Ob auf Papier oder am PC: Schreiben Sie Tagebuch!

April 2015 | Psyche & Beziehung

Ob als Mittel zur Selbstreflexion oder als Weg zur Selbstfindung:
Seit langem wird das Tagebuchschreiben als wertvolles, wohltuendes Ritual geschätzt. Aktuellen Studien zufolge soll das schriftliche Grübeln für die Psyche aber gar nicht so gesund sein. Ist da etwas dran?
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

„Das war heute wirklich nicht mein Tag: Iris ist immer noch krank, was mir im Büro wieder jede Menge Extraarbeit eingebracht hat. Die Kinder waren nachmittags total überdreht und dann hatte ich auch noch eine lange Diskussion mit Klaus wegen des Skiurlaubs. Jetzt bin ich wirklich streichfähig.“
Ob es sich um kleine Ärgernisse und Aufregungen des Alltags dreht, wie im Fall der 34jährigen Hanna, oder um einschneidende Erlebnisse oder Krisen, die zu Papier gebracht werden: Das Tagebuch ist vielen Menschen ein verschwiegener, treuer Begleiter. Selbst Berühmtheiten wie Johann Wolfgang von Goethe, Franz Kafka, Virginia Wolf oder Max Frisch haben nicht nur für ihre Leserschaft, sondern auch für sich geschrieben.
 
Was zu Buche schlägt

Die regelmäßigen Eintragungen tun gut, insbesondere, wenn sie unser Befinden und unsere Gefühle betreffen: „Tagebuchschreiben ist immer positiv“, betont DDr. Adelheid Gassner-Briem, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin in Feldkirch in Vorarlberg. „Die positiven Auswirkungen auf die Seele ergeben sich dadurch, dass man die eigenen Gefühle ausformuliert.“ Dieses Ausformulieren ist der erste wichtige Schritt, um über die eigenen Gefühle nachzudenken, zu reflektieren. „Die Selbstreflexion wiederum kann dazu führen, dass man sich seiner Gedanken und Gefühle klarer wird und sich manches im Leben und im aktuellen Tagesgeschehen klärt“, nennt die Medizinerin weitere günstige Folgen.
Sind in der Pubertät etwa die nervenden Eltern, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper oder eine nicht erwiderte Verliebtheit die vorrangigen Themen, so schlagen in späteren Jahren andere Themen zu Buche: Probleme in der Partnerschaft oder im Beruf, Sorgen um die Kinder. Was immer den Schreiber oder die Schreiberin beschäftigt – das Niederschreiben schärft das Bewusstsein für die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Werte – und damit für sich selbst. Zuweilen ergibt sich schon durch das Formulieren eine Lösung; falls nicht, hat man das Problem zumindest deponiert. Und wenn viele Gedanken, Sorgen oder Aufgaben im Kopf herumschwirren, kann das Aufschreiben helfen, Ordnung in die Gedankenwelt zu bringen und Prioritäten zu setzen.  
Als tägliches Ritual kann das Tagebuchschreiben obendrein bei der Stressbewältigung unterstützen und zum ausgleichenden Fixpunkt werden; es ermöglicht, sich zu sammeln, zur Ruhe und in die eigene Mitte zu kommen. „Man kann es ritualisieren und zum Beispiel mit einer Tasse Tee verknüpfen“, regt Gassner-Briem an. Rituale vermitteln uns Ruhe, Stabilität und Sicherheit.

Papier ist geduldig

Wer in einer akuten Krise steckt, hat mit dem Niederschreiben außerdem ein Ventil. „Ob es bei wirklich schweren Krisen als einzige Maßnahme ausreicht, ist die Frage“, zweifelt die Expertin. „Im Fall einer psychischen Krankheit hilft das Tagebuchschreiben als Teil einer Psychotherapie“, setzt Gassner-Briem fort, die ihren Patientinnen und Patienten das tägliche schriftliche Festhalten von Gefühlen, das Aufzeichnen von Tagesgeschehnissen, das Nachdenken über die Lebensgeschichte als zusätzliches Instrument in der Psychotherapie nahelegt. Ob man sich mit der eigenen Kindheit, dem Verhältnis zu den Eltern oder aktuellen Beziehungen auseinandersetzt: „Durch diese sehr genauen Beobachtungen verbessert sich die Selbstwahrnehmung“, erklärt Gassner-Briem.
Man lernt aber nicht nur, Gefühle und Gedanken auszuformulieren, sondern diese dann auch gleichsam abzulegen. „Papier ist geduldig, und das Tagebuch kann man zumachen“, nennt Gassner-Briem einen weiteren Vorteil. „Man schreibt etwas nieder – manches, das einen beschäftigt, muss man vielleicht fünfmal niederschreiben – und kann das Buch dann schließen.“
Die persönlichen Einträge sollte man zwar regelmäßig, am besten täglich, machen, doch selbst wer nur in Krisenzeiten zum Tagebuch greift, kann auf Erleichterung hoffen: „Einen positiven Effekt hat das Tagebuchschreiben immer; unklar ist jedoch, in welchem Ausmaß“, sagt die Medizinerin.

Schreiben in der Krise

Klar erwiesen ist hingegen, dass „mehr Menschen dann Tagebuch schreiben, wenn es ihnen nicht gut geht“, berichtet Adelheid Gassner-Briem. Aus diesem Grund hält die Expertin auch nichts von aktuellen Studien, wonach die schriftliche Grübelei kontraproduktiv oder gar gesundheitsschädlich sein soll: „Das Tagebuchschreiben kann und wird den Zustand eines Menschen nicht verschlechtern“, betont Gassner-Briem. „Was diese Studien nicht berücksichtigen, ist, dass wahrscheinlich sehr viele Menschen Tagebuch schreiben, weil es ihnen schlecht geht oder schlecht gegangen ist, bevor sie angefangen haben zu schreiben – und nicht umgekehrt. Eine Krise oder ein Trauma ist da oder nicht und wird nicht durch das Schreiben ausgelöst.“ Selbst die mit diesen Studien befassten Experten mussten einräumen, dass nicht geklärt werden konnte, was zuerst war: das Schreiben oder die Probleme.

Vom Schlüssel zum Code

Was außerdem feststeht: Die Mehrzahl startet in der Pubertät; und Mädchen und Frauen führen deutlich häufiger Tagebuch als Burschen und Männer. „Frauen haben mehr Bewusstheit über ihre Gefühle und sind von Kindheit an mehr darauf trainiert, über Gefühle zu sprechen. Dieses Niederschreiben ist eine Vorstufe des Darüber-Sprechens“, nennt Gassner-Briem mögliche Gründe für die Geschlechterdifferenz. „Männer teilen sich tendenziell emotional weniger mit und sprechen mehr über das Tun und weniger über das Fühlen.“
In der Pubertät werden diese Unterschiede besonders deutlich: „Mädchen führen das Tagebuch begleitend zu Gesprächen mit einer besten Freundin oder als Ersatzobjekt für diese beste Freundin, die man vielleicht nicht hat.“ Das zeigt auch der Fall einer der wohl bekanntesten Tagebuchschreiberinnen, der 13-jährigen Anne Frank, die ihre Einträge von ihren Erlebnissen während des Holocausts stets mit „Liebe Kitty“ begann. Das Büchlein mit Schlüssel mutet heute allerdings viele Jugendliche antiquiert an, sie schreiben Erlebtes lieber in geschützte Dokumente in PC oder Laptop – und dürfen mit denselben günstigen Effekten rechnen. „Egal, ob man in einen Computer oder ein Buch schreibt, das Tagebuchführen hat immer eine wichtige Funktion für die kommunikative Entwicklung und Psychohygiene“, betont die Fachfrau.  

Streng intim

Dass der Beginn des Tagebuchschreibens in die Phase der Pubertät fällt, ist im Übrigen kein Zufall: In dieser Zeit der Ablösung von den Eltern bauen die Jugendlichen eine eigene Identität auf, sie „entwickeln eigene Gedanken und Gefühle“, sagt Gassner-Briem. Genau dies findet Ausdruck im Tagebuch, „natürlich in der Hoffnung, dass niemand das liest.“ Denn obwohl es mittlerweile quasi öffentliche Tagebücher – etwa in Form von Blogs – gibt: Die persönlichen Aufzeichnungen sind eigentlich nur für den Schreiber und die Schreiberin gedacht und sollten für andere verschlossen bleiben. „Deshalb ist es ein totaler Vertrauensbruch, wenn beispielsweise Eltern ohne Einverständnis das Tagebuch ihrer Kinder lesen“, warnt Adelheid Gassner-Briem. Auch, wer zum Tagebuch der Partnerin oder des Partners greift, begeht damit eine massive Grenzüberschreitung. „Das Tagebuch ist ein Teil der Intimsphäre des Menschen und nicht umsonst mit einem Schlüssel oder mit einem Code-Wort im Computer versehen.“

Den Blickwinkel ändern

Gibt es Möglichkeiten die täglichen Eintragungen ganz gezielt für die persönliche Entwicklung zu nutzen? „Man könnte das Tagebuchschreiben im positiven Sinn als Ritual trainieren, indem man sich täglich fragt: Was hat mich heute besonders gefreut? Was ist mir heute gut gelungen? Womit habe ich heute mir und den anderen Gutes getan?“ regt Gassner-Briem an. Auf diese Weise könnten u. a. jene, die pessimistisch veranlagt sind, einen neuen Fokus in ihr Leben und den Alltag  bringen.  
Auch Hanna gelingt es dadurch noch, den Blickwinkel auf den vergangenen Tag zu verändern: „Das hätte ich beinahe vergessen: Der Chef hat sich heute persönlich für mein tolles Engagement bedankt. Klaus und ich konnten uns aussprechen und verbrachten noch einen sehr gemütlichen Abend miteinander. Und jetzt gönne ich mir noch ein feines Schaumbad.“

Stand 04/2015

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