Lichtdurchflutet

Januar 2019 | Leben & Arbeiten

Welches Licht unser Wohlbefinden fördert und warum wir blaues Licht wohldosiert einsetzen sollten.
 
– Von Mag. Alexandra Wimmer

Hell wollen wir wohnen und das aus gutem Grund: Schließlich verbringen wir heute den Großteil der Zeit – mehr als 90 Prozent – drinnen. Dadurch bekommen wir tagsüber zwar viel Kunstlicht, aber viel zu wenig natürliches Tageslicht ab, abends sind wir oft viel zu lange künstlichem Licht ausgesetzt. Diese paradoxen Lichtverhältnisse und der falsche Einsatz von Kunstlicht gefährden Wohlbefinden und Gesundheit.
Tageslicht ist unser wichtigster Zeitgeber: Am natürlichen Wechsel von Licht und Dunkel orientiert sich unsere innere Uhr und sorgt für einen ungestörten Biorhythmus. „Evolutionär entsprechen wir noch immer dem Menschen aus längst vergangener Zeit, der mit dem ersten Tageslicht aufstand, bei Sonnenuntergang zu Bett ging und meist unter freiem Himmel sein Tagewerk vollbrachte“, betont Dr. Carina Grafetstätter, Biologin und stellvertretende Leiterin des Instituts Ecomedicine der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. „Ist der Biorhythmus richtig getaktet, ist man wacher, konzentrierter und weniger schläfrig.“ Entsprechend ist unser Organismus auf diese „Lichtnahrung“ geradezu angewiesen. „Tageslicht beinhaltet alle vom menschlichen Auge sicht- und unterscheidbaren reinen Spektralfarben – an Intensität und Rhythmus perfekt auf die Bedürfnisse des menschlichen Naturells abgestimmt“, erklärt Grafetstätter. Kunstlicht könne dem „keinen vollständigen Ersatz bieten“.

Kunst- versus Tageslicht

Durch die Zunahme von künstlichem Licht rund um den Globus, in unseren Büros und Wohnräumen kommt uns der natürliche Zeitgeber zunehmend abhanden. Und die Lichtverschmutzung steigt weiter an. „Aus dem kostbaren Tageslicht wurde mit der Elektrizität das auf- und abschaltbare Kunstlicht“, erklärt der Grazer Physiologe und Chronomediziner Univ. Prof. Dr. Maximilian Moser. „Wie viele Produkte der Industrialisierung hat die Qualität des Lichtes immer mehr gelitten.

Nicht das volle Spektrum aller Farben wird dem Menschen heute zugemutet, sondern ein Auszug einiger weniger, die, geschickt gemischt, weißes Licht vortäuschen.“ LED-Leuchten etwa strahlen typischerweise in drei Frequenzen mit einer Spitze im Blaubereich. „Physiologische Messungen belegen die negativen Folgen moderner Leuchtmittel insbesondere von jenen mit hohem Blauanteil“, betont Moser. Indem blaues Licht abends die Ausschüttung des „Schlafhormons“ Melatonin unterdrückt, irritiert es unseren Biorhythmus. „Der Fahrplan unserer Organe wird durcheinander gebracht. Krebserkrankungen, Stoffwechselstörungen und Herzinfarkt stehen in engem Zusammenhang mit chronischen Rhythmusstörungen wie Nacht- und Schichtarbeit.“ Einer Studie des französischen Instituts für Gesundheit und Medizinforschung zufolge gefährdet blaues Licht außerdem die Augengesundheit: Untersuchungen an Ratten legen nahe, dass der hohe Anteil blauen Lichts die Entwicklung der altersbedingten Makuladegeneration (AMD), die bis zur Erblindung führen kann, fördert. „Beim Menschen ist die Entstehung der Augenerkrankung sicher multifaktoriell bedingt – durch Alter, Genetik, Rauchen und Umwelt sowie die Summe des Lichts“, erklärt der Grazer Augenarzt Univ. Prof. Dr. Christoph Faschinger. Seine Empfehlung: „Künstliches Licht sollte das gesamte Farbspektrum, das es in der Natur gibt, abbilden.“


Alle Wohnräume: Von Tageslicht durchflutet

Indem wir gesunde Lichtverhältnisse in den eigenen vier Wänden schaffen, fördern wir die körperliche und geistige Regeneration und damit unsere Leistungsfähigkeit. „Wir können Licht nicht nur sehen, wir können mit Licht auch gestalten“, sagt der Licht- und Farbdesigner Prof. Karl Albert Fischer. Mit Tageslicht durchflutete Räume wirken positiv auf Psyche und Körper; die Flutung gelingt etwa durch große Fenster oder Glastüren, den Einbau von Dachfenstern oder Lichtlenkungssystemen. Fensterlose Räume könnten durch lichtdurchlässige Raumtrennungen „erhellt“ werden. „Der Einsatz von Kunstlicht muss an die Anforderung der Tätigkeiten angepasst werden und sollte sowohl aktivierende Momente durch blaues Licht als auch entspannende Momente durch rotes Licht schaffen“, ergänzt Grafetstätter.
In Sachen Behaglichkeit gilt: Je kühler das Licht, desto heller muss es sein, um als angenehm empfunden zu werden. Speziell bei älteren Menschen hilft die richtige Beleuchtung zudem, Unfälle zu vermeiden: Dass Schwellen oder Teppichfalten leichter übersehen werden, habe mit der Beschaffenheit der Augen und dem schlechteren Kontrastsehen im Alter zu tun, erklärt Augenarzt Faschinger: „Die Wahrnehmung von Kontrasten reduziert sich beispielsweise durch Augenerkrankungen und den Verlust von Zellen im Auge.“   

Gegen Winterdepression & Co
Licht als Medizin

Wer bedingt durch den Lichtmangel   im Winter antriebslos, dauernd müde, weniger leistungsfähig oder sogar depressiv ist, dem könnte der bewusste Einsatz von Licht helfen. Bei der Lichttherapie lässt man in der ersten Tageshälfte helles Licht (5000 Lux) mit hohem Blauanteil für bis zu eine Stunde auf sich wirken. Die Behandlung mit Licht zur richtigen Tageszeit, kann außerdem bei Burnout und Schlafstörungen helfen. Weiters wird Licht, in diesem Fall direkt auf die Haut gestrahlt, in der Dermatologie eingesetzt, etwa um eine Neurodermitis oder Schuppenflechte (Psoriasis) in den Griff zu bekommen.
Insbesondere Infrarotstrahlen lindern zudem Muskelverspannungen und sind bei Entzündungen von Bändern, Sehnen, Muskeln und Gelenken wirksam.

Von früh bis spät
Im Takt mit dem Tageslicht

Die Beleuchtung in den Wohnräumen sollte an den Rhythmus des Tageslichts angeglichen werden, starre Lichtwerte den ganzen Tag hindurch blockieren die biologischen Rhythmen. „Wir sollten sowohl in der Beleuchtungsstärke als auch in der Farbzusammensetzung dem Tageslicht folgen“, betont der Lichtdesigner Prof. Karl Albert Fischer.
In der Früh brauche es wenig Licht, zu Mittag darf die Beleuchtung hell sein und mehr Blauanteile haben. Am Abend empfiehlt sich rötliches Licht ohne Blauanteile. Das rötliche Licht entspricht jenem des Abendrots und hat eine beruhigende und entspannende Wirkung auf uns.
„Uns vom Licht leiten zu lassen, bringt unsere innere Uhr in einen gesunden Takt“, betont der Grazer Physiologe und Chronomediziner Univ. Prof. Dr. Maximilian Moser. „Tageslicht ist der Dirigent, der das Orchester der Organe in Gleichklang bringt. Das Erleben von Tageslicht und Nachtdunkel, von Jahreszeiten und Lichtstimmungen sind unterstützende Heilmittel in der Bewältigung der zunehmenden Zahl chronischer Erkrankungen.“  

Wohnzimmer: Rötliches Licht, gute Farbwiedergabe

Im Wohnzimmer, dem Raum für Entspannung und gemütliches Beisammensein, wird warmes Licht zwischen 3000 und 4000 Kelvin als sehr  angenehm empfunden. Speziell abends sollte der Blaulichtanteil im Wohnzimmer gering bis nicht vorhanden sein. Auch in Smartphones oder Computern sollte das blaue Licht mithilfe des zumeist integrierten Blaulichtfilters „abgeschaltet“ werden.
Selbst beim Fernschauen kann man beeinflussen, wie viel blaues Licht an die empfindlichen Sinneszellen der Netzhaut im Auge gelangt. Wird neben dem Fernseher eine weitere Lichtquelle eingeschaltet, verengen sich die Pupillen und weniger Blaulicht kann eindringen.
Daneben hat die Qualität der Farbwiedergabe Einfluss auf die Behaglichkeit: Die Beleuchtung sollte die echten Farben möglichst gut wiedergeben. „Wird ein Licht verwendet, das uns blass aussehen lässt, fühlt man sich tatsächlich auch irgendwann weniger gut als in einem Licht, in dem man frisch und gesund aussieht“, gibt Grafetstätter ein Beispiel.

Schlafzimmer: Warme Lichtquellen, keine Verdunkelung 

Im Schlafzimmer sollte gar kein blaues Licht im Einsatz sein; es reicht eine warme Lichtquelle. Für einen gesunden Biorhythmus sollten die Räume auch möglichst nicht abgedunkelt werden. „Im Optimalfall geht das Fenster im Schlafzimmer Richtung Osten, sodass man langsam mit dem Licht aufwacht“, betont Grafetstätter. Mittlerweile gebe es künstliche Systeme, etwa Tageslichtwecker, die die Dämmerung simulieren und das natürliche Aufwachen fördern.
Wenn man nachts aufstehen muss, weil man zur Toilette muss oder hungrig ist, sollte man das Licht nicht zu lang eingeschaltet lassen: „Wenn es länger als zwölf Minuten brennt, glaubt der Organismus, es ist Tag und regelt verschiedene Hormone hoch. Dann wird es schwer, wieder einzuschlafen“, verweist Faschinger auf entsprechende Untersuchungen. Der ungestörte Schlaf im Gleichklang mit Licht und Dunkel ist für unsere Gesundheit wesentlich: Puls und Atmung verlangsamen sich, Blutdruck und Körpertemperatur sinken, das Immunsystem wird aktiviert. Der Körper schüttet das Wachstumshormon aus, welches die Erholung und den Stoffwechsel beeinflusst. 

Arbeitszimmer und Küche: An die Tätigkeiten angepasst

Beim Arbeiten empfiehlt sich ein Mix aus direktem und indirektem Licht. „Auf dem Schreibtisch sollte zusätzlich eine verstell- und dimmbare Lampe stehen“, empfiehlt der Augenarzt. „Je feiner die Tätigkeiten und je besser man sehen muss, desto besser ist ein gerichtetes Licht, wie es von LED-Lampen kommt.“
Nicht zuletzt empfinden wir es Studien zufolge als äußerst angenehm, die Beleuchtung selbst regulieren zu können: Indem wir Lampen an Decke und Wand haben, die sich dimmen lassen. Manche modernen LED-Leuchten können sogar das Farbspektrum verändern. Den Tageslichteinfall etwa mit Jalousien regulieren zu können, ist ebenfalls wichtig: Die  Blendung tut den Augen nicht gut und senkt die Leistungsfähigkeit.

 

Stand 01/2019

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