Hobbys: Gesund durch Sammeln, Singen, Spielen, Stricken

März 2015 | Psyche & Beziehung

Sei es bei der Gartenarbeit oder der Chorprobe, beim Kartenspielen mit Freunden oder Werken im Hobbykeller: Wer ein Steckenpferd hat, weiß, wie gut es sich anfühlt, dem Alltag entfliehen und in einer anderen, seiner eigenen Welt versinken zu können. Hobbys sind aber weit mehr als ein erfüllender Zeitvertreib: In der leistungsorientierten Gesellschaft von heute ist es wichtiger denn je, in der Freizeit aus purer Lust und Freude einer Beschäftigung nachzugehen, wie Psychiater betonen. MEDIZIN populär listet die Top Ten der besonders gesunden Hobbys auf.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Als „hobbylos“ bezeichnen Jugendliche heute jemanden, den sie für langweilig befinden. Der Wichtigkeit von Hobbys trägt der Jugendjargon damit nur ansatzweise Rechnung: Wer mit seiner Freizeit nichts oder wenig Sinnvolles anzufangen weiß, hat nämlich mit noch weitaus schwerwiegenderen Problemen als Langeweile zu kämpfen: Wer kein Hobby hat, dessen psychische Gesundheit steht auf dem Spiel.
Warum Hobbys einen derart wichtigen Einfluss auf unsere Psyche nehmen? Sie bereiten uns Freude, bringt es Prim. Dr. Manfred Stelzig, Leiter des Sonderauftrags für Psychosomatik der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, auf den Punkt: „Beim Ausüben eines Hobbys werden automatisch positive Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin frei. Es stellt sich ein Gefühl von Beschwingtheit ein und eine Leichtigkeit.“ Diesen Seinszustand suchen und brauchen wir. Schließlich leben wir alle (auch) nach dem Lustprinzip, wie DDr. Adelheid Gassner-Briem, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeutin in Feldkirch in Vorarlberg, betont. „Wir wollen Lust am Leben haben. Alles, was dazu beiträgt, hebt das Lebensgefühl – und Hobbys tragen ganz wesentlich dazu bei.“

Aus eigenem Antrieb

In der Natur von Hobbys liegt außerdem, dass man sie – im Gegensatz zu all den Pflichten – freiwillig und aus eigenem Antrieb ausübt. Dies sei entscheidend für ihre Wirksamkeit, sind sich die Experten einig: „Sich eine Beschäftigung selbst aussuchen und regulieren zu können, nicht fremdbestimmt zu sein, ist wichtig für das Wohlergehen“, betont Manfred Stelzig. Selbstbestimmtheit ist zugleich eine wichtige Vorbeugung gegen Erschöpfung und Burn-out.
Umgekehrt gilt das abnehmende Interesse an Freizeitaktivitäten als Alarmsignal: „Es ist erwiesen, dass im Zuge eines Burn-outs vormals wichtige Dinge immer seltener gemacht werden“, so Stelzig. „Plötzlich ist dann keine Zeit mehr um wie früher auf den Berg zu gehen, zu musizieren oder regelmäßig mit Freunden zu kegeln.“ Menschen, die ihre Hobbys plötzlich vernachlässigen, „verlieren damit eine Kraftquelle. Weil Hobbys mit Freude und Lust verbunden sind, sind sie ein wichtiger Schutz vor Depressionen“, ergänzt Adelheid Gassner-Briem.

Kraftquellen in Krisenzeiten

Ein Hobby zu betreiben verlangt zwar Engagement und Zeit – doch die Investition zahlt sich aus: Man gewinnt neue Energien und erschließt sich Kraftquellen, die auch durch Krisenzeiten zu tragen vermögen. „Wichtig ist, dass man sich frühzeitig darum bemüht“, betont Stelzig. „Auch sollte man mehr als nur ein Hobby haben.“ Wer auf verschiedene Steckenpferde setzt – z. B. einen Tanzkurs besucht, regelmäßig Tischtennis spielt, gern liest und strickt – erhöht die Chancen, psychisch und körperlich fit zu bleiben – und betreibt effektive Gesundheitsvorsorge. Hobbys spielen als Ausgleich zu Ausbildung und Arbeit, aber auch im Alter eine Rolle. „Weil sie ein gewisses Training des Gehirns fördern, kann man damit auch einer Demenzerkrankung vorbeugen“, weiß Gassner-Briem.

Fernsehen als Sackgasse

Was raten Experten den vielen „Hobbylosen“, die nichts mit ihrer Freizeit anzufangen wissen? „Man sollte sich fragen, was man früher gern gemacht hat“, nennt Manfred Stelzig einen wichtigen Anhaltspunkt. In der Kindheit und Jugend werden noch deutlich häufiger Hobbys gepflegt, mit dem Zuwachs an Aufgaben geraten sie aus dem Blickfeld. Anstatt die Gestaltung der Freizeit aktiv in die Hand zu nehmen, übernimmt die Flimmerkiste das Kommando. „Abends sitzt man vor dem Fernseher und konsumiert. Man fühlt sich müde, total fertig und schafft gar nichts mehr“, beschreibt Stelzig die Sackgasse. Mehr als die Hälfte der regelmäßig ausgeübten Freizeitbeschäftigungen besteht aus passivem Medienkonsum, weiß man am Wiener Institut für Freizeit- und Tourismusforschung. Eine alarmierende Situation, denn: „Fernsehen ist der Tod der Hobbys“, warnt Gassner-Briem. „Das Gehirn wird zunehmend passiv, die Kreativität erlischt.“

Passende Hobbys finden

In uns stecken viel mehr Fähigkeiten und Talente als wir ahnen, macht Gassner-Briem Mut. Um sie zu entdecken, sei es sinnvoll, „dieses und jenes zu ausprobieren und sich vorurteilsfrei zu fragen: Liegt mir das?“ regt die Expertin an. Auch in verschiedenen Vereinen – ob Faschingsgilde, Musik-, Kegel- oder Schwimmverein – könnte man sich umsehen. „Wenn man ein Hobby in einem Verein ausübt, ist man außerdem in eine Gemeinschaft eingebunden“, verweist die Psychiaterin auf den gesunden Zusatzeffekt sozialer Kontakte.
Ob man sich für Line-Dance begeistert, für das Sammeln von Radiergummis oder für „Cluedo“-Spieleabende: Erlaubt ist, was gefällt und Freude macht.

1. Garteln:
Natur als Therapeut

Beeren pflücken, Beete jäten, Bäume pflanzen: Das Werkeln im Garten lässt viele aufblühen. Nicht nur der Körper (u. a. sind Blutdruck, Immunstatus, Atemvolumen, Hirnstromaktivitäten verbessert), auch die Psyche profitiert. Das Ackern in freier Natur ist etwa eine wirksame Vorbeugung gegen Burn-out. Man gewinnt Gestaltungs- und Handlungsspielräume – etwas, das im Berufsleben viele vermissen: Man plant und gestaltet selbstbestimmt ein Fleckchen Erde und freut sich, wenn die Saat aufgeht. Das gemächliche Wachstum in der Natur regt auch dazu an, das eigene Tempo zu drosseln – Balsam für Geist und Psyche. Man wird ruhiger, Stress und Anspannung lassen nach. Hobbygärtner haben darüber hinaus mehr Sozialkontakte, denn: Im Freien ist man gesprächiger und zugänglicher als drinnen.

2. Kochen und Backen:
Experimente am Herd

Ob man Himbeermarmelade einkocht, ein neues Rezept für Bananenschnitten ausprobiert oder ein komplettes thailändischen Menü zaubert: Wer regelmäßig voller Freude den Kochlöffel schwingt, wer gerne brät, bäckt und kulinarisch experimentiert, baut Stress ab, schmeichelt den Sinnen und stärkt die Seele. Bei vielen werden zudem positive Kindheitserinnerungen wach, z. B. daran, wie man mit Mama Kuchen oder Kekse gebacken hat. „Nahezu jeder erinnert sich daran, wie man das erste Mal Kekse ausstechen oder Vanillekipferln formen durfte“, so Psychiater Stelzig. Werden die kulinarischen Elaborate im Familien- und Freundeskreis aufgetischt, stärkt dies – im Normalfall – auch die sozialen Bindungen. Die positive Auseinandersetzung mit Nahrung und das Trainieren der Genussfähigkeit helfen außerdem, Suchterkrankungen (z. B. Esssucht) vorzubeugen.

3. Spielen:
Freude als Gewinn

„In der Kindheit ist Spielen der zentrale Glücksbringer“, betont Manfred Stelzig. Und auch später wollen viele den angeborenen Spieltrieb ausleben – zum Beispiel bei Spielabenden im Freundeskreis. „Beim Spielen geht es nicht um Leistung, sondern darum, miteinander Freude zu haben, sich verbunden zu fühlen und gemeinsam ausgelassen zu sein“, nennt Stelzig die entscheidenden Qualitäten. „Bei der konfliktfreien spielerischen Begegnung werden Endorphine und das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Das bewirkt auf biochemischer Ebene Gefühle von Wärme, Glück und Verbundenheit.“ Auch die Plastizität des Gehirns verändert sich beim Karten-, Schach- oder Halma-Spielen: Die Lernleistung lässt sich ebenso verbessern wie das abstrakte Denken.    ‘

4. Lesen:
Kraft der Geschichten

Lesen inspiriert, beflügelt und macht klug. Je nachdem, in welches Buch man eintaucht, können wir uns, frei nach Pippi Langstrumpf, unsere Welt gestalten, wie sie uns gefällt: „Nach der Lektüre eines Wissensbuchs stellt sich die Freude der Erkenntnis ein. Wissen macht uns nämlich glücklich, während Nichtwissen verunsichert“, betont Stelzig. „Und wenn man sich in einen Liebesroman vertieft, lassen sich gewisse emotionale Sehnsüchte befriedigen.“ Die positiven Auswirkungen belegen Ergebnisse aus der Spiegelneuronen-Forschung: „Man ist in das, was man liest, oft sehr positiv emotional involviert“, beschreibt es Psychiater Stelzig. Das habe günstige Folgen für Motivation und Lebenseinstellung der Leseratten. Lesen erweitert aber nicht nur den Horizont, es schützt auch vor Depressionen, wie eine Studie aus Pittsburgh zeigt.

5. Stricken, Häkeln, Nähen:
Heilsames Nadelklappern

Gibt es etwas Beruhigenderes als das Klappern der Nadeln oder das Surren der Nähmaschine? Handarbeiten – ob Stricken, Häkeln, Nähen oder Sticken – boomt und ist obendrein höchst gesund. Studien zufolge senkt Handarbeiten die Pulsrate und den Blutdruck; negative Gedanken lösen sich auf, Körper und Geist entspannen sich. Es hat sich gezeigt, dass Stricken oder Häkeln die Vernetzung neuronaler Zellen im Gehirn fördert.
Das wiederum senkt das Risiko für Alzheimer­Demenz.
Die Heilkraft der Maschen und Stiche wirkt außerdem günstig auf das logische Denken und stärkt das Selbstvertrauen. Eine kanadische Studie
mit Magersüchtigen zeigte zudem, dass durch das Stricken Ängste abnehmen und sich ein Gefühl von Zufriedenheit einstellt.

6. Sporteln:
Glücksbringer Aktivität

Line-Dance, Inlineskaten, Schwimmen, Fußball: Extra-glücklich sind jene, die eine oder mehrere Sportarten zu ihren Hobbys zählen. „Sport tut uns gut, er fördert die körperliche und psychische Gesundheit“, sagt Manfred Stelzig. Sporteln senkt Stress und beschert uns durch die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen ein Flow-Gefühl, auch als Runner’s High bekannt. „Viele Studien belegen, dass Sport vor allem in der Pubertät einen wichtigen Stellenwert punkto Suchtprophylaxe hat“, ergänzt Adelheid Gassner-Briem. „Er sollte deshalb zusätzlich zu anderen Hobbys ausgeübt werden.“ Sich sportliche Ziele zu setzen und Erfolgserlebnisse zu verbuchen, löst Glücksgefühle aus, welche sogar die Symptome einer Depression lindern können. Bei Krebspatienten wirkt sich Sport erwiesenermaßen „positiv auf die Lebenszeit und ganz besonders auf die Lebensqualität aus“, ergänzt Stelzig.

7. Rätseln:

Ansporn fürs Gehirn

Sudoku, Kreuzworträtsel, Computerspiele: Rätseln hilft, den Geist zu fokussieren und den Kopf leer zu machen. Das Tüfteln an einer Denksportaufgabe ist außerdem Gehirnjogging vom Feinsten, so lange es nicht automatisiert erfolgt. Indem man das Gehirn vor immer neue Herausforderungen stellt, beugt man einer Demenzerkrankung vor, auch das Selbstbewusstsein erstarkt: „Wenn man die Lösung gefunden hat, ist dies ein absoluter Glücksmoment“, beschreibt Stelzig den besonderen Reiz. Die klar vorgegebenen Aufgaben unterscheiden sich zudem wohltuend von den oft unklaren Aufträgen im Job; auch die eigene Fähigkeit zur Problemlösung können manche am Arbeitsplatz nicht ausreichend unter Beweis stellen. „Beim Rätseln findet man selbst Lösungen in einer kleinen Welt, die man selber bestimmen kann“, beschreibt Stelzig die gesunden Rahmenbedingungen.      ‘

8. Sammeln:
Beglückende Schatzsuche

Antiquitäten, Briefmarken, Bierdeckel, Comics, Modellautos, Radiergummis, Schmuck: So unterschiedlich die Objekte der (Sammel-)Begierde sind, für den Sammler ist jeder Neuzugang ein Glückstreffer. Es wird gestöbert, recherchiert und inseriert – auf Flohmärkten, in Antiquitätenläden, im Internet. Das Suchen und der Moment des Entdeckens sorgen für Begeisterung und Freude. Etwas zu sammeln, was dem eigenen, speziellen Interesse entspricht, bietet eine wunderbare Möglichkeit des Selbstausdrucks. „Man genießt das Sich­Präsentieren mit der Sammlung und die Freude darüber zu teilen“, erklärt Stelzig. Sammeln sei etwas „sehr Individuelles und hat oft mit der eigenen Lebensgeschichte zu tun“, ergänzt Gassner-Briem.

9. Singen, Musizieren:
Hochstimmung nach Noten

Sie singen im Gospelchor oder spielen in einer Band Bassgitarre? Wunderbar! Musik berührt, weckt schöne Erinnerungen und verändert auf diesem Weg die Stimmung in eine positive Richtung. Man weiß, dass das Singen ausgleichend wirkt; es reduziert Stress, Aggressionen, Ärger und macht kontaktfreudiger. Erfolgserlebnisse – der ausdrucksstark vorgetragene Kanon, die fehlerfrei gespielte Klaviersonate – steigern das Selbstbewusstsein. Mit dem Singen und Musizieren hat man nicht nur die Möglichkeit zum Selbstausdruck, sondern auch ein Ventil für Spannungen.
Nicht zuletzt wirkt Musik auf das Belohnungszentrum im Gehirn: Endorphine werden ausgeschüttet, die Aktivität unseres Angstzentrums, des Mandelkerns (Amygdala), wird herabgesetzt.

10. Werkeln, Zeichnen, Malen:
Kreativität als Medizin

Wer regelmäßig den Hobbykeller aufsucht – ob für Laubsägearbeiten, das Zimmern von Bücherregalen, das Schnitzen kleiner Skulpturen – baut damit Stress ab und findet zur Ruhe. Wie auch das Backen oder Nähen ruft das Werkeln bei einigen positive Kindheitserinnerungen hervor: „Man erinnert sich daran, wie man mit dem Vater ein Regal oder einen Hasenstall gebaut hat“, weiß Stelzig.
Ähnlich positive Effekte verbucht, wer sich mit Pinsel oder Bleistift kreativ betätigt. Nicht ohne Grund wird Kunst auch im Rahmen von Therapien eingesetzt: Beim Malen, Bildhauern oder Fotografieren werden Gefühle und Gedanken ausgedrückt und die sinnliche Wahrnehmung verbessert. Das Bild oder Werkstück, das später die Wohnung ziert, erfreut ein Leben lang.    

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Glück zum Angreifen: Handwerken im Trend

Die Sehnsucht nach „handgreiflichen“ Hobbys wächst: Wir wollen etwas mit den eigenen Händen schaffen, beim Garteln, Stricken oder Werkeln – sei es Marmelade, eine Weste oder ein Regal. „In unserer zunehmend virtuell funktionierenden Welt ist es besonders anregend, etwas zu produzieren, bei dem man einen direkten Erfolg und ein konkretes Ergebnis vor sich hat“, erklärt sich der Psychiater Prim. Dr. Manfred Stelzig den Trend.
Handwerkliches Schaffen stelle außerdem „ein Gegengewicht zur zunehmenden Kopflastigkeit in der Gesellschaft dar“, beobachtet die Psychiaterin DDr. Adelheid Gassner-Briem. Kreativ sein, etwas Neues und Eigenes zu schaffen, mit dem man sich identifizieren kann, belebt – man fühlt sich lebendig und ganz bei sich. „Wenn wir mit Leidenschaft einem Hobby nachgehen, sind wir wie kleine Kinder beim Spielen: Wir sind ganz präsent und konzentriert“, beschreibt es die Fachfrau. Die Präsenz im Hier und Jetzt, die Hingabe an die jeweilige Tätigkeit, bewirkt ein Flow-Erlebnis, und das ist „die Essenz von Hobbys“, betont die Psychiaterin.

Stand 03/2015

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