Männer ohne Lust

März 2015 | Partnerschaft & Sexualität

Woran Lustlosigkeit beim Mann liegen kann
 
Er – und nicht sie – schützt regelmäßig Müdigkeit oder Migräne vor, wenn es zur Sache gehen soll? Warum immer öfter der Mann für die Flaute im Bett verantwortlich ist, dafür stehen viele mögliche Ursachen im Raum, respektive im Schlafzimmer. MEDIZIN populär zeigt sie auf.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Das alte Klischee, dass er immer will, ist längst überholt. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Immer mehr Frauen klagen über den lustlosen Mann an ihrer Seite. Dabei gilt sexuelle Inappetenz (von  lat. appetentia = Begehren) eigentlich als häufigste sexuelle Störung beim weiblichen Geschlecht. Die Zahl der lustlosen Männer ist laut Statistiken deutlich geringer – doch sie steigt, wie auch Experten beobachten. Studien zufolge haben rund 15 Prozent der 18- bis 80-jährigen Männer weniger oder gar kein Interesse mehr an Sex. Nicht erhoben wurde bislang, wie viele unter der verminderten bzw. ausbleibenden Lust leiden, bemängelt die Wiener Sexualmedizinerin und Psychotherapeutin Dr. Elia Bragagna. „Nur Männer mit Leidensdruck holen sich auch wirklich Hilfe.“ Selbst wenn dieser oft ein indirekter ist: „In neun von zehn Fällen wurde der Mann von seiner mit dem Sexualleben unzufriedenen Partnerin zu mir in die Praxis geschickt“, berichtet der Linzer Sexualmediziner Dr. Georg Pfau aus Erfahrung.  Die wenigsten finden von sich allein aus den Weg zum Arzt, ergänzt Pfau: „Nur jeder zehnte Mann sucht meine Ordination auf, weil er an sich selbst ein fehlendes Interesse an Sexualität feststellt.“ Oft handle es sich dabei um Single-Männer, die befürchten, wegen „ihres sexuellen Desinteresses keine Frau an sich binden zu können“.  

Mangel an Testosteron

Hinter der schwindenden Lust können körperliche Ursachen stecken, allen voran hormonelle Probleme wie ein Mangel an Testosteron. Das wichtigste männliche Sexualhormon kurbelt nicht nur die Lebenslust, sondern auch die Libido an. Dass es immer mehr Männern an (An)Trieb fehlt, liegt zu einem Gutteil am Übergewicht, insbesondere wenn es sich um die Leibesmitte niederschlägt: „Das Bauchfett hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Menge des im Körper verfügbaren Testosterons“, erklärt Bragana den Hintergrund. „Bauchfett ist ein aktives Organ und verwandelt Testosteron in das weibliche Sexualhormon Östrogen.“ Auch verschiedene Umweltgifte stehen heute als „Testosteronräuber“ im Verdacht. Für die Abnahme verantwortlich ist schließlich auch das Alter: „Je älter der Patient, umso häufiger ist ein Testosteronmangel der Grund für seine Lustlosigkeit“, nennt Elia Bragagna die steigende Lebenserwartung als weitere Ursache für die zunehmende Unlust.

Herz und Nieren

„Hinter dem verminderten sexuellen Interesse können außerdem Erkrankungen von Herz oder Nieren stecken“, ergänzt Bragagna. Gerade Herz-Kreislauf-Leiden sind stark im Zunehmen – mit schwerwiegenden Folgen, auch für die Sexualität.
Indirekt können sexuelle Störungen (z. B. Erektionsstörungen, vorzeitiger Samenerguss) dem Mann die Lust am Sex vergällen. „Vor allem viele junge Männer ejakulieren zu schnell. Der vorzeitige Samenerguss beschämt sie derart, dass sie sich aus der Sexualität zurückziehen“, weiß Elia Bragagna. Es sei nicht selten, dass eine sexuelle Störung in ein Vermeidungsverhalten mündet, beobachtet auch Georg Pfau: „Um sich selbst nicht zu blamieren oder um der Partnerin die Enttäuschung zu ersparen, beginnt der Betreffende Sexualität zu vermeiden. Der Mann ist also eigentlich nicht lustlos, sondern er entzieht sich dem Sex aus Angst.“

Stress, Depressionen, Kränkungen

Sorgen, Stress und erst recht traumatische Ereignisse zählen ebenfalls zu den Spaßbremsen im Bett. „Sexuelle Unlust ist manchmal das erste Anzeichen einer Depression“, ergänzt Bragagna. „Bei Jüngeren kommen auch vermehrt Ernährungs- oder Essstörungen als Ursachen in Frage.“
Natürlich trüben auch Beziehungsprobleme die (sexuelle) Freude aneinander. Welcher Art die sein können? „Man muss sich fragen, ob in der Beziehung Kränkungen vorliegen“, gibt Bragagna ein Beispiel. „Selbst wenn das vielfach ignoriert wird: Männer reagieren sehr wohl auch darauf.“ Überhaupt sind die Ursachen viel öfter, als man Männern gemeinhin zugesteht, psychischer Natur, betont Georg Pfau.
„Es ist zum Beispiel nicht so, dass Männer auf jeden Fall und mit jeder Frau können“, spielt Elia Bragagna auf ein sich hartnäckig haltendes Klischee an. „Ein Mann braucht bestimmte Bedingungen, damit er Lust hat; beispielsweise eine Partnerin, die zeigt, dass die Sexualität mit ihm Freude macht.“
Hängt ein Paar dem Mythos des immer-willigen Mannes an, entsteht ein Teufelskreis: Die Frau ist unzufrieden, weil der Mann eben nicht immer will, der Mann fühlt sich schuldig und verantwortlich für die Unzufriedenheit der Frau. „Das wiederum verstärkt seine Lustlosigkeit“, erläutert Georg Pfau.

Sex oder Liebe?

Probleme sind weiters programmiert, wenn es dem Mann an „sexueller Körperkompetenz“ mangelt, wie es Bragagna ausdrückt. „Es gibt Männer, für die Sex mit einer Frau nur anfangs spannend ist.“ Der Betreffende kann „nur über eine enorme äußere Stimulation Erregung fühlen und lebt sozusagen vom Jagen“, erläutert die Expertin. „Sobald er sein sexuelles Zielobjekt gleichsam besitzt, müsste er durch Austausch von Liebesgefühlen, Zärtlichkeiten und Nähe Erregung fühlen – das tut er aber nicht oder kaum.“ Mit Sex (auch) Liebe seiner Partnerin gegenüber auszudrücken, ist diesem Mann fremd.
Deshalb müsse auch immer geklärt werden, ob sich die Lustlosigkeit auf die Partnerin beschränkt: „Ich frage den Betreffenden immer, wie häufig er wöchentlich ejakuliert“, sagt Männerarzt Pfau. „Alle sexuellen Aktivitäten müssen miteinbezogen werden.“ Ein Mann, der zwar nur einmal im Monat mit seiner Frau schläft, aber jeden zweiten Tag masturbiert, ist nicht lustlos. „Dann liegt möglicherweise eine fehlerhafte Kanalisierung der sexuellen Lust vor, die man sexualtherapeutisch behandeln kann“, so Pfau.

Sexueller Selbstwert, Fetische

Die Lust nimmt außerdem ab, wenn der Mann mit seiner Sexualität nicht im Reinen ist: Männer, die unter einer sogenannten Störung der sexuellen Identität leiden, klagen etwa darüber, dass sie nicht attraktiv genug sind, dass ihr Penis zu klein ist und anderes mehr.
Ein anderer möglicher Störfaktor: bestimmte sexuelle Präferenzen, von denen der Mann annimmt, dass sie in der Partnerschaft nicht willkommen sind: „Manche Männer bekommen nur eine Erektion, wenn sie einen bestimmten Fetisch bedienen“, erläutert Pfau. „Wenn sie glauben, diesen in der Beziehung nicht unterbringen zu können, kann das dazu führen, dass der Mann sich aus der Sexualität zurückzieht.“ Als Beispiel nennt er den „harmlosen Fußfetischismus“, bei dem der Mann, um eine Erektion zu bekommen, die Füße der Partnerin leckt und liebkost. Wenn darüber gesprochen und Vorurteile oder Ängste ausgeräumt werden können, kommt die Lust oft ganz von selbst zurück.
Überhaupt seien viele sexuelle Störungen durch Kommunikationsdefizite bedingt. Die Folgen können fatal sein. „Wir wissen, dass Beziehungen zugrunde gehen, wenn einer der Partner sexuell unzufrieden ist“, warnt Männerarzt Pfau und nennt zugleich einen Ausweg aus der Misere: „In der Sexualtherapie wird versucht, Kommunikationsdefizite wettzumachen, um erst die Kommunikation und dann die Sexualität – eine sehr wichtige Form der Kommunikation  – wieder in Gang zu bringen.“ Letztlich kann ein solches Gespräch auch zutage bringen, dass nicht der Mann eine verminderte Libido, sondern die Frau im Verhältnis zu ihm schlicht mehr Lust auf Sex hat.

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Lustlose Gesellschaft
Verlieren Mann & Frau das Interesse aneinander?

„Mann und Frau nähern sich in Verhaltensmustern und Erscheinungsbild immer mehr aneinander an“, beobachtet der Linzer Sexualmediziner Dr. Georg Pfau. „Evolutionsbiologisch begründet, ziehen sich jedoch Gegensätze sexuell an: Je größer der Unterschied, umso stärker die Anziehungskraft.“ Aufgrund verschiedener Entwicklungen wird dieser Unterschied aber kleiner – und damit womöglich die Attraktivität für das andere Geschlecht: „Untersuchungen bestätigen, dass Frauen immer weniger und Männer immer mehr weibliche Sexualhormone haben“, berichtet Pfau. Mögliche Gründe: „Durch die Einnahme der Pille verfügen die Frauen über wesentlich weniger weibliche Sexualhormone als der Eierstock im Rahmen des Menstruationszyklus produzieren würde“, sagt der Mediziner. Auf der anderen Seite verändere die Umweltbelastung auch die Hormonsituation beim Mann. „Aufgrund von Pestiziden in der Landwirtschaft und hormonell aktiven Substanzen wie Xenoöstrogenen in PET-Flaschen erhöhen sich bei Männern die weiblichen Sexualhormone im Blut“, ist Pfau überzeugt. Dies werde auch für die sich verschlechternde Spermaqualität bei jungen Männern verantwortlich gemacht, weiß der Arzt. „Gerade junge Männer haben oft große Probleme mit der Fruchtbarkeit.“

Stand 02/2015

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