Operationen am Herzen

Januar 2018 | Medizin & Trends

Ob Bypass-Operation oder Herzklappenersatz – Eingriffe am Herzen lassen sich zunehmend schonender durchführen. Allerdings: Sind mehrere Gefäße von einer Verengung betroffen, dann bietet sich doch eine umfassendere Herzoperation an.
 
Von Mag. Wolfgang Bauer

Südafrika, 3. Dezember 1967: Christiaan Barnard verpflanzt  in einem Krankenhaus in Kapstadt einem Gemüsehändler das Herz einer jungen Frau, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Es ist die weltweit erste Herztransplantation, sie sorgt international für großes Aufsehen. Obwohl der Patient 18 Tage später stirbt, wird Barnard zum Star. Bereits im Jänner 1968 führt er die zweite Herztransplantation durch, diesmal überlebt der Patient den Eingriff 20 Monate. Barnard sollte in seiner Karriere insgesamt 50 Herzen transplantieren, das sind weniger Eingriffe, als jährlich in Österreich durchgeführt werden – die aktuellen Zahlen belaufen sich auf 60 bis 70 Transplantationen.
Diese Eingriffe machen nur einen geringen Teil der Herzchirurgie aus. Denn an den neun speziellen Abteilungen in Österreich werden jährlich insgesamt zwischen 6000 und 6500 Herzoperationen durchgeführt. „Die häufigsten herzchirurgischen Eingriffe sind die Bypass- und Herzklappenoperationen oder Eingriffe, die beides kombinieren“, so Univ. Prof. Dr. Rainald Seitelberger von der Universitätsklinik für Herzchirurgie in Salzburg. Darüber hinaus zählen Operationen an der großen Körperschlagader (Aortenchirurgie) oder die operative Korrektur von angeborenen Herzfehlern zur Domäne dieser Disziplin. Alles Eingriffe, die nach international anerkannten höchsten Qualitäts- und Sicherheitsstandards durchgeführt werden, wie Seitelberger betont.

Wenn ein Bypass erforderlich ist
Sehr viele Eingriffe am Herzen können ohne klassische Herz-OP, mit Hilfe eines Katheters, der über Arterien oder Venen eingeschleust wird, durchgeführt werden. Etwa die schnelle Öffnung eines verschlossenen Herzkranzgefäßes nach einem akuten Infarkt. Oder die nachhaltige Aufdehnung eines verengten Herzkranzgefäßes mit Hilfe eines Stents. Solche „interventionellen“ Eingriffe führen vorzugsweise Kardiologen durch, sie benötigen keine Vollnarkose und sind deshalb für die Patienten weniger belastend. Allerdings: „Je mehr Gefäße betroffen sind und je komplexer diese Verengungen sind, desto eher bietet sich ein operativer Eingriff an. Vor allem  im Hinblick auf die Langzeitergebnisse“, so Seitelberger. In solchen Fällen kommt für die Überbrückung der Engstelle nur ein Bypass mit körpereigenen Arterien oder Venen in Frage. Bei der Operation unter Vollnarkose muss zumeist der Brustkorb des Patienten geöffnet werden. Durch die Bypässe (Umgehungskreisläufe) bekommen dann jene Areale des Herzmuskels, die durch die Verengung schlecht versorgt waren, wieder ausreichend Blut. Die vor der OP bestehenden Beschwerden wie Schmerzen oder Atemnot verschwinden.
Wenn ein Bypass gelegt wird, kommt in vielen Fällen die Herz-Lungen-Maschine zum Einsatz. Sie übernimmt für eine bestimmte Zeit des Eingriffs die Funktionen der beiden Organe. Als Gefäße für die Überbrückung werden immer öfter auch körpereigene Arterien anstelle von Venen (die aus den Beinen des Patienten stammen) verwendet, die Arterien werden von der Brustinnenwand oder dem Unterarm entnommen. „Die Arterien haben deutlich bessere Langzeitergebnisse als die Venen, die ja die hohen Druckverhältnisse in den Herzkranzgefäßen nicht gewohnt sind“, sagt Seitelberger. Da jedoch auch Faktoren wie Alter, Schweregrad der Erkrankung, eine Zuckerkrankheit oder die Qualität der Gefäße bei der Auswahl wichtige Rollen spielen, wird dies immer individuell abgestimmt und mit dem Patienten ausführlich besprochen. Es gibt aber auch die Möglichkeit einen Bypass am schlagenden Herzen, also ohne Herz-Lungen-Maschine, zu legen. Von dieser Methode profitieren insbesondere Patienten mit Verkalkungen der Hauptschlagader (Aorta), weil mögliche Komplikationen beim Anschluss der Herz-Lungen-Maschine an dieses Gefäß dadurch vermieden werden.
Nach einer Bypass-Operation und einer danach anschließenden Rehabilitation haben die Patienten eine deutlich höhere Lebensqualität als davor und können ein weitgehend normales Leben führen.

Wenn es mit den Klappen nicht mehr klappt

Das Blut, das mit großem Druck vom Herzen durch den Körper gepumpt wird, versorgt die Organe und Muskeln des Organismus mit Sauerstoff und Nährstoffen. Vier Herzklappen im menschlichen Körper sorgen wie Ventile dafür, dass das Blut in die richtige Richtung strömt und nicht zurückfließen kann: die Aortenklappe, die Trikuspidalklappe, die Mitralklappe und die Pulmonalklappe. Diese Herzklappen können entweder von Geburt an erkrankt sein oder im Laufe des Lebens Schaden nehmen – etwa durch Entzündungen, altersbedingte Abnützungen oder auch indirekt, „funktionell“ als Folge eines Herzinfarktes. Sie werden dann entweder undicht, wodurch das Blut wieder zurückströmen kann, oder sie verengen bzw. verkalken. In beiden Fällen muss das Herz dann das Blut mit deutlich größerem Aufwand pumpen, was mit der Zeit zu einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) führt.

Reparieren oder ersetzen?

„Kranke Herzklappen kann man entweder reparieren bzw. rekonstruieren oder man muss sie durch eine neue Klappe ersetzen“, sagt Rainald Seitelberger. Für den Einsatz einer neuen Herzklappe stehen sowohl chirurgische als auch interventionelle Methoden zur Verfügung. Interventionell kann zurzeit in gewissen Fällen eine neue Aortenklappe eingesetzt werden:
Dabei wird zunächst mittels eines Ballon-Katheters, der über die Leiste eingeführt wird, die verkalkte und verengte Aortenklappe aufgesprengt und an den Rand gedrückt. Die neue und zusammengefaltete biologische Herzklappe wird an die entsprechende Stelle gebracht, sodann an die zuvor weggesprengte „alte“ Klappe angepresst und übernimmt sogleich ihre Funktion, ohne angenäht werden zu müssen. Diese Methode wird vor allem bei Patienten eingesetzt, die sehr alt sind oder ein sehr hohes Risiko für eine „klassische“ Operation haben, da es noch keine ausreichenden Langzeiterfahrungen damit gibt und ein Teil der so implantierten Klappen nicht komplett dicht eingesetzt werden können. Sie erfüllen also noch nicht den sehr hohen qualitativen Standard, der bei „klassischen“ Operationen in der Regel der Fall ist.
Die „klassischen“ Operationen von Herzklappen weisen aber ebenfalls eine rasante Entwicklung auf, die seit Jahren steil nach oben zeigt. Sie können zunehmend minimalinvasiv, also ohne oder nur mit teilweiser Öffnung des Brustkorbes oder der Brustwand, durchgeführt werden. Darüber hinaus kann man immer öfter die eigenen Herzklappen reparieren, man muss sie also weniger oft durch eine neue Herzklappe ersetzen. Seitelberger: „Das ist dann möglich, wenn die Herzklappe nicht stark verengt, sondern undicht ist, das Blut also in die falsche Richtung zurückfließen kann. Eine klappenerhaltende OP ist bei den Mitralklappen, den Aortenklappen und den Trikuspidalklappen am ehesten möglich.“ Und, wenn chirurgisch-technisch machbar, in jedem Fall die beste Option.
Muss die Herzklappe jedoch ersetzt werden, stehen als Ersatz Herzklappen aus hochwertigen Metalllegierungen und biologische Klappen (von Schweinen oder Rindern) zur Verfügung. Die künstlichen Klappen haben den Vorteil, dass sie prinzipiell ein Leben lang halten. Allerdings müssen die Patienten nach erfolgter OP dauerhaft blutverdünnende Medikamente einnehmen. Nicht so bei den biologischen Klappen, da endet die Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten nach wenigen Wochen. Allerdings müssen 20 bis 30 Prozent der biologischen Klappen nach etwa 15 bis 20 Jahren wieder ausgetauscht werden. Das heißt, je jünger die Patienten sind, desto eher kommen aufgrund der längeren Haltbarkeit künstliche Klappen zum Einsatz. Die Entscheidung, welche Klappe eingesetzt wird, hängt aber nicht nur mit dem Alter des Patienten zusammen. Ein wichtiger Faktor sind z.B. auch die Lebensumstände der Patienten. Die Auswahl der Herzklappe muss deshalb mit jedem Patienten vor der Operation besprochen und abgestimmt werden.
Generell werden seit einigen Jahren zum Großteil biologische Herzklappen eingesetzt, da die Entwicklung neuer Klappenmodelle auch bei jüngeren Patienten zu einer deutlichen Verbesserung ihrer Haltbarkeit auch im Langzeitverlauf geführt hat.

Problem Hauptschlagader

Die Herzchirurgie ist auch gefordert, wenn eine krankhafte Erweiterung der Hauptschlagader (Aorta) im Brustraum vorliegt. Diese Erweiterung kann angeboren sein oder sich im Laufe des Lebens entwickeln. Da die Gefahr besteht, dass die Wand einer erkrankten Hauptschlagader auch einreißen kann (mit lebensbedrohlichem Blutverlust als Folge), muss das Gefäß im Bereich des Brustraumes durch eine stabile Gefäßprothese ersetzt werden. Das Problem dabei: die Erweiterung der Aorta macht in vielen Fällen keine Beschwerden, wird also zumeist nur durch Zufallsbefunde entdeckt. Wenn sie jedoch entdeckt wird, kann man eine OP sehr zielgerichtet planen. Aber: „Wenn die Aorta einreißt, dann handelt es sich um eine absolute Notfallsituation, die umgehend behandelt werden muss“, so Seitelberger.

Sehr schwaches Herz macht Transplantation nötig
Wenn der Herzmuskel aus verschiedenen Gründen so geschwächt ist, dass er keine ausreichende Leistung mehr erbringen und den Organismus mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff versorgen kann, wird die eingangs erwähnte Transplantation in Erwägung gezogen. Allerdings muss nach dem Eingriff das Immunsystem der Patienten lebenslang „gedrosselt“ werden, damit das fremde Herz nicht abgestoßen wird – wofür moderne Medikamente zur Verfügung stehen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, das geschwächte Herz im Körper des Patienten zu belassen und es mit einer künstlichen Pumpe zu unterstützen, die in das Herz implantiert wird und das Blut in den Körper pumpt. VAD (Ventricular Assist Device – ventrikuläres Assistenzsystem) wird dieses Unterstützungssystem genannt, oder einfach: Kunstherz. Diese Pumpen benötigen allerdings eine kontinuierliche Stromzufuhr über Batterien mit einem Gewicht von etwa sechs Kilogramm, die der Patient immer mit sich tragen muss und die über einen schmalen Schlauch direkt mit der Pumpe verbunden sind. Sie können prinzipiell dauerhaft im Körper verbleiben oder nur solange, bis der Patient ein Spenderherz bekommt. Die Verfügbarkeit von Spenderherzen hat allerdings in den vergangenen Jahren abgenommen.

Vorbeugen statt heilen
Trotz aller Fortschritte in der operativen Behandlung von Herzkrankheiten sollte man die bewährten Empfehlungen für einen gesunden Lebensstil mehr als ernst nehmen. „Wer sich gesund ernährt, ausreichend bewegt und wer vor allem nicht raucht, tut eine ganze Menge für seine Herzgesundheit“, rät Rainald Seitelberger.

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Vitalstoffe fürs Herz

Sie kommen nur in geringen Mengen in Lebensmitteln vor, sind aber für das Herz unverzichtbar:

  • Der Mineralstoff Magnesium sorgt dafür, dass der Herzmuskel ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird und damit weniger zu Rhythmusstörungen neigt. Auch bei Stress unterstützt Magnesium das Herz, da die Ausschüttung von Stresshormonen gedrosselt wird. Viel Magnesium ist in Vollkornprodukten, Nüssen, Kakao und bestimmten Mineralwässern enthalten.
  • Ebenso unerlässlich für die Herzmuskelfunktion ist Kalium. Bestimmte Medikamente gegen Bluthochdruck oder Nierenerkrankungen können die Kaliumversorgung stark reduzieren. Kaliumreich sind Trockenobst, Hülsenfrüchte oder auch Tomatenmark.
  • Das Spurenelement Selen unterstützt das Immunsystem und steuert den Zellstoffwechsel. Reich an Selen sind Fleisch, Fisch, Eier aber auch Sojabohnen und Leinsamen. Als Folgen eines deutlichen Selenmangels können Herzveränderungen oder auch Muskelfunktionsstörungen auftreten.
  • Coenzym Q10 ist ein vitaminähnlicher Stoff. Er trägt zu Gesunderhaltung der Gefäße bei und sorgt dafür, dass der Energiestoffwechsel zwischen den Zellen reibungslos funktioniert. Ein schwerer Mangel an Q10 beeinflusst die Herz­leistung. Der Körper kann das Coenzym selbst herstellen, allerdings nimmt diese Fähigkeit mit dem Alter ab. Die positiven Vorzüge von Selen mit Coenzym Q10 für das Herz hat eine schwedische Studie belegt. Die Forscher verabreichten die Kombination über vier Jahr lang an Senioren im Alter von 70 bis 88 Jahren. Bei den Testpersonen konnte das Sterberisiko infolge von Herzproblemen deutlich reduziert werden. Auch zehn Jahre nach Studienbeginn wurde eine positive Unterstützung der Herzfunktion durch Selen und Coenzym Q10 beobachtet.

Stand 01/2018

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