Zeit zum Trauern

Oktober 2018 | Psyche & Beziehung

Der Tod eines lieben Menschen ist ein einschneidendes Ereignis und löst bei den Hinterbliebenen Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung aus. Um den erlittenen Verlust irgendwann zu verkraften, müssen die Trauernden einen Prozess durchlaufen. Was sie dabei am meisten brauchen, sind Zeit und Verständnis.
 
– Von Mag. Alexandra Wimmer

Dass ich es schaffe, unseren Bauernhof alleine zu bewirtschaften, hätte ich nicht für möglich gehalten!“ Die Augen der zierlichen Johanna R. strahlen, als sie in ihrer Trauergruppe die Erfahrungen der letzten Wochen schildert. Die Lebensfreude, die dabei hervorblitzt, wäre für die Mittvierzigerin vor drei Monaten noch unvorstellbar gewesen. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes war sie am Boden zerstört und verzweifelt: Sie war mit dem großen Hof und den zwei Kindern ganz auf sich gestellt.

So beschrieb eine andere Trauernde das Lebensgefühl nach dem Tod ihres geliebten Partners. Trauer ist viel mehr als traurig zu sein. Der Prozess drückt sich in verschiedenen Phasen aus, die wellenartig ablaufen und sich im Prinzip bei allen Menschen ähneln. Im ersten Schock ist man wie gelähmt und kann einfach nicht fassen, was passiert ist. „Der Schock trifft auch die Angehörigen sehr kranker oder alter Menschen. Der Tod kommt trotzdem überraschend“, weiß Poli Zach-Sofaly.

Langjährige Erfahrung in Trauerbegleitung

Österreichs „Trauerpionierin“ begleitet Trauernde seit 20 Jahren. Sie hat die Ausbildung zur Trauerbegleitung entwickelt und leitete jahrelang die „Kontaktstelle Trauer“ der Wiener Caritas. Nach dem Schock brechen teils überwältigende Emotionen auf: Schmerz, Verzweiflung, Wut, Hoffnungslosigkeit. Man fragt sich immer wieder, wie das passieren konnte. Und immer wieder muss man sich bewusst machen: Der geliebte Mensch ist nicht mehr da – man kann ihn nicht mehr sehen, umarmen, mit ihm plaudern. „Es kann ein paar Wochen dauern, bis man wirklich begreift, dass es endgültig ist“, sagt Zach-Sofaly. Oft drehen sich die Gedanken im Kreis, man hadert mit dem Schicksal oder macht sich selbst Vorwürfe. „Manchmal tauchen auch Anschuldigungen gegen die Behandlung auf. Dann kann es wichtig sein, im Krankenhaus noch einmal ein klärendes Gespräch mit dem Arzt zu führen“, erklärt die Trauerbegleiterin. Indem man die Gefühle nach und nach integriert, nimmt deren Heftigkeit ab und man findet zu einer neuen emotionalen Beziehung zum Verstorbenen – und irgendwann kann man wieder nach vorne blicken. „Trauernde finden nach einiger Zeit oft zu einem neuen Leben“, weiß Eva Feichtinger, die seit elf Jahren als Trauerbegleiterin in Wien tätig ist.

Mit dem Verlust umgehen lernen

Täglich müssen wir kleinere oder größere Verluste betrauern: Die Lieblingsteetasse zerbricht, den ersehnten Job bekommt ein anderer, das erwachsene Kind zieht aus, eine Lebensphase endet. „Trauer ist allerdings da konzentriert, wo es um den endgültigen Verlust eines geliebten Menschen geht“, betont Prim. Dr. Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien.
83.270 Menschen sind in Österreich im Vorjahr verstorben. Die Todesfälle haben Lücken in Familien, Freundes- und Kollegenkreise gerissen – und Trauer ausgelöst. „Durch den Trauerprozess kann der Verlust einen Platz in der Seele finden. Er wird weder verdrängt noch drückt er dauernd, sondern er kommt zur Ruhe“, erklärt Psota. Damit der zu betrauernde Verlust seinen Platz finden kann, braucht es Zeit. Diese sollte man sich nehmen. 

Trauer hat viele Gesichter

Jeder trauert anders: Manche ziehen sich völlig zurück, andere müssen wieder und wieder über den erlittenen Verlust sprechen. „Manche begeben sich in eine fast depressive Starre, sind verzweifelt, bedrückt und energielos“, beschreibt Psota. „Für andere ist es wichtig, dass sie handlungsfähig bleiben.“ Das bedeute nicht automatisch, dass dadurch der Prozess des Trauerns irritiert wird. Andere halten sich geradezu am Tun fest, bis die Trauer über sie hereinbricht. „Sich, um die Trauer besser verdrängen zu können, in viele Aktivitäten zu stürzen, ist auf längere Sicht nicht sinnvoll“, betont der Psychiater. Der Trauerprozess gleiche einem Haus, in dem zuerst alle Räumen wie unter einem schwarzen Schleier liegen, erklärt Feichtinger. „Allmählich wird es in manchen Räumen lichter, man erlebt Freude und kann sogar hellauf lachen.“ Speziell positive Gefühle wie Freude sind allerdings oft mit schlechtem Gewissen verbunden, da entlastet es zu erfahren, dass alle Gefühle in Ordnung sind.

Wenn Trauer krank macht

Der Trauerprozess dient dazu, einen Verlust zu bewältigen und in das Dasein zu integrieren. Problematisch wird es, wenn Menschen in dem Prozess steckenbleiben. „Ein Alarmzeichen ist, wenn die Heftigkeit der emotionalen Symptome mit der Zeit nicht abnimmt oder sogar stärker wird“, betont der Psychiater Prim. Dr. Georg Psota. Dauert der Zustand länger als sechs Monate, spricht man von einer „anhaltenden Trauerstörung“. Das Krankheitsbild wurde vor kurzem in das internationale Klassifikationssystem von Krankheiten, ICD-11 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems), aufgenommen. Anhaltende Trauer beeinträchtigt die Lebensqualität und kann verschiedene Erkrankungen (mit)verursachen. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Erkrankungen wie Depressionen. Aufgrund der vielen Gesundheitsrisiken sollte man bei einer anhaltenden Trauerstörung spätestens nach einem Jahr Hilfe (z. B. bei einem Facharzt für Psychiatrie) suchen.

Webtipps:

Trauerbegleitung bietet in einigen Bundesländern die Caritas:
Opens external link in new windowwww.caritas.at

Angebote für Trauernde und Trauerbegleiter:
Opens external link in new windowwww.trauerbegleiten.at

STAND: 11/ 2018

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