Verbitterung: Seele in der Sackgasse

März 2014 | Psyche & Beziehung

Für die meisten Menschen ist Bitterkeit ein normales Gefühl, das vorbeigeht wie der bittere Geschmack nach dem Genuss einer Grapefruit. Bei manchen aber bestimmt eine Kränkung so sehr das Leben, dass sie völlig verbittert sind. Für MEDIZIN populär zeigt ein Verbitterungsforscher auf, wie die Seele in eine Sackgasse geraten – und wie sie wieder herausfinden kann.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Sie war, weiß Gott, „die gute Seele“ der Firma, die rechte Hand vom Chef; kaum je einen Tag war sie im Krankenstand und jetzt, drei Jahre vor der Pension, kommt das Kündigungsschreiben: Emilie K. kann es immer noch nicht fassen. „Eine schriftliche Kündigung! Der Chef hat sich nicht einmal die Zeit für ein Gespräch genommen!“ Monate danach ist die gelernte Bürokauffrau immer noch entrüstet und hin- und hergerissen zwischen Rachegefühlen („Der wird schon sehen, was er davon hat!“) und völliger Resignation („Wie soll ich in meinem Alter noch eine Stelle finden?“). Die Gründe, warum sie bei jeder Gelegenheit über das widerfahrene Unrecht klagt, sind durchaus nachvollziehbar.
Das ändert nichts an der Tatsache, dass Emilie K. über ihre Gekränktheit psychisch erkrankt ist; sie leidet unter einer „posttraumatischen Verbitterungsstörung“ – so die Bezeichnung, die der Berliner Psychiater Prof. Dr. Michael Linden dem Leiden vor gut zehn Jahren gab. Wenn uns ein Ereignis so sehr kränkt, dass sich schließlich das gesamte Denken, Fühlen und Tun darum dreht, ist die Kränkung zur Krankheit geworden – etwa zwei Prozent der Bevölkerung sind laut den Experten davon betroffen. „Die leitenden Emotionen sind neben Bitterkeit Hoffnungslosigkeit und Aggression“, so Verbitterungsforscher Michael Linden. Die Betroffenen sind in eine seelische Sackgasse geraten.

Explosive Emotion

Gleichsam mit dem Rücken zur Wand versuchen sie mittels (Selbst-)Aggression, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Es kommt zu einem mitunter explosiven Mix aus ohnmächtiger Wut, Resignation, Rachegefühl und Selbstzerstörung mit einem „Schuss Trotz“. Im Extremfall endet krankhafte Bitterkeit tödlich – mit Suizid oder Mord. „Ein Drittel unserer Patienten hat sehr präzise fremdaggressive Fantasien: Manche laufen Amok und werfen Molotow-Cocktails ins Arbeitsamt“, berichtet Linden. Einige leiden unter „Intrusionen“, d. h. traumatische Situationen kommen in der Erinnerung immer wieder hoch. Psychosomatische Beschwerden wie Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit können die krankhaft Verbitterten zusätzlich belasten. „Hinzu kommt, dass diese sich zurückziehen und keine sozialen Kontakte mehr aufnehmen – ein furchtbarer Zustand“, fasst der Experte zusammen.

Grapefruit und Radicchio

Für die überwiegende Mehrheit hingegen ist Bitterkeit eine normale Emotion, die vorbeigeht wie der bittere Geschmack beim Genuss von Grapefruit oder Radicchio. Schon Kinder kennen das Gefühl: Der „doofe Papa“ gibt der Fünfjährigen keine Schokolade, sodass das gekränkte Mädchen „Du bist gemein!“ ruft und sich schmollend zurückzieht. „Die Emotion ist uns quasi angeboren, genauso wie Angst oder Wut“, erklärt Psychiater Linden.
Erinnern Sie sich an ein Ereignis im vergangenen Jahr, an das Sie mit Gekränktheit oder nagender Bitterkeit zurückdenken? „Stelle ich bei Vorträgen diese Frage, heben immerhin die Hälfte bis zwei Drittel des Publikums die Hand“, berichtet der Experte. Ein weit verbreitetes Gefühl also. Manche Menschen neigen überhaupt dazu, verbittert auf Umstände zu reagieren. „So wie es angst- oder aggressionsgeneigte Menschen gibt, gibt es auch verbitterungsgeneigte Persönlichkeiten“, erklärt Linden. Im Volksmund heißen sie „beleidigte Leberwurst“ – Menschen, die alles persönlich nehmen und sofort eingeschnappt sind.

Angriff durch Selbstzerstörung

Verbitterung ist also nicht nur den meisten vertraut. „Man vermutet, dass sie, ähnlich wie Panik, zu jenen Emotionen zählt, zu denen wir in schwierigen Situationen Zuflucht suchen“, sagt Linden. „Sie funktioniert, wenn man eigentlich schon verloren hat, quasi im Sinne eines Angriffs durch Selbstzerstörung. Man kennt das auch aus der Literatur, etwa bei Michael Kohlhaas: Wissend, dass man stirbt, bäumt man sich noch einmal auf.“ Der Mechanismus zeigt sich auch bei „alltäglicher Bitterkeit“: „Ein Kind muss den roten Pullover anziehen und kann sich gegen die übermächtige Mutter nicht wehren“, gibt der Psychiater ein Beispiel. „Dann stellen sich beim Kind Phantasien ein wie: ,Ich gehe hinaus in den Schnee und erfriere. Dann sieht Mama, was sie davon hat‘.“
Zur Krankheit wird Bitterkeit, „wenn Menschen verletzende Ereignisse nicht mehr aus dem Kopf bekommen“, so Michael Linden. Wird eine Kränkung nicht verarbeitet, „besteht die Gefahr einer Chronifizierung. Die Störung wird eher schlimmer als besser“, warnt Linden. Mit Verarbeiten ist im Übrigen nicht gemeint, dass man – wie Emilie K. – wieder und wieder über das Erlebte spricht oder, in prominenteren Fällen, vielleicht ein Buch darüber schreibt. Wer das Ereignis immer wieder vor dem inneren Auge abspult, verletzt sich selbst ständig aufs Neue. „Verbittert ist der schwer zu Versöhnende, der lange den Zorn festhält; er verschließt die Erregung in seinem Innern und hört damit erst auf, wenn er Vergeltung geübt hat“, hielt der Philosoph Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christus fest. Dabei können Rache oder Kampf die Bitterkeit nicht lindern. „Kämpfen kann das Erlebte nicht ungeschehen machen“, gibt Michael Linden zu denken. Und nach erfolgtem Rachefeldzug gesellen sich zur Bitterkeit oft Schuld- und Schamgefühle.

Stärke als Schwachpunkt

Über welchen Kränkungen ein Mensch völlig verbittert, ist unterschiedlich. „Gerade dort, wo wir stark sind, liegt unsere verletzlichste Stelle“, beobachtet Psychiater Linden. Der Mann, der seine Frau über alles liebt, ist durch die Scheidung extrem getroffen; die Managerin, die im Beruf erfolgreich nach oben strebte, ist nach der Kündigung am Boden zerstört.
Die typischen Merkmale krankhafter Verbitterung beobachteten Michael Linden und sein Team gehäuft nach dem Fall der Berliner Mauer. Gesellschaftliche Umbrüche wie die Wiedervereinigung Deutschlands aber auch Entlassungswellen in Betrieben haben Enttäuschung und den Verlust von Werten zur Folge; typischerweise erleben die gekränkten Betroffenen sich als Opfer, denen die Welt Wiedergutmachung schuldet.
Warum Menschen sich emotional an das erlebte Unrecht geradezu klammern, hat mit unserem Glauben an eine gerechte Welt zu tun, erklärt der Verbitterungsforscher. „Dieser Glaube zählt zu den wichtigen psychologischen Grundausstattungen aller Menschen. Erlebt man große Ungerechtigkeit, wird dieser erschüttert, und es kann zu schweren psychischen Reaktionen führen, ganz besonders, wenn Herabwürdigung und Hilflosigkeit dazukommen.“

Weisheit als Medizin

Wie kann die Seele aus dieser Sackgasse finden? Was ist die Medizin gegen Bitterkeit? Weisheit, sagt Psychiater Linden und meint damit „die Fähigkeit, mit schwierigen, unlösbaren Problemen fertigzuwerden.“ Die Krux dabei: Unser Leben ist voller vermeintlich unlösbarer Probleme: Soll ich heiraten, obwohl ich weiß, dass die Hälfte der Ehen geschieden wird? Bleibe ich beim kranken Kind zuhause oder gehe ich in die Arbeit? „Egal, was man macht, es gibt nicht die eine richtige Entscheidung“, so Linden. „Man muss entscheiden und handeln, ohne dass man eine eindeutige Lösung kennt.“
Weisheit – davon benötigen krankhaft Verbitterte, für die es vor zehn Jahren noch kaum Hilfe gab, eine Extraportion. „Durch ihre Einstellung, dass die Welt sich ändern muss und nicht sie selbst, waren sie behandlungsunwillig“, beschreibt Linden das Problem. Das hat sich geändert, seit er und sein Team mit der Weisheitstherapie, einer Form der Verhaltenstherapie, arbeiten. „Wir haben Methoden entwickelt, um den Betroffenen Weisheit beizubringen“, sagt der Facharzt. „Eine von uns soeben abgeschlossene Studie zeigt, dass wir damit in vielen Fällen wesentliche Besserungen erreichen können, rund einem Drittel der Patienten können wir aber weiterhin nicht helfen.“

Das Lösen unlösbarer Probleme

Nicht nur krankhaft Verbitterte, auch psychisch gesunde Menschen „sind gut beraten, sich auf die eigene Weisheitskompetenz zu besinnen, zumal, wenn sie in Problemen stecken“, rät Michael Linden. Toleranz, Humor, Gelassenheit zählen dazu genauso wie die Fähigkeit, sich in das Gegenüber, das einen verletzt hat, hineinzuversetzen. Indem der geschiedene Partner in die Rolle der Expartnerin schlüpft, die Gekündigte in jene des Chefs, ergibt sich ein neuer Blickwinkel. Weniger verbissen an Dinge heranzugehen, diese auch einmal laufen zu lassen, ist genauso ein Schutzfaktor wie die oft beschworene Nachhaltigkeit. Man könnte sich fragen: „Welche Bedeutung wird die aktuelle Episode haben, wenn ich 80 Jahre alt bin?“ – „Es empfiehlt sich, die kurzfristige und langfristige Perspektive gegeneinander abzuwägen“, sagt Linden. Ist man außerdem fähig, geschehenes Unrecht zu verzeihen, macht man sich frei davon.

 

Stand 02/2014

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