Schöne, neue Arbeitswelt?

Februar 2019 | Leben & Arbeiten

Arbeiten in einer globalisierten, digitalisierten Welt: Der dramatische Wandel der Berufswelt birgt neben Herausforderungen auch neue Chancen.
 
– Von Mag. Alexandra Wimmer

Kaum je zuvor waren die Veränderungen in der Arbeitswelt so dramatisch wie in den letzten Jahren. Sie seien „in ihrer gesamten Dimension noch gar nicht absehbar“, betont Dr. Artur Wechselberger, Arbeitsmediziner und Präsident der Tiroler Ärztekammer. „Die Arbeit wird zunehmend durch selbst lernende Systeme übernommen. Durch den einfachen Datentransfer lassen sich zudem immer mehr Aufgaben in andere Länder verlagern.“ Dies erzeuge große Ängste.

Karrieren nicht mehr planbar

Hinzu kommt: „Vieles, was lange Jahre attraktiv war, ist verloren gegangen“, betont der Berater, Mediator und Führungskräfte-Coach Mag. Harald Schmid. Dazu zählt die Verbundenheit mit dem Unternehmen, für das man tätig ist. „Der Betrieb, für den man arbeitete, war Teil der Lebenswelt, der man sich oft ein Berufsleben lang zugehörig fühlte“, erklärt Schmid. Dieser persönliche Bezug sei großteils verloren gegangen. „Die Konzernzentralen sitzen heute rund um den Globus. Der einzelne Mitarbeiter vor Ort bekommt zunehmend das Gefühl, lediglich eine Nummer zu sein.“
Daneben ist es  auch mit der Planbarkeit des Berufslebens vorbei. „Viele Menschen, die heute den Ruhestand genießen, sind damals in ein Unternehmen eingetreten und wussten: Dort bleibe ich bis zur Pension“, veranschaulicht Schmid. Mit dieser (scheinbaren) Vorhersehbarkeit rechnen junge Erwachsene heute gar nicht erst.

Druck steigt weiter an

Was die Veränderungen für unsere Gesundheit bedeuten? „Zum einen kann man davon ausgehen, dass es in Zukunft wesentlich weniger Probleme mit giftigen Arbeitsstoffen oder gefährlicher körperlicher Arbeit geben wird“, nennt Wechselberger Vorteile. Solche Tätigkeiten werden verstärkt von Robotern übernommen. Zugleich wächst die Gefahr, wegrationalisiert zu werden. Zudem sind immer mehr Menschen  in global agierenden Unternehmen tätig und müssen die Arbeitszeiten von weltweit verstreuten Firmenstandorten akzeptieren. „Bislang garantierten die gesetzlichen Regelungen – fixe Arbeitszeiten und Ruhe- und Erholungsphasen – einen wesentlichen Schutzfaktor, der zunehmend verloren geht“, warnt Wechselberger. Wer außerhalb der regulären Tagesarbeitszeiten eingesetzt wird, braucht zum Ausgleich entsprechende Ruhe- und Erholungszeiten. Chronische Störungen des Biorhythmus erhöhen das Risiko für Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen.

Maschinen statt Menschen

Daneben schwelt weiterhin die Angst vor dem Verlust der Arbeit. „Dieser psychische Druck wird sicherlich noch stärker, weil die Ersetzbarkeit auch Berufsgruppen betreffen wird, die man bislang für sehr stabil hielt“, erklärt der Arbeitsmediziner. Zahlreiche Berufe sind durch die Automatisierung bereits verloren gegangen, durch die Digitalisierung wird diese Entwicklung weiter beschleunigt. „So könnten etwa die Check-in-Möglichkeiten in Hotels oder Spitälern über kurz oder lang Rezeptionisten überflüssig machen“, erklärt Arbeitsmarktkenner Schmid. Auch der Einzelhandel werde durch den Einsatz von Scanner-Kassen sukzessive mit weniger Personal auskommen. Im Bankensektor, lange Zeit der Inbegriff eines stabilen Arbeitsplatzes, hat sich die Situation inzwischen ins Gegenteil verkehrt: Wer heute eine Bankfiliale betritt, findet wenig Personal, jedoch Automaten für (fast) alle notwendigen Abläufe im Zahlungsverkehr.

Auf gesunden Ausgleich achten

Die unsicheren Rahmenbedingungen in der Berufswelt können nicht (dauerhaft) durch überdurchschnittliche Leistung kompensiert werden, warnt Wechselberger, Eigenverantwortung sei wichtiger denn je. „Wir müssen aufpassen, dass die Erwerbsarbeit nicht zu viel von uns und unserem Körper fordert.“ Indem man Beziehungen und Hobbys pflegt, findet man einen Anker und Ausgleich. „Einer der besten Erholungsfaktoren gegenüber Berufsstress ist ein ausgeglichenes Privatleben“, betont der Mediziner. Kommt zur beruflichen eine private Stresssituation, kann dies die Entwicklung einer psychischen Erkrankung fördern. „Wenn jemand überdurchschnittlich leistungsbereit ist und diese Leistungsbereitschaft die psychische und physische Leistungsgrenze erreicht und es keine entsprechende Möglichkeit zur Erholung und Regeneration gibt, ist man sehr gefährdet“, verdeutlicht der Arzt. „Das kann sich als depressive oder Angststörung, als psychosomatische Erkrankung oder in einer emotionalen Erschöpfung äußern – dem in seiner Symptomatik uneinheitlichen Burnout-Syndrom.“

Auf eigene Stärken besinnen

Der Behauptung, dass durch die Digitalisierung da neue Jobs entstehen, wo welche verloren gehen, steht Schmid „sehr skeptisch“ gegenüber. Verluste würden sich nicht 1:1 kompensieren lassen. „Speziell für die ältere Generation ab 50 Jahren ist es am Arbeitsmarkt nach wie vor schwierig“, erklärt der Berater. Statt über ihre (vermeintlichen) Defizite sollten sich ältere Arbeitnehmer bewusst über ihre Stärken definieren – und sich entsprechend präsentieren. „Sie verfügen über viel Erfahrung, reagieren dadurch in Extremsituationen ruhiger und erkennen leichter komplexe Zusammenhänge“, zählt Schmid auf. Sie sind in der analogen Welt auf- und in die digitale Welt hineingewachsen. „Sie wissen, was zu tun ist, wenn die PCs einmal ausfallen. Dann wird mit Hausverstand improvisiert.“ Unternehmen, die auf Loyalität Wert legen, sind mit älteren Mitarbeitern gut beraten.    

Junge Arbeitnehmer gesucht

Auf der anderen Seite gebe es in vielen Branchen speziell hinsichtlich junger Mitarbeiter Personalnöte. „Gerade im Bau- und Baunebengewerbe werden junge Mitarbeiter dringend gesucht“, betont Schmid. „Die Führungskräfte treffen auf eine Generation, die ihren Erwartungen nicht nachkommt.“ Am Bau sei es beispielsweise üblich, an schönen Sommertagen bis in den späten Abend zu arbeiten. „Ein junger Elektriker, Installateur oder Polier will aber auch ab 16 Uhr seine Freizeit genießen.“ Die junge Generation kenne ihren Marktwert. „Sie ist im Gegensatz zur älteren Generation, die durch ihre Loyalität einen Mehrwert für den Betrieb bedeutete, nicht bereit, unbezahlte Extrameter zu gehen“, weiß der Experte. Junge Mitarbeiter legen vor allem Wert auf interessante Aufgaben und attraktive Rahmenbedingungen. Wenn das eine Firma nicht (mehr) bieten kann, werden sie sehr schnell wechseln. Die Ausgangssituation für die junge Generation sei also „nicht schlecht“, sagt Schmid. „Sie sind sehr gefragt und im Durchschnitt besser ausgebildet als früher.“ Jene, die bereits im Arbeitsprozess stehen, sollten sich „kontinuierlich fortbilden, um auf die technologischen Veränderungen vorbereitet zu sein“, empfiehlt Wechselberger.

Tun, was wirklich begeistert

Was Jung und Alt zusätzlich hilft, um sich in der sich wandelnden Arbeitswelt zu behaupten? „Arbeitnehmer sind gut beraten, zu machen, wofür sie brennen“, betont Schmid. Mit fortschreitender Digitalisierung zunehmend gefragt seien zudem „Personen mit guten, analogen Fähigkeiten und sozialen Kompetenzen, ergänzt er, „Menschen, die auch das persönliche Gespräch suchen – wie Kundenberater, Sozialarbeiter, Psychotherapeuten und Ärzte.“
Den Jungen rät der Coach außerdem, antizyklisch zu agieren, indem sie zum Beispiel „ganz bewusst eine Lehre machen, wenn alle studieren.“ Am meisten würden junge Mitarbeiter heute „definitiv in den Lehrberufen“ fehlen. Und auch zukünftig braucht es Handwerker vor Ort: Installateure, Elektriker, Tischler. „Jemandem, der das gern macht, würde ich jedenfalls zu einem Handwerk raten“, betont Schmid. „Auch wer eine Ausbildung in der IT-Branche macht, wird sich wahrscheinlich auch in Zukunft die Jobs aussuchen können.“

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So bleiben Sie psychisch fit:
Stabil in unsicheren Zeiten

Die Fähigkeit, mit Unsicherheiten umzugehen sei heute zunehmend wichtig, betont  der Berater Mag. Harald Schmid. Gefragt sei eine Art psychischer Widerstandsfähigkeit: wieder aufzustehen, wenn man gescheitert ist. „Man muss erleben, dass nicht alles planbar ist.“ Leider würden Eltern die Widerstandsfähigkeit ihrer Kinder nicht unbedingt stärken. „Wir sind die Generation, die den Kindern alles aus dem Weg räumt und permanent verfügbar ist. Das führt zu Bequemlichkeit und Scheinsicherheit“, warnt der Experte. Der Nachwuchs fühlt sich oft schon bei kleineren Herausforderungen destabilisiert.
Auch Informationen sind hilfreich, um besser mit Unsicherheit zurande zu kommen, ist Arbeitsmediziner Dr. Artur Wechselberger überzeugt. „Je mehr Informationen Mitarbeiter haben, umso besser können sie sich motivieren.“ Selbst in einer Zeit, die kurzlebig erscheint, braucht es langfristige Perspektiven. Dabei hilft das Überdenken der eigenen (Veränderungs-)Optionen, wenn nötig im Rahmen einer Psychotherapie oder eines Coachings.

Buchtipp:

Mauch, Freitag, Zauner,
Working pur. Reportagen aus der Arbeitswelt
ISBN 978-3-99046-308-6, 264 Seiten,€ 19,90  
ÖGB Verlag

Webtipp:
Beratung und Begleitung in schwierigen Führungssituationen: www.klaglos.at

Stand 02/2019

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