Der Darm

März 2018 | Medizin & Trends

Welche Aufgaben erfüllt unser Darm? Wie ist er aufgebaut? Woran erkrankt der Darm häufig? Wie können wir den Darm schützen? Darüber informiert der Darmspezialist Prim. Univ. Prof. Dr. Rainer Schöfl für MEDIZIN populär.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Welche Aufgaben erfüllt unser Darm?
Unser Darm ist dazu da, Stoffe aus der Nahrung, die der Körper benötigt, über die Darmwand aufzunehmen, so der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) Darmspezialist Prim. Univ. Prof. Dr. Rainer Schöfl vom Ordensklinikum in Linz. Weiters gibt der Darm unerwünschte Stoffe aus der Nahrung ab und sorgt dafür, dass der Stuhl die richtige Konsistenz hat, sprich nicht zu hart oder zu weich ist. Gemeinsam mit der Niere reguliert der Darm darüber hinaus noch den Wasserhaushalt des Körpers und spielt bei der Organisation der Abwehrkräfte eine wichtige Rolle. Außerdem wird immer klarer, dass der Darm die Gesundheit anderer Organe beeinflusst, wie beispielsweise jene der Niere, der Leber, der Bauchspeicheldrüse, aber auch der Haut und sogar des Gehirns: Mit dem Gehirn ist der Darm über Nervenendigungen in der Darmwand und Nerven verbunden, die von dort zum Nervus vagus, dem Hirnnerv, führen. So wird vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen einer Fehlfunktion der Darmwand und der Entstehung von Krankheiten des zentralen Nervensystems im Gehirn gibt – wie Morbus Parkinson und Multiple Sklerose, aber auch von psychischen Problemen wie Angsterkrankungen.
Vermutet wird auch, dass die Darmbakterien, also die Darmflora oder das Mikrobiom, eine ganze Reihe an Dingen beeinflussen, wie den Stoffwechsel, und gemeinsam mit der Genetik und dem Lebensstil auch die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2.

Wie ist der Darm aufgebaut?
Beim Erwachsenen ist der Darm vom Magenpförtner, an den der Zwölffingerdarm anschließt, bis zum After zwischen fünf und sieben Meter lang. Unterteilt wird er im Groben in den Dünndarm, der mit drei bis fünf Metern der längste Darmabschnitt ist, den gut einen Meter langen Dickdarm und den bis zu 20 Zentimeter langen Mastdarm. Im Durchmesser misst der Darm zwei bis vier Zentimeter. Von innen betrachtet, besteht er aus der schleimproduzierenden Darmschleimhaut. Unterhalb dieser Schleimhaut befindet sich eine Lage mit Gefäßen und Nerven. Darunter liegt wiederum die mehrlagige, innen ringförmige, außen längsverlaufende Darmmuskulatur für die Peristaltik, also die wechselweisen Kontraktionen und Entspannungen, die dem Transport des Nahrungsbreis dienen. Der lange Dünndarm ist auch außen mit einer schleimigen Haut umhüllt, damit sich die Darmschlingen im Bauchraum bei Bewegungen nicht aneinander und an anderen Organen reiben.

Woran erkrankt der Darm häufig?

Am häufigsten bereitet der Darm aufgrund von Nahrungsmittelunverträglichkeiten Probleme. Bei etwa der Hälfte aller Menschen sind diese feststellbar und eigentlich eine Spielart der Natur, die früher akzeptiert wurde, heute aber vielfach als krankheitswertig empfunden wird. Die Unverträglichkeiten beruhen darauf, dass der Körper aufgrund mangelnder oder fehlender Verdauungsenzyme Milch, Obst oder Gluten, das in Getreide vorkommt, nicht richtig verdauen kann. Wird Milch nicht vertragen, spricht man von einer Laktoseintoleranz, macht der Fruchtzucker Beschwerden von einer Fruktoseintoleranz.
Zu den Symptomen einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zählen Bauchschmerzen, Blähungen, auch Durchfall kommt häufig vor.
Ähnlich äußert sich das Reizdarm-Syndrom, das viele verschiedene Ursachen, auch psychische, haben kann, und an dem etwa 15 Prozent der Erwachsenen leiden.
Rund zehn Prozent der Erwachsenen haben Divertikel, ein Teil von ihnen erkrankt an einer Divertikulitis, einer Entzündung von Ausstülpungen der Darmschleimhaut, die sich in starken Bauchschmerzen äußern kann und unangenehme Probleme verursacht.  
Rund 5000 Österreicher erhalten jährlich die Diagnose Darmkrebs, der lang keine Beschwerden verursacht. Etwa die Hälfte stirbt jedes Jahr daran, obwohl die Erkrankung bei Früherkennung mithilfe der Vorsorgeuntersuchung per Darmspiegelung, die nahezu schmerzfrei ist, sehr gut heilbar wäre. Ab dem 50sten Lebensjahr wird die Darmspiegelung im Abstand von sieben bis zehn Jahren empfohlen und wenn in der Familie Darmkrebs aufgetreten ist, schon ab dem 40sten Lebensjahr.
Darminfektionen durch Viren und Bakterien, die zu Bauchschmerzen, Durchfall, Erbrechen und Fieber führen, sind ebenfalls verbreitet, aber vergleichsweise harmlos, da sie meistens schon binnen einer Woche wieder abklingen.

Wie können wir den Darm schützen?
Den Darm schützen wir am besten, indem wir ballaststoffreich und vitaminreich essen, rotes, geräuchertes und gepökeltes Fleisch und Alkohol hingegen nicht oder nur in Maßen konsumieren und nicht rauchen. Außerdem gut ist es, auf Hygiene zu achten, die Hände vor der Zubereitung von Essen gründlich zu waschen, die Lebensmittel noch vor der Verarbeitung zu putzen. Um die Gefahr zu reduzieren, dass über die Nahrung Viren und Bakterien aufgenommen werden, empfiehlt es sich in den Tropen außerdem, sicherheitshalber keine rohen Lebensmittel zu essen, also kein rohes Gemüse und keinen Salat. Zudem sollten in tropischen Ländern kein Wasser aus der Leitung und keine Getränke mit Eiswürfeln getrunken werden.
Schließlich hat auch noch Sport einen positiven Einfluss auf die Darmgesundheit, da die Bewegung den Darm bei seiner Verdauungstätigkeit unterstützt.

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So funktioniert die Darmspiegelung

Am Tag vor der Darmspiegelung, Koloskopie, muss der Darm entleert werden. Man sollte nur klare Suppen, Tees und Wasser zu sich nehmen. Außerdem erhält man vom Arzt abführende Mittel, die am Abend und/oder am Morgen der Untersuchung getrunken werden. Unmittelbar vor der Untersuchung wird man mit Medikamenten in einen Dämmerschlaf versetzt, wodurch von der Koloskopie nichts zu spüren ist. Nach der Untersuchung sollte man sich sicherheitshalber von jemandem abholen und nachhause bringen lassen.

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Darmexperten gegen Stuhlanalysen
„Von Stuhlanalysen, wie sie heute verstärkt  von verschiedenen Betreibern zur Ernährungsberatung angeboten werden, und die nicht im Rahmen einer ärztlichen Behandlung erfolgen, rät die Österreichische Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) dringend ab”, sagt deren Präsident Prim. Univ. Prof. Dr. Rainer Schöfl vom Ordensklinikum in Linz. Der finanzielle und sonstige Aufwand stehe in Anbetracht der aktuellen medizinischen Erkenntnisse in keinem Verhältnis zum Nutzen – die aus den Stuhlanalysen gewonnenen Informationen sagen wenig bis gar nichts über die Darmgesundheit, die Gesundheit des Menschen und vor allem über Behandlungsnotwendigkeiten aus.    

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Interview
Was der Darm alles beeinflusst

Der Darm ist mehr als ein Verdauungsorgan, er hat großen Einfluss auf das Immunsystem und auch auf unsere Stimmung, wie Allgemeinmediziner Dr. Jörn Reckel im folgenden Interview mit MEDIZIN populär und in seinem Buch „Darm krank – alles krank“ erklärt.    

Von Mag. Wolfgang Bauer

MEDIZIN populär
Herr Dr. Reckel, 95 Prozent der Bildung des ‚Glückhormons‘ Serotonin geschieht im Darm, falls er optimal arbeitet. Kann man sich quasi glücklich essen?

Dr. Jörn Reckel, Facharzt für Allgemeinmedizin
Ja, das kann man wirklich. Zwei Aspekte müssen wir dabei berücksichtigen. Zum einen benötigt unser Darm für die Synthese des Serotonins bestimmte Bausteine aus der Nahrung. Neben Vitaminen (B3, B6, Folsäure u.a.) und Mineralstoffen (Eisen, Zink, Kupfer u.a.) benötigen wir besonders die Aminosäure Tryptophan, die in hohem Maße in Rinderfilet, Thunfisch, Hafer, Weizenkeimen, tropischen Früchten, Papaya, Avocado und glücklicherweise auch in Schokolade enthalten ist. Zum anderen muss unser Darm im Stande sein, all diese Bausteine auch vollständig aufzunehmen. Wir können uns auch damit glücklich essen, indem wir ‚lieb‘ zu unserer Darmschleimhaut sind. Essen wir aber beispielsweise den Tag über zu viele Kohlenhydrate, schlucken wir allzu viele Säureblocker oder beachten wir Nahrungsmittelintoleranzen nicht, dann ärgern wir die Schleimhaut durch Gärungs- und Fäulnisprozesse und die wunderbaren Glücklichmacher landen in der Toilette.

Warum können falsche Ernährung oder Medikamente das ökologische Gleichgewicht im Darm durcheinander bringen?

Wenn wir uns dauerhaft zu einseitig ernähren, kann sich das über die Bakterien und Pilze negativ auf unsere Gesundheit auswirken. Wenn jemand beispielsweise immer zu viele einfache Kohlenhydrate wie Kartoffeln, Reis, Nudeln oder Brot isst, können bestimmte Bakterienkulturen davon profitieren, die wir vielleicht gar nicht wollen, weil sie zu viel Gärung im Darm verursachen. Ähnlich verhält es sich, wenn wir auf Dauer zu viel Eiweiß zuführen bzw. schlecht verdauen, das ist nämlich begehrtes Futter von Fäulnisbakterien. Umgekehrt gilt: Wenn wir den Konsum gewisser Nährstoffe einschränken, haben bestimmte Darmbewohner keine Nahrung mehr, können sich nicht entfalten und haben somit auch kaum Einfluss auf unser Wohlbefinden. Mit der Ernährung steuern wir in gewisser Weise auch unser Ökosystem. Auch Medikamente wie etwa entzündungshemmende Antirheumatika, Cortison oder Schmerzmittel können die Darmflora nachhaltig beeinflussen.

Das Gesamtgewicht unserer Bakterien beträgt ein bis zwei Kilogramm, ihre Anzahl beträgt mehrere Trillionen.

Können die Bakterien also mehr werden, wenn man zum Beispiel Probiotika einnimmt?
Nein, glücklicherweise nicht. Eine Überbesiedlung – zumal im offenen System des Darmkanals – ist kaum möglich. Die bisher bekannte Zahl der Bakterien innerhalb des Mikrobioms entspricht 100 Prozent Besiedlung im Darm. Im Rahmen der probiotischen Therapie können wir lediglich durch Verdrängung bestehender Keime neue Kolonien ansiedeln.

Gibt es einen Bereich, von dem Sie behaupten können, dass der Einfluss des Darms am stärksten ausgeprägt ist?

Der Darm beeinflusst mit seinem eigenen Immunsystem alle Schleimhäute und die Haut. Immer wiederkehrenden Blasenentzündungen, Nebenhöhlen-, Genital- und Bronchialinfekte sowie viele therapieresistente Hauterkrankungen sind die Domäne der Mikroökologischen Therapie, die dem Darm und insbesondere seinem Mikrobiom eine wesentliche Rolle für die Gesundheit zuschreibt.
    
Buchtipp:

Reckel, Bauer
Darm krank – alles krank
Hilfe mit ganzheitlicher Therapie

ISBN 978-3-99052-169-4
160 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte,
2. Auflage, vorauss. April 2018

Webtipp:
Informationen über zertifizierte Stellen für die Koloskopie auf:
www.krebshilfe.net/services/spezial-zentren/zertifizierte-stellen-fuer-koloskopie/

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