Beleidigte Blase

April 2018 | Medizin & Trends

Fragen & Antworten
 
Viele Frauen kennen Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen – diese Beschwerden sind oft typisch für eine Blasenentzündung. Was dagegen hilft und wie sich wirkungsvoll vorbeugen lässt, erklärt der Urologe OA Dr. Michael Rutkowski.
 
– Von Mag. Silvia Feffer-Holik

MEDIZIN populär
Was sind die häufigsten Anzeichen einer Blasenentzündung?

OA Dr. Michael Rutkowski,
Urologische Abteilung am Landesklinikum Korneuburg, Vorstandsmitglied der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ)

Typische Beschwerden sind ständiger Harndrang mit dem Gefühl, dass die Blase nicht leer wird sowie Brennen und Schmerzen beim Urinieren. Betroffene müssen ständig auf die Toilette, obwohl sich nur geringe Harnmengen absetzen lassen. Oft ist der Urin übelriechend, manchmal auch mit Blutbeimengung.

Was können Betroffene bei einem akuten Infekt tun?

Sollten milde Beschwerden vorliegen – dazu zählen etwa leichtes Brennen, häufiger Harndrang, geringe Schmerzen – dann hilft es, die Trinkmenge über den Tag verteilt leicht zu erhöhen, sprich maximal zweieinhalb Liter Flüssigkeit – vom Blasentee bis zum kohlensäurefreien Wasser – zu sich zu nehmen. Wenn nötig, hilft ein Schmerzmittel. Hilfreich ist es auch, den pH-Wert im Harn zu senken.

Wie geht das, wie lässt sich der Harn ansäuern?

Am besten am Abend ein Viertelliter Wasser mit zwei Esslöffeln Apfelessig vermengen, dieser Apfelessigtrunk führt zu einem sauren Harn-pH-Wert. Das mögen die Bakterien nicht.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Wenn Blut im Harn sichtbar ist. Weiters wenn der Harndrang nicht aufhört, sehr schmerzhaft ist, über längere Zeit andauert und vor allem auch wenn Fieber oder Nieren– bzw. Flankenschmerzen auftreten. Die Bakterien des Harnweginfekts können eine Nierenbeckenentzündung auslösen. Spätestens dann müssen Antibiotika zum Einsatz kommen, da eine unbehandelte Nierenbeckenentzündung auch zu gefährlichen Situationen wie z.B. zu einer Blutvergiftung führen kann.
Eine Untersuchung beim Urologen ist auch unbedingt nötig, wenn Harnwegsinfekte über  einen längeren Zeitraum hindurch immer wieder ein Thema sind.

Was ist bei der Antibiotika-Einnahme zu beachten?

Es sollte vor der Einnahme des ersten Antibiotikums eine Harnkultur gemacht werden. Wenn das Antibiotikum nicht greift, weil es den Bakterien nichts anhaben kann – sprich die Bakterien gegen den Wirkstoff unempfindlich, also resistent sind – muss rasch eine Alternative gefunden werden. Die Harnkultur lässt eine genaue Diagnose des Bakterienstamms zu und erschwert neue Resistenzbildungen, die sich auch zunehmend als Problem erweisen.

Wie lässt sich einer Blasenentzündung vorbeugen?

Viele Frauen setzen sich auf fremden Toiletten aus Angst vor Infektionen nicht auf die Klobrille. Sie urinieren in einer hockenden Position, dadurch spannt sich unwillkürlich die Muskulatur des Beckenbodens an.  Das verhindert wiederum entspanntes Urinieren. Bakterien im Urin, die normalerweise ausgeschieden werden, werden stattdessen über die Harnröhre in den Körper hochgewirbelt und gelangen in die Blase.
Wenn man das Gefühl hat, dass der Beckenboden verspannt ist, dann kann der Urologe eine Harnflussmessung mit gleichzeitiger Beurteilung der beteiligten Muskeln (ein sogenanntes Flow-EMG) machen. Physiotherapie mit Biofeedback ‚entkrampft‘ den Beckenboden stressfreies Urinieren wird wieder möglich.

Ist es als Schutz vor einer Blasenentzündung besser, häufiger oder seltener zu urinieren?

Wer zu einer Blasenentzündung neigt, sollte unbedingt entspannt urinieren, dabei nicht pressen und bei Harndrang  möglichst bald eine Toilette aufsuchen. Die Blase lässt sich punkto Fassungsvermögen nicht trainieren, indem man sie zu voll werden lässt. Das ist auch kein Schutz vor einer Vermehrung von Bakterien. Im Gegenteil – es schadet der Blase, wenn man trotz Harndrang nicht möglichst bald ausscheidet.

Neigen Vieltrinker auch weniger häufig zu Blasenentzündungen?

Zwei bis zweieinhalb Liter Flüssigkeit pro Tag – in Form von ungesüßtem (Blasen-) Tee und Wasser – sind sehr wichtig für die Blase. Allerdings ist auch nicht vorteilhaft, zu viel zu trinken, sprich bis zu vier Liter täglich. Dadurch wird der Harn verdünnt und seine Fähigkeit sinkt, schädliche Bakterien abzutöten. Weiters gedeihen Bakterien im sauren Milieu schwerer, Preiselbeeren können mithelfen, den pH-Wert des Urins abzusenken. Der schon angesprochene Apfelessig ist dazu ebenfalls geeignet.

Was ist vorbeugend noch zu beachten?

Nach dem Geschlechtsverkehr zu urinieren hilft mit, Bakterien aus dem Körper zu spülen. Allerdings sollte übertriebene Hygiene vermieden werden, zu intensives Waschen mit Seife zerstört die Vaginalflora und das führt zu Infekten.

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Tipps für eine gestärkte Blase

  • Wohlige Wärme.
    Füße und Unterleib warm halten, das schützt auch die Blase und macht es Bakterien schwerer sich anzusiedeln. Nasse Badebeklei­dung, verschwitzte Kleidung, kalte Sitzflächen oder frierende Füße hingegen schwächen das Immun­system.
  • Übertriebene Hygiene vermeiden.
    Colibakterien, die beim Stuhlgang ausgeschieden werden, können leicht den Übergang zwischen Darmausgang und Harnleiter überwinden – besonders, wenn man bei der Verwendung von Toilettenpapier irrtümlich in Richtung Scheide und Harnleiter wischt. Wer besonders empfindlich ist, sollte die Analregion nach dem Stuhlgang mit fließendem Wasser bzw. einem feuchten Einmaltuch reinigen. Mit Seife und Duschgels im Intimbereich sehr sparsam umgehen, da sonst der natürliche Säureschutzmantel der Haut reduziert wird.
  • Gesunde Scheidenflora.
    Ist die Scheide ausreichend mit Milchsäurebakterien (Laktobazillen) besiedelt, können diese Darmbakterien verdrängen.
  • Tampons und Binden wechseln.
    Auch sie sind eine günstige Brutstätte für Bakterien, daher häufiger wechseln. Tampons können die Scheide zusätzlich austrocknen und Druck auf den Harnleiter ausüben, was Restharn erzeugen kann.

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Lästige Keime wegspülen

Blasenentzündungen machen in erster Linie Frauen zu schaffen. Häufige Ursachen sind Infektionen mit Bakterien sowie hormonelle Veränderungen, etwa in den Wechseljahren.   

Bei etwa drei Viertel der Frauen bleiben starke Blasenschmerzen eine einmalige Episode. Dem restlichen Viertel machen drei- bis viermal im Jahr krampfartige Schmerzen und Brennen beim Urinieren sowie ständiger Harndrang zu schaffen. Schuld daran sind meist aufsteigende Keime aus den Bereichen der Scheide und des Darmausgangs. Escherichia Coli, ein im Darm unentbehrliches Bakterium, ist für rund 80 Prozent aller unkomplizierten Harnwegsinfektionen verantwortlich.
Frauen sind deshalb besonders anfällig, da ihre Harnröhre kurz ist und Bakterien rasch in die Blase aufsteigen können. Dort angekommen, heften sie sich an die Blasenwand und schädigen die Schleimhaut. Viel Trinken und regelmäßiges Urinieren – besonders nach dem Geschlechtsverkehr – sorgen dafür, dass die Bakterien mit dem Urin aus der Blase gespült werden. Extrakte von Preiselbeeren können es den Bakterien erschweren sich an die Blasenwand anzudocken. Das Ansäuern des Urins mit Apfelessig macht den Bakterien auch das Leben schwer.
 
Warum es oft junge Frauen trifft

Schwachstellen im Immunsystem, erste Sexualkontakte, häufiger Partnerwechsel, die unsachgemäße Verwendung eines Scheidendiaphragmas zur Verhütung bzw. von Spermien abtötenden Salben – all das kann die Scheidenflora beeinflussen und somit das Eindringen von Colibakterien erleichtern.
Bei schwangeren Frauen kann durch die hormonelle Umstellung und durch das Wachstums des Kindes eine Erschlaffung der glatten Muskulatur der oberen Harnwege entstehen. Das verstärkt den Harndrang, besonders im letzten Schwangerschaftsdrittel. Harnwegsinfektionen sind in der Schwangerschaft zwar nicht häufiger als bei anderen Frauen. Wenn sie jedoch während der neun Monate auftreten, dann können sie unbehandelt rascher zu einer Nierenbeckenentzündung führen. Daher sollten Schwangere den Infekt möglichst rasch ärztlich abklären lassen und nicht lange zuwarten.

Probleme mit der Blase

Mit den Wechseljahren kommt es zu einer Abnahme des Hormons Östrogen, das auch für eine Befeuchtung der Scheide sorgt. Drosselt der Körper schrittweise die Produktion von Östrogen, so wird die Scheide trockener, die Zahl der Laktobazillen in der Scheide nimmt ab und der Durchgang der Colibakterien Richtung Blase wird erleichtert. Um Blasenentzündungen entgegenzuwirken, ist es sinnvoll, die Scheidenflora mit Laktobazillen anzureichen. Andererseits kann eine lokal – nur in der Scheide – wirkende Östrogen-Hormontherapie in Form von Salben und Zäpfchen helfen.
Im Zuge von Erkrankungen wie Diabetes, Multiple Sklerose, Blasen- und Nierensteine, Harninkontinenz und Schlaganfall treten besonders häufig Harnwegsinfekte auf. Männer sind selten – meist durch eine beginnende Prostatavergrößerung – von Harnwegsinfekten betroffen, die dann aber komplizierter verlaufen als bei Frauen.

Stand 04/2018

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