Knackpunkt Kiefer

Februar 2017 | Medizin & Trends

Wozu Fehlstellungen führen können und was hilft

Fehlstellungen im Kiefer können nicht nur die Gesundheit der Zähne beeinträchtigen sowie den Kiefergelenken und Kiefermuskeln zu schaffen machen, sondern auch anderswo im Bewegungsapparat zu Problemen führen. Wie der Kiefer solcherart zum Knackpunkt wird und was hilft.

Von Mag. Sabine Stehrer

Der Mensch hat zwar zwei Augen, zwei Ohren, zwei Arme, zwei Beine, aber gänzlich symmetrisch gebaut ist er bei genauer Betrachtung nicht. Manchmal ist ein Bein ein wenig länger als das andere, wodurch das Becken ein bisschen schief steht, eine Schulter etwas weiter nach unten hängt, und dass sich die beiden Hälften unseres Gesichts voneinander unterscheiden, lässt sich unschwer im Spiegel erkennen. Wen wundert es da noch, dass auch der Kiefer nicht immer so gebaut ist, wie es dem Ideal entsprechen würde und alle Zähne normal aufeinandertreffen? Dies ist sogar erstaunlich oft der Fall. „Es ist davon auszugehen, dass bis zu  75 Prozent, also drei Viertel der Jugendlichen und Erwachsenen, eine Zahn- oder Kieferfehlstellung oder beides haben“, erklärt die Wiener Kieferorthopädin Dr. Elisabeth Pittschieler. Sie hat sich auf die Diagnose und Behandlung von Zahn- und Kieferfehlstellungen sowie Craniomandibulären Dysfunktionen (CMD), also Fehlfunktionen der Kiefermuskulatur und der Kiefergelenke, spezialisiert hat. Doch sie beruhigt: So wie bei anderen Asymmetrien des Körpers wie z.B. geringen Beinlängendifferenzen verhält es sich auch bei Fehlstellungen des Kiefers: Nicht alle müssen behandelt werden, denn, so Pittschieler, „nicht alle führen automatisch zu Beschwerden, oft kann der Körper diese Fehlstellungen sehr lang sehr gut kompensieren“.

Verspannter Nacken & verkrümmte Wirbelsäule

Doch können auch leichte Kieferfehlstellungen mit zunehmendem Alterzum Knackpunkt werden und nicht nur die Zahngesundheit beeinträchtigen, also zu Zahnschäden und Zahnschmerzen bis hin zum Zahnverlust führen: Wie mittlerweile einige wissenschaftliche Studien zeigen, gibt es einen Zusammenhang zwischen der Kiefer- und Kopfhaltung sowie der Körperhaltung – und dem Gesundheitszustand des gesamten Bewegungsapparats. Pittschieler über ein Beispiel: „Kieferfehlstellungen lösen häufig ein unangenehmes Knacken im Kiefergelenk aus sowie Verspannungen in den Kaumuskeln mit Schmerzen, die bis zu den Ohren oder den Bereich hinter den Augen ausstrahlen.“ Diese Verspannungen können zu Verspannungen in der Nackenmuskulatur führen, sich über das Fasziennetz bzw. das Bindegewebedes Körpers weiter ausbreiten und sich noch weiter entfernt von ihrem Ursprungsort schmerzhaft bemerkbar machen. „Kiefer-Asymmetrien, wie zum Beispiel ein einseitiger Kreuzbiss, lösen oft schmerzhafte Muskelverspannungen im Bereich des Kiefers und ebenfalls des Nackens und der Brustwirbelsäule aus“, so Pittschieler. Je schiefer das Gesicht bedingt durch eine schiefe Kieferhaltung ist, umso stärker ausgeprägte Skoliosen, Wirbelsäulenverkrümmungen nach rechts oder links, hat er oft im Rücken.

Hohlkreuz & Senkfuß

Eine weitere Verkettung, die die Kieferorthopädin ebenfalls oft an Patienten sieht: Bei einem Überbiss oder Deckbiss kommt es oft zu einer Kopfvorhaltung und einer Oberkörpervorhaltung. Durch diese Haltungen entsteht häufig ein Hohlkreuz, das wiederum eine übermäßige Drehung des Oberschenkels nach innen und die Entwicklung eines Senkfußes auslösen kann. Auch ein Hohl- oder Plattfuß sowie Knie- und Hüftschmerzen oder Probleme mit der Muskulatur im Bereich des Schultergürtels können Folgen von Kieferfehlstellungen sein. Das alles geht auch umgekehrt – das heißt, Fußfehlstellungen oder Skoliosen können ihrerseits zu Kieferfehlstellungen führen, betont Pittschieler und ergänzt: „Bei der Behandlung stellt sich des Öfteren die ‘Henne-Ei-Frage’: Was war zuerst da? Eine Körperfehlhaltung, die über die Kompensation der Fehlhaltung zur Fehlentwicklung des Kiefers geführt hat? Oder doch die Fehlentwicklung des Kiefers? Oder hängt einfach alles direkt miteinander zusammen?“

Psyche hat Einfluß

Mitverursacht und beschleunigt werden die Folgen – oder eben auch Ursachen – einer CMD durch die genetische Veranlagung und nach den Erfahrungen Pittschielers auch durch Lebensstilfaktoren, wie ein Zuviel an der einseitigen Belastung „Sitzen“, gepaart mit Bewegungsmangel. Eine ungesunde Ernährung, die dazu führt, dass zu wenige wertvolle Nährstoffe in den Bestandteilen des Bewegungsapparats landen, dem Bindegewebe, den Gelenken und Muskeln, tut laut der Expertin ihr Übriges. Ob überhaupt – und wie schnell Fehlfunktionen der Kiefergelenke und Kiefermuskulatur zu Beschwerden anderswo im Körper führen: Darauf haben obendrein noch der Gesundheitszustand der Psyche und der Umgang mit Stress einen Einfluss, so Pittschieler. „Unser Körper ist keine Einbahn, jede Information, die ihm gegeben wird, ist ähnlich wie eine Information in einem Intranet im ganzen System verfügbar, und das System reagiert darauf, betreibt Regulation.“

Therapiebündel hilft meist

Dementsprechend empfiehlt die Kieferorthopädin Betroffenen oft auch eine gesamt-regulierende, auf die individuelle Problemlage abgestimmte Therapie, also ein Therapiebündel. Zur Behandlung kann beispielsweise das Erlernen von Entspannungstechniken und Meditationstechniken, eine Ernährungsberatung, ein Bewegungstraining, eine logopädische Therapie, eine Physiotherapie oder eine Therapie beim Osteopathen zählen. Meist verbessert die Behandlung die Kaufunktion. Vielen mit schmerzhaften Verspannungen im Kopf- und Nackenbereich bis hin zum Schultergürtel und der Brustwirbelsäule hilft laut der Expertin eine spezielle Entspannungsschiene, die auf die unteren Zähne aufgesetzt wird. Pittschieler: „Die Schiene wird anfangs fast 24 Stunden am Tag getragen, also nur vor dem Essen herausgenommen, später tagsüber nur noch zwei Stunden und über die Nacht oder nach Bedarf, wenn Verspannungen da sind.“ Schiefstehende Zähne im bleibenden Gebiss werden mit einer festsitzenden Zahnspange behandelt. „Eine Entspannungsschiene zur Stabilisierung oder eine begleitende Therapie wie die Osteopathie, auch eine Schmerztherapie, helfen dem Körper bei der Regulation durch die Zahnspange“, so Pittschieler. Manchmal ist zusätzlich ein kieferchirurgischer Eingriff nötig, um den Betroffenen zu helfen. Die Kieferorthopädin über das Ausmaß der Hilfe: „Beim Großteil meiner Patienten ist eine sehr deutliche Reduktion von Schmerzen oder auch eine Beseitigung zu erreichen.“

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Früherkennung wichtig:
Erste Untersuchung des Kiefers im Kleinkindalter

Je früher eine Kieferfehlstellung erkannt und behandelt wird, desto besser bzw. desto eher können Spätfolgen vermieden werden. Dr. Elisabeth Pittschieler rät daher, bereits Kleinkinder einmal vom Kieferorthopäden untersuchen zu lassen und gegebenenfalls Maßnahmen zu setzen. Lesen Sie, welche das sein können und was im Kindes- und Jugendalter erfolgen kann.

  • Bei Kleinkindern – dient die Untersuchung dem Erkennen von angeborenen Fehlstellungen und Vorbeugen von schlechten Gewohnheiten, die zu Kiefer- und Zahnfehlstellungen führen können wie Daumenlutschen, am Schnuller Saugen, Lippensaugen. Dies eventuell gemeinsam mit einem Logopäden.
  • Bei Kindern im Alter von fünf bis sieben Jahren – steht vor allem die Therapie eines Kreuzbisses im Vordergrund, eventuell ist eine Logopädie oder eine Osteopathie nötig.
  • Bei Jugendlichen ab etwa zwölf Jahren – ist es gegebenenfalls Zeit für eine festsitzende Zahnspange, idealerweise kombiniert mit einer Osteopathie und einer Haltungstherapie.

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Wie verläuft die Diagnose?

  • Nach individueller Beratung und Aufklärung…
  • …gründliche Untersuchung durch einen Kieferorthopäden inkl.
  • Überprüfung der Kaufunktion und Kiefergelenke
  • der Sprache bzw. Zungenstellung
  • Vermessungen der Zähne und Kiefer
  • Röntgenaufnahmen, um zu sehen, ob alle Zähne angelegt sind und um das Wachstum in der Kiefer- und Kopfregion zu prüfen.

Häufige Kiefer- und Zahnfehlstellungen:

  • Zahnengstand: Die Zähne haben zu wenig oder gar keinen Platz im Kiefer, ragen deshalb nach außen oder innen heraus oder bleiben manchmal auch im Kiefer versteckt.
  • Überbiss: Die oberen Zähne ragen über die unteren heraus oder umgekehrt.
  • Kreuzbiss: Der Oberkiefer ist schmäler als der Unterkiefer, oft auch einseitig oder bei den Frontzähnen.
  • Offener Biss: Die Zähne klaffen bei geschlossener seitlicher Zahnreihe auseinander.

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Ursachen – Folgen – Hilfen

Kiefer- und Zahnfehlstellungen sind

  • angeboren – genetisch-evolutionär bedingt, da der Mensch aufgrund immer weicherer Speisen weniger Zähne benötigt, sich das Kiefer verkleinert und Zähne dann oft keinen Platz mehr haben oder
  • erworben durch ungünstige Verhaltensweisen wie Daumenlutschen im Kleinkindalter oder durch Fehlhaltungen.

Folgen

  • Zahnschäden und Zahnschmerzen bis hin zum Zahnverlust,
  • Schmerzen im Kieferbereich und ­anderswo im Körper.

Hilfen

  • „Stabilisierung von oben“ durch Korrektur der Kiefer- und Zahnfehlstellungen,
  • gegebenenfalls Therapiebündel, die den gesamten Körper und bei Bedarf auch die Psyche einbeziehen.

 

Buchtipp:
Dorotka
Gesunde Gelenke
Hilfe bei Knorpelschäden & Arthrosen
ISBN 978-3-902552-87-7, 124 Seiten
Verlagshaus der Ärzte, € 14,90

Stand 02/2107

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