Alkoholsucht

Juni 2015 | Psyche & Beziehung

Die neue Krankheit der Frauen
 
Mehr als 700.000 Österreicher trinken regelmäßig so viel Alkohol, dass ihre Gesundheit in Gefahr ist, fast 350.000 gelten als alkoholkrank. Waren
lange Zeit deutlich mehr Männer von der Sucht betroffen, so greifen heute immer mehr Frauen zur Flasche.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Zwei zu eins – so steht das Geschlechterverhältnis beim gesundheitsgefährdenden Konsum von Alkohol heute. Das heißt, auf zwei alkoholkranke Männer kommt eine alkoholkranke Frau. Vier zu eins stand es diesbezüglich noch vor 30 Jahren. Wie ist es zu dieser Verdoppelung des Frauenanteils gekommen? „Dazu gibt es verschiedene Erklärungsansätze“, weiß Univ. Prof. Dr. Gabriele Fischer, Expertin für Suchtforschung und -therapie an der Medizinischen Universität Wien. So nimmt man an, dass Frauen generell mehr Alkohol als früher trinken, weil das mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert – und im Berufsleben oft sogar noch geschürt wird: „Frauen müssen vielfach mittrinken, um in ein Team integriert zu werden und integriert zu bleiben“, kennt Fischer die Problematik.
Als weiterer Grund für die Zunahme gilt laut der Expertin die erhöhte Mehrfachbelastung: Frauen werden heute vielfach erst später Mütter und haben dann neben Beruf, Haushalt und Erziehung von kleineren Kindern oft noch ältere und pflegebedürftige Verwandte zu versorgen. „Der Alkohol wird von diesen Frauen als Kompensation von Erschöpfungszuständen eingesetzt“, so Fischer. Immer mehr älteren Frauen, die alleine leben, begegnen hingegen ihrer Einsamkeit mit verstärktem Alkoholkonsum. Schließlich führt noch die Zunahme an Depressionen und Angststörungen vor allem bei Frauen dazu, dass sie versuchen, sich mit Alkohol quasi selbst zu therapieren, was aber laut Fischer „mittel- und langfristig nur dazu führt, dass sich die psychischen Probleme noch verstärken“.

Alkohol für Frauen gefährlicher
Anders als Männer gehen Frauen der Sucht nach der Volksdroge eher im Verborgenen nach. Sie schreitet bei ihnen auch schneller voran, die tägliche Dosierung von Alkohol wird rascher gesteigert.
Und das ist fatal, warnt Fischer: „Alkohol ist ein Zellgift, das für Frauen gefährlicher ist, da es signifikant früher Schäden als bei Männern verursacht, die vergleichbare Mengen trinken.“ Zu diesen Schäden zählen Herz-Kreislaufleiden, Magenprobleme, Lebererkrankungen, aber auch psychische Beschwerden wie eine Verschlechterung von Depressionen oder Angststörungen, auch Verwirrtheitszustände. Hauptsächlich aus Scham suchen die meisten betroffenen Frauen erst spät ärztliche Hilfe, oft nehmen sie sogar Beschwerden lange Zeit hin.

Neues Medikament gegen das Verlangen
Fischer rät alkoholkranken Frauen dringend, Hemmungen zu überwinden und mit einem Arzt über ihre Krankheit zu sprechen, „denn je früher die Therapie einsetzt, desto besser wirkt sie“. Nach den Erfahrungen Fischers besteht die beste Hilfe in einer Psychotherapie, kombiniert mit einer medikamentösen Behandlung. Seit kurzem erhältlich sind Tabletten mit dem Wirkstoff Nalmefen, die – bei Bedarf genommen – das Verlangen nach Alkohol reduzieren können.
Kontrolliertes, maßvolles Trinken ist das Ziel, das in der Therapie von Alkoholkranken heute oft angestrebt wird. „Für manche Betroffene ist es aber besser, völlig abstinent zu bleiben, um nicht rückfällig zu werden und wieder in die Sucht zu schlittern“, sagt Fischer. Besonders für Frauen hilfreich sei laut der Expertin darüber hinaus der Anschluss an eine Gruppe ebenfalls Betroffener: „Dort finden sie Rückhalt, Verständnis und ein offenes Ohr für Probleme, und das ist wichtig für sie.“

WEBTIPPs
Informationen über Alkoholsucht und Hilfe für Betroffene:
Anton Proksch-Institut: www.api.or.at
Suchthilfe Wien (Alkohol 2020): www.suchthilfe.at
Anonyme Alkoholiker: www.anonyme-alkoholiker.at

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