Krank durch Kleidung

März 2018 | Leben & Arbeiten, Umwelt & Wohnen

Wie riskant Textilien für unsere Gesundheit sind

Eigentlich soll sie uns schützen, schön sein und uns schmücken: Doch Kleidung kann uns auch krankmachen. Für MEDIZIN populär informieren führende Experten über Möglichkeiten, Risiken zu reduzieren und erklären, wie Textilien unsere Gesundheit gefährden können.

– Von Mag. Sabine Stehrer

Wie können Textilien bei der Herstellung in der Fabrik, während des Transports und im Verkauf Menschen krankmachen? Und wie gefährlich ist demnach Kleidung, die eigentlich schützen und schön sein soll, für uns als Träger? Zu jenen, die sich intensiv mit Fragen wie diesen beschäftigen, zählt Mag. Michaela Knieli, Teamleiterin des Fachbereichs Chemie bei „die umweltberatung“  in Wien. Sie weiß: „Am Anfang der textilen Kette, also am Beginn der Produktion eines Kleidungsstückes, wird das verwendete Rohmaterial mehreren sogenannten Veredelungsschritten unterzogen.“ Egal, um welches Rohmaterial es sich handelt, ob etwa um Naturfasern wie Baumwolle oder Chemiefasern wie Polyester: Die Grundstoffe werden immer mechanisch veredelt, unter anderem durch Kämmen, sowie thermisch, etwa durch Erhitzen, und nahezu immer chemisch. Mit Chemikalien werden die Fasern ausgerüstet, wie das in der Branchensprache heißt, auf dass das spätere Erzeugnis verschiedene Anforderungen erfüllt: Etwa die Kleidung während des Transports und der Lagerung frei von Schädlingen bleibt, die Outdoorjacke wasserdicht wird, das Sport-Shirt nicht nach Schweiß riecht, das Hemd bügelfrei ist, die bunte Bluse ihre Farbe behält. Allein für das Färben stehen nach dem internationalen Colour-Index rund 4000 Farbstoffe zur Verfügung, für die sonstige Ausrüstung von Textilien laut Textilhilfsmittelkatalog mehr als 6400 Chemikalien. Dass diese auch reichlich verwendet werden, zeigen Untersuchungen der Umweltschutzorganisation Greenpeace sowie Analysen deutscher Chemiker. Danach macht die Chemie aus funktionellen Substanzen und Farbstoffen, die beispielsweise in einem T-Shirt steckt, bis zu einem Viertel des Gewichts des Shirts aus. In einem schwarzen BH wurden einmal 400 Chemikalien nachgewiesen.

Aus Medienberichten …



„Es passiert, dass Arbeiter in Ohnmacht fallen, weil sie bei großer Hitze Chemikalien aufsprühen und die Belüftung ausgestellt wurde“: Das protokollierten Tester der deutschen Stiftung Warentest 2011 nach einem Lokalaugenschein in Jeansfabriken in Bangladesch und Pakistan.
„Leidtragende sind vor allem Verkäufer von Funktionskleidung: Chemikalien in wasser- und schmutzabweisender Outdoorkleidung gelangen über den Atem in den Organismus. Diese Chemikalien können das Immunsystem und den Hormonhaushalt schädigen“: Dies berichtete Greenpeace nach Raumluftmessungen in verschiedenen Bekleidungsgeschäften in mehreren Ländern Europas 2016.


Chemie-Cocktail gelangt in den Körper

So wie nach Raumluftmessungen bekannt ist, dass der Chemie-Cocktail bei der Produktion der Textilien, während des Transports und im Verkauf in höherer Konzentration in die Luft abgegeben wird, hat man aufgrund von Blut- und Harnanalysen von Beschäftigten in Textilbetrieben des Weiteren eines erkannt, sagt Umweltmediziner Assoz. Prof. Priv. Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien: „Wir wissen, dass die chemischen Stoffe über die Atemluft, über Hautkontakt oder oral – über Schleimhäute – in den Körper gelangen können und dort zirkulieren.“ Wohl auch infolge von Krankheitsfällen wie den eingangs beschriebenen in Bangladesch und Pakistan sowie auf der Basis von Ergebnissen von Tierversuchen in den USA wurden einige der häufig verwendeten chemischen Substanzen als problematisch für unsere Gesundheit eingestuft.

Krebserregend und schlecht für Spermien
„Allen voran sind das die Azofarbstoffe“, wissen Hutter und Knieli. Werden diese synthetischen Farbstoffe, die etwa auch zum Färben von Holz und Papier verwendet werden, von Kleidung abgesondert und über die Haut aufgenommen, setzen sie im Körper krebserregende Substanzen, Amine, frei. Gesundheitsschädigende Gifte beinhalten laut Knieli auch Bleichmittel, die sowohl zur Vorbehandlung noch zu färbender Stoffe, als auch für die Weißfärbung von Stoffen eingesetzt werden – von den Aufhellern spalten sich im Körper ebenfalls krebserregende und hormonell wirksame Substanzen ab. Hutter nennt weitere riskante Bestandteile von Bekleidung: „Das sind die Phthalate, Weichmacher.“ Weichmacher werden hauptsächlich für die Herstellung von Plastikutensilien verwendet und in der Textilindustrie eingesetzt, um den Färbevorgang zu optimieren – außerdem stecken sie in Kunststoff, der für Aufdrucke etwa auf T-Shirts dient. Die Chemikalien stehen im Verdacht, den Hormonhaushalt negativ zu beeinflussen, auf diese Art und Weise beispielsweise die Spermienqualität so zu verschlechtern, dass Männer unfruchtbar werden und bei Frauen die Gefahr für eine Erkrankung an Brustkrebs steigt. Kleidung, die wetterfest, wasserdicht und schmutzabweisend ist, wird wiederum mit polyfluorierten Chemikalien, PFC, beschichtet. Von diesen Substanzen wird vermutet, dass sie wie die übrigen genannten Chemikalien das Hormonsystem schädigen und so die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen sowie das Risiko für Krebserkrankungen erhöhen – zumindest bei häufigem, längerfristigem Kontakt.

Juckreiz, Rötungen und allergisches Ekzem
Doch der Chemie-Cocktail in Kleidung kann uns als Träger auch kurzfristig schaden, wenn auch in vergleichsweise harmlosem Ausmaß. Zu Hautreizungen, bestehend aus einem Jucken, Rötungen und der Bildung eines allergischen Ekzems, „kann es etwa bei der Freisetzung von Nickel aus der Kleidung kommen“, nennt Univ. Prof. Dr. Werner Aberer, Vorstand der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie am LKH-Universitätsklinikum in Graz einen altbekannten Auslöser für textilbedingte Beschwerden. Da die Verwendung von Nickel in Artikeln, die auf der Haut aufliegen, seit Längerem EU-weit streng geregelt ist, steckt das chemische Element aber nur noch in manchen Gürtelschnallen, Jeansknöpfen, Reißverschlüssen oder anderen Metallteilen, weshalb auch die Erscheinungen immer seltener auftreten. Auf Farbstoffe, auf Gerbstoffe, die für die Bearbeitung von Leder verwendet werden, und auf Latex reagieren ebenso nur wenige Menschen mit allergischen Hautreizungen, wohl auch deshalb, weil die Konzentration der bei Hautkontakt freigesetzten Stoffe fast immer gering ist.
Bleichmittel und die antimikrobielle Ausrüstung, die Textilien vor Schweißgeruch bewahrt, sowie Formaldehyde, die Stoffe knitterarm machen und vor dem Eingehen schützen, konnten zwar auch als Verursacher von juckenden Flecken auf der Haut ausgemacht werden, allerdings nur „selten beweisbar“, wie Aberer sagt. Ob Hautprobleme, die nach dem Kontakt mit Textilien oder kantigen Etiketten bzw. dem Spitzenbesatz von Dessous auftreten, ihre Ursachen in der Bearbeitung oder in der Beschaffenheit der Faser an sich haben, lässt sich meist nicht eindeutig eruieren. Aberer: „Hierzu müsste man wissen, was genau für die Produktion des Kleidungsstückes verwendet wurde, aber das bleibt meist ein Geheimnis.“ Gut nur, dass vom bloßen Juckreiz bis zur allergischen Reaktion alle textilbedingten Hauterscheinungen meist schnell durch Auftragen von entzündungshemmenden Salben zu beseitigen sind.

Geruch und Farbe als Ratgeber

Auch wenn dem so ist: Die Mediziner Aberer und Hutter sowie die Umweltexpertin Knieli raten, auf Nummer sicher zu gehen und Risiken zu reduzieren. Die Möglichkeiten dazu beginnen beim Kauf. Ein guter Ratgeber sind laut Knieli die Sinnesorgane: Riecht ein Kleidungsstück im Geschäft stark nach Chemie, ist auch viel Chemie drin. Und da für dunklere Färbungen mehr Farbstoffe verwendet werden, stecken beispielsweise in schwarzen Textilien mehr Chemikalien als etwa in weißen. Gewisse Hinweise bietet auch der Blick auf das Etikett, wo angeführt sein muss, welches Rohmaterial verwendet wurde. Knieli: „Besteht ein Kleidungsstück nur aus Naturfasern wie Baumwolle oder Leinen, oder ist der Anteil an Chemiefasern wie Polyester oder Viskose sehr klein, ist auch die Belastung mit Chemikalien geringer.“ Gut ist auch, wenn auf dem Etikett die Hinweise „separat waschen“ oder „blutet aus“ fehlen, denn dann tritt beim Waschen kaum Farbe aus, und auch beim Tragen sondert die Kleidung weniger Chemikalien ab. Außerdem gilt: Je weniger Funktionen erfüllt werden, wie Wasserdichtheit oder Bügelfreiheit, desto geringer ist die chemische Belastung – angegeben sind diese Eigenschaften meist in angehefteten Produktbeschreibungen.

Zu Ökotextilien greifen, Kleidung waschen
Durch bestimmte Labels gekennzeichnet sind wiederum Ökotextilien (siehe Webtipps): Mit dem Griff dazu ist man, so Knieli, gut beraten, da die Hersteller weitgehend auf die Verwendung von Chemikalien verzichten.
Hat man einen neuen BH, ein neues T-Shirt oder eine neue Jeans erstanden, sollte man auf jeden Fall eines vor dem ersten Tragen tun: Das Kleidungsstück waschen. Denn dadurch wird der Chemie-Anteil reduziert – und das Risiko für Krankheiten durch Kleidung gleich mit.
Bis Menschen im Verkauf, Transportmitarbeiter und Beschäftigte in der Industrie in Asien, wo 90 Prozent der hierzulande erhältlichen Textilien produziert werden, vor den Chemie-Cocktails in textilen Erzeugnissen geschützt sind, wird wohl noch einige Zeit vergehen – dank der 2011 von Greenpeace gestarteten Detox-Kampagne „Entgiftet unsere Kleidung“ haben sich zuletzt aber immerhin bereits 80 globale Modefirmen verpflichtet, bis 2020 schadstofffrei zu produzieren (siehe „Fragen & Antworten“ unten).

Worauf achte ich bei Bettwäsche und Handtüchern?
Was für Kleidungsstücke gilt, gilt auch für Bettwäsche und Handtücher, so Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. Sicherheitshalber beim Kauf darauf achten, dass das Stück nicht nach Chemie riecht, auf dunkle Farben und Funktionen wie Bügelfreiheit verzichten, am besten zu Ökoware greifen und alles vor dem ersten Benützen waschen.

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Fragen & Antworten

Woraus ersehe ich, welche gesundheitsgefährdenden Substanzen in meinem Kleidungsstück stecken?
Bei Textilien gibt es keine Kennzeichnungspflicht für Chemikalien, die problematisch für unsere Gesundheit sind.

Warum kontrolliert die Kleidung niemand?
Weltweit werden jährlich 80 Milliarden Kleidungsstücke produziert. Aufgrund der großen Menge sind nur stichprobenartige Kontrollen auf riskante Chemikalien möglich. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace führt seit dem Start der Detox-Kampagne „Entgiftet unsere Kleidung“ 2011 auch immer wieder solche Kontrollen durch und veröffentlicht die Ergebnisse. Zum Teil werden diese der Europäischen Kommission gemeldet. Beim Schnellwarnsystem für gefährliche Produkte Rapex der EU entfielen 2016 13 Prozent aller Meldungen auf Bekleidungs-, Textil-, und Modeartikel.

Wieso verbietet die EU gefährliche Chemikalien in Kleidung nicht?

Die Verwendung von Nickel ist bereits seit 1995 EU-weit verboten, jedoch werden 90 Prozent der hierzulande erhältlichen Kleidung in Asien produziert. Bezüglich des Einsatzes von polyfluorierten Chemikalien, PFC, für Outdoorkleidung teilte die EU zumindest die diesbezügliche Besorgnis von Greenpeace. Wieso bisher nicht verboten wurde, PFC und andere riskante Chemikalien, wie die Phthalate, die Weichmacher, Kleidung zuzusetzen, weiß man nicht – wohl wird die eingeschränkte Kontrollmöglichkeit ein Grund dafür sein.

 

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Worauf achte ich beim Waschen, Reinigenlassen und Imprägnieren?

Umweltmediziner Hans-Peter Hutter empfiehlt, beim Waschen von Textilien, egal, ob es sich dabei um Kleidungsstücke, Bettwäsche oder Handtücher handelt, „sicherheitshalber Hygienemittel zu verwenden, die nur Tenside, also waschaktive Substanzen, enthalten und frei von chemischen Zusätzen wie Duftstoffen, Farbauffrischern, Aufhellern beziehungsweise Weißmachern oder Weichmachern sind“. Auch auf Desinfektionsmittel sollte man verzichten: Selbst Kleidung, Bettwäsche oder Handtücher von Kranken brauchen nicht damit gereinigt zu werden – die Textilien je nach Anleitung auf dem ­Etikett mit 40 oder 60 Grad in der Waschmaschine zu waschen, reicht laut Hutter völlig aus, um etwaige Krankheitserreger unschädlich zu machen.
In Reinigungsfirmen werden Kleidungsstücke und andere Textilien zwar meist ebenfalls mit Chemikalien gereinigt, doch wird die Chemie anschließend herausgewaschen. Riecht die Kleidung aus der Putzerei dennoch nach Chemie, rät Hutter „zum Auslüften“, da dadurch der Geruch mitsamt eventuell gesundheitsbedenklicher Kohlenwasserstoffe beseitigt werden kann. Dasselbe gilt für das Imprägnieren: Nach dem Vorgang, der am besten im Freien durchgeführt wird, sollten Kleidungsstücke oder Schuhe so lang ausgelüftet werden, bis sich der Geruch und damit auch riskante Chemikalien verflüchtigt haben.

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Webtipps:

Einkaufsquellen für Ökotextilien auf:
Opens external link in new windowwww.umweltberatung.at/themen-einkaufen-textilien/einkaufsquellen-fuer-oekotextilien

Liste der Firmen, die sich laut Greenpeace dazu verpflichtet haben, bis 2020 schadstofffrei zu produzieren, auf:
www.medizinpopulaer.at/downloads

 

Stand 03/2018

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