Nur ich: Egoismus zerstört Beziehung

Oktober 2015 | Partnerschaft & Sexualität

Selbstbezogenheit ist heute regelrecht en vogue, das spiegelt sich nicht nur in der gegenwärtigen „Selfie-Kultur“ wider: Man inszeniert sich, will um jeden Preis beachtet und geliebt sein. Das hat Folgen – ganz besonders für die Liebe. In MEDIZIN populär erklärt eine Expertin, wie der wachsende Egoismus Bindungen erschwert und Beziehungen zerstört.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Doris und Hans, ein glücklich verliebtes Paar, verabreden sich zum Jahrestag in ihrem Kennenlern-Café. Für Doris ist klar: „Das ist  der Mann, mit dem ich Kinder haben möchte“, schwärmt sie. Schließlich taucht Besagter mit einem Blumenstrauß auf. Allerdings nicht um ihr, wie erhofft, einen Heiratsantrag zu machen, sondern um sich zu trennen: „Dieses Jahr mit dir war so unglaublich schön – es kann nur schlechter werden“, nennt er der fassungslosen Doris den Grund. „Außerdem bin ich mit 34 einfach noch nicht bereit, mich fix zu binden und eine Familie zu gründen. Wer weiß, welch’ tolle Frauen ich noch kennenlerne?“
Mit dieser kühlen, berechnenden Einstellung in Sachen Liebe ist Hans kein Einzelfall. Immer mehr Menschen bevorzugen lockere, unverbindliche Beziehungen – Experten sprechen bereits von einem gesellschaftlichen Massenphänomen: Für „Mingles“ (engl. aus „mixed“ und „Single“) ist die Beziehung wie ein Urlaub: Man genießt, im Hinterkopf hat man aber schon das nächste Reiseziel. Statt zur Herzensangelegenheit werden Beziehungen Teil des „Businessplans“: Der Partner bzw. die Partnerin soll perfekt den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Dabei legt man sich nie wirklich fest: Schon um die nächste Ecke könnte eine tollere Frau oder gar der Traummann warten.

Beziehung wird Konsumgut

„Wir sind dazu übergegangen, alles zu konsumieren – auch Beziehungen“, beobachtet Prof. Dr. Martina-Leibovici. Die Wiener Allgemeinmedizinerin, Gynäkologin, Ärztin für Psychosomatik und Psychotherapeutin beschäftigt sich intensiv mit der neuen Beziehungsform und hat ein Buch dazu verfasst (siehe Buchtipp). „Man inszeniert sich gemeinsam: Man lebt gemeinsam Hobbys, hat Sex.“ Dieser unverbindliche Beziehungsstil sei geradezu schick geworden, während Treue, Verbindlichkeit und Beständigkeit zunehmend an Wert verlieren. „Man holt das Maximum für sich heraus, ohne das Risiko zu tragen, verletzt zu werden“, erklärt die Expertin. Wenn Gefühle ins Spiel kommen, wenn Verletzungen oder Verluste zu befürchten sind, zieht man sich zurück.
Schuld an der zunehmenden Bindungsunwilligkeit sei das unterkühlte soziale Klima, sagt Leibovici-Mühlberger. „Die Liebesfähigkeit ist im Absterben begriffen. Selber zu fühlen und sich einzulassen auf sein Herz, mutet immer mehr Menschen zu gefährlich und risikoreich an. Mit der sich ausbreitenden Fühltaubheit stirbt die Liebe und mit ihr die Lebendigkeit.“ Statt sich auf andere einzulassen, konzentriert man sich lieber auf sich selbst: „Eine egoistische Haltung ist salonfähig geworden: Man schaut auf sich – nicht, um dann geben zu können, sondern allein, um zu bekommen und zu konsumieren“, stellt die Psychotherapeutin fest. „Beziehungen, die auf dieser Haltung basieren, dienen der Selbstinszenierung. Das Gegenüber hat lediglich die Funktion, eine Kulisse darzustellen, damit man selbst in dem eigenen Stück glänzen kann.“ Der Partner bleibt Statist. „Es macht sich eine Art Utilitarismus breit: Nützt du mir? Wie ist dein Marktwert?“

Partnersuche als „Ego-Booster“

Die vielen Möglichkeiten durch die neuen Medien leisten dieser Entwicklung Vorschub: „In Internetforen und Partnerbörsen wird die Machbarkeit der Partnerwahl suggeriert“, beobachtet Leibovici-Mühlberger. Man gibt sein Profil ein, schummelt erwiesenermaßen ein bisschen, indem man sich jünger und schlanker macht – schon werden 10, 20 oder sogar hunderte Interessierte „ausgespuckt“. „Die große Resonanz ist natürlich ein Booster für das Ego“, sagt die Expertin.
Doch Liebe und echte Begegnung lassen sich nicht „machen“ und selbst eine Vielzahl von (virtuellen) Bewunderern ist kein Garant für Liebesglück. Diese bittere Wahrheit umgehen Mingles mit einem „Trick“: Man sagt sich, dass man ohnehin keinen Mann oder keine Frau fürs Leben sucht, sondern nur jemanden, um gemeinsam Spaß zu haben.“ Man schraubt die Erwartungen immer weiter hinunter – und maximiert damit die Trefferquote.
Statt einer Lebensabschnittpartnerschaft sucht man Gleichgesinnte für bestimmte Lebensbereiche, „Lebensbereichspartner“ sozusagen: Man sucht jemanden zum Ausüben von Hobbys, für Urlaubsreisen oder „Casual Dates“, gelegentlichen Sex. Man genießt einen Traumurlaub inklusive romantischer Zweisamkeit, um danach wieder in die eigene Wohnung, das eigene Leben zurückzukehren.

Narzissmus greift um sich

„Mingle“ ist deshalb oft nicht einfach ein Beziehungsstatus, sondern vielmehr eine Erkrankung: Wer selbstverliebt durchs Leben geht, abhängig von der ständigen Aufmerksamkeit und Anerkennung anderer, leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung –  diese psychiatrische Krankheit ist massiv im Zunehmen begriffen. „Die heute 30- bis 35-Jährigen sind drei Mal mehr davon betroffen als die 60- bis 65-Jährigen“, berichtet Leibovici-Mühlberger. Ein narzisstischer Mensch ist letztlich „ein tief Leidender, der nicht genügend Geborgenheit und Liebe erlebt hat und deshalb auf die Anerkennung und Aufmerksamkeit seiner Umgebung angewiesen ist.“
Die Folgen für eine Beziehung sind dramatisch: „Wer sich selbst für den Mittelpunkt der Welt hält, ist oft weder partnerschafts- noch liebesfähig“, unterstreicht die Psychotherapeutin. „Die Beziehung bleibt an der Oberfläche – man hat ‘fun’, keine Freude.“ Das sei letztlich extrem frustrierend und auch der Grund, warum Menschen mit allen möglichen kompensatorischen Mechanismen – von Sexsucht über Drogenkonsum, Kaufsucht und Alkoholismus – verzweifelt versuchen, die Leere in ihrem Leben zu füllen.

Partylöwe trifft Mauerblümchen

Nach außen hin sind Narzissten oft schillernde Persönlichkeiten, die potenzielle Partner mit Schmeicheleien umgarnen. Sobald Gefühle ins Spiel kommen, ziehen sie sich zurück oder beenden wie Hans das Liebes-Intermezzo. „Wie sehr ihr Verhalten den anderen verletzt, fällt narzisstisch gestörten Menschen gar nicht auf“, berichtet Leibovici-Mühlberger.
Und wie steht es um den Mingle-Partner wie z. B. Doris, die wegen der Kränkung schließlich psychotherapeutische Hilfe suchte? „Derjenige trägt oft eine tiefere Sehnsucht nach Bindung in sich und ist damit psychisch meistens der Gesündere“, erklärt die Expertin. Da es der Beziehung an Vertrauen, Verbundenheit und Liebe mangelt, erlebt, wer auf einen Mingle hereingefallen ist, viel Frustration. Oft komme es, etwa wenn man quasi abserviert wurde, zu „einer depressiven Einbunkerung“, betont die Expertin. „Die Betreffenden ziehen sich zurück, unterdrücken oder betäuben den Schmerz zum Beispiel mit Drogen. Sich später auf einen neuen Partner einzulassen, wird schwierig.“ Auch kann der oder die Betreffende sich ebenfalls mit dem „Mingle-Virus“ infizieren: Wer ein paar Mal durch einen gefühlstauben Liebespartner verletzt worden ist, läuft Gefahr, in Beziehungen auch keine Nähe mehr zuzulassen. Einer Studie der Singlebörse „Parship“ zufolge sind schlechte Erfahrungen für ein Drittel der 30- bis 49-jährigen Singles der Grund, keine feste Bindung mehr eingehen zu wollen. Und selbst wenn beide Partner Mingle sind, sind Verletzungen programmiert, da sich früher oder später einer der beiden meist nach mehr Verbindlichkeit sehnt.

Prinzen und Prinzessinnen

Jene „Mingles“ – Männer wie Frauen – die eine Beziehung eingehen und Kinder bekommen, „vererben“ ihre Einstellung sogar an den Nachwuchs. „Aus Narzissten werden narzisstische Elternteile, die ihre Kinder als Verlängerung ihres Egos erleben und alles Mögliche – Leistung, Erfolg, ein bestimmtes Aussehen – auf sie projizieren“, erläutert Leibovici-Mühlberger. „Diese werden zu kleinen Prinzessinnen und Prinzen der Konsumgesellschaft erzogen, für die nur das Beste gut genug ist.“ Die Folgen sind fatal: „Die Kinder fühlen sich nicht wirklich geliebt. Dieser Mangel an Liebe und Erkannt-Werden ist das Grundtrauma der narzisstischen Störung“, warnt die Medizinerin. „Eine ganze Generation Kinder wächst jetzt damit heran.“

Hingabe statt Angabe

Wie der Entwicklung Einhalt gebieten? Wie dem grassierenden Egoismus einen Riegel vorschieben? Statt den Applaus anderer zu suchen, sollte man sich vor allem wieder auf sich selbst besinnen – allerdings nicht im egoistischen Sinn: Es gilt, sich anzunehmen, wie man ist. „Es braucht Hingabe statt Angabe“, ergänzt die Psychotherapeutin. „Und es braucht Mut: Mut zur Begegnung, Mut auf sein Herz zu vertrauen und sich einzulassen.“ Wieder bei der „Urkraft Liebe“ anzudocken bedeutet weiters, Schmerzen, Enttäuschung und Veränderungen zu akzeptieren. Der emotionale Einsatz lohnt sich: „Das Einzige, was uns in Wirklichkeit positiv antreibt, ist die Liebe“, unterstreicht die Medizinerin. Wie gut innige Bindungen unserer Gesundheit tun, bestätigen viele wissenschaftliche Untersuchungen, z. B. aus der Neurobiologie, wie Leibovici-Mühlberger betont: „Wir sind dann psychisch und physisch am gesündesten, wenn wir uns dem Lieben aussetzen.“    

Buchtipp:

Leibovici-Mühlberger
Diagnose Mingle
Warum wir nicht mehr lieben.
Wie wir wieder lebendig werden.
ISBN 978-3-99001-0990
166 Seiten, € 14,90
2014, edition a, Wien

Stand 07-08/2015

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