Hieb- und stichfest?

Oktober 2018 | Medizin & Trends

Was die ­Grippeimpfung kann. Was
(noch) nicht.
 
Die Erreger der Grippe (Influenza) kennt man seit 1933. Bereits fünf Jahre später war der erste Impfstoff gegen
Influenzaviren entwickelt. Was sich seither getan hat und wo es Verbesserungspotenzial bei der Grippeimpfung gibt,
verrät eine Virologin.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

MEDIZIN populär
Gibt es den idealen Zeitpunkt für die Grippeimpfung?

Priv. Doz. Dr. Monika Redlberger-Fritz
Im Prinzip kann ab Oktober geimpft werden. Empfehlenswert ist allerdings, sich Ende November impfen zu lassen, um gut durch die Saison zu kommen. Der Grund: Die Grippewelle beginnt in der Regel im Jänner und dauert durchschnittlich drei Monate. Der Impfschutz hält in der Regel nicht sehr lange an. Wenn man zu früh impft, kann es sein, dass der Impfschutz nicht die gesamte Grippewelle hindurch anhält – und man nicht mehr ausreichend geschützt ist.
 

Muss man zum Zeitpunkt der Impfung topfit sein oder stellt eine leichte Erkältung kein Problem dar?

Eine Verkühlung ist kein Problem. Aber wenn man zum Zeitpunkt der Impfung mehr als 38 Grad Fieber hat, sollte man die Impfung verschieben.

Kaum eine Impfung steht unter so kritischer Beobachtung wie die Grippeimpfung. Warum ist es so schwierig, punktgenau den wirksamen Impfstoff zu entwickeln?

Bei der Entwicklung der Grippeimpfung gibt es zwei Probleme. Das eine ist, dass sich die Influenzaviren ununterbrochen verändern. Das Problem Nummer zwei ist, dass die Impfstoffproduktion im Moment noch relativ lange dauert. Bereits im Februar legt die Weltgesundheitsorganisation die Zusammensetzung des Impfstoffes für die kommende Saison fest, damit mit der Produktion der Impfstoffe begonnen und ab September geimpft werden kann.

Bis geimpft werden kann, kann also noch einiges passieren…?

Genau. Von Februar bis September ist auf der Südhalbkugel Winter und damit Grippesaison. Somit hat das Virus ein halbes Jahr Zeit, um sich weiter zu verändern.
Dadurch kann es geschehen, dass sich während der Produktion des Impfstoffes das Virus während der Zirkulation auf der Südhalbkugel verändert und in veränderter Form auf die Nordhalbkugel zurückkehrt. Dann passt das Virus im Impfstoff mit dem zirkulierenden Virus nicht mehr überein.
 

Kann man in die Produktion noch eingreifen, wenn man feststellt, dass das Virus sich auf der Südhalbkugel verändert?

Nein, das geht zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Die Impfstoffproduktion beginnt für die Nordhalbkugel im März, zu diesem Zeitpunkt hat die Influenzasaison auf der Südhalbkugel noch nicht begonnen. Während bei uns in der Regel im Jänner der Höhepunkt der Grippewelle erreicht wird, ist auf der Südhalbkugel im Juli/August die Hochsaison für Influenzaviren.    ‘
Man kann die Entwicklung der Influenzaviren nur beobachten, um vorab abzuschätzen, was ab September auf uns zukommen wird. Anhand der Grippewelle auf der Südhalbkugel kann man erkennen, ob das Virus sich verändert oder unverändert bleibt. Das liefert einen guten Anhaltspunkt dafür, ob die Impfstoffe bei uns gut wirken werden – oder vielleicht nicht optimal passen.

Tatsächlich geht es ja um mehrere Viren, die im Grippeimpfstoff enthalten sind…
In jedem Impfstoff finden sich jeweils drei oder vier Influenzavirusstämme. In den Dreifachimpfstoffen sind immer die beiden Influenza A-Stämme enthalten – die A(H1N1)-Stämme und die A(H3N2)-Stämme – sowie einer der beiden Influenza B-Linien, die Yamagata- oder Victoria-Linie.
Im Vierfachimpfstoff sind sowohl beide Influenza A- als auch beide Influenza B-Stämme enthalten.

 

Den Vierfachimpfstoff mit beiden Influenza B-Stämmen gibt es erst seit kurzem. Warum?

Die Influenza B-Viren erschienen erst in den 1930-er Jahren in der menschlichen Population. Seit ihrem Auftreten sind die Influenza B-Viren genetisch sehr lange Zeit stabil geblieben. Erst in den 1980-er Jahren haben sich die Influenza B-Viren in zwei Linien aufgespalten: in die Yamagata- und die Victoria-Linie. Die beiden Linien zirkulierten dann immer abwechselnd jeweils über sehr lange Zeiträume. Die Situation hat sich Anfang der 2000er Jahre geändert, als plötzlich beide Influenza B-Linien gleichzeitig zu zirkulieren begannen.
Das Problem mit den Influenza B-Viren wurde immer prominenter, mit der Konsequenz, dass man beim Grippeimpfstoff entweder die richtige B-Linie getroffen hat oder daneben lag. Deshalb ist die Entwicklung des Vierfachimpfstoffs, der beide Influenza B-Linien enthält, ein sehr wichtiger Schritt in der Verbesserung der Impfstoffproduktion.

 

Das sieht die Weltgesundheitsorganisation genauso. Sie empfiehlt bereits seit letztem Jahr den Vierfachimpfstoff.

Ganz genau. Dieser war in Österreich letztes Jahr erstmals neben den Dreifachimpfstoffen auf dem Markt. Das dominante B-Virus wurde nur durch den Vierfachimpfstoff abgedeckt.

 

In der vergangenen Grippesaison 2017/18 enthielt nur der Vierfachimpfstoff den dominanten B-Stamm.
Leider war dieser Impfstoff schon vor dem Höhepunkt der Grippewelle im Jänner vergriffen. Warum?

Das lag daran, dass es letztes Jahr theoretisch für Österreich noch gar keine Vierfachimpfstoffe hätte geben sollen. Die Firmen rechneten damit, die Zulassung dafür erst im Frühjahr 2018 und nicht bereits im September 2017 zu bekommen. Deshalb wurde der Impfstoff nur in geringen Mengen produziert.

 

Seit jeher wird der Grippeimpfstoff auf der Basis von Hühnereiern hergestellt. Das heißt, die Viren werden in Hühnereiern kontrolliert vermehrt. Forschungen haben nun gezeigt, dass die Produktion mithilfe bestimmter Zellkulturen viele Vorteile bringt. Wird man die Produktion in Kürze umstellen?

Die Produktion auf den Hühnereiern ist ein sehr altes Produktionsverfahren. Das Influenzavirus wurde 1933 entdeckt, 1938 war der erste Impfstoff verfügbar und bereits 1942 ist der Impfstoff in großen Mengen von der US-Armee verwendet worden. Schon damals wurde – wie heute – der Impfstoff auf Hühnereiern produziert. Dabei stünden theoretisch bereits andere Produktionsarten zur Verfügung. Die Produktion in Zellkultur ist beispielsweise  bedeutend schneller und hat somit eine erheblich kürzere Produktionszeit: Statt eines halben Jahres Vorlaufzeit würden drei Monate reichen. Wenn sich die Produktionszeit auf drei Monate verringert, hat man wesentlich aktuellere Daten von den gegenwärtig zirkulierenden Viren zur Verfügung. Dies hätte auch den Vorteil, dass, wenn ein Virus sich plötzlich massiv verändert, die Produktion sehr schnell umgestellt werden könnte.
Ein weiterer Vorteil ist, dass auch Personen, die gegen Hühnereiweiß allergisch sind, geimpft werden können.

Dennoch  investieren Pharmafirmen derzeit nicht in die Zellkulturtechnik?

Das hat damit zu tun, dass es derzeit noch keine ausreichenden Produktionsstätten gibt und ihre Errichtung und die Umstellung der Produktion viel zu teuer sind. Dies noch vor dem Hintergrund, dass die Influenzaimpfung in der Bevölkerung nicht gut angenommen wird.

Stand 10/2019

 

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