden, wiegt wesentlich schwerer als von jemandem, mit dem man sich weniger verbunden fühlt“, bestätigt Elisabeth Oedl-Kletter. „Weil diese Bindungspersonen für die eigene Stabilität so wichtig sind, kann es im Innersten destabilisieren, wenn von dieser Seite eine massive Kränkung kommt.“ Aus diesem Grund seien auch Konflikt- und erst recht Gewalterfahrungen innerhalb der Familie so belastend, ja traumatisierend. „Unter Umständen wird die wichtigste Bindungsperson dann gleichzeitig zum schlimmsten Feind“, veranschaulicht die Expertin.
Sich im Fall einer Kränkung vorerst zurückzuziehen, kann eine natürliche Reaktion sein. Der Rückzug aus dem sozialen Leben könnte aber auch ein Warnsignal sein und den Beginn eines psychischen Problems (Burnout, Depression) markieren.

Allein und ausgeschlossen

Weil wir stabile Beziehungen so dringend brauchen, trifft der Verlust einer guten Freundin, eines engen Kumpels ganz besonders; extrem belastet es außerdem, wenn man aus dem Freundeskreis ausgeschlossen wird: „Man weiß, dass das Ausgeschlossen-Sein aus einer Gruppe hirnphysiologisch dieselben Effekte hat wie körperlicher Schmerz“, berichtet Elisabeth Oedl-Kletter aus der Forschung. Entsprechend hoch ist der Leidensdruck von Mobbingopfern, z. B. im Fall von Cybermobbing: „Wenn Jugendliche über das für sie wichtige Medium Internet aus der für sie wichtigen Peergroup ausgeschlossen, lächerlich gemacht oder gedemütigt werden, hat dies besonders dramatische Folgen“, warnt die Expertin.
Überhaupt bergen virtuelle Kontakte besondere Risiken. Das Internet verführt dazu, viele, dafür oberflächliche Beziehungen zu unterhalten – häufig auf Kosten echter Bindungen. Der vermeintliche Vorteil? „Man verteilt damit quasi das Risiko, verletzt zu werden, auf verschiedene Menschen“, erklärt Oedl-Kletter. „Das ist allerdings eine trügerische Sicherheit. Wenn man nämlich mit jemandem primär über Facebook befreundet ist, kann sich daraus kaum eine wirklich tragfähige Beziehung entwickeln.“ Letztendlich mündet der (ausschließlich) virtuelle Austausch in die Isolation.

Bindung braucht Berührung

Das Einlassen auf eine Beziehung ist schließlich keine theoretische Angelegenheit: Das Kuscheltier Mensch will sich der besten Freundin oder dem lieben Freund auch körperlich nah fühlen. „Tragfähige Beziehungen müssen auch körperlich sein“, betont Elisabeth Oedl-Kletter die Bedeutung der sinnlichen Wahrnehmung. „Es ist notwendig, dass man sich regelmäßig real sieht und spürt: Ja, wir können einander gut riechen. Ich empfinde körperlich ein warmes Gefühl für diesen Menschen und bin gern in seiner Nähe“, sagt sie.
„Beziehungen können nicht ohne körperliche Interaktion und physischen Direktkontakt funktionieren“, ist auch der Leipziger Haptiker und Psychologe Dr. Martin Grunwald überzeugt. „Die warme Hand eines Freundes auf unserer Schulter kann nicht dadurch ersetzt werden, dass man sich das Bild einer Hand auf einer Schulter ansieht“, verdeutlicht der Tastsinn-Experte. So wie man nicht davon satt wird, dass man Kochbücher durchblättert, kann eine tröstende Umarmung nicht durch das Lesen einer aufmunternden SMS ersetzt werden. „Man kann zwar zärtlich oder mitfühlend schauen – spürbar tiefer geht jedoch eine liebevolle Berührung“, sagt Grunwald.
Schon das Auflegen der Hand reduziert die Produktion von Stresshormonen (z. B. von Cortisol) und fördert die Ausschüttung der Hormone Prolaktin und Oxytocin, die u. a. für Entspannung und Bindung zuständig sind und eine „Kaskade physiologischer Veränderungen auslösen“, erläutert Grunwald: „Der Herzschlag wird langsamer, die Gefäße erweitern sich, die Muskulatur entspannt sich.“ Auf diese positiven Effekte des Körperkontakts wollen wir nicht verzichten – schon gar nicht in engen Beziehungen.

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Ärztliche Zuwendung:
Patienten genesen rascher

Berührung und Körperkontakt sind für den Menschen unverzichtbar – das zeigt sich erst recht, wenn es uns nicht gut geht, wir verletzlich oder krank sind. Entsprechend ist die Bedeutung ärztlicher Zuwendung zuletzt in den Fokus der Forschung gerückt und wird „in Studien systematisch untersucht“, wie der deutsche Haptiker Dr. Martin Grunwald berichtet. Was man bisher herausgefunden hat: „Wenn Ärzte während der Visite Körperkontakt zu den Patienten haben, etwa indem sie die Hand auf den Arm oder die Schulter legen, genesen diese rascher“, weiß der Experte. Warum sich diese kurzen Berührungsmomente derart positiv auswirken, ist bislang ungeklärt. „Wir wissen jedoch, dass jede Körperberührung – im Gegensatz etwa zu visuellen und akustischen Reizen – im Gehirn extrem stark registriert wird“, erklärt Grunwald.

Stand 07/2014

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