Es juckt so!

Februar 2018 | Kosmetik & Pflege

Wenn die Haut Alarm schlägt
 
Vom harmlosen Feuchtigkeitsmangel bis zur gefährlichen Organerkrankung – wenn die Haut juckt, kann dies viele Ursachen haben. Wie quälender Juckreiz entsteht und was dagegen hilft.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Es ist ein Verlangen, dem wir uns kaum entziehen können: Bestimmte Nervenzell-Enden in unserer Haut melden über Nervenfasern „Juckreiz“ an die Großhirnrinde ­– und diese wiederum erteilt den Fingern den Befehl zum Kratzen. Sofort wandern die Hände an die betroffene Stelle, die Nägel beginnen zu schaben oder zu scheuern.
Die dadurch entstehenden Schmerzreize überdecken das Jucken tatsächlich, allerdings nur kurzfristig, wie Univ. Prof. Dr. Sanja Schuller-Petrovic, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie in Wien, weiß. „Durch das Kratzen werden chemische Stoffe wie etwa Histamin ausgeschüttet, die an den Nervenendigungen in der Haut den Juckreiz verstärken. So setzt sich ein Teufelskreis in Gang, der das Risiko von lokalen Hautveränderungen wie aufgekratzten Wunden, Ekzemen, Vernarbungen und Pigmentveränderungen steigert.“
Juckreiz wird oft  unterschätzt. Dabei gehört der chronische Juckreiz zu den 50 häufigsten Beschwerdebildern in der Medizin – Umfragen zeigen, dass etwa jeder Fünfte mindestens einmal im Leben an Juckreiz leidet, wobei Ältere besonders oft betroffen sind. Und nimmt das Jucken überhand, kann es unerträglich werden, körperliche Folgeschäden nach sich ziehen und in psychische Krisen treiben. Doch die wenigsten gehen zum Arzt, wenn die Haut Alarm schlägt. „Leider suchen viele erst dann einen Dermatologen auf, wenn sich schon starke Hautveränderungen gebildet haben“, bedauert Schuller-Petrovic. Denn irgendwann wird chronischer Juckreiz zum eigenständigen Problem, und dann bringt auch die Behandlung der Auslöser keine Hilfe mehr. Deshalb rät die Expertin: „Suchen Sie unbedingt einen Hautarzt auf, wenn der Juckreiz länger als sechs Wochen dauert – er könnte auch ein Anzeichen für eine ernsthafte Erkrankung sein.“

Juckreiz
durch trockene Haut

Die Ursachen, die hinter dem unangenehmen Symptom stecken können, sind jedenfalls vielfältig. Sehr häufig wird Juckreiz schlicht durch zu trockene Haut hervorgerufen. „Besonders im Alter wird die Haut dünner, verliert an Elastizität und produziert weniger Talg. So schwindet der Lipidschutzmantel, und die Haut speichert weniger Feuchtigkeit“, sagt Schuller-Petrovic. „In diesem Fall ist es hilfreich, auf alkoholhaltige Kosmetika und auslaugende Wannenbäder zu verzichten sowie rückfettende Pflegeprodukte mit Urea, Fruchtsäuren und Dexpanthenol zu verwenden.“ Auch genügend Flüssigkeitszufuhr durch Trinken und eventuell die Verwendung eines Luftbefeuchters können zur Linderung der Beschwerden beitragen.

Juckreiz
in der Schwangerschaft

In der zweiten Hälfte der Schwangerschaft verspüren viele Frauen Hautjucken. „Am Bauch kann die Überdehnung der Haut Juckreiz fördern, in Hautfalten die verstärkte Schweißsekretion. Aber auch hormonell bedingte Stoffwechselveränderungen können die Missempfindung begünstigen“, weiß Schuller-Petrovic. Durch einen Gallenstau in der Leber kann sich überdies  Schwangerschaftsgelbsucht ausbilden. Bei dieser – seltenen – Erkrankung macht sich der Juckreiz zunächst vor allem an Handinnenflächen und Fußsohlen bemerkbar und tritt häufig nachts auf.

Juckreiz
nach Insektenstichen

Die injizierten Gifte der meisten in den gemäßigten Breiten vorkommenden Insekten- und Spinnenarten sind harmlos, verursachen mitunter jedoch heftigen Juckreiz, starke Schwellungen und Schmerzen. In seltenen Fällen kann es zu allergischen Reaktionen kommen, die manchmal sogar lebensbedrohlich sind. Schuller-Petrovic: „Gegen den Juckreiz bei Insektenstichen werden in Apotheken antihistaminhaltige Gele und Cremes angeboten. Ist die Einstichstelle stark entzündet, kann der Arzt eine Kortisoncreme verschreiben.“ Als Alternative aus der Naturheilkunde bietet sich kühlendes Arnika-Gelee an.

Juckreiz
bei allergischen Erkrankungen

Etliche Kosmetik-Inhaltsstoffe, Wasch- und Putzmittelbestandteile sowie Kleidungs- und Schuhmaterialien gehören zu den Verursachern von Hautallergien. Es zeigen sich nässende Ausschläge, die mit starkem Juckreiz verbunden sind. Zwischen dem Erstkontakt und der erneuten Berührung, die dann die allergische Reaktion hervorruft, können einige Tage, aber auch mehrere Jahre vergehen. So kann es geschehen, dass man plötzlich auf eine Substanz allergisch reagiert, die man zuvor problemlos vertragen hat. „Die beste Therapie ist natürlich, den Auslöser zu erkennen und den Kontakt mit ihm zu vermeiden. Falls das nicht möglich ist, muss manchmal sogar ein Berufswechsel in Betracht gezogen werden, wie etwa beim Friseurekzem“, so Schuller-Petrovic.

Juckreiz
bei Hautkrankheiten
Ein schwer beeinträchtigendes Hautleiden ist die Schuppenflechte, deren medizinischer Name Psoriasis sich vom griechischen Wort „psora“ ableitet, was so viel wie „ich kratze“ heißt. Dabei entwickeln sich insbesondere am Haaransatz, den Ellenbogen und Knien schuppende, oft entzündete Hautareale. Schuller-Petrovic: „Diese Areale, Plaques, müssen nicht immer jucken. Im akuten Stadium kann aber oft stärkerer Juckreiz auftreten.“ Als Begleitung der medikamentösen Therapie haben sich unter anderem Solebäder und Badeaufenthalte an Küstenregionen bewährt.
Bei der Neurodermitis beginnt die Qual meist schon in der Kindheit. „Während eines Schubes ist der Juckreiz bisweilen so unerträglich, dass betroffene Areale – üblicherweise Hautfalten wie in Knie- und Ellenbeugen – blutig aufgekratzt werden und sich infizieren“, sagt die Dermatologin. Hausstaubmilben, Allergien auf bestimmte Nahrungsmittel, z.B. Haselnüsse, und Wollunverträglichkeit können die Neurodermitis ebenfalls aktivieren.
Ein erstaunlich wirksames Ablenkmanöver gegen die Juckattacken ist das Kratzklötzchen, ein mit Fensterleder bezogenes Stückchen Holz, das gekratzt wird, statt die eigene Haut zu martern. So signalisieren Geplagte über das Ersatzobjekt dem Gehirn, dass sie etwas gegen das Jucken unternehmen.

Juckreiz
bei inneren Erkrankungen

Häufig ist starker Juckreiz auch ein Warnsignal für Krankheiten „unter der Haut“. So können Parasiten wie Würmer, Milben, Flöhe, Wanzen und diverse exotische „Mitbringsel“ aus dem Urlaub Juckreiz verursachen. Auch bei einer Entzündung der Gallengänge oder der Leberzirrhose etwa gilt Juckreiz als ein Frühsymptom. Ferner kommt es u.a. bei Nierenerkrankungen, Diabetes, Gicht, Schilddrüsenleiden und vielen Infektionskrankheiten immer wieder zu Juckreiz.

Juckreiz
mit neurologischen und psychischen Ursachen

Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Schlaganfälle – auch einige Erkrankungen des Zentralnervensystems können von Juckreiz begleitet werden. Außerdem sind psychische Leiden wie Depressionen und Magersucht bisweilen mit einem ausgeprägten Jucken am ganzen Körper verbunden.
„Wer unter seelischem Druck steht, wird feststellen, dass auch die Haut nervös reagiert und viele Hautkrankheiten sich unter Stress verschlechtern“, gibt Schuller-Petrovic zu bedenken. Das Erlernen von Entspannungstechniken wie Yoga oder Qigong lohnt sich in diesen Fällen ganz besonders, um den schädlichen Juck-Kratz-Kreislauf zu stoppen.

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Juckreiz:
Das Wichtigste in Kürze

  • Anzeichen. Juckreiz ist eine störende, mitunter quälende Sinneswahrnehmung, die mit dem unstillbaren Drang, sich zu kratzen, einhergeht.
  • Ursachen. Es gibt über 100 verschiedene Auslöser von Juckreiz, darunter trockene Haut, Insektenstiche, Allergien, Diabetes, Nierenerkrankungen und psychische Faktoren.
  • Komplikationen. Das Kratzen kann zu offenen Wunden, Entzündungen mit Narbenbildung und bakteriellen Infektionen führen. Ein in Gang gesetzter Juck-Kratz-Zyklus beeinträchtigt den Schlaf und die Lebensqualität der Betroffenen oft enorm.
  • Wann zum Arzt? Wenn der Juckreiz ohne ersichtlichen Grund oder am ganzen Körper auftritt, länger als sechs Wochen andauert bzw. sich zusätzliche Beschwerden wie Hautveränderungen, Fieber und Abgeschlagenheit einstellen.
  • Therapie. Je nach Ursache kommen Feuchtigkeitslotionen mit Urea, kühlende Gele mit Menthol, Antihistaminika, Kortisoncremen oder spezielle Medikamente wie etwa Substanzen, die das Immunsystem hemmen zum Einsatz. Sitzungen in Kältekammern oder eine UV-Licht-Therapie können ebenfalls juckreizlindernd wirken.
  • Selbsthilfe. Weiche Kleidung aus pflanzlichen Fasern, nur lauwarme Duschen und gute Hautpflege tragen zur Besserung bei. Vermeiden Sie außerdem Stress, Alkohol und scharf gewürzte Speisen.

 

Stand 01/2018

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