Fühlen: Der vernachlässigte Sinn

Juni 2015 | Leben & Arbeiten

Es ist elementar, ja lebenswichtig und kommt in unserer berührungsarmen Zeit viel zu kurz: das Fühlen. Wie immer neue Studien zeigen, drohen schwere Folgen für die Gesundheit, wenn der Tastsinn vernachlässigt wird. Jüngsten Forschungen zufolge wird etwa die Magersucht mit einer körperlosen, leistungsorientierten Erziehung in Zusammenhang gebracht.
 
Vom Mag. Alexandra Wimmer

Ich bin da. Es gibt mich! Das ist es, was jedes Neugeborene, das in den Arm genommen und gehalten wird, erlebt. „Der Tastsinn ist die einzig verlässliche Sinnesqualität, die uns sagt, dass es uns wirklich gibt“, erklärt der Leipziger Haptiker und Psychologe Dr. Martin Grunwald, der sich seit langem mit der Bedeutung von Berührung beschäftigt.
Über das Fühlen wird nicht nur unsere Existenz buchstäblich (be)greifbar, der Haut-zu-Haut-Kontakt vermittelt außerdem Wärme und Nähe – und wird gerade in der ersten Lebensphase zum unverzichtbaren „(Über-)Lebensmittel“. Säuglinge, die nicht berührt werden, sterben. „Ein Baby ist völlig angewiesen auf die körperliche Versicherung von Nähe“, betont Grunwald. „Diese erfährt das Kind ausschließlich, indem man es berührt.“

Von Mutterleib bis Sterbebett

Von allen Sinnen entwickelt der Tastsinn sich im Mutterleib als erster – und er ist wahrscheinlich verantwortlich für die letzten Sinneseindrücke vor dem Tod. „Veränderungen der hirnelektrischen Ströme beim EEG zeigen, dass komatöse Patienten noch auf Berührungsreize reagieren“, erklärt Grunwald, der überzeugt ist: „Das Letzte, was wir im Leben wahrnehmen, ist die gehaltene Hand.“ Neben der ersten sollte deshalb auch die letzte Zeit im Leben eines Menschen eine besonders „berührende“ sein. „Wenn Gebrechlichkeit und Sensibilität zunehmen, sind körperliche Interaktionen ganz besonders wichtig“, betont der Experte. „Durch den respektvollen Umgang mit dem Körper erfahren betagte Menschen Zuneigung und Wärme.“

Empfangsanlage Haut

Und auch sonst wollen und können wir nicht auf Körperkontakt verzichten: Wir finden Trost in einer Umarmung; wollen den geliebten Menschen küssen und den geknickten Kollegen mit einem Schulterklopfen aufmuntern. „Alles, was für uns wirklich wichtig ist, müssen wir körperlich unterstützend, also körperkommunikativ, ausdrücken“, weiß Martin Grunwald.
Um das gesamte Spektrum an Berührungen auch erleben und genießen zu können, ist der Mensch mit einer hochkomplexen Empfangsanlage ausgestattet: der Haut. Mit ihren unzähligen Härchen registriert sie verschiedenste Nuancen von Berührung: „Die rund fünf Millionen Haare und Härchen am gesamten Körper wachsen in Haarfollikeln; von diesen ist jeder umgeben von cirka 50 Rezeptoren für Temperatur, Dehnung, Streckung, Zug, Rotation“, erläutert Grunwald. „Die Rezeptoren nehmen alle Empfindungen auf und leiten sie an das Gehirn weiter, wo Art und Ort der Empfindung identifiziert werden.“

Fataler Mangel

Ist der Körperkontakt ein wohliger, so profitiert der gesamte Organismus – Immunsystem, Hormonsystem, Psyche etc. – davon; Berührungen vermögen sogar Schmerzen und Depressionen zu lindern und wirken damit wie ein Medikament. Entsprechend fatal, wenn es an positivem Körperkontakt mangelt. Aufgrund verschiedener Untersuchungen weiß man, dass Berührungsmangel in der frühen Kindheit schwerwiegende Folgen hat. „Die neurobiologische Forschung hat eindeutig herausgefunden, dass ein nicht berührter Organismus sich nicht entwickelt und nicht reift“, berichtet Martin Grunwald. Vernachlässigte Kinder, denen es von klein auf an Zuwendung mangelt, bleiben kleiner, auch die Hirnentwicklung ist beeinträchtigt. Daneben werden Hauterkrankungen (z. B. Neurodermitis) sowie Essstörungen in Verbindung mit einer berührungsarmen Kindheit gebracht: „Unseren Untersuchungen zufolge steht gerade die Magersucht in Zusammenhang mit einer körperlosen, leistungsorientierten Erziehung“, so Grunwald.

Zweite Haut bringt Heilung

Ein Mangel an körperlichen Interaktionen kann eine Körperschemastörung, also ein verzerrtes Selbstbild vom eigenen Körper, nach sich ziehen – ein Wesensmerkmal von Magersucht (Anorexie). „Die Betreffenden fühlen sich wesentlich dicker, als dies tatsächlich der Fall ist“, sagt Haptiker Grunwald, der mit seinem Team eine ungewöhnliche, aber wirkungsvolle Behandlungsmethode von Magersucht entwickelt hat.
„Wir passen den anorektischen Patienten einen Neoprenanzug an, der den ganzen Körper wie eine zweite Haut umschließt“, erklärt der Experte. Dreimal täglich schlüpfen die Betroffenen für jeweils eine Stunde in diesen Anzug. „Damit wird die eigentliche Körpergrenze, die Haut, permanent stimuliert, sodass sich das verzerrte Körperschema nach und nach ändert“, erklärt Grunwald das Wirkprinzip. „Nach einigen Wochen beginnt das Gehirn, die reale Körpergrenze zu erkennen und wahrzunehmen. So kommt es zum therapeutisch relevanten Wendepunkt: Die Patientin erschrickt plötzlich über ihren dürren Körper.“ Die Erfolgsquote ist hoch, weiß Grunwald: „Drei von vier Patienten akzeptieren den Neoprenanzug und profitieren stark davon.“     

Stand 06/2015

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