Diabetes bei Kindern

April 2017 | Medizin & Trends

Was Eltern, Lehrer & Co wissen sollten
 
Immer mehr Eltern, Lehrer & Co haben mit Kindern zu tun, die an Diabetes mellitus Typ 1 erkrankt sind, denn die Zahl der Betroffenen hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren nahezu verdoppelt. Was es über diese Art der Zuckerkrankheit zu wissen gibt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Eines vorweg: Was Diabetes mellitus Typ 1 verursacht, ist nach wie vor unklar. Vermutet wird, dass diese Art der Zuckerkrankheit, die fast immer bereits im Kindes- und Jugendalter auftritt, auf eine erbliche Veranlagung, Umweltfaktoren und Virusinfektionen zurückgeht, die zusammengenommen einen Autoimmunprozess hervorrufen – der wiederum die insulinproduzierenden Zellen zerstört. „Unbekannt ist auch, warum zuletzt immer mehr Kinder, vor allem immer mehr kleine Kinder im Vorschulalter, erkrankt sind“, sagt Priv. Doz. Dr. Elke Fröhlich-Reiterer von der Klinischen Abteilung für allgemeine Pädiatrie an der Medizinischen Universität Graz, die sich auf die Behandlung diabetischer Kinder spezialisiert hat und auch Vorstandsmitglied der Österreichischen Diabetesgesellschaft (OEDG) ist. Was man hingegen weiß, ist, wie es bei Diabetes Typ 1 dazu kommt, dass der Blutzuckerspiegel steigt: Die Bauchspeicheldrüse produziert zu wenig oder gar kein Insulin mehr, ein Hormon, das nötig ist, um den über die Nahrung aufgenommenen Zucker, der im Blut kursiert, zwecks Verarbeitung in die Körperzellen weiterzuleiten und so den Zucker im Blut zu senken. Fröhlich-Reiterer über die Folgen bzw. Symptome dieses Defizits, das zu einem anhaltend zu hohen Blutzuckerspiegel führt: „Diese reichen von starkem Durst und häufigem Harndrang über Müdigkeit, Gewichtsverlust, Übelkeit und Erbrechen bis hin zu einer Stoffwechselentgleisung, der sogenannten diabetischen Ketoazidose.“ Die Ketoazidose kann wiederum zu Bewusstlosigkeit bis hin zum Koma sowie zu einem Hirnödem führen und ist daher lebensbedrohlich.

Bei Auftreten der Frühsymptome zum Arzt
Das Bedenkliche: „Bei etwa einem Drittel der derzeit 3000 erkrankten Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren, also bei rund tausend, wurde Diabetes Typ 1 erst diagnostiziert, als es bereits zur Ketoazidose gekommen war“, weiß Fröhlich-Reiterer. Die Ärztin appelliert daher an Eltern, Kindergärtner, Lehrer & Co bei Auftreten der klassischen Frühsymptome, wie eben übermäßigem Durst, gepaart mit häufigem Harndrang sowie Gewichtsverlust, wachsam zu sein und zum Arzt zu gehen. Die Diagnose von Diabetes ist denkbar einfach: Sie besteht in einem Gespräch mit dem Arzt, einer Blutuntersuchung – wofür ein Tropfen Blut, gewonnen durch einen Nadelstich in den Finger genügt – und einer Harnuntersuchung.

Therapie mit Insulinpumpe oder Pen möglich
Die Therapie der Krankheit besteht in der Zufuhr von Insulin, wobei die Menge vom Alter und Gewicht des Kindes abhängt sowie von dem, was gegessen und getrunken wurde oder wird und davon, ob sich das Kind wenig oder viel bewegt hat oder bewegen wird. Fröhlich-Reiterer: „Kleinkinder unter sechs Jahren werden meist mit einer Insulinpumpentherapie behandelt.“ Die Pumpe besteht in einem etwa handygroßen Gerät, einem Schlauch und einem Katheter, über den das Insulin über das Unterhautfettgewebe in den Körper abgegeben wird. So bleiben den Betroffenen etliche Nadelstiche  erspart. Auch einige ältere Kinder und Jugendliche, die das Diabetesmanagement selbstständig durchführen, verwenden die Pumpe, die meisten aber den sogenannten Pen, ein kugelschreiberartiges Gerät, über das das Insulin je nach Blutzucker und der Menge an Kohlenhydraten, die gegessen werden, injiziert wird. Ganz einfach ist die Sache mit den Messungen und Injektionen nicht – doch nach entsprechenden Schulungen, die die Eltern und Kinder oder Jugendlichen erhalten, bekommen nahezu alle die Therapie mit der Zeit gut in den Griff und der Blutzuckerspiegel bleibt stabil. „Bei entsprechender Behandlung beziehungsweise Selbstbehandlung sind Beschwerden selten, und schwere Komplikationen sollten ausbleiben“, so Fröhlich-Reiterer.    ‘

Regelmäßige Kontrollen sind lebenslang ein Muss

Dennoch müssen sich Betroffene regelmäßig Kontrolluntersuchungen unterziehen. Das lebenslang, also auch dann, wenn sie erwachsen sind, so wie die aktuell rund 30.000 Typ 1-Diabetiker in Österreich. Nur durch eine gute Stoffwechselkontrolle, die immer wieder überprüft und gegebenenfalls geändert werden muss, kann drohenden Spätschäden bedingt durch Zuckerablagerungen an den Gefäßwänden vorgebeugt werden. Zu solchen Spätschäden zählen eine verringerte Sehfähigkeit durch Netzhautschäden, die sogenannte Retinopathie, Nervenschmerzen bzw. Polyneuropathie oder Nierenerkrankungen bis hin zum Nierenversagen.

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Zahlen & Fakten

Rund 600.000 bis 700.000 Menschen in Österreich leiden an Diabetes mellitus.

  • Fünf bis zehn Prozent davon haben Diabetes Typ 1, wobei die Bauchspeicheldrüse zu wenig oder gar kein Insulin produziert. Die Ursache für die Entstehung der Krankheit ist unklar. Sie tritt meist im Kindes- und Jugendalter auf, doch auch Erwachsene bis 35 Jahren können erkranken. Betroffene benötigen lebenslang Insulin, die Krankheit ist nicht heilbar.
  • 90 bis 95 Prozent haben Diabetes mellitus Typ 2. Hauptursache für Diabetes mellitus Typ 2 ist Übergewicht: Zu viel Fett führt dazu, dass das blutzuckersenkende Hormon Insulin weniger gut wirkt und sich so der Blutzuckerspiegel erhöht. Die Krankheit kann durch eine Ernährungsumstellung und einen Fettabbau geheilt werden.


Wenig Einschränkung für Kinder mit Diabetes Typ 1

  • Dank der heutigen Therapien ist ein Leben mit normaler Lebenserwartung und wenig Einschränkung möglich.
  • Besonders empfehlenswert: Pädagogen im Kindergarten und in der Schule eine Anleitung in Form eines A4-Blattes geben, wo draufsteht, was beim Sport oder bei Festen zu beachten ist und zu tun ist, wenn dem Kind z. B. übel ist.

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Interview

MEDIZIN populär
Frau Mag. Culen, wie helfen Sie als Psychologin an der Diabetesambulanz des AKH Wien Betroffenen und ihren Eltern dabei, die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 zu bewältigen?

Mag. Caroline Culen
Wird Diabetes mellitus Typ 1 bei einem Kind oder Jugendlichen diagnostiziert wird, ist das nahezu immer ein Schock für die gesamte Familie. Und das verständlicherweise, denn Diabetes ist derzeit nicht heilbar. Es ist eine chronische Krankheit, also eine, die lebenslang bestehen bleibt, für die es keine Heilung gibt. Hilfreich sind konkrete Informationen und spezielle Schulungen, durch die die Erkrankten und ihre Eltern erkennen, dass dank der heutigen guten Therapiemöglichkeiten ein Leben mit normaler Lebenserwartung und wenig Einschränkung möglich ist. Vielen hilft es außerdem, am Beispiel anderer Betroffener zu sehen, dass der Umgang mit der Krankheit und die Therapie zu bewältigen sind.  
 
Was ist das Schwierige an der Behandlung?

Die Betroffenen sind 24 Stunden am Tag mit dem Diabetesmanagement beschäftigt, und es gibt keinen Urlaub davon. Man muss auf das Essen achten und mehrmals täglich Blutzucker messen, phasenweise auch in der Nacht. Dafür stehen dann häufig auch die Eltern auf. Nach einer Blutzuckerkontrolle muss gegebenenfalls Insulin injiziert oder über eine Insulinpumpe abgegeben werden. Zusätzlich müssen Mahlzeiten auf Kalorien- und Fettgehalt überprüft werden, sogenannte Broteinheiten abgewogen werden.

Welche Probleme treten häufig auf?
Vor allem anfangs, also in den Wochen und Monaten nach der Diagnose kommt es des Öfteren vor, dass Eltern aufgrund der Maßnahmen, die nun plötzlich notwendig sind, an die Grenze ihrer Belastbarkeit geraten und verzweifeln.

Wie sehen dann die Lösungen aus?
In solchen Fällen sollte unbedingt Unterstützung angenommen werden. Welche, das richtet sich nach der jeweiligen Situation, in der sich die Familie befindet. Immer wieder ist zu erleben, dass Mütter ihre Berufstätigkeit einschränken und das Diabetesmanagement des Kindes oder Jugendlichen zur Gänze übernehmen. Dann ist es sehr hilfreich, wenn sie der Vater zeitweise entlastet und einen Teil der Verantwortung für die Therapie mitträgt. Auch Großeltern, Onkeln und Tanten oder gute Freunde sind oft dazu bereit, sich schulen zu lassen und zu helfen. Darüber hinaus gibt es noch die Möglichkeit, für eine Zeit lang die mobile Kinderkrankenpflege oder eine mobile Beratung über die Österreichische Diabetikervereinigung (ÖDV) zu engagieren, bis sich der Alltag eingespielt hat.

Welche Herausforderungen folgen auf die Anfangsphase?

Das hängt vom Alter des Kindes ab. Nach wie vor gibt es in Kindergärten und Schulen Vorbehalte gegenüber diabetischen Kindern. Da hilft es meinen Erfahrungen nach aber schon, wenn die Eltern die jeweiligen Pädagogen über die Krankheit informieren, auch darüber, dass die Kinder keine besondere Schonung brauchen. Bewährt hat sich auch, dass Eltern eine Anleitung übergeben, am besten in Form eines Blattes Papier im A4-Format, wo draufsteht, was beim Sport oder bei Festen zu tun ist, oder wenn dem Kind schwindlig oder übel ist. Kommt das Kind in die Pubertät oder ist es bei der Diagnose bereits in der Pubertät, ergeben sich neue beziehungsweise weitere Herausforderungen. Jugendliche wollen ja beispielsweise generell nicht mehr kontrolliert werden. Werden sie jedes Mal, sobald sie bei der Tür hereinkommen, von ihren Eltern gefragt, ob sie den Blutzucker gemessen haben und beim Essen und Trinken dies und das beachtet haben, sind Konflikte programmiert. Nicht nur wegen der Kontrolle, sondern auch, weil die Jugendlichen das Gefühl bekommen, von den Eltern nur als Kranke wahrgenommen zu werden. Das kränkt.

Wozu raten Sie in dem Fall?
Die Eltern könnten zum Beispiel zunächst über andere Dinge sprechen, die den Jugendlichen beschäftigen, und falls Fragen zur Krankheit nötig sind, diese nachreihen.

Welche Fragen haben Jugendliche selbst?
Wem soll, wem muss ich von der Krankheit erzählen? Worauf muss ich achten, wenn ich abends ausgehe, Alkohol trinke, rauche? Ich trage eine Insulinpumpe, bin ich damit überhaupt attraktiv für das andere Geschlecht? Muss ich bei der Einnahme der Pille etwas Bestimmtes beachten? Oder vor und nach dem Sex? Diese Fragen behandeln wir Psychologen in Einzelgesprächen und auch in Gruppenworkshops, was von den Jugendlichen gut angenommen und von den Eltern begrüßt wird.

Webtipps:

https://www.oedg.at/patienten/psychologinnen
Hier finden sich Kontaktadressen von Psychologen, die sich besonders mit Diabetes beschäftigt haben, ausgewählt von der Österreichischen Diabetesgesellschaft (OEDG).

https://www.oedg.at/patienten/patientenvereinigungen
Adressen von Selbsthilfegruppen, ausgewählt von der Österreichischen Diabetesgesellschaft (OEDG).

Stand 04/2017

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