Zahnfleisch im Aufruhr

August 2017 | Medizin & Trends

Alles über Parodontitis
 
Wie erkenne ich, ob ich Parodontitis habe? Welche Folgen kann die Entzündung des Zahnhalteapparats haben? Was hilft gegen die Erkrankung? Fragen wie diese beantwortet der Wiener Zahnarzt und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie (ÖGP) Dr. Werner Lill für MEDIZIN populär.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

MEDIZIN populär
Wie erkenne ich, ob ich Parodontitis habe?

Dr. Werner Lill
Ein gerötetes, geschwollenes Zahnfleisch, Zahnfleischbluten beim Zähneputzen und beim Essen von harter Nahrung wie eines Apfels können erste Anzeichen dafür sein. Wenn in weiterer Folge zusätzlich Eiter aus dem Zahnfleisch austritt und Mundgeruch entsteht, die Zähne länger erscheinen, beim Kontakt mit Kaltem oder Heißem schmerzen, sich locker anfühlen und das Kauen schwerer als früher fällt, sollte das als Alarmzeichen gewertet werden. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, an Parodontitis erkrankt zu sein.

Was bedeutet das?
Das heißt, dass nicht nur das Zahnfleisch entzündet ist, also eine Gingivitis besteht, sondern sich zusätzlich größere Zahnfleischtaschen gebildet haben, über die die Entzündung auf den gesamten Zahnhalteapparat, also auch auf das Gewebe, das die Zahnwurzel direkt umgibt, und die Kieferknochen übergegangen ist.

Wie kann es so weit kommen?
Meistens aufgrund von mangelhafter Mundhygiene. Die Zähne werden entweder zu selten, zu kurz oder nicht richtig geputzt, und zu selten oder nie einer professionellen Zahnreinigung unterzogen. So sammeln sich Bakterien, und Zahnbelag, die Plaque, entsteht. Die Plaque bildet wiederum den Nährboden für weitere Bakterien und Mikroorganismen, wodurch die Belagschicht größer wird und sich im Lauf der Zeit zu Zahnstein erhärten kann, wo sich ebenfalls Bakterien ansiedeln.  Je mehr Bakterien vorhanden sind, desto größer ist das Risiko für Infektionen, die über die Entzündung des Zahnfleischs zur Parodontitis, der Entzündung des gesamten Zahnhalteapparats, führen können.

Welche Rolle spielt als Auslöser dieser Erkrankung die Ernährung?
Zucker und kohlenhydratreiche Nahrungsmittel wie Weißmehlprodukte, die ja in Zucker zerlegt werden, lassen sich von den Bakterien besonders gut zersetzen, wodurch sie sich stärker vermehren. Dadurch wird die Bildung von Zahnbelag beschleunigt und die Gefahr für Entzündungen erhöht.

Gibt es weitere Risikofaktoren?
Stress und Rauchen steigern das Risiko für Parodontitis ebenfalls, da beide Faktoren generell die Abwehrkräfte und insbesondere die Abwehrkraft der Mundschleimhaut reduzieren. Noch unbekannt ist der Risikofaktor oder die Ursache für eine seltenere Form der Parodontitis, die bereits in jungen Jahren auftritt und äußerst aggressiv verläuft. Möglicherweise entsteht sie aufgrund einer genetischen Veränderung.

Welche Folgen kann Parodontitis haben?
Wenn erst sehr spät mit einer Behandlung begonnen wird oder die Behandlung schlecht greift, weil danach wieder Fehler bei der Mundhygiene gemacht werden, kommt es letztendlich zum Zahnverlust.
Dies ist aber nicht die einzige Folge, die Parodontitis haben kann. Erwiesenermaßen gibt es auch Zusammenhänge zwischen Parodontitis und anderen Erkrankungen: Die Entzündung des Zahnhalteapparats ist ein Risikofaktor für Arterienverkalkung, die Atherosklerose, für die altersbedingte Zuckerkrankheit Diabetes mellitus Typ 2, für Herz-Kreislauf­Erkrankungen wie Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt.
Schwangere, die an chronischer Parodontitis leiden, haben ein erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt.

Wie ist alles das erklärbar?
Die Bakterien, die die Entzündung im Mund verursachen, gelangen in den Blutkreislauf und entzünden auch die Blutgefäße. Dies führt dazu, dass sich die Gefäße verengen. Die Verengung und Entzündung der Blutgefäße kann wiederum Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mellitus Typ 2 verstärken oder auslösen. Außerdem beeinflussen die Bakterien den Hormonhaushalt von Frauen insofern, als sie die Produktion der Sexualhormone Östrogene drosseln. Dadurch kann es zu einer Frühgeburt kommen.

Was hilft gegen Parodontitis?
Das kommt darauf an, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist. Im Anfangsstadium hilft es, wenn der Zahnarzt den Zahnbelag und den Zahnstein entfernt sowie die Zahnfleischtaschen reinigt und desinfiziert. Ist die Parodontitis schon weiter fortgeschritten, reichen diese Maßnahmen nicht mehr aus. Dann bieten sich zwei Möglichkeiten der Behandlung an: Entweder die Nische, wo sich die bakterielle Entzündung befindet, wird durch Abtragen von Knochengewebe vergrößert, damit sie besser zu reinigen ist. Oder es wird versucht, den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen, indem Gewebe, das durch die Entzündung verloren gegangen ist, regeneriert oder teilweise durch Ersatzmaterialien ersetzt wird. Im weit fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung, wenn der Kieferknochen durch eine chronische oder auch akut aggressiv verlaufende Parodontitis bereits stark angegriffen ist, lässt sich die Entzündung nur noch heilen, wenn der Zahn entfernt wird. Nach jeder dieser Therapien ist zusätzlich eine Selbstbehandlung nötig, die aus einer optimalen Mundhygiene, gegebenenfalls für eine Zeit lang in Kombination mit speziellen Mundspülungen und der Einnahme von Antibiotika besteht. Ohne diese Maßnahmen ist die Gefahr groß, dass die Parodontitis sehr bald wieder aufflammt.     

Zahlen & Fakten

  • Was ist Parodontitis?
    Eine Entzündung des gesamten Zahnhalteapparats („Parodont“ heißt übersetzt so viel wie „um den Zahn herum“), bestehend aus dem Zahnfleisch, dem Gewebe, das direkt an der Zahnwurzel anliegt, und dem Kieferknochen, samt Bestehen von Zahnfleischtaschen, die tiefer als drei Millimeter sind.

  • Wie viele Menschen sind betroffen?
    Weltweit nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO 70 Prozent der Erwachsenen, in Österreich etwa 1,1 Millionen, wobei das Risiko für Parodontitis mit dem Alter steigt. Während in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen etwa die Hälfte, 51 Prozent, an Parodontitis erkranken, sind es unter den 65- bis 74-Jährigen bereits fast zwei Drittel, nämlich 65 Prozent. Damit ist die Parodontitis nach der Karies die zweithäufigste Zahnerkrankung, unter Erwachsenen die häufigste. Dritthäufigste Zahnerkrankung ist die Vorstufe der Parodontitis, die Zahnfleischentzündung, Gingivitis.

  • Wie erfolgt die Diagnose?
    Durch ein Arzt-Patient-Gespräch, die Zahnkontrolle und die Durchführung einer Parodontalen Grunduntersuchung (PGU) mit Messung der Tiefe der Zahnfleischtaschen, Erhebung der Blutungsneigung und Überprüfung von Plaque und Zahnstein.

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Woraus besteht die optimale Mundhygiene?

  • Zweimal täglich, morgens und abends nach dem Frühstück bzw. vor dem Schlafengehen die Zähne etwa drei Minuten unter Anwendung der Technik und Verwendung der Bürsten,  die der Zahnarzt empfiehlt, putzen.
  • Einmal täglich nach dem Zähneputzen – ob morgens oder abends ist egal – die Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder einem Zahnzwischenraumbürstchen reinigen.
  • Je nach Empfehlung des Zahnarztes einmal, zweimal im Jahr oder öfter eine professionelle Mundhygiene durchführen lassen.

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Wann zum Zahnarzt?

  • Einmal jährlich zur Zahnkontrolle.
  • Wenn Veränderungen des Zahnfleisches, Zahnfleischbluten oder Schmerzen auftreten und anhalten.
  • Wenn sich Zahnstein gebildet hat, etwas vom Zahn abgebrochen ist oder dunkle Flecken auf den Zähnen sichtbar werden.

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Wussten Sie, dass …

… Parodontitis die Gefahr für

  • Arterienverkalkung bzw. Atherosklerose,
  • Diabetes mellitus Typ 2, die altersbedingte Zuckerkrankheit,
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen vom Bluthochdruck über den Schlaganfall bis hin  zum Herzinfarkt sowie
  • das Risiko für Frühgeburten erhöht?

Stand 07-08/2017

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