Für immer verliebt

Mai 2016 | Partnerschaft & Sexualität

So halten Sie Ihre Liebe lebendig!
 
Sonnenschein, zarte Knospen, frisches Grün: Wäre doch nur immer Frühling, am besten auch in der Liebe! Die Sehnsucht nach dem dauerhaften Liebesglück ist weit verbreitet – 90 Prozent der Österreicher träumen davon. Aus verschiedenen Gründen erscheint es jedoch immer schwieriger, sich die Liebe zu erhalten. Lesen Sie, wie Beziehungen dauerhaft gelingen und lebendig bleiben – und mit welchen Belohnungen „Langzeitpaare“ rechnen dürfen.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Wie bitte? Die haben sich getrennt!? Das Tempo, in dem Promi-Paare zusammenkommen und wieder auseinandergehen, ist bisweilen schwindelerregend. Doch auch bei uns Nicht-Promis scheinen Beziehungen instabiler zu werden. Zwar ist das „Kuscheltier Mensch“ geboren, um zu lieben – doch sind wir anscheinend immer schlechter für das „Abenteuer Beziehung“ gerüstet.
 
Neue Rahmenbedingungen

Das hat etwa mit den Rahmenbedingungen zu tun, die sich zuletzt dramatisch verändert haben. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 80 Jahren, können Paare heute 50, 60 Jahre zusammenbleiben. So erfreulich diese Möglichkeiten sind: Es braucht wirklich gute Beziehungskonzepte, um so lange glücklich miteinander zu sein. Der Wiener Paartherapeut und Facharzt für Psychiatrie Dr. Ekkart Schwaiger ist dennoch überzeugt: „Wer die Beziehung wirklich will, kann es schaffen.“ Wem es außerdem gelingt, die Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, hat gute Chancen auf langfristiges Liebesglück.

Ich muss nur den Traumpartner finden.
Trainieren Sie Ihre Liebesfähigkeit!

Zu diesen Stolpersteinen zählen heute sicher die Verlockungen durch die neuen Medien. Zahllose virtuelle Partnerbörsen unterstützen einerseits bei der Suche nach dem Traumpartner – theoretisch steht uns die ganze Welt offen. Andererseits erzeugen sie ein Gefühl der Austauschbarkeit: Läuft es in der Beziehung schlecht, könnte man mit einem Klick ein besseres „Liebesobjekt“ finden. Auch die Erwartungen an den Traumpartner sind hoch: Er/sie soll in der Rolle des aufregenden Sexpartners genauso glänzen wie als Kumpel/gute Freundin, im Beruf und – später – in der Elternrolle. Mit dem Richtigen läuft es in der Liebe wie von selbst, denkt man. „Doch den idealen Partner gibt es a priori nicht“, betont Schwaiger. „Erst, indem man am anderen interessiert ist und sich einlässt, wird dieser zum idealen Partner.“ Trainieren Sie Ihre Liebesfähigkeit und erwarten Sie nicht, dass der andere Sie glücklich macht! Die Verantwortung für das eigene Wohlergehen und Liebesglück trägt jeder selbst.
    
Alles soll bleiben wie am Anfang.
Sagen Sie „ja“ zur Veränderung!

Mit dem einen Menschen alles für immer erleben zu wollen – dieser Anspruch setzt Paare gehörig unter Druck. „Auch der Anspruch, dauerhaft wie am ersten Tag verliebt zu sein, kann stressen“, ergänzt die Mödlinger Paar- und Sexualtherapeutin Mag. Nicole Kienzl. Liebe bedeutet nicht, dauerhaft auf „Wolke 7“ zu schweben – sie wandelt sich im Lauf der Zeit. Wenn der Rausch der Verliebtheit abnimmt und die Schattenseiten des anderen in Erscheinung treten, sind viele ernüchtert. Die Liebenden entwickeln sich weiter, sie müssen sich immer wieder neu (er)finden: „Mit 50 oder 60 Jahren hat man andere Bedürfnisse als mit 25“, betont die Wiener Allgemeinmedizinerin und Sexualtherapeutin Dr. Elia Bragagna. Wer sich gegen die Veränderungen wehrt, gefährdet die Beziehung. Wir haben uns auseinandergelebt, heißt es dann oft lapidar. Sagen Sie deshalb „Ja“ zu Veränderungen! Sind Liebende bereit, gemeinsam durch Höhen und Tiefen zu gehen, werden sie auch in Krisen meist einen (Aus-)Weg finden – die Beziehung gewinnt an Lebendigkeit und Tiefe.

Ich kenne ihn/sie schon in- und auswendig.
Sehen Sie, wie der andere wirklich ist!

Den anderen zu sehen, wie er wirklich ist, fällt vielen schwer: Das gilt für Frischverliebte genauso wie für Langzeitpaare. Man hat ein Bild vom anderen im Kopf, das relevanter wird als die tatsächliche Realität. Beispiel: Während einer Paartherapie berichtet er ausführlich über seine Partnerin – ohne sie dabei eines Blickes zu würdigen. Als der Paartherapeut ihn auffordert, doch seine Frau einmal anzusehen, sagt er überrascht: „Wieso? Ich bin schon 20 Jahre mit ihr verheiratet. Ich weiß genau, wie sie dreinschaut.“
Den Partner wirklich zu sehen, setzt voraus, dass man präsent ist. „Viele Menschen sind gedanklich ständig in der Vergangenheit oder Zukunft: in alten Vorwürfen, in der Sehnsucht oder der Angst vor der Zukunft“, sagt Schwaiger. Man ist kaum noch in der Gegenwart in Kontakt miteinander. Kein Wunder, sind wir aufgrund der vielen Anforderungen kaum mit uns selbst in Kontakt. Lieben bedeutet, bei sich selbst zu sein – und den anderen miteinzubeziehen. Dies kann nur in der Gegenwart gelingen. „Die Anker, um gegenwärtig zu sein, sind die fünf Sinne und der Atem“, erklärt Schwaiger. Spüren Sie, wie Ihr Atem fließt und was gerade im Körper geschieht!

Harmonie ist das Allerwichtigste.
Drücken Sie Ärger und Widerspruch aus!

Das vermeintliche Ideal einer ‘harmonischen Beziehung’ führt ebenfalls viele Paare in eine Sackgasse. Um diesem gerecht zu werden, getraut man sich kaum, Irritationen oder Konflikte anzusprechen. Hinter der „Harmoniesucht“ steckt oft die Angst, verlassen zu werden. Wer jedoch Ärger oder Widerspruch unterdrückt, konserviert diesen. Schließlich ist Harmonie keineswegs der absolute Gleichklang – wie man auch aus der Musik weiß. Sie ist vielmehr der Zusammenklang unterschiedlicher Töne, sagt Schwaiger. „Und eine lebendige Beziehung lebt von der Unterschiedlichkeit der Partner, die sich ergänzt.“ Um der Unterschiedlichkeit Ausdruck zu verleihen, braucht es eine gesunde Konfliktkultur: Es darf und soll gestritten werden. „Wichtig ist, sich danach wieder zu versöhnen“, betont Kienzl. Vorsicht ist zudem geboten vor jener Falle, die Schweiger die „Illusion der objektiven Wahrheit“ nennt: „Wenn jeder meint, seine Sicht sei die richtige, geht es ums Rechthaben.“ In der Folge verstrickt das Paar sich in Machtkämpfe. Dabei geht es nicht darum, immer eine Lösung oder einen Kompromiss zu finden. „Wenn der eine ‘blau’ und der andere ‘grün’ sagt, ist die Lösung nicht ‘türkis‘“, betont Kienzl. Hören Sie dem anderen wirklich zu und lassen Sie seine Sicht neben der eigenen stehen: So siehst du also die Situation!

Wir kleben aufeinander.
Finden Sie die Balance von Nähe und Distanz!

Er will mit ihr schlafen, sie hat keine Lust. Sie möchte mit ihm reden, er fühlt sich bedrängt: Jedes Paar ist ständig damit konfrontiert – mit dem Konflikt zwischen der tiefen Sehnsucht nach Nähe, Kontakt und Gemeinschaftlichkeit und dem großen Streben nach Distanz, Rückzug und Autonomie. Die Balance zu finden, ist elementar für dauerhaftes Liebesglück. Ein Indikator für eine gesunde Ausgewogenheit, sei das eigene Wohlgefühl, erklärt Bragagna. „Unsicher gebundene Paare erkennt man oft daran, dass sie quasi aufeinander kleben. Je sicherer eine Beziehung ist, umso mehr kann man, vorübergehend, auch Distanz zulassen.“ Außerdem soll nicht immer der eine Partner für Nähe, der andere für Distanz zuständig sein, ergänzt Kienzl. „Die Rollen sollen ausgeglichen sein und wechseln.“
Selbst, wenn man anfangs fast symbiotisch miteinander verbunden ist – á la longue leben lebendige Beziehungen (auch) von der Eigenständigkeit der Partner. Freundschaften, Interessen und Hobbys sollten weiterhin gepflegt werden. Ob Sie singen, tanzen, malen oder im Garten arbeiten: Widmen Sie sich voller Begeisterung Ihrer Leidenschaft! Davon profitiert letztlich auch das Liebesleben, Ihr Partner sieht Sie wieder in neuem Licht.

Im Bett lief es schon besser.
Tun Sie etwas für die Erotik!

Bleibt man spannend füreinander, hält dies die Leidenschaft am Lodern. Sogar kleine Geheimnisse sind erlaubt. „Der erotische Appetit entfaltet sich durch die Fremdheit und die Sehnsucht nach dem anderen. Die Partner sollten einander nie ganz sicher sein“, empfiehlt Kienzl. Wer hingegen nur nach Sicherheit und Stabilität strebt, dämpft den erotischen Funken. Auch über gesellschaftliche Ideale sollte man sich tunlichst hinwegsetzen – ob diese nun besagen, dass Sex spontan sein oder wenigstens zwei Mal die Woche stattfinden soll. „Ansonsten verliert die Lust durch den Druck die so wichtige Leichtigkeit“, betont Kienzl. Bleiben Sie offen für die (gute) Entwicklung der Sexualität! Von der Erotik in glücklichen Langzeitbeziehungen können Frischverliebte oft nur träumen, betont Bragagna. „Der Sex wird intensiver und befriedigender, weil man sich besser kennt und sich mehr traut.“
   
Wir verlieren uns im Alltag.
Planen Sie regelmäßige „Paar-Zeiten“ ein!

Job, Kinder, Haushalt, Hobbys: Werden über die Alltagspflichten Achtsamkeit und Wertschätzung füreinander vernachlässigt, gerät die Beziehung ins Stocken und die Gefühle füreinander kühlen ab. Planen Sie, um sich in herausfordernden Zeiten nicht aus den Augen zu verlieren, regelmäßig Auszeiten ein – ob Sie gemeinsam klettern gehen oder den Nachmittag in einer Therme verbringen. Auch Rituale wie ein abendlicher Spaziergang oder das Führen eines Beziehungstagebuchs können ein wertvoller Ausgleich sein. Die Quantität sei weniger entscheidend als die Qualität der Paarzeit, betont Kienzl. „Die Beziehungsarbeit lohnt sich.“

Wegen ihr/ihm geht es mir schlecht.
Konfrontieren Sie sich mit sich selbst!

Weil sie wunde Punkte berührt, alte Glaubenssätze und das Ego hinterfragt, tut Liebe auch weh. Indem sie einander näherkommen, legen Liebende Schutzschichten ab. Man wird authentischer, aber auch verletzlicher. Mitunter brechen alte Wunden auf. Statt dem Partner die Schuld am eigenen Unwohlsein zu geben, sollte man sich fragen: Warum bin ich manchmal so empfindlich, wenn er/sie etwas mit Freunden unternehmen will? Fühle ich mich abgelehnt wie damals als Kind? Auch wenn manche die Flucht ergreifen und sich trennen wollen: Der Auseinandersetzung mit sich selbst kann man dadurch nicht entgehen.?Wer sich konfrontiert, könnte sich professionelle Unterstützung, etwa in einer Psychotherapie, holen. „Könnten Paare erahnen, wie aufregend die gemeinsame Entwicklung sein kann, würden sie bleiben“, betont Bragagna. „Die Chance, sich selbst so tief kennenzulernen wie in einer Liebesbeziehung, hat man sonst kaum.“

Kraft durch Liebe

Werden die Stolpersteine nicht überwunden, können Paare einander regelrecht krank machen: Wer etwa in Machtkämpfe verstrickt und damit chronisch gestresst ist, schwächt sein Immunsystem. Das Risiko für körperliche, psychosomatische oder psychische Krankheiten wie Depressionen steigt. „Umgekehrt zeigen Untersuchungen, dass Menschen, die in einer förderlichen, wertschätzenden Beziehung leben, länger gesund bleiben und älter werden“, erklärt Bragagna. Je zufriedener man mit seinem (Liebes-) Leben ist, desto größer das Wohlbefinden.    

**************************************
Fünf vor 12?
Wann es Zeit ist, sich Hilfe zu holen

 
Der Wiener Paartherapeut Dr. Ekkart Schwaiger nennt einige Alarmsignale, bei denen man professionelle Hilfe, z. B. in Form einer Paartherapie, suchen sollte:    
        

  • die Spannung ist verloren gegangen, der Partner erscheint langweilig
  • die Gefühle in der Beziehung schwinden, erstarren
  • einer oder beide fühlen sich in der Beziehung eingeengt
  • einer weicht in Seitensprünge oder in eine andere Beziehung aus
  • ein Partner wird psychosomatisch krank oder depressiv

*****************************************
Unverbindliche, offene oder feste Beziehung:
So wollen wir lieben!

Speziell viele Jüngere halten die lebenslange Liebe nicht mehr für zeitgemäß, viele befürworten das Konzept „der seriellen Monogamie“– die Abfolge mehrerer fester Partnerschaften. Auch „Mingles“, die unverbindliche, oberflächliche Beziehungen bevorzugen, sind im Steigen begriffen. Andere wiederum leben in einer offenen oder polyamoren Beziehung. Es gibt viele Möglichkeiten zu lieben. Der Großteil, 90 Prozent der Österreicher, wünscht sich eine glückliche Langzeitbeziehung – der hohen, zuletzt etwas rückläufigen, Scheidungsrate von 42 Prozent zum Trotz.

****************************************
Vom ersten Kuss bis zur Langzeitbeziehung:
Chemie der Liebe

Erfüllende Bindungen sind ein Lebenselixier, welches das „Kuscheltier Mensch“ sucht und braucht. Das spielt sich bei Verliebten im Gehirn und im gesamten Organismus ab:

KÜSSEN  Beim Küssen ergießt sich im Körper ein Cocktail aus Hormonen wie Dopamin, Adrenalin, Endorphinen und Oxytocin, das Stresshormon Cortisol wird ausgeschaltet. Man fühlt sich entspannt und wohl. Schmusen lässt unser Herz nicht nur höher, sondern auch schneller schlagen; das stärkt den Herzmuskel, die Pumpleistung des Herzens wird verbessert. Leidenschaftliche Küsse können sogar Heuschnupfen lindern, wie eine japanische Studie gezeigt hat. Nachdem die Pollenallergiker ihre Partner intensiv geküsst hatten, fanden sich deutlich weniger Allergen-Antikörper und Histamine im Blut. Studien zufolge haben Vielküsser obendrein ein robusteres Immunsystem und altern langsamer.  

VERLIEBTHEIT  Bestimmte Hirnaktivitäten und ein Puzzle aus Botenstoffen und Hormonen sorgen in der Verliebtheitsphase für einen regelrechten Rausch, den Wissenschaftler auch als „Liebeswahn“ bezeichnen. Der Spiegel von Substanzen, die mit Glücksgefühlen und einem Energiehoch verbunden sind – Dopamin und Noradrenalin – steigt. Der erhöhte Testosteronspiegel bei Frauen steigert ihre sexuelle Lust. Bei Männern sinkt das Testosteron, sodass sie sanfter und entspannter sind – eine wichtige Voraussetzung, um sich auf eine Partnerschaft einzulassen. Die Ausschüttung von Serotonin, das die Erregung dämpft, ist deutlich reduziert – das fördert die Lust.

SEX  Beim Sex sind neben den Wohlfühlhormonen Oxytocin und Dopamin noch weitere lustfördernde Substanzen und die anregenden Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin im Spiel. Die Ausschüttung von Testosteron macht die Liebespartner leistungsfähiger. Das Sättigungshormon Prolaktin führt dazu, dass wir uns nach dem Liebesspiel wunderbar satt fühlen.

LANGZEITLIEBE   Langfristige Beziehungen machen glücklich: Eine 2011 veröffentlichte Studie ergab, dass die Hirnaktivitäten bei Menschen, die durchschnittlich 21 Jahre zusammen waren, vergleichbar sind mit jenen von Frischverliebten: Die Belohnungs- und Motivationszentren im Gehirn sind ähnlich aktiv. Für das Gehirn dürfte die Dauerliebe ein Verhalten darstellen, das verschiedene Belohnungen (z. B. das Gefühl von Sicherheit, die Reduktion von Angst und Stress) nach sich zieht. Je mehr die Partner einander beglücken, desto mehr „Belohnungsbotenstoffe“ wie Dopamin oder Oxytocin werden ausgeschüttet. Das „Treuehormon“ Vasopressin, das wie Oxytocin die Bindung fördert, spielt ebenfalls eine Rolle.

Stand 04/2016

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo bestellen

E-Magazin

Abo Service

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo Service

E-Magazin

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

Abo Service

Gewinnspiel

E-Magazin

Newsletter