Helga Kromp-Kolb

März 2017 | Prominente & Gesundheit

„Im heurigen Frühling & Sommer wird es keine neuen Temperaturrekorde geben.“
 
Sie ist Meteorologin und Klimaforscherin, lehrt an der Universität für Bodenkultur in Wien, leitet dort das Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit und hat sich als Expertin für den weltweiten Klimawandel einen Namen gemacht.
Im Gespräch mit MEDIZIN populär erzählt die mehrfach ausgezeichnete 68-Jährige von ihren aktuellen Projekten, schildert, was sie persönlich zum Klimaschutz beiträgt und für ihre Gesundheit tut, und erklärt, warum es in der bevorstehenden warmen Jahreszeit heuer wohl nicht überdurchschnittlich warm werden wird.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

MEDIZIN populär
Frau Professor Kromp-Kolb, jetzt im März ist Frühlingsbeginn, damit starten wir in die warme Jahreszeit. Wie wird im heurigen Frühling und Sommer das Wetter?


Helga Kromp-Kolb

Leider haben wir noch keine wissenschaftlichen Methoden, die es erlauben würden, dazu eine verlässliche Prognose abzugeben. Was aber schon möglich ist: Wir können Klimatrends erkennen. Global betrachtet, ist im letzten Jahrzehnt die Temperatur nicht so stark gestiegen, wie in den Jahrzehnten davor. Die Hitzerekorde in den Jahren 2015 und 2016 hingen mit dem Super-El Nino 2015 zusammen, gingen also auf strömungsbedingt ungewöhnlich hohe Temperaturen im tropischen Pazifik und in der Folge in der Luft zurück. Veränderungen durch einen solchen Super-El Nino halten aber meist nur zwei Jahre an, danach normalisieren sich die meteorologischen Verhältnisse wieder. Deswegen denke ich, im heurigen Frühling und Sommer werden wir zwar jahreszeittypische Temperaturen haben, aber es wird keine neuen Temperaturrekorde geben.

Aber die Klimaerwärmung hält nach wie vor an?

Ja, und leider schaut Österreich mehr oder weniger zu. In den Regionen und Gemeinden passiert zwar einiges, aber manche Institutionen schauen nur mit Stolz auf das zurück, was in der Vergangenheit geschaffen wurde, statt voraus zu blicken. So mangelt es an Anreizen für die Umsetzung von Klimazielen.

Warum ist es so wichtig, etwas gegen die Klimaerwärmung zu tun?

Manchem mag der Klimawandel derzeit noch als harmlos oder sogar als angenehm erscheinen. Aber schon jetzt leiden Millionen Menschen unter dem Klimawandel, er kann Kriege mitverursachen, weitere Flüchtlingsströme auslösen, und früher oder später sind wir alle betroffen.

Was müsste am dringendsten geschehen?

Dringlich wären zum Beispiel, im Bauwesen darauf zu achten, dass wärmetechnische Spitzenprodukte aus umweltfreundlichen Materialien verwendet werden. Geschieht dies nicht, ist das ein Fehler, der sich 20 und mehr Jahre negativ auswirkt, und der das Erreichen des Klimaziels erschwert, das mit dem Pariser Abkommen unterzeichnet wurde. Auch im Mobilitätsbereich ist ein Umdenken erforderlich. Es kann nicht darum gehen, mehr Straßen zu bauen, denn diese ziehen bekanntermaßen Verkehr an, und es kann auch nicht nur um etwas effizientere Antriebe gehen. Notwendig ist der Ausbau des öffentlichen Verkehrs.

Was tragen Sie persönlich zum Klimaschutz bei, wie bewegen Sie sich zum Beispiel fort?

Schon seit vielen Jahren fliege ich privat nicht mehr und dienstlich nur dann, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, etwa weil die Bahnfahrt mehr als einen Tag beanspruchen würde oder ein Ozean zu überqueren ist. Im Alltag bewege ich mich großteils mit dem Fahrrad fort. Das Fahrrad ist ein Klapprad. Wenn ich längere Strecken bewältigen muss oder es sehr steil bergauf geht, ich aber nicht schwitzend am Ziel ankommen möchte, klappe ich es zusammen und steige in die Straßenbahn oder den Bus um, was sehr praktisch ist.

Wenn Sie mit dem Fahrrad fahren, tun Sie etwas für das Klima und zugleich für Ihre Gesundheit.

(Lacht) Ja, genau, ich betreibe Sport, ohne zusätzliche Zeit dafür investieren zu müssen, und bei schönem Wetter bereitet mir das Radfahren außerdem wirklich Freude. Abgesehen davon gehe ich aber auch noch Laufen und mache Wanderurlaube.

Achten Sie wie beim Radfahren auch beim Essen auf den Klimaschutz und die Gesundheit?

Erfreulicherweise geht das tatsächlich Hand in Hand. Mein Mann und ich essen fast nur Produkte aus biologischer Landwirtschaft. Der Humusgehalt in Bio-Böden ist höher, daher speichern die Böden mehr CO2. Das ist für das Klima günstig, und die Produkte sind gesünder. Außerdem nehmen wir viel regionales und saisonales Gemüse und Getreideprodukte zu uns, weil die Herstellung dieser Nahrungsmittel ökologischer ist, also umweltbewusster abläuft, als zum Beispiel die Produktion von Fleisch.

Abgesehen von der Wahl klimaschützender Ernährung und entsprechender Fortbewegungsmittel – was kann der einzelne Mensch noch zu einem gesunden Klima beitragen?

Da gibt es eine Reihe von einfachen Maßnahmen. Was jeder zum Beispiel zuhause machen kann, ist, Energie zu sparen, etwa, indem beim Kochen der Topf immer zugedeckt wird, Duschen kurz gehalten wird, Energiesparlampen eingesetzt werden, das Licht immer abgeschaltet wird, wenn ein Raum verlassen wird und die Räume nicht überheizt werden. Wir achten außerdem noch beim Kauf von Kleidung auf eine gute, ehrliche Produktionsweise und bei Geräten auf Qualität und Energieeffizienz. Dafür geben wir lieber einmal mehr Geld aus, statt alle paar Jahre neue Geräte kaufen zu müssen. Und wenn etwas doch kaputt ist, werfen wir es nicht gleich weg, sondern erkundigen uns zuerst, ob es sich noch reparieren lässt.

An welchen wissenschaftlichen Projekten arbeiten Sie aktuell?

2015 wurden den klimapolitischen Millenniumszielen der UNO nachfolgend 17 nachhaltige Entwicklungsziele beschlossen, die nicht nur für Schwellen- und Entwicklungsländer, sondern auch für Industriestaaten wie Österreich Aufgaben enthalten. Die Universität für Bodenkultur in Wien, die BOKU, und andere Universitäten sind gefordert, dazu einen Beitrag zu leisten. Wir an der BOKU haben im Rahmen der Allianz Nachhaltige Universitäten in Österreich gemeinsam mit der Universität Klagenfurt ein Modell entwickelt, mit dem unsere Universitäten ihre CO2-Bilanz auf einfache Weise erstellen können, um dann geeignete Klimaschutzmaßnahmen setzen zu können. Derzeit wird das Modell so aufbereitet, dass es auch andere Universitäten nützen können, um Verbesserungspotenzial zu erkennen und Verbesserungen umzusetzen.

Was wird darauf folgen?

Ende dieses Sommersemesters steht mir das Ende meiner beruflichen Laufbahn bevor. Ich werde als Professorin für Meteorologie aufhören, das Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit nur noch so lang leiten, bis die Nachfolge geregelt ist, und mich darum bemühen, einen reibungslosen Übergang zu schaffen.

Kurz & Persönlich

  • Verheiratet mit dem Risikoforscher Univ. Prof. Dr. Wolfgang Kromp
  • Drei erwachsene Kinder aus erster Ehe
  • Hobbys: Wandern, Laufen, Radfahren. Für die bevorstehende Zeit nach dem Beruf geplant: Fotografieren
  • Lieblingsliteratur: Fachbücher
  • Lieblingsmusik: Je nach Stimmung klassische Musik oder Volksmusik
  • Lieblingsessen: Obst, Salat, einfache Speisen
  • Lieblingsgetränk: Wasser


Auszeichnungen:

1991    Konrad-Lorenz-Preis
2005    Wissenschafterin des Jahres
2006    Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien
2013    Großes Silbernes Ehrenzeichen für Verdienste
    um die Republik Österreich

Stand 03/2017

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