Hören wie ein Luchs

Dezember 2017 | Medizin & Trends

Was Kinderohren brauchen
 
Kinderohren hören besonders gut – und brauchen besonderen Schutz. Funktioniert das Gehör von Geburt an nicht, ist die kindliche Entwicklung gefährdet. Erfahren Sie, was Kinderohren gut tut und wie kindliche Hörstörungen am besten therapiert werden.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Radiomusik, Geschirrgeklapper, Mama summt ein Lied, Papa telefoniert: Schon im Mutterbauch nimmt das Ungeborene die Außenwelt akustisch wahr. Von allen Sinnesorganen entwickelt sich das Gehör als erstes und ist ab der 24. Schwangerschaftswoche funktionsfähig. Ob es gesund ist, wird bereits kurz nach Babys erstem Schrei überprüft: Seit 2003 ist in Österreich ein flächendeckendes Hörscreening von Neugeborenen im Mutter-Kind-Pass vorgesehen. Dabei misst man die otoakustischen Emissionen (OAE) – jene Schallwellen, die das Gehör aussendet. „Bei diesem ersten Hörscreening wird festgestellt, ob eine relevante Hörstörung besteht, ob ein oder beide Ohren keinen Schall aussenden“, erklärt Prim. Dr. Thomas Keintzel, der Leiter der Abteilung für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten am Klinikum Wels-Grieskirchen in Oberösterreich.

Untersuchungen von klein auf

Ist das Screening auffällig, muss das Gehör an einer spezialisierten HNO-Abteilung eingehender untersucht werden: Befindet sich Flüssigkeit im Ohr, Fruchtwasser vielleicht? Je nach Ergebnis wird das Hörvermögen in Abständen kontrolliert oder eine Hirnstammaudiometrie durchgeführt: Dabei kann man die Impulse der Hörnervenbahnen bis in den mittleren Hirnstamm hinein untersuchen und herausfinden, wo die Hörschwelle tatsächlich liegt. Das ist der Schalldruckpegel (= Lautstärke), bei dem das Gehör akustische Signale gerade noch wahrnimmt. „Ein bis zwei von tausend Neugeborenen haben eine hochgradige Hörstörung“, erklärt der Experte. Wird das Problem rechtzeitig behandelt, können sich das Hören und das Sprachverständnis normal entwickeln. Weniger schwerwiegende, mittelgradige Hörstörungen lassen sich bei den frühen Untersuchungen ebenfalls feststellen. „Eine versorgungspflichtige Hörschwäche besteht bei einer Hörschwelle ab 40 Dezibel“, informiert Keintzel.

Hörstörungen frühzeitig behandeln

Wird eine höhergradige Hörstörung frühzeitig entdeckt, kann diese rasch und adäquat behandelt werden. Gerade in den ersten Jahren ist ein funktionierendes Gehör für die kindliche Entwicklung entscheidend: Die Hörbahn reift in den ersten 24 Lebensmonaten aus. „Um sich entsprechend entwickeln zu können, brauchen Hörbahn und Hörnerv einen akustischen Reiz“, betont Keintzel. Je früher man dem Kind eine adäquate Versorgung anbieten kann, desto besser: „Ein an sich gesundes Kind entwickelt sich wie ein hörgesundes Kind, wenn man die Hörschädigung rechtzeitig entdeckt und therapiert.“ Problematisch wird es, wenn sich das Zeitfenster schließt und man eine Hörschädigung nach dem dritten Lebensjahr entdeckt.
Selbst, wenn das erste Hörscreening unauffällig war, sollten Eltern die zweite Untersuchung des Gehörs im siebten bis neunten Lebensmonat unbedingt wahrnehmen. Mitunter tritt eine hochgradige Hörstörung erst später auf. Diese „Late-Onset-Schwerhörigkeit“ kann sich schleichend oder schubhaft verschlechtern. Höhergradige Hörstörungen sind oft erblich oder genetisch bedingt. Deutlich seltener ist eine Infektion während der Schwangerschaft, z. B. Toxoplasmose oder Röteln, dafür verantwortlich. Daneben können Infektionen beim Kind, etwa eine Hirnhautentzündung (Meningitis), eine Hörschädigung verursachen. Und schon in jungen Jahren kann ein Lärmtrauma das Gehör schädigen. Nicht zu unterschätzen ist der Schalldruckpegel von Kinderspielzeug – ob Quietschente, Rassel oder Trillerpfeife.

Aufmerksam hinhören

Um eine Hörschädigung rechtzeitig zu entdecken, braucht es nicht nur die regelmäßigen fachärztlichen Untersuchungen. Auch Eltern und andere Bezugspersonen sollten auf das Gehör der Kinder ein Auge haben: Ihr Kind reagiert erst, wenn Sie es mehrfach angesprochen haben? Es gibt immer wieder unpassende Antworten auf Ihre Fragen? Die Sprachentwicklung ist im Vergleich zu Gleichaltrigen verzögert? Bei plötzlichen Geräuschen – die Tür fällt mit einem Knall zu – reagiert das Kind nicht? „Wenn Eltern den Eindruck haben, es stimmt etwas mit dem Gehör des Kindes nicht, sollten sie es lieber einmal zu oft als zu selten HNO-ärztlich untersuchen lassen“, betont Keintzel.
Die gute Nachricht: In den häufigsten Fällen ist das Hörproblem ein vorübergehendes. So kann eine Verlegung des Gehörganges mit Ohrenschmalz (Cerumen) oder eine Mittelohrentzündung (Otitis media) das Hörvermögen mindern. Ein Paukenerguss, die Ansammlung von Flüssigkeit hinter dem Trommelfell, ist überhaupt eine der häufigsten Ursachen für vorübergehend schlechtes Hören beim Kind.

Gefährdete Teenager-Ohren

Nicht nur im Säuglings- bis Volksschulalter, auch bei Teenagern sollte die Hörgesundheit großgeschrieben werden. Die Nutzung von MP3-Playern ist ein Grund, weshalb Hörschädigungen unter Jugendlichen dramatisch gestiegen sein dürften. Eine US-amerikanische Untersuchung legt nahe, dass schon jeder fünfte Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren eine Hörschädigung haben soll. HNO-Arzt Keintzel hält diese Angaben für „zu hoch gegriffen“.
Feststeht: „Das Risiko für einen Hörschaden hängt vom Schalldruckpegel und von der Einwirkdauer ab“, erklärt der Facharzt. Sowohl anhaltend hohe Dauerbelastung durch Schall als auch kurze, sehr hohe Schallpegelspitzen können die Haarzellen im Innenohr dauerhaft schädigen. Diese sind für die Umwandlung von Schallschwingungen in elektrische Signale verantwortlich, welche über das Nervensystem an das Gehirn weitergeleitet werden. Zerstörte Haarzellen wachsen nicht nach – eine lärmbedingte Hörschädigung ist nicht heilbar.
Wer täglich stundenlang Musik in einer Lautstärke von mehr als 85 Dezibel hört, hat aufgrund der Dauerbeschallung ein erhöhtes Risiko für eine chronische leichte bis mittelgradige Hörstörung. Popkonzerte und Discobesuche setzen dem jugendlichen Gehör ebenfalls zu: Sie erreichen Schalldruckpegel von 100 oder sogar 120 Dezibel, was der Lautstärke eines Düsenflugzeugs in sieben Metern Entfernung entspricht.
Empfehlungen des Facharztes? Wer mit Kopfhörern hört, sollte eine Lautstärke von 85 Dezibel nicht überschreiten. Bei Konzerten oder in der Disco sollten Gehörschutzstöpsel getragen werden. „Indem man dem Ohr außerdem immer wieder Regenerationsphasen einräumt, lassen sich Schädigungen meist vermeiden“, ergänzt Keintzel.

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(Mehr) Ruhe bitte!
Kinderohren brauchen Erholung

Auch wenn die Ohren Tag und Nacht auf Empfang eingestellt sind – man sollte ihnen regelmäßige Erholungs- und Ruhephasen gönnen. Das gilt speziell für viel strapazierte Kinderohren: Neben der Dauerberieselung via MP3-Player sollte der Einfluss von Alltagslärm, dem die Ohren ausgesetzt sind, nicht unterschätzt werden. Umfragen zufolge stört der Lärm in Schulklassen nicht nur das Lehrpersonal, sondern auch die Schülerinnen und Schüler. Letztlich belastet Lärm nicht nur das Gehör, sondern auch die (Kinder)-Psyche. Das Risiko für Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder depressive Verstimmungen steigt.

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Hörstörungen im Kindesalter
Die wichtigsten Therapien

Schallleitungsschwerhörigkeit
Probleme im Außen- bzw. Mittelohr führen dazu, dass der Schall nicht richtig an das Innenohr weitergeleitet wird: Dazu zählen ein mit Ohrschmalz (Cerumen) verlegter Gehörgang, eine Mittelohrentzündung und ein Paukenerguss. Diese Schwerhörigkeit behandelt man, indem man die jeweilige Ursache behebt:
Das Ohrschmalz wird entfernt, eine Mittelohrentzündung wird mit abschwellenden Nasentropfen, Analgetika und gegebenenfalls mit Antibiotika behandelt, bei einem Paukenerguss wird die Flüssigkeit im Mittelohr abgesaugt.
Schallempfindungsschwerhörigkeit Dazu kommt es aufgrund fehlender oder beschädigter Haarzellen (Sinneszellen) in der Hörschnecke (Cochlea) im Innenohr. Die Therapie hängt vor allem vom Grad des Hörverlusts ab: Ab einer mittelgradigen Hörstörung von 40 Dezibel muss ein Kind mit einem Hörgerät, das wie ein Verstärker funktioniert, versorgt werden. Handelt es sich um eine schwerwiegende Hörstörung von mehr als 80 Dezibel, empfiehlt sich ein Hörimplantat: ein Cochlea-Implantat. Das ist eine elektronische Innenohrprothese, die Schall in elektrische Impulse umwandelt.

Webtipp:

„Gut hören von Anfang an“: Praktischer Mini-Ratgeber zum Thema Hörgesundheit kostenfrei zum Downloaden: www.medizinpopulaer.at/downloads

Stand 11/2017

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