Männerkrebs

Juni 2016 | Medizin & Trends

Was der „Vorsorgemuffel Mann“ für sich tun kann
 
Nur jeder siebte Mann geht oft genug vorsorglich zum Arzt: Die Haltung als Vorsorgemuffel bezahlen viele Männer mit einem hohen Preis. In MEDIZIN populär erklärt ein Experte, welche Tumore das starke Geschlecht bedrohen und wie einfach „Mann“ sein Leben verlängern könnte.
 
Von Wolfgang Kreuziger

Lebe schnell und stirb jung: Dieses Motto der 1960-er Jahre ist im männlichen genetischen Code scheinbar unauslöschlich eingebrannt. Die Herren der Schöpfung, so weiß die Medizin, rauchen im Schnitt mehr als Frauen, erleiden mehr Stress, bewegen sich weniger und haben einen größeren Hang zu Schnitzel und Schweinsbraten. Ihre Vorliebe fürs gute Tröpferl macht sie gegenüber dem weiblichen Geschlecht fünf Mal sooft zu Alkoholikern und ihre Ernährungssünden lassen sie doppelt sooft an Herzkrankheiten sterben.
Einziger Lichtblick: Laut Untersuchungen fühlt sich das starke Geschlecht trotz seiner Laster gesünder als die Frauen. Sollten eines Tages doch Schmerz und Leid die Oberhand gewinnen, wird dies verdrängt – Schweigen ist nicht nur sprichwörtlich Männersache. „Der Mann legt im Durchschnitt den Fokus weniger auf die eigene Gesundheit als die Frau, spricht seltener darüber und geht nicht oft genug zum Arzt“, berichtet Univ. Prof. Dr. Thomas Bauernhofer, Facharzt für Innere Medizin und Hämato-Onkologie an der Medizinischen Universität Graz.   

Nur jeder Siebente sorgt vor     

Dass viele Männer immer noch den Gang zur Vorsorgeuntersuchung meiden, offenbart eine aktuelle Studie der weltgrößten Männergesundheitsorganisation „Movember“. Demnach schützen sich hierzulande nur 15 Prozent mit regelmäßiger Krebsvorsorge, während es bei den Frauen fast 50 Prozent sind. Ein Fünftel des „starken Geschlechts“ hat gar überhaupt noch nie eine Gesundenuntersuchung absolviert. „Dabei könnte man damit ganz einfach tausende Leben retten und noch viel mehr verlängern“, betont Bauernhofer. Laut Statistik Austria sterben bei uns jährlich rund 10.000 Männer an den Folgen von Krebs und die Medizin geht davon aus, dass mit 6000 Männern mehr als die Hälfte davon bei entsprechender Früherkennung zu retten wäre. Als erste Maßnahme freilich müsste man den Männern ihre eigene Verwundbarkeit vor Augen führen: Denn der Eindruck, sich bis ins hohe Alter subjektiv fit wie Turnschuh zu fühlen, ist oftmals trügerisch.

Tumore auf leisen Sohlen

Dies zeigt auf dramatische Weise der Prostatakrebs, der mit Abstand häufigste bösartige Tumor bei Männern: 25 Prozent der Krebserkrankungen betreffen die Prostata. „Das Tückische an Prostatakrebs ist, dass der Betroffene lange Zeit gar keine Beschwerden verspürt und erste Probleme beim Wasserlassen aufs Alter schiebt“, weiß Bauernhofer über jenen Tumor, der für junge Patienten besonders gefährlich ist. Ein Test des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) im Blut sowie eine ab 50 Jahren jährlich empfohlene Vorsorgeuntersuchung beim Urologen könnten Klarheit bringen. Doch das gefürchtete, unangenehme Abtasten der Prostata durch den After lässt viele Männer zurückschrecken. Zu Unrecht: „Mit einem normalen Befund einer nur zehnminütigen Untersuchung beim Urologen hat man hohe Sicherheit für drei Jahre“, verrät Bauernhofer. Auch der Dickdarmkrebs, der zweithäufigste Männertumor, bleibt lange unbemerkt und wäre bei regelmäßiger Vorsorge doch früh zu erkennen. „Eine Darmspiegelung, die Koloskopie, ist völlig schmerzfrei und gibt dem Patienten, wenn alles passt, Sicherheit für sieben weitere Jahre“, erklärt der Onkologe die Maßnahme, die man ab 50 regelmäßig durchführen lassen sollte.

Schreckgespenst Lungenkrebs

Auch wenn der Prostatakrebs am häufigsten vorkommt, bleibt der gefährlichere Lungenkrebs mit jährlich 2500 Todesfällen das „Schreckgespenst“ unter den Männertumoren. Das doppelt Gefährliche an ihm: Er kommt ebenfalls auf leisen Sohlen daher, ist jedoch gleichzeitig aggressiv und, zu spät erkannt, nur mehr schwer zu therapieren. „Leider verfügt die Medizin über keine einfache Diagnosemethode“, klagt Bauernhofer. „Computertomografien wären das beste Mittel, sind jedoch teuer und nicht als Vorsorgemethode anerkannt.“ Bleibt nur die Selbstkontrolle auf Husten oder blutigen Auswurf sowie die Abklärung per Computertomographie, wenn ein Verdacht auf Lungenkrebs, der in neun von zehn Fällen Raucher betrifft, vorliegt.

Medizin aus der Gemüseküche 

Das große „Trio infernale“, also Krebsbefall von Lunge, Prostata und Dickdarm, zeichnet zusammen für mehr als die Hälfte aller Krebsfälle bei Männern verantwortlich. Erkrankungen anderer Körperteile wie bei Leukämie, Magen- oder Hodenkrebs machen jeweils nur ein paar Prozent der Statistik aus. All diesen Tumoren ist jedoch eines gemeinsam: Sie  könnten von vornherein durch entsprechende Lebensführung eingedämmt werden. In Summe gesehen senken die Vorsorgemaßnahmen plus das Nichtrauchen das Risiko der Männer schlagartig auf wenige Prozent, da früh erkannte Tumore der Prostata und des Darms in über 80 Prozent der Fälle heilbar sind. „Neben der Vermeidung von Nikotin und Alkohol ist die Ernährung ein Schlüsselthema“, ergänzt Bauernhofer. „Bei Studien mit der Verabreichung mediterraner Kost – viel Obst, Gemüse, Nüsse und Olivenöl – konnte die Rate mancher Tumorerkrankungen enorm gesenkt werden.“ Auch in Kohlgemüse, Tomaten, Ingwer, Kurkuma oder Brokkoli sind natürliche Antikrebs-Wirkstoffe enthalten, während der häufige Verzehr tierischer Fette wie Wurst und Käse oder Transfette das Risko vergrößert.   
Mit den vom Arzt empfohlenen Impfungen gegen Hepatitis B und dem Papilloma-Virus HPV wird zudem das Risiko für dadurch ausgelöste Krebsarten der Leber oder Mundhöhle deutlich geschmälert.    

„Pickerl“ für den Mann

Wenn die Thesen stimmten, könnte der Mann sein Leben theoretisch um sechs Jahre verlängern: Demnach ist nur die schlechte Lebensführung für seine gegenüber der Frau deutlich geringere Lebenserwartung verantwortlich; biologisch gesehen dürfte die Lebenserwartung nur um ein Jahr kürzer sein.
Immerhin: Durch das Einführen von Vorsorgeprogrammen konnte in den letzten zehn Jahren die Rate von Krebsneuerkrankungen bei Männern um 13 Prozent, die Krebs-Sterberate sogar um 15 Prozent gesenkt werden. „Dies zeigt das große Potenzial, das in der Vorsorge steckt“, sagt Bauernhofer. Daher befürwortet er auch ungewöhnliche Marketingansätze wie jene der Krebshilfe, die Herren mit dem „Pickerl für den Mann“ ins Vorsorgeboot zu holen. „Auf ihr Auto achten alle Männer, deswegen finde ich es gut, sie dort anzusprechen, wo sie zugänglich sind.“

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Vertrauen ist gut, Selbstkontrolle besser:
5 Checks zur Früherkennung von Tumoren

Zum Schutz vor schweren Krankheiten müssen Männer nicht immer gleich einen Staffellauf von Arzt zu Arzt starten.
„Mit ein paar effektiven Maßnahmen zur Selbstkontrolle können auch Vorsorgemuffel erste Alarmzeichen erkennen“,
versichert der Internist und Hämato-Onkologe Univ. Prof. Dr. Thomas Bauernhofer.

1. Der regelmäßige Blick in die Toilettenschüssel zählt dazu: Verändert der Urin Geruch oder Farbe, ist es Zeit für den Gang zum Arzt. Eine Verfärbung kann auf Leberprobleme deuten, ein schwacher Harnstrahl und Schmerzen beim Wasserlassen auf Prostatakrebs.

2. Ähnliches gilt für den Stuhl: Auffallende neue Gerüche oder eine veränderte Konsistenz sind ein Fall für den Spezialisten. „Blut im Stuhl oder abwechselnd Durchfall und Verstopfung sind mög­liche Indikatoren für Darmkrebs“, warnt Bauernhofer.     

3. Wenn man Veränderungen der Haut an sich beobachtet, sollte man – unabhängig von den regelmäßigen hautärztlichen Kontrollen – rasch zum Dermatologen. „Vor allem, wenn jemand viele Hautschattierungen oder Muttermale aufweist, ist diese Maßnahme sehr empfehlenswert“, betont der Onkologe.


4. Insbesondere Raucher sollten ihre Atmung und Lunge im Auge behalten. Anhaltender Husten, verstärkter Auswurf, besonders mit Blutbeimengung, sind ebenso ein Lungenkrebs-Alarmzeichen wie häufig auftretende Atemnot, Fieberschübe oder Schmerzen in der Brust.      

5. Ebenfalls sollte der Hoden gewohnheitsmäßig auf Knoten abgetastet werden. „Die meisten Fälle von Hodenkrebs werden nicht vom Arzt, sondern von den Betroffenen selbst erkannt. Deswegen gilt es, die Augen offenzuhalten“, betont Bauernhofer.

Buchtipp:


Ponholzer, Madersbacher, Thalmann, Oelke, Wagenlehner
Prostata
ISBN 978-3-99052-016-1
124 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte 2012

Stand 06/2016

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