Die Schilddrüse

Dezember 2017 | Medizin & Trends

So klein und so wichtig

Die Schilddrüse wiegt nur zehn bis 25 Gramm, befindet sich neben dem Kehlkopf, besteht aus zwei Lappen und hat die Form eines Schmetterlings. Dieser vergleichsweise winzige Körperteil, der bei Männern um etwa ein Drittel voluminöser ausfällt als bei Frauen, entfaltet große Wirkung, denn ohne die Schilddrüse funktioniert im Organismus nicht viel. Probleme treten oft im fortgeschrittenen Alter auf.

Von Dr. Kurt Markaritzer

Das unscheinbare Organ hat’s in sich: Es steuert die Schlagkraft des Herzens, die Körpertemperatur, den Zucker-, Fett- und Eiweißstoffwechsel, den Energieumsatz der Zellen, ja sogar die Sexualfunktion und die Fruchtbarkeit. Dazu erzeugt es zwei für den Stoffwechsel wichtige Hormone: das Thyroxin (Tetrajodthyronin, T4), das Trijodthyronin (T3). Der unentbehrliche Bestandteil für diese Hormone ist Jod.
Wenn der Körper nicht ausreichend mit Jod versorgt wird, wie das früher in den Alpenregionen häufig der Fall war, hat die Schilddrüse Schwierigkeiten, ihre Aufgaben zu erfüllen. Einfallsreich, wie die Natur ist, hilft sie sich mit einem Trick: Die Schilddrüse wächst und ist dadurch in der Lage, auch mit weniger Jod mehr Hormone zu produzieren, sie bleibt funktionstüchtig.

Schilddrüsenleiden: bis zu 10 Prozent betroffen
Die Erkrankungen der Schilddrüse sind deswegen freilich nicht beseitigt. An die 60 verschiedene Symptome können bei einer Überfunktion – Fachausdruck: Hyperthyreose – oder einer Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) auftreten. Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung haben laut medizinischen Statistiken irgend ein Schilddrüsenleiden. Bei älteren Menschen, die in ihrer Jugend zu wenig Jod mit bekommen haben, ist der Anteil noch viel höher.

Zwei schädliche Extreme
Wenn die Schilddrüse überaktiv ist, ergeben sich jede Menge Probleme, die freilich nicht immer gleich erkannt werden. Dr. Buchinger, dessen Praxis auf Schilddrüsendiagnostik spezialisiert ist: „Viele Patienten empfinden eine Hyperthyreose am Anfang durchaus als angenehm, sie fühlen sich gut, wenn ihre Schilddrüse über Gebühr aktiv ist. Das ändert sich aber nach einiger Zeit und dann kommt es zu den typischen Symptomen wie unerwünschter Gewichtsverlust, Durchfall, innerliche Unruhe, Herzrasen, Schlaflosigkeit, unkontrolliertes Zittern, Schlafstörungen oder auch vermehrtes Schwitzen am ganzen Körper.“
Auch das andere Extrem – wenn die Schilddrüse zu wenig Hormone produziert – hat ausgesprochen negative Folgen. Die Betroffenen sind müde und antriebslos, leiden an Verstopfung, nehmen zu und haben einen ungewöhnlich niedrigen Puls, zugleich aber auch einen erhöhten Blutdruck. Sie kämpfen auch mit Hautproblemen, vermehrtem Haarausfall und brüchigen Fingernägeln. Für die Patienten und auch für ihre Partner und Verwandten ist die allgemeine Interesselosigkeit meist schwer zu ertragen, besonders, wenn sie zu ständigen depressiven Verstimmungen führt.
Generell sind deutlich mehr Frauen von Schilddrüsenkrankheiten betroffen als Männer. Das hängt vor allem mit den viel häufigeren hormonellen Umstellungen zusammen, die Frauen im Lauf ihres Lebens mit machen: Pubertät, Schwangerschaft, Stillzeit und Klimakterium bringen das gesamte Hormonsystem durcheinander, nicht zuletzt eben auch die Schilddrüse.

Wie die Medizin helfen kann
Welche Behandlungsform gewählt wird, hängt vom Ergebnis der intensiven Untersuchungen ab, für die heute die modernsten Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Unter Umständen begnügen sich die Ärzte damit, abzuwarten und die Entwicklung zu beobachten. Ansonsten gilt die Faustregel: Die meisten Fehlfunktionen der Schilddrüse können mit Medikamenten und Bestrahlungen korrigiert werden, bei Vergrößerungen und Knotenbildung ist im Regelfall eine Operation erforderlich.

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Die wichtigsten Beschwerden der Schilddrüse
Bis zu 55 Prozent der Über-60-Jährigen in den Alpenländern weisen nach einer aktuellen Untersuchung einzelne oder mehrere knotige Veränderungen der Schilddrüse auf, Frauen sind fünfmal häufiger betroffen als Männer. In diesen Knoten werden oft unkontrolliert übermäßig viel Schilddrüsenhormone produziert, die Mediziner sagen dazu „funktionelle Autonomie“. Die Knoten selbst sind fast immer gutartig, die Betroffenen fühlen sich zwar oft unruhig, haben ansonsten aber keine nennenswerten Symptome.

Anders ist das bei Morbus Basedow. Dr. Wolfgang Buchinger: „Dabei sorgt das Immunsystem, das uns vor Krankheiten schützen soll, durch eine Fehlfunktion dafür, dass der Körper bestimmte Antikörper, das sind Eiweißstoffe, produziert, die ihrerseits die Erzeugung von Schilddrüsenhormonen steigern.“ Die Folge ist eine meist ausgeprägte Überfunktion mit charakteristischen Beschwerden wie Herzjagen, vermehrtem diffusen Schwitzen und Gewichtsverlust. Bei einem Teil der Betroffenen kommt es zu Augenbeschwerden, die von einer leichten Reizung und Trockenheit des Auges über Doppelbilder bis hin zu den charakteristischen vorstehenden Augen reichen.

Vor allem Frauen im mittleren und höheren Lebensalter können an einer Schilddrüsenentzündung, der so genannten Hashimoto Thyreoiditis, erkranken, die meist zur Unterfunktion führt.

Glücklicherweise sehr selten sind Fälle von Schilddrüsenkrebs. Durch die moderne Diagnostik werden sie in den meisten Fällen rechtzeitig erkannt. Bei einer richtig durchgeführten Therapie, die aus der Operation und meist einer Therapie mit radioaktivem Jod besteht, sind die Heilungschancen in den meisten Fällen sehr gut.

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Die Schilddrüse nicht unterschätzen!
Eine Schilddrüse, die nicht richtig funktioniert, vermindert die Lebensqualität entscheidend. Die Beschwerden reichen bis in den Intimbereich: Wenn das Organ zu wenig Hormone produziert, lässt die Liebeslust spürbar nach. Bei Frauen kann es zu Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit, bei Männern zu Potenzschwächen kommen. Eine lang andauernde Unterfunktion, die nicht erkannt wird, bremst den Stoffwechsel nachhaltig, dadurch wird Fett langsamer verbrannt. Die Blutfettwerte steigen und damit erhöht sich das Risiko von Ablagerungen in Gefäßen, die im schlimmsten Fall zum Herzinfarkt oder Schlaganfall führen können. Eine Überfunktion der Schilddrüse ist ebenfalls gefährlich für das Herz: Die Körperpumpe muss ständig auf Hochtouren arbeiten, das kann zu Vorhofflimmern führen und eine Herzschwäche auslösen.

 

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Bis zu zwei Kilo schwer: Der Kropf
Wissenschaftlich korrekt heißt die vergrößerte Schilddrüse Struma, bekannter ist sie aber unter der Bezeichnung Kropf. Ausgeprägte Kröpfe können im Extremfall bis zu zwei Kilo schwer sein. Ein Kropf wirkt sich nicht gerade positiv auf das Aussehen aus. Manchmal wächst er aber auch nach innen und kann Atemnot, Heiserkeit und Schwierigkeiten beim Schlucken verursachen. Wenn die vergrößerte Schilddrüse gerade ausreichend Hormone produziert, bleibt es bei diesen Beschwerden. Erzeugt sie aber zu viele oder zu wenige, können gesundheitliche Probleme wie vermehrte Müdigkeit, Kältegefühl, Stuhlverstopfung, Herzjagen, Gewichtsverlust, vermehrtes Schwitzen und Zittrigkeit dazu kommen.
Früher einmal war der Kropf fast so etwas wie ein Wahrzeichen für Regionen mit Jodmangel, doch das hat sich gebessert, sagt Dr. Wolfgang Buchinger, Leiter der Schilddrüsenambulanz im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Graz-Eggenberg: „In Österreich wurde 1963 die gesetzliche Jodsalzprophylaxe eingeführt, das Speisesalz wird seit damals mit Jod versetzt. Früher waren es zehn Milligramm pro Kilo Salz, das hat aber nicht ausgereicht. Seit 1990 ist der Anteil doppelt so hoch.“
Diese Steigerung hat sich bewährt. Zurückgegangen sind nicht nur die Kröpfe, sondern auch die Schädigungen der geistigen und körperlichen Entwicklung bei Kindern, die als Folgen eines ausgeprägten Jodmangels aufgetreten sind.

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