Frühlingsgefühle – trotzdem ständig müde?

April 2019 | Leben & Arbeiten

Die Natur erwacht und viele Menschen machen schlapp – die Frühjahrsmüdigkeit lässt grüßen. Was hilft gegen kollektives Gähnen?
 
– Von Mag. Sylvia Neubauer

Auf Wiedersehen Daunenjacke, herzlich willkommen kurze Hose! Zarte Sonnenstrahlen locken ins Freie. Herrlich! Wäre da bloß nicht diese fiese Abgeschlagenheit, die oft mit Kopfschmerzen und Schwindel einhergeht und in ihrem Gesamtpaket als „Frühjahrsmüdigkeit“ klassifiziert ist. Ein verbreitetes Phänomen ohne Krankheitswert, meint die Medizin, bloße Einbildung, sagen Skeptiker.
Und doch klagt gut die Hälfte aller Männer und Frauen zwischen März und Mai über Unwohlsein. „In unserem Gehirn agieren unterschiedliche Botenstoffe, die äußerst licht- und temperaturabhängig sind und dementsprechend verrücktspielen können“, nennt Univ. Prof. Dr. Manfred Walzl, Vorstand des Instituts für Schlafmedizin am Privatklinikum Hansa in Graz einen Erklärungsansatz für die jahreszeitbedingte Schläfrigkeit, „unser Körper benötigt einige Zeit, mitunter sogar mehrere Wochen, um die Hormone wieder in die richtige Balance zu bringen.“ Wie kann man ihn dabei unterstützen?

Verrücktspielende Opens external link in new windowHormone

Im Winter befindet sich das gesamte „System Mensch“ im Energiesparmodus. In der physiologischen Schaltzentrale zirkulieren bestimmte Hormone: „Bei Kälte und wenig Licht produzieren wir mehr von dem ,Schlafhormon’ Melatonin und weniger Serotonin, das eine Art ,Gipsverband’ für die Seele ist“, schildert der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Walzl: „Das macht uns schläfriger, aber auch trauriger.“ Der Frühling samt seiner länger werdenden Tage bringt nicht nur die ersehnten Lichtstunden zurück, sondern lässt uns auch vermehrt Glückshormone ausschütten. Etwa ab Mitte März beginnt die „Ära“ des Serotonins. In einem Überschwang von Euphorie gesellen sich gleich ein paar Verbündete dazu. Dopamin und Endorphin sorgen für ein geballtes Stimmungshoch, in dessen Genuss jedoch längst nicht alle kommen. So spüren depressive Menschen ihre Krankheit, wenn überall um sie herum das Leben erwacht, noch stärker als sonst. Sie können mit der rapiden Hormonumstellung weniger gut mitziehen – ähnlich wie Menschen mit gebrochenem Fuß keinen Marathon bestreiten.

Temperaturwechsel setzt den Gefäßen zu

Im Prinzip folgt jede Zelle ihrer eigenen inneren Uhr. Die Umstellung von Winter auf Sommer geschieht dabei nicht in allen Organen synchron. Bildhaft gesprochen kann das also bedeuten: Während die Schilddrüse noch auf Winter gepolt ist, schlägt das Herz bereits im Takt der Frühlingsgefühle. Bei so vielen Rädern kann es beim Jahreszeitenwechsel im Getriebe schon mal knirschen. Das gilt speziell in Hinblick auf den Kreislauf und die Gefäße. „Die Blutgefäße verändern bei Wärme ihren Querschnitt“, sagt Walzl. Bei laueren Temperaturen werden sie größer – das kann dem Experten zufolge zu Problemen mit dem Kreislauf führen. Denn geweitete Arterien und Venen lassen den Blutdruck absinken. Betroffen sind vor allem Personen mit generell labilem Kreislauf, Frauen sowie ältere und gebrechliche Menschen. Der veränderte Tagesrhythmus und die neue Großwetterlage setzen dem Organismus bei vorhandenen Grunderkrankungen zusätzlich zu.    

Geballte Energie
Niemand muss tatenlos darauf warten, bis der neurobiologische Haushalt wieder in sein Gleichgewicht gefunden hat. Ganz im Gegenteil: Je aktiver man dem Lenz begegnet, desto schneller werden sich Körper und innere Uhr neu justieren.

Die folgenden Maßnahmen hauchen den Lebensgeistern neuen Wind ein:

Bewegt ins Leben. Schwere Augenlider verleiten dazu, sich auf der Couch ausruhen zu wollen. Mit dem Ergebnis, dass man noch träger wird. Bewegung schafft Abhilfe, fördert die Durchblutung und verleiht dem Körper Schwung.

Aus dem Bauch heraus. Nach den kulinarisch üppigen Wintermonaten zählt ein abwechslungsreicher, vitaminreicher Speiseplan zu den besten Muntermachern. Wer leichte Kost, verteilt auf mehrere, kleinere Portionen zu sich nimmt, entlastet den Körper bei der Verdauungsarbeit und beugt so Ermüdungserscheinungen vor.
Walzl rät zudem, Kräfte aus der Natur zu nutzen: „Zu empfehlen ist die Zufuhr von Magnesium, Naturreis, Soja, Kamillen- und Brennnesseltee, Johanniskraut(-tee) und sogar Schokolade. Auch gut: Einen Esslöffel Leinsamen in einem halben Liter Wasser über Nacht stehen lassen. Am nächsten Morgen die aufgequollenen Leinsamen gut kauen und Flüssigkeit nachtrinken.“ Belebendes aus dem Pflanzenreich findet sich zudem in Ingwer, Maca, Ginseng und Algen.

Wasser, marsch! Bereits, wenn der Körper leicht ausgetrocknet ist, kann sich das in Form von Müdigkeit und Schwindel bemerkbar machen. „Schon ein Minus von zwei Prozent Flüssigkeit im Kreislauf reduziert Konzentration und Aufmerksamkeit um 20 Prozent“, weiß der Schlafforscher. Um dem vorzubeugen sollten über den Tag verteilt 1,5 bis 2,5 Liter Flüssigkeit nachgetankt werden.  

Wechselweise kalt-warm. Unterschiedliche Temperaturreize beleben den Kreislauf und kurbeln den Stoffwechsel an. Wechselduschen revitalisieren so Körper und Geist. Zu Beginn reichen vier Wiederholungen in der Reihenfolge: warm, kalt, warm, kalt.

Mehr Licht, bitte! Auf die Netzhaut der Augen treffendes UV-Licht gibt der Zirbeldrüse das Signal, das Tagwerk zu starten. Wer Licht als natürlichen Zeitgeber nutzen möchte, sollte demzufolge möglichst viel Tageslicht im Freien tanken. Begleitend dazu kann in manchen Fällen „der Einfluss von Licht in der Stärke von mindestens 2.000 Lux, die man sich über Lichttherapie-Lampen holen kann, sinnvoll sein“, so der Experte.

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Müde ohne Ende

Bei anhaltenden Beschwerden, die sich durch entsprechende Lebensstilmaßnahmen nicht bessern, sollte ein Arzt zurate gezogen werden. Die extreme Schläfrigkeit kann nämlich auch eine Krankheit anzeigen:

Allergien.
Harmlose Substanzen fälschlicherweise als Fremdkörper betrachtend arbeitet das Immunsystem bei Allergien überaktiv. Vermehrt produzierte Zytokine, sprich kleine Steuerelemente für das Zellwachstum, schüren Entzündungen, die Betroffene ermüden. Auch Antihistamine, gegen allergische Reaktionen eingesetzte Medikamente, können schläfrig machen und sollten daher abends eingenommen werden.

Opens external link in new windowDepressionen.
Opens external link in new windowWährend die Frühjahrsmüdigkeit eher eine Befindlichkeitsstörung darstellt, handelt es sich bei der Depression um eine ernstzunehmende Krankheit mit schwerwiegenden Auswirkungen.
Wenn die körperlichen Anpassungsprobleme nach maximal vier Wochen unverändert bestehen bleiben und zur Müdigkeit etwa Interesse- und Freudlosigkeit, Selbstzweifel und Schuldgefühle hinzukommen, liegt möglicherweise eine psychische Erkrankung vor.
Frühzeitig diagnostiziert, sind Depressionen gut behandelbar und nichts, wofür man sich schämen müsste.

Stoffwechselerkrankungen. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion bildet das Schmetterlingsorgan zu wenige Schilddrüsenhormone.
Dadurch sich der gesamte Stoffwechsel verlangsamt. Auch Diabetes geht neben einer Vielzahl an anderen Gesundheitsproblemen mit Müdigkeit einher. Ein Blutbild gibt Aufschluss darüber.

Infektionserkrankungen. Abgeschlagenheit und Infekte gehen meist Hand in Hand. Manchmal schickt der Körper Erschöpfungssymptome einer Erkältung auch voraus und signalisiert so sein Ruhe- und Erholungsbedürfnis.

Mangelzustände.
Eine durch Eisenmangel, aber auch durch Engpässe an Vitamin B12 oder Folsäure hervorgerufene Blutarmut kann die Leistungsfähigkeit des Körpers einschränken. Ähnliches bewirkt auch eine Unterversorgung mit Vitamin D.   


Buchtipps:

Mau,
Gesunder Schlaf. Die wichtigsten Fragen und Antworten
ISBN: 978-3-99052-075-8
96 Seiten, € 12,80
Verlagshaus der Ärzte

Stossier Harald, Stossier Georg,
Moderne Mayr-Medizin & das Vivamayr-Prinzip

Du bist, was du verdaust
ISBN 978-3-99052-180-9
160 Seiten, € 17,90
Verlagshaus der Ärzte

Stand 04/2019

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