Warum Faszientraining guttut

September 2018 | Fitness & Entspannung

Faszien fristeten lange Zeit ein Aschenputteldasein. Zu Unrecht!
 
– Von Mag. Sylvia Neubauer

Haben Sie sich schon jemals gefragt, warum grazil anmutende Gazellen verhältnismäßig weit springen können? An ihrer Muskelmasse kann es wohl nicht liegen. Diese ist bei den zierlichen Tieren nur sehr spärlich ausgeprägt. Die fröhlichen Hüpfallüren der Vierbeiner beruhen auf einem perfekten Zusammenspiel zwischen Sehnen und Faszien.  Faszien ebnen den WegAuch unser aufrechtes, vitales Erscheinungsbild verdanken wir größtenteils dem sogenannten myofaszialen Netzwerk. „Das fasziale Netzwerk ist unser sechster Sinn“, sagt Beatrix Baumgartner, Sportphysiotherapeutin und Master Faszial Fitness Trainerin vom Fascia Center Vienna. Das gitterförmige Fasziengebilde aus dünnen Bindegewebsschichten und Nervenzellen ähnelt vom Aufbau den weißen Häutchen von Orangen. Die Faszienhülle legt sich schützend über Knochen und Muskeln, verleiht den inneren Organen Halt und sorgt für Beweglichkeit. „Durch die Faszien fließen Lymphgefäße, die den Blutgerinnungsfaktor Fibrinogen transportieren“, erklärt Baumgartner. Einseitige Bewegung und Inaktivität blockieren hingegen ein ordnungsgemäßes Fließen. „Das Fibrinogen wird dann zu Fibrin abgebaut, wodurch die ‚Schmiere‘ im Gewebe verdickt und eine klebstoffartige Konsistenz annimmt“, so die Trainerin, „das hat Auswirkungen auf die Gewebestruktur.“ Das umliegende Fasziengewebe verklebt, es wird anfällig für Schmerzen und Muskelverhärtungen.Faszien mögen es vielseitig!Trainierte Faszien beugen Beschwerden und Verletzungen vor, beschleunigen die Regeneration des Körpers und lassen uns souverän in Erscheinung treten – und das bis ins hohe Alter. Apropos: Ein Training ist auch mit 90 plus noch erlaubt, denn Faszien haben sowohl in jungen Jahren als auch mit einigen Semestern am Buckel Spaß am Leben. Und: „Sie lieben die Abwechslung“, weiß die Expertin. Es darf also gefedert, gedehnt, gelöst und erspürt werden. Der Leitfaden dazu beruht auf vier Prinzipien:1. PrinzipElastische Rückfederung*   Was versteht man darunter?Jugendlich federnde Faszien sind kräftig und elastisch. Zum Vergleich: Weitsprung-Akrobaten beziehen ihre enorme Sprungkraft nicht aus reiner Muskelkraft, sondern aus einer elastischen Speicherenergie – dem sogenannten Katapultmechanismus.*   Wie trainieren?Kinder, die hüpfender Weise auf Spielplätzen herumtoben, bedienen sich eines natürlichen Faszientrainings. Erwachsene dürfen es ihnen mit federnden, möglichst geräuscharmen Sprungübungen gleich tun. Ideal sind Treppenläufe oder Seilspringen. Auch beim Ballwerfen entsteht ein Großteil der Bewegungsenergie aus dem Katapult-Effekt der Faszien. Das kräftigt die kollagene Gewebestruktur der Arme und des Schultergürtels.2. Prinzipfasziales Dehnen*   Was versteht man darunter?Faszien sind nicht nur kräftig, sondern auch dehnbar wie ein Gummiringerl. Eines ihrer Merkmale ist die vernetzte Spannung. „Über myofasziale Zuglinien wird die Kraft über mehrere Gelenke hinweg, teilweise sogar vom Scheitel bis zur Sohle übertragen“, so die Physiotherapeutin. Der Begriff „myofaszial“ schließt dabei gleichermaßen Muskeln und Faszien mit ein.*   Wie trainieren?Faszien lieben es, in möglichst viele Richtungen und Winkel gezogen und gedehnt zu werden. Man spricht dabei von einem „Dehnen in langen Ketten“, erklärt Baumgartner. Dabei werden nicht nur einzelne Muskeln isoliert, sondern gleich mehrere Muskeln gemeinsam gedehnt – samt ihrem zugehörigen Faszien-Netzwerk. Übrigens: Katzen sind obgleich ihrer unglaublichen Verrenkungskünste gute Vorbilder in Sachen dynamischer Dehnübungen. 3. PrinzipSensorisches Verfeinern*   Was versteht man darunter?Ob wir elegant oder eher tollpatschig durchs Leben gehen, hängt von der Körperwahrnehmung ab. *   Wie trainieren?Wellen- und schlangenförmige Bewegungen der Wirbelsäule, wie sie bei ­bestimmten Yogapositionen vorkommen, ermöglichen ein gutes Sinnlich­keits­training, das die Bewegungsabläufe wieder harmonisiert.4. PrinzipFasziales Lösen*   Was versteht man darunter?„In Bewegung reagieren Faszien wie ein Schwamm, den man auspresst“, sagt Baumgartner „in der Entlastungsphase saugen sie sich wieder voll.“ Ist das Gewebe durchfeuchtet, können sich Verklebungen lösen und Schmerzzustände verbessern.*   Wie trainieren?Gute Resultate lassen sich mithilfe einer festen Schaumstoffrolle erzielen. Gut zu wissen: Wenn der mechanische Druck der Rolle auf spröde gewordene Faszien einwirkt, kann das wehtun. Gerade an diesen Stellen ist es wichtig langsam auszurollen.Anders als Muskelgewebe verändern sich die bindegewebigen Hüllen nur langsam. „Erste Erfolge zeigen sich bereits nach sieben Monaten“, spornt die Expertin zum Training an, „je nach Vorgeschichte kann es auch bis zu zwei Jahre dauern, bis sich das Fasziengewebe vollständig regeneriert hat, beispielsweise nach Verletzungen.“ 

 

 

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