Krank vor Angst

November 2015 | Psyche & Beziehung

So entkommt man den Fängen der Furcht
 
Die Terroranschläge in Paris, das Leid der Flüchtlinge, Umweltkatastrophen, Wirtschafts- und Finanzkrisen: Die Probleme rund um den Globus werden scheinbar immer mehr und die Schlagzeilen liefern täglich neue Gründe für Besorgnis und Verunsicherung. Viele bekommen es mit der Angst zu tun. Sie fürchten sich vor einer ungewissen Zukunft, vor Gewalterfahrungen, dem Jobverlust – Ängste greifen zunehmend um sich. Bei einigen werden sie sogar zur Krankheit: Immerhin jeden Vierten trifft im Lauf des Lebens eine Angststörung. Experten über die Ursachen krankhafter Angst und wie man den Fängen der Furcht entkommt.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

David T. (*) ist 18 und hat gerade die Matura mit Auszeichnung bestanden. Er ist gescheit und vielseitig begabt. Ob er studieren möchte? Und was? Ob er zum Bundesheer gehen oder lieber Zivildienst leisten möchte? So sehr Eltern,Freunde und Bekannte sich für die Zukunftspläne des Burschen interessieren – an David prallt alles ab. Den Jugendlichen nehmen massive Ängste in Beschlag, aktuell fürchtet er einen vernichtenden terroristischen Anschlag. Die Angst ist so groß, dass ihm alles andere – Freunde, Familie, Fußball unwichtig geworden ist. „Das macht eh alles keinen Sinn“, sagt er düster. Oft sitzt er tagelang wie gelähmt in seinem Zimmer und starrt an die Decke. Was ihm tatsächlich das Leben zur Hölle macht? „Eine schwere Angststörung“, sagt sein Psychotherapeut, MMag. Alexis Konstantin Zajetz aus Salzburg.

Hohes Angstlevel

Natürlich birgt das Leben unzählige Gefahren – ein Umstand, der verunsichern und Ängste auslösen kann. Dass diese heutzutage immer mehr werden, ist Experten zufolge auch ein gesellschaftliches Phänomen: Wir leben in einer Angstgesellschaft. Die Medien spielen dabei eine wesentliche Rolle: Im Sekundentakt liefern sie uns die neuesten (Schreckens-)Meldungen aus der ganzen Welt. „Solche Nachrichten vermitteln uns ständig, dass etwas Schlimmes, Unbeherrschbares und oft ursächlich nicht Begreifliches geschieht“, erklärt Zajetz, warum das allgemeine Angstlevel steigt und steigt.
Um eine Angsterkrankung auszulösen, braucht es allerdings mehr als schlechte Nachrichten – meist treffen gleich mehrere Faktoren aufeinander. Wenn man sich etwa wie David in einer Umbruchphase befindet, ist das Erkrankungsrisiko erhöht, erklärt die Psychiaterin Univ. Prof. Dr. Barbara Sperner-Unterweger. „Unsicherheiten können dazu führen, dass vermehrt Ängste auftreten.“ Das Selbstbild ändert sich und plötzlich wird vieles in Frage gestellt: Wo ist mein Platz? Wohin entwickle ich mich? Welchen Stellenwert haben Familie und Freunde?
Die Zeiten des Umbruchs – ob Pubertät oder Wechsel – sind außerdem von hormonellen Veränderungen begleitet, die den Organismus ebenfalls destabilisieren können. Auch während der Schwangerschaft und rund um die Geburt sei das Risiko für „psychische Auffälligkeiten und Ängste“ erhöht, betont Sperner-Unterweger, die die Universitätsklinik für Psy­chosomatische Medizin in Innsbruck leitet.

Empfindlch gegen Stress
Neueren Forschungen zufolge spielt Stress ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Ängsten. Ob man eher unbeschwert oder eher sorgenvoll durchs Leben geht, habe demnach auch mit einer „angeborenen oder erworbenen Anfälligkeit für Stress“ zu tun, betont Sperner-Unterweger. Bei einer erhöhten Empfindlichkeit komme es zu Veränderungen im vegetativen Nervensystem, den Stresshormon-Achsen. Ist die erhöhte Empfindlichkeit nicht angeboren, kann sie zum Beispiel durch das Fehlen sicherer Bindungen in der Kindheit entstanden sein. Diese Stressempfindlichkeit kann „längerfristig oder sogar lebenslang bestehen und das Entstehen einer Angsterkrankung fördern“, warnt Sperner-Unterweger.

Entspannen und abgrenzen
Was stressempfindliche Menschen für sich tun können? „Hilfreich ist alles, was das vegetative Nervensystem stabilisiert“, betont die Psychiaterin. Besonders wichtig ist regelmäßiger Ausdauersport, auch Hobbys (Malen, Tanzen etc.) können zur Entspannung und Stressreduktion beitragen. Ängste könnten dadurch zwar nicht verhindert, aber zumindest abgefedert werden.
Psychotherapeut Zajetz plädiert außerdem für ein „gezieltes Angstmanagement“: Um sich etwa von schrecklichen Meldungen abzugrenzen, empfiehlt er empfindlichen oder sensiblen Menschen, „den Nachrichtenkonsum herunterzuschrauben und sich auf jene Dinge zu konzentrieren, die man beeinflussen kann.“ Statt den Spätnachrichten lauscht man vor dem Einschlafen besser entspannender Musik. Das Gefühl von Sicherheit kann man zusätzlich stärken, indem man sich der guten Dinge im eigenen Leben versichert: einer liebevollen Beziehung, guten Freunden, einem tollen Job.

Schwacher Angstmanager

Ob man ein erhöhtes Risiko für eine Angststörung hat, hängt nicht nur mit einer erhöhten Verletzlichkeit, sondern womöglich auch mit jenen Erfahrungen zusammen, die man als Kind gemacht hat, wenn man sich fürchtete. Über die Jahre entwickelt sich daraus ein Persönlichkeitsanteil, der bei Angst aktiv wird und den Zajetz als „inneren Angstmanager“ bezeichnet. „Wir nehmen diese Reaktionen auf Angst als innere Stimme war“, präzisiert Zajetz. Mögliche Gründe für Managementdefizite: Wenn man als Kind in Angstsituationen nicht ernst genommen oder unterstützt wurde, tut man sich später schwerer, sich in angstmachenden oder bedrohlichen Situationen selbst zu beruhigen. Um herauszufinden, wie gut der eigene Angstmanager arbeitet, sollte man der inneren Stimme lauschen. Sagt sie in angstbesetzten Situationen „Du Angsthase!“ oder „Du schaffst es!“?

Starker Leidensdruck
Prinzipiell ist kein Mensch gänzlich frei von Ängsten – und das hat seinen Sinn: Angst ist ein normales Gefühl und hat eine wichtige Alarmfunktion bei Gefahren. Wenn sie jedoch, wie bei David, alle Lebensbereiche vereinnahmt, hat sie das normale Maß weit überschritten und ist zur – behandlungsbedürftigen – Krankheit geworden.
So wie körperliche Wunden, heilen auch psychische umso besser, je früher man sie versorgt. Angsterkrankungen bleiben allerdings oft sehr lange unerkannt: Körperliche Symptome – Atemnot, Herzrasen, Hitzewallungen, Schwindel etc. – stehen oft stark im Vordergrund, sodass niemand an eine Angsterkrankung, sondern vielmehr an eine akute körperliche Erkrankung denkt. Die Betroffenen sind „Stammgäste“ in der Notaufnahme oder beim Kardiologen, die geschriebenen EKGs könnten ein Buch füllen. Die Bestätigung, dass sie körperlich gesund sind, erleichtert die Betroffenen keineswegs: Da sie weiterhin an unerklärlichen Symptomen leiden, verstärkt sich die Unsicherheit: Was fehlt mir dann wirklich? Der Leidensdruck ist groß.

Monster der Angst
Ohne es zu bemerken, beginnt ein Teufelskreis, warnt der Psychiater Dr. Peter Berger, der die Panikambulanz am Wiener AKH leitet: „Die Angst wird immer größer, sie wächst gleichsam zu einem Monster heran.“ Mit der Angst vor der Angst setzt – unbewusst – ein fatales Vermeidungsverhalten ein. Ein Beispiel: Sind die körperlichen Symptome einer Angstattacke erstmals beim Einkaufen aufgetreten, will man vielleicht keinen Supermarkt mehr betreten, weil man einen Zusammenbruch fürchtet – 1:0 für die Angst. Mit dem Vermeiden stärkt man die falsche Überzeugung, Einkaufen sei gefährlich, die Angst steigt weiter. Man isoliert sich zunehmend, der Aktionsradius wird immer kleiner, die Not immer größer: Einige gehen aus Angst vor der Angst gar nicht mehr außer Haus, andere versuchen, sich selbst zu „behandeln“– sei es mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln: Suchterkrankungen sind eine mögliche Folge einer nicht therapierten Angststörung, auch Schlafstörungen oder Depressionen stehen in Zusammenhang mit krankhaften Ängsten. Damit nicht genug: Ist eine Angststörung erst chronisch geworden, sprechen die Betroffenen auf eine spätere Therapie deutlich schlechter an.

Verständnis statt Kontrolle

Wege aus der Angst? Entgegen der Meinung vieler seiner Patienten, gehe es nicht darum, sich ganz allein der maximalen Angst zu stellen, betont Psychotherapeut Zajetz. Der Weg heraus bestehe vielmehr aus kleinen Schritten. Wer Angst hat, über eine Brücke zu gehen, sollte sich nicht um jeden Preis hinüber zwingen. „Im Gehirn wird dann erst Recht „Panik“ und „Brücke“ abgespeichert und die Angst verstärkt sich“, sagt Zajetz. Besser, man nimmt sich kleine (Fort)Schritte vor – etwa die ersten fünf Meter der Brücke. Mit dem Erfolgserlebnis wächst das Vertrauen, mit der Angst umgehen zu lernen.
Ziel ist schließlich nicht, die Angst zu kontrollieren, sondern ihr Wesen zu verstehen. Viele sind sehr erleichtert, wenn ihnen klar wird: Die bedrohlichen Symptome wie Schwindel oder Schweißausbruch kommen nicht aus heiterem Himmel, sondern sind die typischen Begleiter der Angst. Die Angst vor der Angst lässt nach, wenn man sich der eigenen – falschen – Einstellungen und Überzeugungen bewusst wird. „Indem man sich mit der Angst wirklich auseinandersetzt, verliert sie allmählich ihre Macht“, macht Berger Mut. Diese Auseinandersetzung geschieht etwa im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie, die zu den wirkungsvollsten Behandlungsmethoden von Angststörungen zählt. Man kommt wieder in die Lage, sich mit den vermeintlich gefährlichen Situationen zu konfrontieren.

Ein neues Drehbuch  

In der Fantasie oder Realität begibt man sich erneut in die angstbesetzte Situation, wobei sich das Erleben nach und nach verändert: Bei der Konfrontationstherapie, einer Methode aus der Verhaltenstherapie, schreibt man gleichsam das alte Drehbuch der Angst um. Man betritt also wieder den Supermarkt, bemerkt das Herzklopfen, die feuchten Hände, wandert dennoch unbeirrt zur Obst- und dann zur Brotabteilung und erledigt die Einkäufe. An der Kassa stellt man fest, dass man den Einkauf nicht nur ohne Zusammenbruch überstanden hat, es liegen auch alle Lebensmittel der Einkaufsliste auf dem Förderband. „Die ursprüngliche, mit dem Ereignis verbundene Angst tritt in den Hintergrund und die neue Kompetenz, die durch das Training erworben wird, in den Vordergrund“, erklärt Psychiaterin Sperner-Unterweger den heilsamen Vorgang. Die Sicherheit wächst, die Angst schwindet und mit der Zeit verringern sich die Symptome der Angst. Das hat nicht zuletzt günstige Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem: Puls und Atmung beruhigen sich, die Schweißbildung geht zurück.

Ängste überschreiben
Auf neurobiologischer Ebene bezeichnet man das Bewältigen von Ängsten als Extinktion (= Auslöschung): Erinnerungen an angsterzeugende Erfahrungen werden durch wiederholte positive Erlebnisse aber nicht wirklich ausgelöscht, sondern überschrieben. „Der aktive Umlernprozess führt zur Bildung einer neuen Gedächtnisspur, dem Extinktionsgedächtnis. Dieses unterdrückt den Abruf des Furchtgedächtnisses und damit die Angstsymptome“, erklärt Dr. Nicolas Singewald, Neurowissenschaftler und Pharmakologe an der Universität Innsbruck. Wer beispielsweise seit einem Wespenstich eine Insektenphobie hat, und danach viele problemlose Erfahrungen mit Wespen und Bienen macht, kann damit die Angst zunehmend durch Sicherheit ersetzen. Dass man auf bestimmte Ereignisse angstvoll reagiert, ist also nicht in Stein gemeißelt.
Entsprechend gut sind auch die Aussichten für den von Angst gebeutelten David: Dass der Maturant die Angsterkrankung schließlich überwinden wird, steht für den Psychotherapeuten Zajetz außer Frage. Auch schöpft David seit kurzem wieder aus einer Ressource: Schon zweimal war er seit Therapiebeginn wieder beim Fußballtraining.

(*) Name von der Redaktion geändert

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Die Gesichter der Angst:
Von Panik bis Phobie

Die Liste der Ängste ist endlos: Rund 80 verschiedene sind in der Literatur allein unter dem Anfangsbuchstaben „A“ bekannt: Sie umfassen exotische Befürchtungen wie die Angst, dass Erdnussbutter auf dem Gaumen kleben bleibt (Arachibutyrophobie) über die Angst, wütend zu werden (Angrophobie), bis hin zur Achluophobie, der Angst vor Dunkelheit.
Zwar sind Angststörungen weit verbreitet, Experten bezweifeln jedoch, dass sie tatsächlich zunehmen. Vielmehr werden sie heute besser und rascher diagnostiziert als früher – damals hat es im Durchschnitt sieben Jahre bis zur richtigen Diagnose gedauert. Jedenfalls steht fest, dass Angststörungen neben Depressionen die häufigsten psychischen Erkrankungen sind: „Rechnet man die spezifischen Phobien dazu, erkrankt jeder Vierte im Laufe des Lebens daran“, erklärt der Wiener Psychiater Dr. Peter Berger. Unterschieden werden die generalisierte Angststörung,  die Panikstörung sowie soziale und spezifische Phobien, wie zum Beispiel Tierphobien (Angst vor Hunden, Spinnen), situative Phobien (Angst vor Dunkelheit, engen Räumen) und die Blut- und Spritzenphobie.

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Aktuelles Forschungsprojekt:
Dopamin als „Angstlöscher“

Bei Angststörungen sind verschiedene Medikamente im Einsatz: Mit Antidepressiva wie den Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern, lassen sich Angstsymptome wirksam in den Griff bekommen. Die rasch angstlösenden Benzodiazepine wie zum Beispiel Valium sollten hingegen nur im Akutfall nach ärztlicher Verschreibung genommen werden.
Daneben werden weitere pharmakologische Möglichkeiten erforscht: Das Team um den Innsbrucker Neuropharmakologen Dr. Nicolas Singewald setzt jetzt bei dem Botenstoff Dopamin an. Dieser verstärkt das Extinktionslernen, also die Bildung einer neuen Gedächtnisspur im Gehirn. Dadurch kann bei Angstpatienten die Aktivität der Amygdala – sie ist das Zentrum des Angstnetzwerkes – gesenkt und Angstsymptome reduziert werden. „Die Ausschüttung von Dopamin lässt sich durch die Gabe von L-DOPA, einer Dopaminvorstufe, imitieren“, erklärt Singewald. Nachdem L-Dopa bei gesunden Studienteilnehmern das Extinktionslernen verbessern konnte, wird nun untersucht, ob das Mittel auch Angstpatienten hilft. Der neue Ansatz sei vielversprechend, sagt Singewald.

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Gelassen statt panisch
Fünf Tipps gegen die Furcht

  • Akzeptieren Sie Angst als normale Emotion und bewerten Sie Ängste nicht negativ.
  • Setzen Sie sich der Angst aus: Nur indem man sich mit der Angst konfrontiert, verliert sie die Macht. Sie zu vermeiden, verstärkt sie.  
  • Handeln Sie – trotz der Angst! Wenn Angst oder Panik aufkommen, nehmen Sie diese wahr und versichern Sie sich zugleich, dass Sie diese Situation meistern werden.
  • Schweißausbrüche, Schlafstörungen, Herzrasen, Schwindel, Benommenheit, Durchfall: Verstehen Sie die bedrohlichen Symptome als körperlichen Ausdruck Ihrer Angst.
  • Entlarven Sie negative, angstauslösende Gedanken und ersetzen Sie diese durch positive.

Stand 11/2015

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