Tiefschlaf als Therapie

Mai 2017 | Medizin & Trends

Was ist eine Tiefschlaf-Therapie? Wozu dient dieses künstliche Koma? Welche Risiken birgt diese Behandlungsmethode in sich? Der Präsident elect der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) Prim. Univ. Prof. Dr. Rudolf Likar vom Klinikum Klagenfurt hat die Antworten für MEDIZIN populär.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

MEDIZIN populär
Was ist eine Tiefschlaf-Therapie beziehungsweise ein künstliches Koma?


Prim. Univ. Prof. Dr. Rudolf Likar

Der Begriff ‘künstliches Koma’ ist eigentlich nicht richtig, denn ‘Koma’ kommt aus dem Griechischen und bezeichnet einen tiefen und festen Schlaf. Und das, was man künstliches Koma nennt, ist kein tiefer, fester Schlaf, sondern eine Sedierung, also eine Dämpfung des Nervensystems oder eine lange Vollnarkose. Diese wird durch Beruhigungs- und Schlafmittel herbeigeführt und aufrechterhalten und hat einen künstlichen, je nach Medikation eher leichten oder tiefen Tiefschlaf zur Folge. Zusätzlich werden Schmerzmittel gegeben. Beispielsweise nach Wiederbelebungen wird der Körper auf 33 Grad Celsius abgekühlt, um den Stoffwechsel zu verlangsamen und den Sauerstoffbedarf zu reduzieren. Während des Tiefschlafs wird der Patient künstlich beatmet und intravenös oder enteral, also über die Venen oder den Darm, ernährt.

Wozu dient diese Behandlungsmethode?

Abgesehen von Patienten, die wiederbelebt wurden, werden zum Beispiel Patienten nach schweren Unfällen in den Tiefschlaf versetzt. Dies auf jeden Fall immer dann, wenn sie dabei ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben. Denn aufgrund eines Schädel-Hirn-Traumas kommt es zu Hirnschwellungen, die den Hirndruck erhöhen, was lebensgefährlich ist. Durch den Tiefschlaf und die damit einhergehende Verlangsamung des Stoffwechsels verringert sich der Hirndruck wieder.   
Der Tiefschlaf dient aber auch Patienten, die eine schwere Operation hinter sich haben oder an lebensgefährdenden Erkrankungen leiden, wie Herzerkrankungen oder einer Sepsis, also einer Blutvergiftung. Der Tiefschlaf entlastet den Körper. Das ermöglicht eine schnellere Erholung. Der Tiefschlaf bewahrt den Patienten obendrein vor Schmerzen und einem Delir, einer Verwirrtheit. Auch wenn ein Patient zum Beispiel wegen einer Bewusstseinsstörung, etwa bedingt durch einen Schlaganfall, wegen einer Hirnblutung oder einer Vergiftung, künstlich beatmet werden muss, wird er in künstlichen Tiefschlaf versetzt.

Wie geht es den Patienten während des künstlichen Tiefschlafs psychisch?

Das weiß man nicht. Die meisten Patienten können sich nur an sehr wenig aus der Zeit des Tiefschlafs erinnern. Einige erzählen, sie hätten Albträume gehabt.

Ist die Tiefschlaf-Therapie mit Risiken verbunden?

Kaum, denn Patienten im künstlichen Tiefschlaf befinden sich auf der Intensivstation. Alle ihre Körperfunktionen wie die Atmung, die Sauerstoffsättigung des Blutes, der Blutdruck, der Herzschlag und die Körpertemperatur werden rund um die Uhr überwacht. Wenn etwas nicht so funktioniert, wie es funktionieren sollte, oder wenn der Schlaf zu leicht oder zu tief wird, wird mit Medikamenten gegengesteuert. Wird ein Tiefschlaf sehr lang aufrechterhalten, was aber äußerst selten der Fall ist, erhöht sich die Gefahr für eine Lungenentzündung und für die Entwicklung von Verwirrtheit. Wacht ein Patient nicht mehr aus dem künstlichen Tiefschlaf auf, liegt das nicht am Tiefschlaf, sondern an der zugrunde liegenden Erkrankung.

Wie lang kann ein künstlicher Tiefschlaf aufrechterhalten werden?

So lang, wie dies nötig ist. Abhängig von der Schwere der Erkrankung, der zurückliegenden Operation oder der Verletzung kann der Tiefschlaf von 24 Stunden über zwei, drei Tage bis zu ein, zwei Wochen aufrechterhalten werden. Länger werden Patienten wie erwähnt nur sehr selten im Tiefschlaf gehalten.

Sind Begleittherapien erforderlich?

Dauert der Tiefschlaf mehrere Wochen an, sind eine Bewegungstherapie und eine Physiotherapie sinnvoll. Auch Zuwendung ist sehr wichtig, Berührungen, Reden, denn alles das wird unterbewusst wahrgenommen.

Wie läuft das Aufwachen ab?

Für das Aufwachen wird der Patient zunächst in den Tag-Nacht-Rhythmus gebracht, indem er beispielsweise nachts bläulichem Licht, tagsüber orangem Licht ausgesetzt wird. Zeitgleich werden die Medikamente, vor allem die Schlafmittel, langsam reduziert. Wie lang die Aufwachphase dauert, ob Stunden, Tage oder Wochen, hängt im Wesentlichen von der Dauer des künstlichen Tiefschlafs, vom Gesundheitszustand des Patienten und von den verwendeten Medikamenten ab. Manche Patienten haben nach dem Aufwachen Gedächtnisstörungen, sind vorübergehend verwirrt oder desorientiert und wissen zum Beispiel nicht, ob es morgens oder abends ist. Zu einer rascheren Reorientierung trägt zum Beispiel bei, den Betroffenen Bilder ihrer Kinder zu zeigen.    

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Was ist der natürliche Tiefschlaf?

Laut Schlafforschern ist der Tiefschlaf für die Erholung des Menschen besonders wichtig, denn im Tiefschlaf ist die Muskulatur vollkommen entspannt, die Pulsfrequenz nimmt ab, der Blutdruck und der Spiegel der Stresshormone sinken. Wachstumshormone werden hingegen verstärkt ausgeschüttet, wodurch das Immunsystem gekräftigt wird, und sich die Körperzellen regenerieren. Doch wenn wir uns zur Ruhe legen, schlafen wir nicht einfach so ein und versinken für den Rest der Nacht in tiefen Schlaf: Wir durchlaufen vielmehr verschiedene Schlafphasen. Auf die Einschlafphase und die Leichtschlafphase folgt nach rund 30 Minuten die erste Tiefschlafphase. Sie dauert rund eine Stunde und ist damit die längste der Tiefschlafphasen.
Auf sie folgt die erste Traumphase. Die Traumphasen werden auch REM (Rapid Eye Movement)-Phasen genannt, da sich die Augen während des Träumens hinter den Lidern rasch hin und her bewegen. Auf die Traumphase folgt wieder eine Tiefschlafphase, auf sie eine Traumphase usw., wobei die Tiefschlafphasen im Lauf des Schlafs immer kürzer werden. Bis zu sechsmal wird zwischen Tiefschlafphasen und REM-Phasen hin- und hergewechselt. Etwa eine Stunde vor dem Aufwachen beginnt eine Schlafphase, die der des Einschlafens ähnelt.

Was ist eine Schlafstörung?

Menschen ohne Schlafprobleme schlafen zwischen 22 Uhr und 24 Uhr am Abend nach fünf bis zehn Minuten ein und danach meist sieben bis neun Stunden lang. Menschen mit Schlafproblemen können entweder schlecht einschlafen, wachen nachts immer wieder auf und sind länger munter oder sie wachen morgens frühzeitig auf. Treten die Einschlaf-, Durchschlaf-, und Ausschlafprobleme in mehr als drei Nächten pro Woche über mehrere Wochen auf, spricht die Schlafmedizin von einer Schlafstörung – sich dann ärztliche Hilfe
zu holen, ist ratsam. Häufige Ursachen sind Stress, bei Männern das Schnarchen, bei Frauen Wechseljahresbeschwerden wie das Schwitzen oder das in späteren Jahren auftretende Restless-Legs-Syndrom, unwillkürliche Bewegungen der Arme und Beine. Die Folgen von Schlafstörungen sind Müdigkeit, eine Schwächung der Abwehrkräfte, die eine erhöhte Anfälligkeit für diverse Krankheiten mit sich bringt, und depressive Verstimmungen.

Was ist ein natürliches Koma?

Das natürliche Koma ist eine Form der Bewusstlosigkeit, die zum Beispiel nach schweren Kopfverletzungen, nach einer Hirnblutung, nach einem Schlaganfall oder nach Vergiftungen, etwa durch extrem hohen Alkoholkonsum, auftritt.

Stand 04/2017

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