Simsen im Schlaf

Oktober 2015 | Gesellschaft & Familie

Alarmierender Trend bei Jugendlichen
 
Immer öfter greifen Jugendliche noch in der Nacht zum Handy, um im Schlaf oder Halbschlaf Nachrichten zu verschicken. Noch deutlich mehr Kinder und Jugendliche werden außerdem regelmäßig von eingehenden SMS geweckt: Das Mobiltelefon ist heute die wichtigste nächtliche Störquelle im Kinderzimmer. MEDIZIN populär über die häufigsten Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Ob beim Schreiben von „WhatsApp“-Nachrichten oder SMS, dem Posten von Bildern auf „Instagram“ oder dem Verschicken von Videos via „SnapChat“ – in Anbetracht der Fingerfertigkeit, mit der Kinder und Jugendliche ihre Handys bedienen, drängt sich der Gedanke auf: Die schaffen das sogar im Schlaf.
Und tatsächlich ist für viele Jugendliche das Handy nicht nur untertags, sondern noch im Bett ständiger Begleiter. „Die meisten Kinder haben ihre Handys mit im Schlafraum und lassen sie auch da meistens eingeschaltet“, weiß der Schlafmediziner und Facharzt für Kinderheilkunde, Prim. Univ. Prof. Dr. Reinhold Kerbl. Sogar im Halbschlaf oder Schlaf ist das Handy noch präsent: Immer öfter verschicken Kinder und Jugendliche auch dann noch Nachrichten, wenn längst Ruhe sein sollte.

„Hgah´lehwjnldj gzshak“

 „Freunde erhalten dann teilweise völlig unsinnige, unverständliche Nachrichten, mit denen sie nichts anfangen können“, berichtet der Experte. Andere drücken zwar nicht auf „Senden“, sie bewegen aber quasi reflexartig – mit und ohne Handy in der Hand – die Daumen, wie Experten in Schlaflabors beobachten. Diese nächtlichen „Fingerspiele“ sind „sicherlich eine moderne Form des Schlafwandelns“, bestätigt der Mediziner. Ob dieses  „Sleep texting“ stark zunimmt, lässt sich nicht genau sagen. „Es gibt dazu noch keine epidemiologischen Daten, sodass wir noch nicht genau wissen, wie viel Prozent der Kinder betroffen sind“, erklärt Kerbl, der am LKH in Leoben die Abteilung für Kinder und Jugendliche leitet.

„Telefonzentrale“ Bett

Ein anderes Problem ist hingegen schon deutlich klarer erfasst: „Wir wissen, dass rund die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen im Alter von zwölf bis 18 Jahren in der Nacht regelmäßig durch eingehende SMS geweckt werden“, berichtet Kerbl. Bei vielen ist dies zumindest mehrmals monatlich der Fall, drei bis fünf Prozent der Jugendlichen werden sogar jede Nacht durch Textnachrichten geweckt. Mit ungesunden Folgen: „Verschiedene Studien zeigen deutlich, dass die Kinder eine schlechtere Schlafqualität haben, weil der Schlaf unterbrochen wird“, erklärt der Schlafmediziner. „Die Betroffenen sind dann tagsüber müde und haben schlechtere Schulleistungen.“

Daumen- und Kopfschmerzen

Jene, die – ob am Tag oder in der Nacht – häufig oder gar ständig am Handy „hängen“, haben außerdem vermehrt somatische Beschwerden. „Sie haben insgesamt öfters Kopfschmerzen und jene, die ein Headset tragen, neigen verstärkt zu Tinnitus, also Ohrensausen“, weiß der Mediziner. „Studien zeigen außerdem, dass Kinder aufgrund der ständigen Daumenbewegungen beim Schreiben von SMS vermehrt Beschwerden im Daumengrundgelenk haben.“ Der SMS-Daumen gleichsam als der moderne Mausarm? „Es bleibt abzuwarten, wie die Evolution nach einiger Zeit auf die besondere Beanspruchung des Daumengrundgelenks reagiert“, sagt der Facharzt halb im Scherz.

Immer am Drücker

Der Hintergrund für den buchstäblich nachdrücklichen Einfluss mobiler Telefone: Wie ihre erwachsenen „Vorbilder“, haben viele Kinder verinnerlicht, rund um die Uhr erreichbar und „am Drücker“ sein zu müssen. „Um keine SMS, keinen Austausch einer WhatsApp-Gruppe zu versäumen, hat man das Mobiltelefon immer griffbereit und schaltet es nie aus“, erklärt der Mediziner. Selbst um drei Uhr nachts ist man noch verfügbar. Die rund um die Uhr eingeschalteten Smartphones der Teenager sind – von der Belastung durch Elektrosmog einmal ganz abgesehen – zur wichtigsten nächtlichen Störquelle geworden.
Der Rat des Kinder- und Jugendmediziners: „Eltern sollten ihren Kindern gegenüber durchsetzen, dass das Handy aus dem Schlafraum draußen bleibt“, plädiert Kerbl für eine handyfreie Zone. Man sollte das Gerät bewusst abschalten, weglegen und sich sagen: „Für heute ist Schluss, jetzt gehe ich schlafen.“ Kerbl: „Es ist wichtig, dass man sich die Zeit zum Schlafen, die ohnehin immer weniger wird, wirklich gönnt und dass diese von guter Qualität ist.“

Kindliche Schlafwandler

Nicht nur vom Sleep texting als moderner Variante des Schlafwandelns, auch vom herkömmlichen Schlafwandeln ist vor allem die Jugend betroffen. „Schlafwandeln kommt bei drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen vor“, erklärt der Schlafmediziner. Es zählt zu den schlafbezogenen Abnormitäten (Parasomnien), ist meistens völlig harmlos und gibt sich oft von selbst wieder. „In der Regel schlafwandeln die Kinder im Tiefschlaf“, erläutert der Mediziner. „Sie stehen, während sie tief schlafen, auf und gehen herum. Am nächsten Tag haben sie keinerlei Erinnerung daran.“ Die Schlafstörung beeinträchtige meist weder die Schlafqualität noch das Wohlbefinden, beruhigt der Arzt. „Das Schlafwandeln entspricht dem ureigenen Schlafprofil der Kinder, sodass sie deshalb auch keine schlechte Tagesbefindlichkeit haben.“ Die einzige Gefahr: Da die kindlichen Schlafwandler auch an gefährliche Plätze – den Balkon, eine Leiter – gelangen können, muss die Wohnung (z. B. Türen) gut gesichert sein.

Nachtschreck und Bettnässen

Und noch andere Schlafstörungen belasten die wichtige nächtliche Regenerationsphase der Kinder. „Zu den Parasomnien zählt auch der Nachtschreck, auch als Pavor nocturnus bezeichnet“, erläutert der Mediziner. „Kinder schreien in dem Fall in der Nacht plötzlich angstvoll auf.“
Auch das Bettnässen des Kindes ab sechs Jahren und des Jugendlichen beeinträchtigt die Nachtruhe. „Sowohl beim Nachtschreck als auch beim Bettnässen dürfte der Prozentsatz von Betroffenen wie beim Schlafwandeln zwischen drei und fünf Prozent liegen“, schätzt der Schlafmediziner. Die Folgen dieser Schlafstörungen: Es kommt zum Beispiel zu Tagesmüdigkeit und Leistungseinbußen in der Schule. Sogar mit Gewichtszunahme und Übergewicht werden sie in Zusammenhang gebracht.

Lerchen und Eulen

Für das zunehmende Schlafdefizit bei Jugendlichen ist obendrein die Veränderung des Schlaftyps verantwortlich. „In der Jugendzeit verschiebt sich die Einschlafzeit nach hinten“, erklärt der Facharzt. Viele Teenager mutieren dann vom Morgenmenschen, der Lerche, zum Abendmenschen, der Eule. „Im Zusammenhang mit dem Typus Abend- und Morgenmensch steht auch das psychische Wohlbefinden“, erläutert Kerbl. Die jugendlichen Lerchen sind eindeutig im Vorteil. „Sie fühlen sich von vornherein psychisch wohler als Abendmenschen“, weiß der Facharzt. „Kommt bei Abendmenschen zusätzlich ein Schlafmangel hinzu, sind sie psychisch noch weiter im Nachteil – in der amerikanischen Literatur wird das als „double-trouble“ bezeichnet.“ Eulen leiden dann besonders unter Gereiztheit, Tagesschläfrigkeit bis hin zu depressivem Verhalten. Ob man zu den Eulen oder den Lerchen gehört, könnte übrigens zum Großteil genetisch bestimmt sein, wie britische Forscher aktuell aufgrund ihrer Studien an Fruchtfliegen vermuten.

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Norwegische Studie bestätigt Zusammenhang:
Viel Zeit vorm Bildschirm, weniger Schlaf

Je länger Kinder und Jugendliche täglich Zeit vor einem Bildschirm – ob von Smartphone, PC oder TV – verbringen, umso höher ist das Risiko, schlecht zu schlafen. Eine norwegische Studie an 10.000 Jugendlichen von 16 bis 19 Jahren hat kürzlich einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Dauer der Bildschirmpräsenz und der Qualität und Dauer der Nachtruhe bestätigt. Je mehr Zeit ein Teenager vor einem Bildschirm verbrachte, umso schlechter und kürzer schlief derjenige. Außerdem zeigte sich, dass Schlafstörungen um die Hälfte zunehmen, wenn der Nachwuchs tagsüber mehr als nur eine Art Bildschirm frequentiert, also beispielsweise sowohl vor dem PC sitzt als auch das Handy regelmäßig nutzt.
Für die nachteiligen Folgen kommen verschiedene Faktoren in Frage: Die Kinder lösen sich immer später von den Geräten – und das geht auf Kosten der Schlafzeit. Die blauen Lichtanteile, welche von den Bildschirmen ausgehen, unterdrücken die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Und nicht zuletzt ist etwa der abendliche Austausch via Smartphone  emotional so aufregend, dass an Schlaf oft lange nicht zu denken ist.

Stand 07-08/2015

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