Trauma überwinden

Oktober 2015 | Psyche & Beziehung

Wie soll ich das verkraften?
 
Die Terroranschläge in Paris, die täglichen Flüchtlingstragödien, schwere Unfälle: Schon bei Unbeteiligten sorgen schlimme Ereignisse für Betroffenheit und Entsetzen. Bei den Opfern kann ein traumatisches Erlebnis neben körperlichen auch schwere psychische Probleme verursachen. Eine Expertin erklärt, wie Betroffene ein Trauma schließlich überwinden können.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Es kann jeden jederzeit treffen – ein Mensch erlebt einen schweren Unfall, erhält die Diagnose Krebs, verliert jäh einen geliebten Freund, erlebt körperliche oder seelische Gewalt: Ein psychisches Trauma (= griech. Verletzung) bedeutet einen massiven Einschnitt ins Leben und wird von Gefühlen extremer Ohnmacht, Hilflosigkeit, Entsetzen und Angst begleitet. Von einem Moment auf den nächsten ist alles anders – man ist in einem seelischen Ausnahmezustand.

Im Ausnahmezustand

In einem solchen befindet sich die 20-jährige Marie, die zitternd im Rettungsauto sitzt und ungläubig auf zwei Autowracks am Straßenrand schaut. „Was ist überhaupt passiert? Wie bin ich da heraus gekommen“, fragt sie schon zum wiederholten Mal den Sanitäter, der geduldig immer die gleichen Antworten gibt.  Das wiederholte Stellen derselben Fragen sei eine typische Schockreaktion, erklärt die Traumatherapeutin Dr. Mag. Brigitte Fellinger aus Retz. „Im Schock ist man quasi ein wenig von der Realität abgespaltet und erhält damit Zeit, das Erlebte zu begreifen. Erst nach und nach kommt das komplette Geschehen in Erinnerung.“ Auch Marie muss sich schließlich mit der schrecklichen Realität konfrontieren: Die junge Lenkerin war einen Moment unaufmerksam gewesen und frontal in das entgegenkommende Fahrzeug geprallt, dessen Lenker den Zusammenstoß nicht überlebt hat.
Nicht nur bei den Opfern selbst, auch bei Augenzeugen, Angehörigen oder Rettungskräften kann ein schlimmes Ereignis ein Trauma auslösen: Es kann den Sanitäter treffen, der Marie zur Seite steht; den Feuerwehrmann, der nach einer schweren Explosion Leichenteile einsammelt; den Polizisten, der miterlebt, wie eine Kollegin von einem flüchtigen Bankräuber erschossen wird.

Massive Belastungen

„Jedes Trauma zieht eine Belastung nach sich, aber nicht jeder traumatisierte Mensch muss daran erkranken“, erläutert Fellinger. Wie groß die Belastung ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem von der Schwere des Traumas: Länger andauernde Ereignisse wie jahrelanger sexueller Missbrauch wiegen noch schwerer als einmalige, wie etwa ein Zugsunglück. Wird der Schrecken von Menschen herbeigeführt (z. B. Terroranschlag), ist dies für die Betroffenen noch schlimmer, als wenn  ein Trauma schicksalhafte Ursachen hatte (z. B. ein Unwetter, Erdbeben).   
Entscheidend ist auch, in welchem Alter man die traumatische Erfahrung macht: Je jünger man ist, umso dramatischer wird sich das Ereignis auswirken. „Ein Baby hat noch nicht den Schutz, den es braucht, um mit belastenden Erfahrungen umgehen zu können“, erklärt die Traumatherapeutin. Überhaupt spielt die psychische Widerstandsfähigkeit eine große Rolle: Wer in der Kindheit sichere Bindungen erlebt hat und „ein gesundes, förderliches Selbst entwickeln konnte“, tut sich leichter, ein einschneidendes Erlebnis zu bewältigen.

Innere Kräfte mobilisieren

Von großer Bedeutung ist außerdem, ob und wieviel Unterstützung man nach dem Ereignis erhalten hat: Konnte man sich artikulieren und Hilfe holen? Ist man geschützt und verstanden worden? Wer wie Marie direkt danach physische und psychische Akuthilfe erhalten hat, wer außerdem in einem sozialen Netz aufgehoben ist, wird das Geschehene rascher bewältigen, als jemand, der ganz allein damit zurechtkommen muss. Hilfreiche Maßnahmen, um die inneren Kräfte zu mobilisieren: Sich vom Ort des Schreckens weg in Sicherheit zu bringen; sich beruhigen, indem man sich ausruht und über das Erlebte spricht.

Reden hilft

„Erlebtes versprachlichen zu können, heißt auch, es gut für das Gedächtnissystem aufbereitet verarbeiten zu können“, erklärt Fellinger. Dies ist ein wichtiger Schritt, das Erlebte zu integrieren. Allerdings sollte man sich nicht zwingen, das Schreckliche in jedem Detail nachzuerzählen, weil man damit womöglich erneut Panik herauf beschwört.    ‘
Kann ein dramatisches Erlebnis nicht gut verarbeitet werden, können diese Erinnerungsinhalte dauerhaft belasten. Die Traumatherapeutin vergleicht die Erinnerungsstücke mit einem zerbrochenen Spiegel, dessen (schmerzende) Splitter sich überall festsetzen – und für anhaltend belastende Reaktionen sorgen: Die 30-jährige Tanja, die von ihrem Onkel sexuell missbraucht wurde, erstarrt, sobald sie das Rasierwasser riecht, das ihr Onkel verwendete. Georg, der bei einem schweren Auffahrunfall auf der Autobahn ein rotes Auto fuhr, hat eine Zeitlang beim Anblick eines jeden roten Fahrzeugs den Knall beim Zusammenstoß in den Ohren.
Den Schrecken zu verbalisieren, ist allerdings nicht immer möglich: Babys und Kleinkinder sind noch nicht in der Lage, über das Grauenhafte, das sie erlebt haben, zu reden. Manche Kinder werden vom Täter eingeschüchtert oder bedroht, was oft dazu führt, dass sie schweigen – und den Schrecken verinnerlichen. Indem das Gehirn die furchtbaren Erlebnisse gleichsam wegsperrt (= dissoziiert), sichert es zum Zeitpunkt des Traumas das Weiter- und Überleben.

Phasen der Bewältigung

Die Traumabewältigung erfolgt typischerweise in drei Phasen. In der Schockphase in den ersten Stunden bis Tagen nach dem Erlebnis ist man schreckhaft, verwirrt, in Panik. Die Betroffenen schlafen schlecht und sind gereizt. In der darauffolgenden Einwirkphase fühlen sich viele ohnmächtig und hilflos und haben das Gefühl, permanent bedroht zu sein. Außerdem kann es zu „Flashbacks“ kommen, zu wiederkehrenden Bildern des Erlebten, die sich ins Bewusstsein drängen. Der Grund: Das Gehirn kann die Flut intensiver Sinneseindrücke nicht verarbeiten und endgültig abspeichern, sodass diese gleichsam ständig rotieren und für Angst und Schrecken sorgen. Nach rund zwei bis vier Wochen tritt meist die Erholungsphase ein: der Stresspegel sinkt, die Übererregtheit geht zurück, Flashbacks verschwinden.
Viele Betroffene können genügend innere Kräfte mobilisieren, um  die schlimme Erfahrung alleine zu bewältigen. Dauern die Stress- und Angstreaktionen an, braucht es professionelle Unterstützung, am besten in Form einer Traumatherapie.    

Schrecken ohne Ende
In rund zehn Prozent der Fälle halten die Stressreaktionen länger als einen Monat an – man leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Betroffenen haben Albträume und Flashbacks, sind innerlich permanent erregt, während sie nach außen hin kalt und teilnahmslos wirken. Hinzu kommt, dass sie alles, was an den Schrecken erinnert – Orte, Menschen, Verhaltensweisen – vermeiden. Außerdem zeigen sich allgemeine Stresssymptome wie Herzrasen, Magen-Darm-Probleme, Schlaf- und Konzentrationsstörungen.
Viele leiden zusätzlich an Schuld- und Schamgefühlen. Besonders belastet sind Opfer sexuellen Missbrauchs innerhalb der Familie, die in den „seltensten Fällen auf Verständnis stoßen“. Die schlimmsten Traumafolgestörungen haben jene, die sehr früh – im Baby- oder Kleinkindalter – mehrfach und über längeren Zeitraum sehr Schreckliches erlebt haben, ohne Unterstützung zu bekommen. Sie sind „komplex traumatisiert und werden womöglich ein Leben lang immer wieder Unterstützung brauchen“, sagt die Therapeutin. Oft entwickeln die Betroffenen zusätzlich eine Persönlichkeitsstörung; eine der gravierendsten ist die dissoziative Identitätsstörung: Das Selbst ist in mehrere „Identitäten“ aufgesplittert.

Das Erlebte integrieren

Es bedarf oft großer Geduld und Beharrlichkeit, um traumatische Erfahrungen überhaupt ans Licht zu bringen. Das Gefühl von Sicherheit spielt eine große Rolle: Am Beginn einer Traumatherapie etwa steht der Aufbau einer tragfähigen Beziehung zum Therapeuten oder der Therapeutin. Auf eine Phase der Stabilisierung folgt jene der Konfrontation, der Verarbeitung. Das Ziel einer Traumatherapie: Die Betroffenen sind sich bewusst, Schreckliches erlebt, überlebt und integriert zu haben. Sie sind wieder in der Lage, mit den Herausforderungen des Lebens zurechtkommen, Lebensfreude zu empfinden und Ziele zu entwickeln.

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Traumatherapie: 
Professionelle Hilfe für Betroffene

Nicht alles Schreckliche, das man erlebt, ist gleich ein Trauma – der Begriff wird heute viel zu schnell und unbedacht verwendet.
Handelt es sich tatsächlich um eine Traumatisierung gilt die Traumatherapie als wirksamste Behandlungsmethode. Das Österreichische Netzwerk für Traumatherapie (www.oent.at), zu dem sich Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten zusammengeschlossen haben, bietet Betroffenen bzw. Angehörigen eine kompetente Anlaufstelle. „Die Mitglieder erfüllen mit einer entsprechenden Zusatzausbildung und regelmäßigen Fortbildungen im Traumabereich, hohe Standards“, erklärt die Traumatherapeutin Dr. Mag. Brigitte Fellinger. „Sie sind in regelmäßiger Supervision und arbeiten mit anerkannten Trauma-Behandlungsmethoden.“

Webtipp:
Österreichisches Netzwerk für Traumatherapie
www.oent.at

 

Stand 10/2015

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