„Wenn Wunden heilen, geschehen oft Wunder“

Dezember 2019 | Leben & Arbeiten

Was Ärzte leisten
 
– Von Mag. Sabine Stehrer

Hier werden Menschen medizinisch versorgt, die keine Krankenversicherung haben – und teils auf der Straße leben: Dr. Stephan Gremmel, ärztlicher Leiter des Wiener Gesundheitszentrums neunerhaus kümmert sich mit seinem Team um die Ärmsten der Armen.    

Es ist Donnerstag, 8.45 Uhr. Vor dem Haus Margaretenstraße 166 im fünften Wiener Gemeindebezirk hat sich schon eine Schlange gebildet: Etwa 20 Frauen und Männer, sehr jung bis sehr alt, manche mit Kindern, manche mit Hunden, warten darauf, dass sich die gläserne Schiebetür öffnet, über der ein weißes Schild hängt. „Gesundheitszentrum“ steht da groß zu lesen, neunerhaus klein und zart daneben. Es komme hin und wieder vor, dass sich jemand, der nur „Gesundheitszentrum“ liest, in das Haus hineinverirrt, aber nicht hineingehört, wird später erzählt – und das ist auch wenig verwunderlich. Denn als die gläserne Schiebetür aufgeht, die Wartenden eintreten und sich an der langen Rezeption in Reihen unter den Schildern mit den Symbolen für „Arzt“ und „Zahnarzt“ anstellen, ist kaum ein Unterschied zu dem zu erkennen, was zeitgleich in anderen Gesundheitszentren, Arztpraxen oder Ambulanzen geschieht.

Nur weisen die Menschen, die hierher kommen, bei der Aufnahme meist keine E-Card vor, weil sie nicht krankenversichert sind. Sie geben keine Adresse an, weil sie keine Wohnung haben – oder bitten darum, sich noch duschen zu dürfen, bevor es zum Arzt geht.
Beispielsweise zu Dr. Stephan Gremmel. Als ärztlicher Leiter des neunerhaus Gesundheitszentrums und Allgemeinmediziner versorgt er gemeinsam mit 56 wechselnden und teils ehrenamtlich tätigen Kollegen jeden Wochentag ab neun Uhr früh und bis in den Nachmittag hinein  Patienten, die obdachlos sind und auf der Straße leben, oder wohnungslos in Heimen leben, arbeitslos sind oder „schwarz“ arbeiten.

Wie etwa den Bauarbeiter, „mit 37 Jahren gleich alt wie ich selber“, sagt Gremmel. Ihn erwähnt er, wenn er gefragt wird, welche Patientenschicksale ihn zuletzt besonders berührt haben: „Der Mann ist von einem Gerüst gestürzt und hat sich zwei Halswirbel gebrochen, aber anstatt, dass sein Chef sofort die Rettung gerufen hätte, hat er ihn, damit die illegale Beschäftigung nicht auffliegt, noch umgezogen und ihn erst dann im Privatgewand zu uns gebracht.“ Der Verunfallte hätte, so Gremmel, „durch die Aktion leicht zum Querschnittgelähmten werden können“. Doch er hatte großes Glück und wurde wieder gesund.

Wie auch die iranische Familie mit drei Schwerkranken, die lang in dem teils durch Spenden finanzierten Gesundheitszentrum in Behandlung war: Die Mutter zuckerkrank und aufgrund dessen fast blind, der Vater Alkoholiker, der Sohn an einer Nierenerkrankung leidend. „Nach einem Jahr, in dem sie von uns betreut wurden, ist es dem Sohn und der Mutter wieder gut gegangen, und der Vater konnte wohl auch deswegen das Trinken einschränken“, erzählt Gremmel. Die Frau fällt ihm noch ein, die mit braunen Stumpfen im Mund zur Zahnbehandlung in die Margaretenstraße 166 kam, und nach der Sanierung des Gebisses und dem Erhalt einer Prothese wieder zu ihrem früheren Selbstbewusstsein und in ein Leben mit einem Job, einer Wohnung und schließlich auch einem Partner zurückfand. „Aber eigentlich“, meint Gremmel, „sind sehr viele Begegnungen mit den Patienten hier sehr berührend, denn wenn Wunden heilen, geschehen sehr oft Wunder“.

„Sehen öfter chronische Wunden“

Chronische Wunden, meist offene Beine, die aufgrund von unbehandelten oder schlecht behandelten Erkrankungen wie Diabetes, Rauchen und mangelnde Hygiene bestehen, sehen die Ärzte im Gesundheitszentrum „sicher öfter als andere Ärzte“. Auch haben sie häufiger mit Suchtkranken zu tun und mit Menschen mit psychischen Problemen sowie schweren psychiatrischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen und Schizophrenie.

Am häufigsten leiden die Patienten aber daran, woran auch Patienten aus der Durchschnittsbevölkerung leiden: An Erkältungen, Herz-Kreislauf-Problemen, Fieber, Stoffwechselerkrankungen, Zahnweh, Bauchschmerzen, Verdauungsproblemen, Schmerzen im Rücken und in den Knien, Verletzungen nach Unfällen – oder nach Raufereien. Ob es auch beim Warten auf die ärztliche Behandlung zu Gewalttätigkeiten kommt, etwa weil jemandem die Wartezeit zu lang dauert? „Die Menschen, die hierher kommen, bringen unterschiedliche Probleme mit“, meint Gremmel dazu, und: Das Team aus Ärzten, Krankenschwestern und Sozialarbeitern absolviere regelmäßig Kurse, wo Deeskalation gelehrt wird, also das richtige Verhalten beim Auftreten von Aggressionen zur Verhinderung von Konflikten.

Verlorengegangene finden wieder zurück

Mag sein, dass die Tage im 2017 eröffneten Gesundheitszentrum auch deswegen meist friedvoll verlaufen, weil da und dort auf den Wänden der „claim“, also der Leitspruch des Vereins „Du bist wichtig“ geschrieben steht: Die Worte springen ins Auge und haben etwas Beruhigendes. Oder weil die Ärzte – übrigens nicht in weiße Mäntel, sondern in Polo-Shirts gekleidet – den Patienten ganz bewusst „auf Augenhöhe“ und „mit Wertschätzung“ gegenübertreten.

Oder weil sie bei Bedarf auch einen Dolmetscher einsetzen, der via Skype am Laptop das im Arzt-­Patient-Gespräch Gesagte auf Rumänisch, Bulgarisch, Chinesisch, Farsi, Arabisch und mehr als 30 weitere Sprachen übersetzt. „Außerdem ist uns besonders wichtig, dass wir uns nach den Prioritäten unserer Patienten richten“, sagt Gremmel: „Was ihnen wichtig ist, was sie am meisten belastet, wird zuerst behandelt.“ Nach der Erstbehandlung werden die meisten Patienten wiederbestellt.

„Mit einem nächsten Termin geben wir ihnen einen Anker“, erklärt Gremmel. „Wenn wir sagen, Sie kommen dann und dann bitte wieder, weil wir wissen wollen, wie es Ihnen in einer Woche oder in zwei Wochen geht, freut sie das.“ Nahezu alle sind dann auch pünktlich wieder da. Nach und nach finden so oft auch Verlorengegangene, „Menschen mit komplexen Krisen“, wie Gremmel sagt, wieder in das Gesundheitssystem, das Sozialsystem und in die Gesellschaft zurück.

„Viel Zuwendung“ als Medikament

Was motiviert einen Arzt wie Gremmel und die Ärzte rund um ihn, auch die Pflegekräfte und Sozialarbeiter, teils ehrenamtlich für Patienten ohne Krankenversicherung, ohne Wohnung, ohne Dach über dem Kopf tätig zu sein? Gremmel: „Was mich betrifft, so habe ich bei meiner Arbeit als junger Arzt im Spital Lücken in der Gesundheitsversorgung dieser Menschen gesehen und wollte ab da meine Hilfe in einem ,setting’, also einer Umgebung, anbieten, wo ich mehr für sie tun kann, wo mehr Unterstützung möglich ist.“

Eine ähnliche Motivation hätten wohl auch seine Kollegen, meint er. Etliche Ärzte arbeiten in ihrer Freizeit im Gesundheitszentrum. Zahnärzte, auch aus anderen Bundesländern, nehmen sich Urlaub und fahren nach Wien, um ein paar Tage lang unentgeltlich Zähne zu plombieren, Zähne zu reißen, Prothesen anfertigen zu lassen und anzupassen. Hin und wieder sind auch Tierärzte da und helfen ehrenamtlich. Insbesondere Hunde sind für Menschen, die auf der Straße leben, oft die einzigen Begleiter, Seelentröster und bei Kälte überlebensnotwendige Wärmespender, ist zu hören.

Fehlt dem Tier etwas, wird der Tierarzt in der Margaretenstraße 166 aufgesucht, und nicht selten schickt er die Hundebesitzer zur Behandlung in die Ordinationen für Menschen nebenan, etwa, „wenn der Husten auffällig ist“. Die meisten anderen Patienten finden über Mundpropaganda oder das daneben liegende Café der Sozialorganisation zu den Ärzten. Nach einem Medikament gefragt, das alle dieser Patienten nötig haben, ob arbeitslos, wohnungslos oder obdachlos, überlegt Gremmel kurz und sagt dann: „Das ist Zuwendung, viel Zuwendung.“

Dass das Team im Gesundheitszentrum diese zeigt, ist in den modern gestalteten Räumlichkeiten atmosphärisch merkbar – und es steht auch in den Gesichtern geschrieben: zum Beispiel der jungen Frau mit dem Baby im Arm und des alten Mannes in der blauen Jacke, die an diesem Donnerstag nun schon wieder durch die Schiebetür hinaus auf die Straße gehen.

Zahlen & Fakten
*   Geschätzte 100.000 Menschen in Österreich haben laut einer Studie des Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment keine Krankenversicherung. Viele davon sind wohnungs- oder obdachlos. Sie tun sich oft schwer damit, Gesundheitsleistungen zu bekommen – und anzunehmen.
  4418 Patienten aus 69 Nationen wurden im ersten Betriebsjahr 2017 im Gesundheitszentrum der 1999 als Verein gegründeten Sozialorganisation neunerhaus ärztlich versorgt und teils sozial beraten. Davon waren 34,7 Prozent Frauen, 59,1 Prozent Männer, 88 Kinder im Alter von bis zu sechs Jahren, 134 Kinder zwischen sieben und 14 Jahren, 57 Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren.
*   29.113 Besuche fanden statt.
*   967 Verbände wurden gewechselt.
*   432 Hunde, 163 Katzen und elf Kleintiere wurden tierärztlich versorgt.
  288 Personen wurden mobil ärztlich betreut: unter anderem in den drei neunerhaus Wohnhäusern mit insgesamt 283 Bewohnern.

WEBtipp
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Informationen über die Sozialorganisation neunerhaus und die Möglichkeit, zu spenden.

Stand 5 / 2019

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