Kopfhörer im Visier

Juli 2018 | Leben & Arbeiten

Was Dauerbeschallung im Körper auslöst
 
Sie sind „in“ und erfüllen gleich mehrere Bedürfnisse ihrer Träger: Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene gehen sozusagen mit Kopfhörern durchs Leben – und lassen sich oft viel zu lang und viel zu laut mit Musik beschallen. Doch Experten warnen davor.
 
– Von Mag. Sabine Stehrer

An sich genügt ein Blick rundum, etwa in Bahn, Bus oder der Fußgängerzone, um festzustellen, dass kaum noch ein junger Erwachsener oder Jugendlicher „oben ohne“ unterwegs ist: Die Generation 35minus geht sozusagen mit Kopfhörern durchs Leben. Was unübersehbar ist, belegen aber auch Zahlen. Von mehr als zweitausend 13- bis 19-jährigen Schülerinnen und Schülern, die für eine Studie des bayerischen Gesundheitsministeriums befragt wurden, gaben nicht weniger als 85 Prozent an, tragbare Musikabspielgeräte zu nützen, sich über das Smartphone, den MP3-Player oder den I-Pod beschallen zu lassen.

40 Wochenstunden lang Beschallung
Etwa jeder Vierte davon ließ außerdem wissen, dies bis zu sechs Stunden lang am Tag beziehungsweise mindestens 40 Stunden lang in der Woche zu tun und die Musik meist auch sehr laut aufzudrehen. So laut, dass der Schalldruckpegel 85 Dezibel oder noch höhere Werte erreicht. Das entspricht in etwa dem Getöse, das zum Beispiel am Pannenstreifen einer stark befahrenen Autobahn zu hören ist. Auf mindestens 85 Dezibel kamen auch Studentinnen und Studenten in einem Laborversuch für eine Studie an der HNO-Klinik in Santiago de Chile.

Presslufthammer im Ohr
Sie erhöhten die Lautstärke mitunter sogar auf jene des Geräuschs, das beispielsweise beim Bedienen eines Presslufthammers entsteht – auf fast 100 Dezibel. Hörgewohnheiten wie diese pflegt nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit rund die Hälfte aller Zwölf- bis 35-Jährigen. Das ist eine Milliarde junger Erwachsener und Jugendlicher – die damit, ebenfalls laut WHO, ihre Gesundheit gefährdet.
So wie die WHO warnt auch Prim. Dr. Wolfgang Elsäßer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie vor der Gefahr, die von der Dauerbeschallung über Kopfhörer ausgeht. „Wer zu lang und zu laut Musik über Kopfhörer hört, also über 40 Stunden in der Woche und dies in einer Lautstärke von über 85 Dezibel, muss damit rechnen, verschiedene gesundheitliche Schäden zu erleiden“, sagt er. Das meint auch Assoc. Prof. Priv. Doz. Dr. Christoph Arnoldner. Der stellvertretende Leiter der Universitätsklinik für Hals- Nasen- und Ohrenkrankheiten am AKH Wien und Elsäßer als Leiter der HNO-Abteilung am Landeskrankenhaus Feldkirch wissen vor allem aus ihrer Erfahrung mit jungen Patienten, die zu den Dauer-Kopfhörerträgern zählen, was über kurz oder lang passieren kann, wenn zu lang und zu laut Musik über Kopfhörer gehört wird.

Kopfhörer – was beachten?

  • Die Lautstärke am Ausgangsgerät, dem Smartphone, MP3-Player, I-Pod oder der hausinternen Anlage entsprechend der EU-weit geltenden Richtlinie nicht lauter als 85 Dezibel einstellen.
  • Die Hördauer bei 85 Dezibel auf maximal eine Stunde am Tag begrenzen und dem Ohr möglichst oft auch eine Pause vom Tragen und Musikhören über Kopfhörer gönnen.
  • „Over Ear“ – , „Noice Chancelling“ – und „In Ear“-Geräte haben den Vorteil, dass sie Umgebungslärm weitgehend bis gänzlich ausschalten. Daher ist es an sich nicht nötig, auf 85 Dezibel oder noch größere Lautstärken aufzudrehen. Der Nachteil der Over Ear-, Noice Chancelling- und
  • In Ear-Kopfhörer: Im Straßenverkehr erhöhen sie das Unfallrisiko. In Ear-Kopfhörer haben noch einen weiteren Nachteil: Sie liegen näher am Trommelfell, was bei zu hoher Lautstärke und zu langer Hördauer schneller zu Hörschäden führen kann.

Kopfhörer als Therapie und Schutz

  • Beruhigende und entspannende, leise Musik über Kopfhörer hören: Das wird von Ärzten empfohlen, wenn es darum geht, Stress und nervösen Zuständen entgegenzuwirken. Diesbezüglich legendär: Die sogenannte Tomatis-Therapie, die vor allem Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit hilft.
  • Ab einem Geräuschpegel von 85 Dezibel am Arbeitsplatz sind Arbeitgeber dazu verpflichtet, Arbeitnehmer mit schalldämmenden Kopfhörern zum Schutz vor Lärmschäden zu versorgen.


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Was kann passieren?

Nach 15 Minuten sehr lautem Hören:

Dröhnen im Ohr

Ein Dröhnen, Rauschen oder Sausen im Ohr und das Gefühl, nur noch wie durch Watte zu hören: Das können die Folgen von 15 Minuten Musikhören über Kopfhörer mit 100 Dezibel sein. Zustande kommen die Beschwerden, wenn durch das „Bumbum“ im Ohr beziehungsweise den Schall, der ins Ohr dringt, die Haarzellen im Innenohr den Kontakt mit den Hörnerven verlieren. Wie lang die Schäden anhalten, hängt laut Elsäßer von der jeweiligen Empfindlichkeit ab und davon, wie lang die Kopfhörerträger nach dem Auftreten des Übels „oben ohne“ bleiben und ihren Ohren Ruhe gönnen. Herrscht einige Stunden lang absolute Stille, erholen sich die Haarzellen im Innenohr meistens wieder, und das normale Hörvermögen ohne Ohrgeräusch kehrt zurück.
Wenn nicht, heißt es ab zum Arzt, denn dann können nur noch Infusionen und Medikamente verhindern, dass die Schäden bestehen bleiben.

Nach stunden- und tagelangem Kopfhörer-Tragen:

Mittelohr- und Hautentzündungen
Eitrige, schmerzhafte Pickel im Ohr und eine erhöhte Anfälligkeit für sonstige Hautentzündungen bis hin zur Mittelohrentzündung: Das sind Auswirkungen, die nach stunden- und tagelangem Tragen der Kopfhörer aus Schaumstoff und Silikon auf der Haut am Ohr und im Ohr auftreten können. Der Grund dafür ist laut Experten, dass durch das Abdecken der Hörorgane und der sie umgebenden Haut häufig ein feuchtwarmes Klima entsteht, wo sich Bakterien und andere Krankheitserreger, die Entzündungen auslösen können, stark vermehren. Halten die Schmerzen an, und setzen sie sich nach innen fort, helfen nur Medikamente vom Arzt.

Nach wochen- und monatelangem Beschallen der Ohren:

Stress, Schlafstörungen, häufige Erkältungen
Stress, oft gepaart mit Schlafstörungen und eine Abwehrschwäche, die häufig zu Infektionserkrankungen wie Erkältungen führt: Mit diesen Nebenwirkungen ist zu rechnen, wenn die Ohren über Wochen und Monate zu lang zu laut beschallt wurden.
Erklärbar ist das damit, dass laute Geräusche ein Alarmsignal für den Körper sind, weshalb bei deren Wahrnehmung gesundheitsschädigende Stresshormone ausgeschüttet werden.
Kompensieren lässt sich die Belastung, wenn den Ohren täglich um einige Zeit länger Ruhe gegönnt wird als das Musikhören andauert.

Nach ein bis zwei Jahren lauter Dauerbeschallung:

Tinnitus, Hörminderung
Ein Pfeifen, Knattern, Rauschen, Sausen oder Zischen im Ohr, gepaart mit einer Hörminderung, die darin besteht, dass sehr hohe Töne nicht mehr gehört werden und Mitlaute schlecht verstanden werden. Also beispielsweise das Wort „lieben“ mit „sieben“ verwechselt wird: Das sind Schäden, die nach ein bis zwei Jahren zu lauter Dauerbeschallung mit Musik über Kopfhörer auftreten können. Verursacht werden die Beeinträchtigungen durch die Schallbelastung der Haarzellen und Nervenzellen im Innenohr.
Hörminderungen lassen sich laut Elsäßer und Arnoldner, die diese vermehrt bei erst 15- bis 18-Jährigen feststellen, nicht mehr rückgängig machen. Und das Ohrgeräusch, der Tinnitus, vergeht meistens nur noch dann, wenn binnen weniger Tage nach dem Auftreten eine ärztliche Behandlung mit Infusionen und anderen Medikamenten erfolgt.

Nach vielen Jahren der zu langen und zu lauten Beschallung:

Schwerhörigkeit

Eine Schwerhörigkeit, die mit sich bringt, dass Betroffene Gesprächen in normaler Lautstärke nicht mehr folgen können: Das kann die Konsequenz eines über viele Jahre andauernden zu lauten und zu langen Hörens von Musik über Kopfhörer sein. Zustande kommt diese Einschränkung des Hörvermögens laut Arnoldner, wenn die Haarzellen im Innenohr wegen der ständig wiederkehrenden Belastung durch Schall abknicken.
Gesellt sich der rein altersbedingte Hörverlust dazu, der ab dem 40. Lebensjahr eintritt, wird oft auch schon lauteres Sprechen nicht mehr verstanden. Einzig hilfreich ist dann noch ein Hörgerät.

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Interview

„Die Kopfhörerkultur dient der Stimmungskontrolle und dem Selbstschutz“


Die Leiterin des Wiener Instituts für Jugendkulturforschung Dr. Beate Großegger im Interview mit MEDIZIN populär zu der Frage, warum junge Menschen das laute und lange Musikhören über Kopfhörer brauchen.

MEDIZIN populär
Frau Dr. Großegger, warum hören junge Menschen laut und lang Musik über Kopfhörer?


Dr. Beate Großegger

Laut Musik zu hören: Dafür gibt es für Jugendliche mehrere gute Gründe, woraus sich dann ergibt, dass sie auch lang Musik hören. Eines der wichtigsten Motive ist die Stimmungskontrolle. Das heißt, mit dem lauten Musikhören werden Emotionen reguliert, Ärger und Aggressionen, auch Liebeskummer. Der Sound, der in den Ohren dröhnt, muss lauter sein als die Gefühle, die in der Innenwelt toben. Wichtig ist das laute Musikhören mit Kopfhörern aber auch, weil es ermöglicht, sich aus Interaktionen mit der sozialen Umwelt auszuklinken. Zuhause geht es um den Rückzug aus der familiären Kommunikation und der Beziehungsarbeit, die Jugendliche meistens als mühsam empfinden.
Im öffentlichen Raum hat der Rückzug die Funktion, vor unangenehmen Situationen und Zeitgenossen zu schützen. Wer mit lauter Musik via Kopfhörer unterwegs ist, signalisiert, dass er nicht ansprechbar ist, und das schützt vor ‚ungutem Anlabern‘, wie Jugendliche sagen, sprich: vor Anpöbelei. Außerdem dienen Musik und Hörer ums Ohr oder Stöpsel im Ohr noch dem Schutz vor der Lärmverschmutzung. Man wird ja fast überall zwangsbeschallt, ob in der U-Bahn, dem Supermarkt oder sonstigen Shops, und auch jungen Menschen stößt dies sauer auf. Sie reagieren allerdings anders als Ältere, fordern nicht Oasen der Stille ein, sondern reklamieren mit ihrer Kopfhörerkultur ein Recht auf den eigenen Sound.

Welche Auswirkungen hat dieses Ausklinken auf die Psyche und das Sozialleben?

Solange das Musikhören über Kopfhörer als Selbstschutz und zur Stimmungsregulation eingesetzt wird, nicht zu häufig und natürlich nicht extrem laut Musik gehört wird, halte ich es für etwas Positives. Laut Musikhören gehört auch irgendwie zur Jugendphase dazu, und zwar schon seit vielen Jahrzehnten. Wenn das Ausklinken zu stark im Vordergrund steht und nur mehr Rückzug passiert, wird es problematisch.

Wie können Jugendliche, die fast dauernd Kopfhörer aufhaben, davon abgebracht werden?

Man wird sich ansehen müssen, warum der oder die Jugendliche dauernd Kopfhörer aufhat. Nur wenn das Motiv bekannt ist, lassen sich Wege zu Alternativen öffnen. Je mehr etwas schon zur Gewohnheit geworden ist, desto schwieriger wird allerdings die Intervention.

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„Schlafwandler“ im Straßenverkehr

Ein herannahendes Auto, einen Zug oder ein anderes Fahrzeug überhören und einen Unfall erleiden: Das passiert Anhängern der Kopfhörerkultur besonders häufig – wie Wissenschafter der „University Maryland School of Medicine“ feststellten. Sie untersuchten mehr als hundert Unfälle, bei denen Fußgänger mit abgedeckten Ohren oder Stöpseln in den Ohren und Musik hörend unterwegs waren. Zu den Unfällen kam es, weil die Kopfhörerträger Fahrzeuggeräusche und Signale wie ein Klingeln oder Hupen nicht hörten oder Lichtsignale nicht registrierten – oft waren sie auch durch zeitgleiches Tippen und Wischen auf dem Phone abgelenkt, also als „Smombie“ unterwegs: Das steht für „Smartphonezombie“: Sie sind durch Dauernutzung des Smartphones so abgelenkt, dass sie ihr Umfeld kaum noch wahrnehmen. Die meisten Unfallopfer waren junge Erwachsene und Teenager, 70 Prozent erlitten so schwere Verletzungen, dass sie daran starben.
Auch hierzulande lebt (lebens-)gefährlich, wer als „Smombie“ oder auch nur Kopfhörerträger quasi „schlafwandelnd“ im Straßenverkehr unterwegs ist, weiß ÖAMTC-Verkehrspsychologin Mag. Marion Seidenberger aufgrund einer Befragung österreichischer Verkehrsteilnehmer. Demnach hat jeder Zehnte schon Kollisionen von Musik hörenden Fußgängern mit Autos oder öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bahn, Bus, Straßenbahn erlebt. Dennoch ist vielen das Problem „nicht bewusst“, sagt Seidenberger. Mehr als ein Drittel der Befragten schätzte die entstehende Gefahr als „gar nicht“ oder „eher nicht gefährlich“ ein.

Webtipp:
„Gut hören von Anfang an“ – Unser praktischer Miniratgeber zum Thema Hörgesundheit ist kostenfrei zum Download erhältlich unter: www.medizinpopulaer.at/downloads

Stand 07-08/2018


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