Leben mit Autismus

März 2016 | Medizin & Trends

„Im Stress verhalte ich mich falsch“
 
Im Kindergarten stellte sich heraus, dass Gregor Balint anders als die anderen Kinder war. Statt mit seinen Altersgenossen zu spielen, verfolgte er stets eigene, spezielle Interessen. Wenig später wurde bei ihm Autismus diagnostiziert. Im Gespräch mit MEDIZIN populär erzählt der mittlerweile 48-Jährige, was danach geschah und wie er heute lebt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

MEDIZIN populär
Herr DI Balint, Sie arbeiten als Programmierer im Bereich der Sozialversicherungen, haben davor an der Universität für Bodenkultur studiert, mit Auszeichnung maturiert und sprechen vier Sprachen. Offenbar tun Sie sich mit dem Lernen besonders leicht?

DI GREGOR BALINT
Obwohl mir das Lernen tatsächlich leicht fällt, hat mich die Vorbereitung auf die Matura im Privatgymnasium, wo sehr viel verlangt wurde, viel Zeit und Einsatz gekostet. Das Studium der Lebensmittel- und Biotechnologie an der Universität für Bodenkultur, das ich mit Diplom abgeschlossen habe, war ebenfalls ein schwieriges Studium. Doch ich habe auch sehr gute analytische Fähigkeiten. Wenn wo ein Problem auftritt, das man einer Theorie folgend durch logisches Denken lösen kann, finde ich die Lösung schnell. Das ist bei meiner gegenwärtigen Arbeit als Programmierer von großem Nutzen.

Wie verlief Ihr Berufsweg, bevor Sie Ihre jetzige Stelle angetreten haben?

Bevor ich diese Stelle bekommen habe, also vor Jänner 2013, waren Beruf und Arbeit ein ständiger Albtraum für mich, da ich immer wieder den Job verlor und mit der Situation der Bewerbung überfordert war. Ich wurde immer wieder als nicht teamfähig abgelehnt. Meine aktuelle Arbeitsstelle verdanke ich der guten Zusammenarbeit meines derzeitigen Arbeitgebers mit Specialisterne, einem dänischen Unternehmen, das Jobs an Autisten vermittelt. Meine Arbeitskollegen wurden über die Problematik von Autismus aufgeklärt, und sie haben mich ins Team integriert. Außerdem bekomme ich Aufgaben, die genau meinen analytischen Fähigkeiten entsprechen.

Hatten Sie auch während des Studiums und der Schulzeit Probleme?

In der Unterstufe des Gymnasiums, also in den ersten vier Jahren, wurde ich sehr viel gemobbt. Das war eine traumatische Erfahrung für mich. Später ist das dann besser geworden.

Nun haben Sie keine Schwierigkeiten mehr?

Ich bin sehr perfektionistisch. Und wenn ich zum Beispiel dadurch im Beruf in Stress gerate, verhalte ich mich falsch, habe Schwierigkeiten entsprechend zu handeln, zu kommunizieren. Als Begleitsymptome des Autismus habe ich außerdem Zwänge und Angstvorstellungen und neige zu Depressionen. Große Menschenansammlungen machen mir ebenfalls zu schaffen. Gott sei Dank habe ich Freunde und Bekannte, die das alles verstehen.

Fühlen Sie sich sonst irgendwie eingeschränkt?

Ja, und zwar in meiner Mobilität im Straßenverkehr. Ich war nicht in der Lage, den Führerschein zu machen, weil ich bei größeren Geschwindigkeiten und den vielen Reizen im Straßenverkehr überfordert war und nicht zeitgerecht reagieren konnte, sodass ich meinen Fahrlehrer zur Verzweiflung gebracht habe. Radfahren kann ich leider auch nicht, da ich mich aufgrund des Umgebungsgeschehens nicht ausreichend auf das Fahren konzentrieren kann.
 
Leben Sie in einer Partnerschaft?


Ich hatte bis jetzt noch nicht das Glück, die zu mir passende Frau kennen zu lernen, und mit meinem Autismus fällt es mir sehr schwer, neue Freundschaften und Beziehungen aufzubauen.

Haben Sie Hobbys?

Ich höre Musik und male Farbkompositionen mit Buntstift.

Wurde oder wird der Autismus bei Ihnen behandelt?

Nachdem ich als Kind wegen meinem andersartigen Verhalten im Kindergarten mehrmals getestet worden war, hat man Autismus diagnostiziert. Danach bekam ich Medikamente, die mich total apathisch gemacht haben. Als ich fünf Jahre alt war, wurde ich neuerlich getestet. Da konnte ich zum Beispiel Geometriebeispiele lösen, die für Zwölfjährige gedacht waren, und man stellte einen Intelligenzquotienten von 137 fest. Mit sechs Jahren kam ich auf die Heilpädagogie des Wiener AKH, wo ich auf den Volksschulbesuch vorbereitet wurde.

Angenommen, es gäbe ein neues Medikament gegen Autismus: Würden Sie es nehmen?

Psychopharmaka würde ich bestimmt nicht nehmen. Andere neue Medikamente würde ich vorher auf Nebenwirkungen prüfen.

Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft?

Ich möchte auf jeden Fall meine jetzige Arbeitsstelle so lange wie möglich behalten. Vielleicht gelingt es mir auch, meine Bilder auszustellen.

Webtipp:
Informationen über Autismus und Hilfsangebote auf: www.autistenhilfe.at

Stand 02/2016

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