Wieder versöhnt

Mai 2019 | Leben & Arbeiten

Wie Versöhnen dennoch gehen kann, und wann man besser darauf verzichtet.
 
-Von Mag. Sabine Stehrer

Ob in der Beziehung, im Job oder im Verein: Überall, wo Menschen zusammenkommen, herrscht nicht immer nur Harmonie, da wird auch einmal gestritten. So schnell wie ein Streit entsteht, ist er meist auch gleich wieder beendet. Manchmal dauert es etwas länger, wieder zum gemeinsamen Frieden zu finden – und mitunter kommt es gar nicht dazu. Doch bleibt die Versöhnung  aus, kann dies sehr belastend sein, die Gesundheit beeinträchtigen, Körper und Seele sogar krankmachen.

Negative Stress durch ungelöste Konflikte

Das wissen MMag. Katharina Oppolzer, Psychologin, Psychotherapeutin, Mediatorin und Juris­tin in Wien, sowie der Grazer Psychotherapeut und Lebens- und ­Sozialberater Dr. Philip Streit nur zu gut. „Wir Menschen sind soziale Wesen, die ein Leben in Harmonie mit anderen anstreben, ungelöste Konflikte versetzen uns in negativen Stress“, sagen sie. Und: Wie jeder negative Stress lässt auch Stress, der aufgrund eines Dauerkonflikts besteht, den Spiegel der Stresshormone Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin im Blut steigen. Mittel- und langfristig können diese Mechanismen zu Bluthochdruck mit all seinen negativen Folgen für die körperliche Gesundheit führen – wie Gefäßschäden, Herzrhythmusstörungen und anderen Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems bis hin zum Schlaganfall und Herzinfarkt. Auch Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen, die keine organische Ursache haben, Schlafstörungen, Albträume, Gedankenkreisen, aggressives Verhalten, Ängste, depressive Verstimmungen und  zwanghaftes Vermeidungsverhalten, das etwa dazu dient, dem Streitgegner nicht zu begegnen, können Menschen quälen, die sich im Streit mit jemandem befinden – und unter dem Konflikt leiden. Je größer der Leidensdruck, desto wichtiger ist es laut den Experten Oppolzer und Streit, zu versuchen, wieder zueinander zu finden: Auf dem nicht immer leichten Weg zur Versöhnung können folgende fünf Schritte hilfreich sein:

Schritt 1:
An Kränkung erinnern

Womit hat der Streit begonnen?
Was genau hat mich gekränkt?

„Zunächst sollte sich jemand, der sich mit ­seinem Streitgegner versöhnen möchte, da-
rum bemühen, die Antworten auf diese beiden Fragen zu finden“, sagt Philip Streit, der auch Leiter der Grazer Akademie „Kind, Jugend, Familie“ ist. So kann die Kränkung auf eine Äußerung zurückgehen, auf ein Ereignis oder eine bestimmte Handlung. Hat man sich dies und die kränkende Situation wieder in Erinnerung gerufen, sollte man sich noch einmal
in die Situation versetzen. Der Experte weiß: „Das kann schmerzhaft sein, aber es ist erforderlich.“ Und zwar, um zu erkennen, ob man sich tatsächlich wieder mit dem Thema beschäftigen möchte, die damit verbundenen Schmerzen aushalten kann, sich wirklich versöhnen will. Lautet die Antwort ja, bieten sich weitere Schritte an.

Schritt 2:
Die Perspektive wechseln

Wie ist der andere darauf gekommen,
mich zu kränken, womit habe ich ihn verletzt? Wie ist es ihm bei unserem Streit gegangen?

„Wenn man sich tatsächlich versöhnen möchte, dann ist es als nächstes nötig, auf diese beiden Fragen Antworten zu suchen, also die Perspektive zu wechseln, sich in den Streitgegner einzufühlen“, weiß Katharina Oppolzer, die auch Lehrende an der Wiener „Akademie Konsenskultur“ ist. Das ist ebenfalls nicht einfach, erfordert es doch die Fähigkeit, eine Zeit lang von den eigenen Kränkungen abzusehen und sich dem anderen voll und ganz zuzuwenden. „Wenn man den anderen sozusagen mit dem Herzen versteht, ist es leichter, vom ,Ich’ zu einem neuen ,Wir’ zu finden“, so die Expertin.

Schritt 3:
Dem anderen verzeihen

Ist es mir möglich, dem anderen zu verzeihen? Kann ich dies für mich in Form eines inneren Selbstreinigungsprozesses tun?

„Wer beide Fragen aus vollster Überzeugung heraus mit einem ,Ja’ beantworten kann, ist
auf dem Weg zur Versöhnung schon weit gekommen“, betont Streit. Denn das Verzeihen als einseitiger Akt bilde die Voraussetzung dafür, dass Versöhnung möglich wird, die immer ein zweiseitiger Akt ist, ein Akt der Begegnung. Manchmal reicht es jemandem,
der unter einem Konflikt leidet, auch schon aus, dem anderen gedanklich zu verzeihen, um die Kränkung bewältigen zu können. Genügt dieses einseitige Verzeihen nicht, können die nächsten beiden Schritte hilfreich sein.

Schritt 4:
Um Entschuldigung bitten

Ich übernehme die Verantwortung für meinen Beitrag zu unserem Streit, und es tut mir leid, dass ich Dich enttäuscht, gekränkt habe.

Sätze wie diese sind wohl vielfach nicht leicht über die Lippen zu bringen, weiß Oppolzer. Doch sei eine solche Entschuldigung hilfreich und notwendig, wenn eine Versöhnung gewünscht wird – und sie muss unbedingt ohne Wenn und Aber formuliert werden. Manchmal konfrontiert einen der Streitgegner nach dem Entschuldigen noch damit, was man selbst sagte und was ihn gekränkt hat, was ihn schmerzte. Das muss nicht nur angehört, sondern auch ausgehalten und anerkannt werden, idealerweise mit dem Satz „Ich wollte Dich nicht verletzen“ kommentiert werden, der vielleicht noch von einer Berührung oder Umarmung begleitet wird.

Schritt 5:
Versöhnende Gesten setzen

Einen Blumenstrauß schenken, zum Essen einladen, etwas gemeinsam unternehmen.

Der gegenseitigen Wertschätzung Ausdruck
zu verleihen, dem anderen zur Versöhnung etwas zu schenken oder durch eine gemeinsame Unternehmung wieder zueinander zu finden: Das kann laut Oppolzer und Streit außerdem viel zur Beendigung des Konflikts, zum Aussöhnen und Wieder-Aufeinander zu gehen beitragen. Dabei durchaus ratsam sei ein Achten auf die Verhältnismäßigkeit, so die Experten. Hielt sich die Kränkung in Grenzen, kann die Geste, die zur Versöhnung gesetzt wird, kleiner ausfallen, etwa im Schenken eines Blumenstraußes bestehen oder in der Einladung zu einem Essen. War die Kränkung groß, darf der Ausdruck emotionaler Verbundenheit und Zuneigung eine Geste größerer Dimension zur Folge haben.

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Was viele nach einem Streit tun:

Sex & Tränen?

Was machen Paare, um sich nach einem Streit wieder zu versöhnen? Am häufigsten miteinander reden, entschuldigen und vergeben, wie eine amerikanische Studie zeigt. Danach folgen unter anderem das Zeigen netter Gesten, das Schließen von Kompromissen sowie Sex und Tränen.        

 

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Versöhnen…

  • Sich nach einem Streit, auch nach einem länger andauernden Konflikt wieder mit anderen zu versöhnen, fällt laut MMag. Katharina Oppolzer vor allem älteren Menschen mit viel Lebenserfahrung leichter als anderen. Auch Personen, die von ihrem Wesen her großzügig sind, und daher besser auf einen Streitgegner zugehen können, sind eher in der Lage als andere, sich um Versöhnung zu bemühen.
  • Menschen, die perfektionistisch veranlagt sind, Angst haben, Fehler zu machen, oder ein eher geringes Selbstwertgefühl haben, tun sich dagegen schwerer mit dem Versöhnen. So auch junge Leute, Jugendliche und Kinder, die erst lernen müssen, wie Versöhnung geht.
  • Nicht immer ist eine Versöhnung angebracht, weiß Dr. Philip Streit: „Manchmal ist es auch besser, darauf zu verzichten.“ Denn eine Versöhnung kann nur durch die Begegnung der beiden Streitgegner zustande kommen.
  • Eine solche Begegnung ist nicht angemessen, wenn der Konflikt zwischen zwei Menschen mit großen seelischen Verletzungen oder der Ausübung körperlicher Gewalt einherging. In solchen Fällen empfiehlt Streit den einseitigen Akt des Verzeihens zu versuchen – und dafür am besten professionelle Hilfe von einem Psychologen, Psychotherapeuten oder Psychiater in Anspruch zu nehmen, etwa in Form einer Traumatherapie.

 

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Stand 06/2019

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