Richtig oder falsch? Ernährungsmythen auf dem Prüfstand

Mai 2016 | Ernährung & Genuss

Hilft Kümmel gegen Blähungen? Sind Smoothies so gut wie ihr Ruf? Und was hat es mit den Schlacken wirklich auf sich? Die Gerüchteküche rund um gesunde Kost brodelt. Die Wiener Ernährungswissenschafterlin Mag. Sabine Bisovsky verrät, was an den Ernährungsmythen wirklich dran ist.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

SMOOTHIES SIND GESUND.

Es kommt darauf an. Zum Beispiel, ob man sie kauft oder selbst mixt. Sehr häufig ist die Hauptzutat von gekauften Smoothies ganz normaler Apfel-, Trauben- oder Orangensaft, dem andere Fruchtsäfte oder ein wenig Püree beigemengt wird. Nur wenige Smoothies enthalten überwiegend Püree, also Fruchtfleisch. Hinzu kommt, dass die meisten Smoothies kaum aus Gemüse, sondern vor allem aus Obst bestehen, das reich an Fruchtzucker ist. Auch geht ein Großteil der wertvollen Ballaststoffe verloren, wenn die Frucht ausgepresst wird und ballaststoffreiche Fruchtanteile weggeworfen werden. Durch seine flüssige Konsistenz und das geringere Volumen sättigt ein Smoothie zudem weniger gut als ein Stück Obst oder Gemüse.
Wer sein Smoothie selbst mixt und Apfel, Beeren, Karotte, rote Rübe und Co nach Möglichkeit zur Gänze verarbeitet, kommt in den Genuss von deutlich mehr Ballast- und anderen günstigen Wirkstoffen. Für die Verdauungsorgane ist es ohnehin besser, die Früchte zu essen als zu trinken. In flüssiger Form gelangen sie in relativ kurzer Zeit in den Magen und den Darm, der dann plötzlich sehr viel Fruchtzucker auf einmal abbauen muss.

FRUCHTZUCKER IST DER BESSERE ZUCKER.

Dass Fruchtzucker, also Fruktose, gesünder als Haushaltszucker, Saccharose, ist, zählt ebenfalls zu den verbreiteten Irrtümern. Fruchtzucker enthält genauso viele Kalorien wie Haushaltszucker und scheint obendrein eine wichtige Rolle bei der Entstehung der nicht-alkoholischen Fettleber zu spielen. Diese zählt mittlerweile zu den häufigsten chronischen Lebererkrankungen.
Damit nicht genug: Immer mehr industriell erzeugten Produkten – ob Fruchtmolken, Wellnessgetränken, Süßigkeiten, Puddings oder Fruchtjoghurts – wird heutzutage Fruchtzucker zugesetzt. Mittlerweile ist der Darm von immer mehr Menschen mit dem Fruchtzucker überfordert – viele leiden unter einer Fruktosemalabsorption. Das bedeutet: Werden größere Fruchtzuckermengen im Dünndarm nicht zur Gänze abgebaut, gelangen sie in den Dickdarm. Dort werden sie von Bakterien verstoffwechselt, was zu Blähungen, Bauchgrummeln bis hin zu Krämpfen, Schmerzen oder Durchfall führen kann.

KAFFEE SOLLTE MAN IMMER SCHWARZ TRINKEN.

Das hängt vom Zeitpunkt ab. Wird Kaffee zwischendurch und auf leeren Magen getrunken, sollten speziell jene mit empfindlichem Magen ihn besser schwarz trinken. Denn wenn man die Röststoffe des Kaffees, insbesondere Chlorogensäure, nicht so gut verträgt, ist es besser die Milch wegzulassen, da schwarzer Kaffee den Magen schneller passiert. Wird Kaffee mit Milch oder Obers getrunken, ist die Verweildauer im Magen länger, sodass die Röststoffe des Kaffees länger mit der Magenschleimhaut in Kontakt kommen – und bei empfindlichen Menschen Magenschmerzen oder Sodbrennen auslösen können. Ansonsten kann man Kaffee durchaus mit Milch trinken, da diese eine wertvolle Kalziumquelle ist. Genießt man den Kaffee nach dem Essen, wenn man ohnehin verschiedene Nahrungsbestandteile im Magen hat, macht es punkto Verträglichkeit keinen Unterschied, ob man Milch dazu gibt oder nicht.

KÜMMEL HILFT GEGEN BLÄHUNGEN.

Das stimmt. Indem man Kümmel beimengt, kann man Gerichte, die beispielsweise Hülsenfrüchte wie Bohnen oder Kraut enthalten, bekömmlicher machen. Ist jemand allerdings sehr empfindlich, kann man Blähungen wahrscheinlich nicht ganz ausschalten. Die für die günstige Wirkung verantwortliche Substanz im Kümmelöl heißt Carvon. Am besten wirkt Kümmel übrigens, wenn man die ganzen Körner kurz vorm Servieren zerreibt, etwa in einem kleinen Mörser. Dann werden die ätherischen Öle ganz frisch aus dem Kümmel freigesetzt. Blähungsmindernd wirkt neben Kümmel auch Bohnenkraut.

DAS ABENDESSEN SCHLÄGT SICH BESONDERS AUF DIE HÜFTEN.

Grundsätzlich spart, wer am Abend fastet, Kalorien. Ein Kalorienkonto, das aus dem Lot gekommen ist, lässt sich dadurch wieder ausgleichen. Das gilt natürlich nur dann, wenn man diese Kalorien nicht schon tagsüber zu sich nimmt.
Gelegentliches Dinner Cancelling kommt nicht nur der Figur, sondern auch der Gesundheit zugute: Wenn man Magen und Darm eine Pause gönnt, wirkt sich das günstig auf die Produktion von Melatonin und dem Wachstumshormon Somatotropin aus – die Hormone begünstigen die Reparaturmechanismen im Körper. Man vermutet, dass dadurch Alterungsprozesse gebremst werden können. Wird ab 16 Uhr am Nachmittag nichts mehr gegessen, wird die Hormonproduktion in der Nacht optimal begünstigt. Zu oft sollte man das Abendessen aber nicht auslassen. Es erfüllt schließlich auch eine wichtige soziale Funktion, da viele Familien oder Freunde oft nur mehr abends gemeinsam speisen.

WEIZEN IST EIN KRANKMACHER.

An sich ist Weizen nicht ungesund. Allerdings besteht der Verdacht, dass speziell jene Weizenarten, die heute in der Großproduktion für Mehl und diverse Brotarten verwendet werden, bei manchen Menschen eine Unverträglichkeit hervorrufen könnten. Diese hat nichts mit einer Zöliakie, einer genetisch bedingten Nahrungsunverträglichkeit gegen Gluten, zu tun.
Als eine mögliche Ursache dieser meist leichten Weizenunverträglichkeit wird die Hochzüchtung der modernen Getreidesorten diskutiert. Sie ist mit einem hohen Gehalt an Gluten und anderen unverträglichen Proteinen verbunden. Das Problem kann man hintanhalten, indem man eher zu Bioweizen oder -dinkel greift. Empfehlenswert ist außerdem, Abwechslung in den Speiseplan zu bringen, indem man öfter glutenfreie Getreidesorten wählt. Auch könnte man statt Gebäck zum Frühstück hin und wieder einen Hirsebrei oder Milchreis aus Vollkornreis mit Mandelsplittern zubereiten. Haferflocken als Porridge oder Müsli sind ebenfalls eine schmackhafte und gute Frühstücksalternative.

JE WENIGER FETT, DESTO BESSER.

Pauschal ist das weder richtig noch falsch. Für die Gesundheit ist die Auswahl des richtigen Fetts, die Fettqualität, entscheidend. Bei Wurstwaren und Käse lohnt sich der Griff zu fettärmeren Sorten, um sich vor schädlichen gesättigten Fettsäuren zu schützen. Diese können das „schlechte“ LDL-Cholesterin im Blut ansteigen lassen. Bei Fisch darf es durchaus der fettere Lachs oder Hering sein. Denn so kommt man in den Genuss der herzschützenden Omega-3-Fettsäuren.
Bedenken sollte man, dass auch industriell verarbeitete Nahrungsmittel wie Mehlspeisen oder Kekse oft reichlich Fett enthalten. Bei der Zubereitung von Mahlzeiten hat man Fettmenge und -qualität selbst in der Hand: Statt Erdäpfel immer zu Pommes frites oder Bratkartoffeln zu verarbeiten, empfehlen sich gedämpfte, gekochte Erdäpfel. Wer es doch knusprig mag, bäckt die geviertelten Erdäpfeln, mit wenig Rapsöl bepinselt, im Backrohr.

MAN SOLLTE REGELMÄSSIG ENTSCHLACKEN.

Das ist Unsinn! Unser Organismus ist kein Hochofen, es gibt also keine Schlacken. Wir verfügen im Darm über ein funktionierendes Ausscheidungssystem und mit der Leber, den Nieren und der Haut über ein funktionierendes Entgiftungssystem. Wir müssen keine Schlacken abbauen. Und der Darm gesunder Menschen braucht keine Schonung, sondern nährstoff- und ballaststoffreiche Nahrung, mit der er quasi durchgeputzt wird. Oft entsteht das Unbehagen im Darm durch üppige Mahlzeiten. Entsprechend sollte auf moderate Portionen geachtet werden, auch wenn man auswärts essen geht. Auf diese Weise werden Magen und Darm besser geschont als zum Beispiel durch kurzfristige, einseitige Fastenkuren.

AUSTERN FÖRDERN DIE LUST.

Austern, Feigen, Spargel oder Granatäpfel: Natürlich gibt es Lebensmittel, die rein optisch die Fantasie anregen können. Sie alle haben aber keine nachgewiesene aphrodisierende Wirkung. Nimmt man sich die Zeit, die Nahrungsmittel genüsslich zu verzehren, dann hat das durchaus etwas Sinnliches. Wird allerdings zu üppig gegessen oder getrunken, wird es erst recht nichts mit der Verführung. Weder ein voller Bauch noch zu viele Promille im Blut wirken lustfördernd – im Gegenteil!

Buchtipp:

Bisovsky, Unterberger
Aufgedeckt! Gerüchteküche und Ernährungsmythen
ISBN 978-3-7040-2350-6
128 Seiten, € 9,90
Österreichischer Agrarverlag, Wien

Stand 04/2016

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