Wadenkrämpfe: Das lindert die nächtliche Pein

März 2015 | Medizin & Trends

Fast die Hälfte der Österreicher weiß, was es heißt, nachts von Wadenkrämpfen heimgesucht und aus dem Schlaf gerissen zu werden. MEDIZIN populär informiert, was hinter den Krämpfen stecken kann und was dagegen hilft.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Sei es beim Fußballspielen oder Laufen, während einer Yoga- oder Pilatesübung oder auch nur bei einer ungewöhnlichen Bewegung mit dem Fuß: Dass sich der Wadenmuskel ganz plötzlich zusammenzieht, hart wird und höllisch schmerzt, hat wohl jeder von uns schon einmal erlebt. So lässt sich nachvollziehen, wie schlimm es ist, immer wieder nachts von Wadenkrämpfen heimgesucht zu werden – ein Leiden, das ebenfalls sehr weit verbreitet ist: „Mehr als 40 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher sind von wiederkehrenden nächtlichen Wadenkrämpfen betroffen, also fast die Hälfte“, weiß Prim. Univ. Prof. Dr. Stefan Quasthoff, Leiter der Abteilung für Neurologie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Graz-Eggenberg, und ergänzt: „Manchmal sind es nicht nur die Waden, die sich zusammenkrampfen, sondern auch die Muskeln am Schienbein, an der Fußsohle, am Vorderfuß oder an den Zehen.“

Fehlender Widerstand

Wie kommt es dazu, dass sich unsere unteren Extremitäten sozusagen selbstständig machen und uns mit Kontraktionen aus dem Schlaf reißen? Anders als man meinen möchte, sind Träume, die uns derart mit den Beinen strampeln lassen, dass die Muskulatur ähnlich wie bei einer bewussten Bewegung belastet wird und sich deswegen zusammenzieht, „eher selten eine Ursache für Wadenkrämpfe in der Nacht“, so Stefan Quasthoff. Denn nicht eine nächtliche Belastung, sondern im Gegenteil die fehlende Belastung ist es im Grunde genommen, die schlafraubende Spasmen, wie die Mediziner sagen, entstehen lässt. Quasthoff: „Wenn wir tagsüber gehen, stehen, oder auch nur sitzen und dabei die Füße am Boden aufliegen, ist die Waden- und Fußmuskulatur dauernd damit beschäftigt, gegen die Schwerkraft und gegen Widerstand zu arbeiten.“ Sobald wir im Bett liegen, fällt dieser gewohnte Widerstand weg. „Und das kann dazu führen, dass die Nerven ohne unser Zutun den Muskelfasern befehlen, sich zusammenzuziehen“, erklärt Quasthoff.

Gefahr Flüssigkeitsmangel

Wurden die Waden am Tag ungewöhnlich stark belastet, ist die Gefahr für nächtliche Wadenkrämpfe ebenfalls groß. Das mag paradox erscheinen, doch nachdem die Muskeln tagsüber mehr als sonst strapaziert worden sind, fehlt ihnen der Widerstand nachts im Liegen ganz besonders. „Deswegen sind sportliche Menschen eher gefährdet, in der Nacht Wadenkrämpfe zu bekommen“, weiß der Neurologe. Wurde beim Sport viel geschwitzt, erhöht sich die Gefahr für Spasmen im Schlaf noch einmal. Denn beim Schwitzen gehen große Mengen an Flüssigkeit, Salz und Magnesium, Kalium und Kalzium verloren: Stoffe, die für die Funktionstüchtigkeit samt Anspannen und Entspannen insbesondere der Waden- und Fußmuskulatur wichtig sind.  

Ältere trifft es häufiger

So wie Sportler häufiger als Bewegungsmuffel an Wadenkrämpfen leiden, haben auch Ältere ein größeres Risiko, dass die Waden und Füße immer wieder einmal abends beim Einschlafen oder mitten in der Nacht kontrahieren, was ein erholsames Schlummern unmöglich macht. „Sie haben ihre Waden allein schon aufgrund ihres längeren Lebens mehr als junge Menschen beansprucht, weshalb die Nerven und Muskeln nicht nur tagsüber, sondern oft auch nachts beschäftigt sein wollen“, informiert Quasthoff. Hinzu kommt, dass so wie Sportler auch Ältere Krämpfe oft selbst provozieren, indem sie entweder zu wenig trinken oder zu wenig bzw. zu einseitig essen und daher einen Flüssigkeitsmangel sowie einen Salz- und Mineralstoffmangel haben.

Ursache Bewegungsmangel

Ähnlich der Beanspruchung über viele Jahrzehnte und der Überbelastung durch Sport kann aber auch eine Unterbelastung aufgrund von Bewegungsmangel schuld daran sein, dass die Waden immer wieder eine Nachtschicht einlegen. Quasthoff: „Dann beginnen sich die Muskeln nachts zusammenzukrampfen, weil ihnen tagsüber sozusagen die Aufgaben fehlten.“ Darüber hinaus werden auch Gestresste und Schwangere häufig von Wadenkrämpfen aus ihren Träumen gerissen – vermutlich, weil bei ihnen oft mehrere der Risiken zusammenspielen: Bewegungs- und Flüssigkeitsmangel sowie einseitige Ernährung.
Bei manchen wiederum wandeln sich die Waden rein genetisch bedingt zu nachtaktiven Körperteilen, weiß Stefan Quasthoff: „Es gibt eine ererbte Neigung zu Wadenkrämpfen, das sogenannte Faszikulations-Crampus-Syndrom.“ Quasthoff und sein Team entdeckten über die Jahre unter 2500 Patienten, die sie in der Steiermark behandelten, zwei Familien, die betroffen waren. Und schließlich können die Krämpfe auch noch die Begleiterscheinung einer Krankheit oder eine Nebenwirkung von Medikamenten sein.

Gegenspieler aktivieren

Was wir zu tun haben, wenn der Muskel starr geworden ist und weh tut, wissen wir instinktiv: Wir versuchen automatisch, den Muskel zu dehnen, indem wir den Gegenspieler aktivieren. Sitzt der Krampf in der Wade, bedeutet das, den Muskel auf der Vorderseite des Schienbeins zusammenzuziehen, indem man den Vorderfuß Richtung Knie zieht oder mit den Händen zu sich. So wird die Wade gedehnt, und der Krampf verschwindet oft so schnell wieder, wie er gekommen ist: binnen weniger Sekunden. Sind die Zehen oder Muskeln am Fuß verkrampft, löst sich der Krampf ebenfalls meist rasch auf, wenn man diese Muskeln dehnt. Sind Muskeln vorne am Schienbein oder seitlich davon betroffen, ist die Sache mit dem Dehnen nicht so einfach. Dann könnten warmes Wasser oder wärmende Auflagen helfen. Aber auch wenn man gar nichts unternimmt, verschwinden die Spasmen von selbst – das kann allerdings etliche leidvolle Minuten lang dauern.

Dehnen hilft

Besser ist es, dem lästigen Leiden vorzubeugen, und das kann man laut Quasthoff sehr gut. Abgesehen vom Reduzieren möglicher Risikofaktoren (Bewegungsmangel, Überlastung, zu wenig Flüssigkeit, einseitige Ernährung) gilt es, Dehnungsübungen zu machen: „In der Früh, nach dem Sport und dann noch einmal vor dem Schlafengehen die gesamte Beinmuskulatur gut zu dehnen, oder gleich ein komplettes, entspannendes Stretching zu machen, hilft vielen sehr“, weiß Quasthoff, der aber noch ein weiteres bewährtes Hilfsmittel zur Selbsthilfe kennt: Betroffene könnten zudem versuchen, den Füßen und Waden beim Schlafen den sonst gewohnten Widerstand zu verschaffen, indem am Fußende des Bettes eine Platte so angebracht wird, dass die Füße beim Schlafen dort aufliegen.
Helfen diese Maßnahmen nicht, und verhindern die nächtlichen Krämpfe häufig das geruhsame Einschlafen und Durchschlafen, heißt es ab zum Hausarzt. Quasthoff: „Er kann Nahrungsergänzungsmittel wie zum Beispiel Magnesiumpräparate empfehlen und abklären, ob Erkrankungen hinter den Krämpfen stecken oder Medikamente schuld daran sind.“ Da reicht es oft schon, die Sorte zu wechseln, und es ist Schluss mit der störenden Nachtarbeit. „Wenn nicht, kann der Arzt eventuell Antiepileptika verschreiben“, so Quasthoff.

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Krämpfe als lästige Begleiter

Wadenkrämpfe können Begleiterscheinungen anderer Erkrankungen sein: Die Palette der möglichen Verursacher reicht von einem unbemerkt gebliebenen Bandscheibenvorfall über die altersbedingte Zuckerkrankheit und verschiedene Darm- oder Nierenerkrankungen bis hin zur Nervenkrankheit Polyneuropathie, zu Epilepsie, Multipler Sklerose und Parkinson. Auch als Nebenwirkung von Medikamenten, wie z. B. von Diuretika gegen Wassereinlagerungen oder von Abführmitteln, kann die nächtliche Pein auftreten.

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Krämpfe, Zuckungen, rastlose Beine

Überbelastung, Bewegungsmangel, Flüssigkeits-, Salz- und Mineralstoffmangel sind sehr oft auch die Ursachen für nächtliche Krämpfe der Muskeln an anderen Stellen des Körpers, Zuckungen beim Einschlafen sowie für rastlose Beine, das sogenannte Restless Legs-Syndrom. So wie die Wadenkrämpfe sind auch diese Erscheinungen in den allermeisten Fällen zwar lästig, aber harmlos, weiß Prim. Univ. Prof. Dr. Stefan Quasthoff. Wer aber über einen längeren Zeitraum hinweg fast jede Nacht von den ungewollten Bewegungen aus dem Schlaf gerissen wird, sollte zum Hausarzt.

Stand 12/2014

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