Abwehrstark!

September 2019 | Medizin & Trends

Unser Immunsystem ist rund um die Uhr damit beschäftigt, Krankheitserreger von uns fern zu halten. – Von Mag. Sylvia Neubauer

Sie heißen A/H1N1/Michigan oder A/H3N2/Hongkong – um nur zwei Bei­spiele zu nennen – und bringen Glieder- und Kopfschmerzen, Husten, Schüttelfrost sowie Fieber mit sich. Die Rede ist von Influenzaviren, die Jahr für Jahr ihr Unwesen treiben – bevorzugt in den Wintermonaten.
Dies aus drei Gründen: „Erstens halten sich Menschen in der kalten Jahreszeit bevorzugt in geschlossenen Räumen auf, was den Viren die Mensch-zu-Mensch-Übertragung erleichtert“, nennt Priv. Doz. Dr. Monika Redlberger-Fritz, Fachärztin für Virologie an der MedUni Wien Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen als die Hauptüberträger für epidemische Krankheitsausbrüche. „Zweitens bleiben die Viren bei Kälte länger aktiv. Je kühler die Temperaturen, desto länger sind die Viren infektiös“, fährt die Virologin fort.
Auch mangelndes UV-Licht sorge für eine längere Übertragungszeit von Viren. „Und drittens spielt auch das im Winter herabgesetzte menschliche Immunsystem selbst eine Rolle“, so Redlberger-Fritz: „Je kälter es ist, desto eher sinkt auch die Temperatur im Nasen- Rachen-Raum, wobei bereits eine Temperaturreduktion von zwei bis drei Grad die lokale Immunabwehr um 50 Prozent reduziert.“ Alle Faktoren zusammen setzen den Startschuss für die Grippewelle.

Wandlungskünstler Viren

Im Durchschnitt plagen wir uns im Laufe des ­Lebens mit bis zu 200 Erkältungskrankheiten he­rum. In Summe hütet der Mensch also stolze vier Jahre das Krankenbett. In neun von zehn Fällen werden diese Infektionskrankheiten von Viren verursacht. Mehr als 200 Erkältungserreger sind bekannt. Die Anzahl der gerade grassierenden Grippe-Erreger ist im Gegensatz dazu überschaubar – pro Jahr sind es zwischen drei und vier. Während Erkältungsviren für unangenehme, aber vergleichsweise harmlose Beschwerden sorgen, rufen Influenzaviren schwere Symptome hervor.
Eines haben alle Viren gemein: Sie lieben es, sich ständig neu zu kleiden – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei reicht eine winzige Mutation aus, um die Hülle eines Virus etwas anders aussehen zu lassen. „Es gibt eigentlich nur eines, das in jeder Grippesaison gleich ist: Die Wandelbarkeit der Viren“, spricht Redlberger-Fritz vom sogenannten Antigen-Drift. Dass sich Viren ständig verändern, stellt das Immunsystem vor eine Herausforderung.
Unsere Körperabwehr identifiziert Eindringlinge nämlich anhand ihrer äußeren Form. Ändern die Viren nun ihr Aussehen, erkennt sie das Immunsystem nicht mehr als „Feinde“ – bewährte Krankheitskämpfer laufen folglich ins Leere. Durch den Kleiderwechsel „haben Influenzaviren einen Selektionsvorteil und können damit die nächste Epidemie auslösen“, so die Virologin, die zur Grippeimpfung rät. Impfstoffe gegen die saisonale Grippe müssen jährlich an die aktuell zirkulierenden Viren und deren Varianten angepasst werden.

Bett hüten hilft

Empfehlenswert ist die jährliche Grippeimpfung für jeden. Ganz besonders macht sie aber für Kinder, Senioren und chronisch Kran­ke Sinn. „Bei Menschen, die eine Grunderkrankung, etwa eine Herz- oder Lungenerkrankung haben, kommt es in Folge der Grippe häufiger zu Komplikationen. Manche versterben sogar daran, weil die Grippe eine zu große Belastung für den Körper darstellte“, gibt Redlberger-Fritz zu bedenken und sagt: „In der Zeit, in der die Grippewelle kursiert, treten vor allem bei Pa­tienten mit schon vorgeschädigten Herzgefäßen vermehrt Plaqueablagerungen auf. Zwei bis drei Wochen nach der Grippe häufen sich Herzinfarkte und Schlaganfälle.“
Komplikationen kann es aber auch bei Gesunden geben – beispielsweise, wenn die Grippe übergangen und nicht richtig auskuriert wurde. „Die Lungenentzündung zählt dabei zu den häufigsten Komplikationen“, weiß die Virologin,  „sie kann sehr schwer verlaufen und bis hin zum Lungenversagen und Tod führen“.  Damit der Körper genügend Energie zur Bekämpfung des Erregers zur Verfügung hat, sind körper­liche Schonung und Bettruhe unerlässlich. Und noch ein Argument spricht für das Betthüten im Krankheitszustand: Auch das unmittelbare Umfeld wird dadurch geschützt.

Schutz vor Erkältung und Grippe

„Um die Ansteckungsgefahr zu verringern, konzentriert man sich meist nur auf vorbeugende Hygienemaßnahmen. Es gibt jedoch ein großes Manko bei den Kranken“, appelliert die Medizinerin an alle Kranken, zu Hause zu bleiben, um andere nicht anzustecken. Viren sind nämlich nicht nur über Tröpfchen – sprich über Husten oder Niesen – übertragbar, sondern auch durch Schmierinfektion.
Riedlberger-Fritz: „Wenn jemand hustet, hat er zirka eine Million Viruspartikel auf der Hand. Greift er nun irgendwo hin, bleiben zehn Prozent dieser Krankheitserreger auf der Oberfläche haften. Das sind dann 100.000 Viruspartikel. Wenn nun jemand anderer diese Fläche berührt, holt er sich wieder zehn Prozent – das sind immerhin noch 10.000 Viruspartikel. Und wenn man bedenkt, dass man nur einen geringen Anteil davon braucht, um sich anzustecken, dann kann man sich vorstellen, wie leicht so eine Schmierinfektion vonstatten geht.“
Es liegt – im wahrsten Sinne des Wortes – auf der Hand, dass ausreichende Hygienemaßnahmen in Grippe- und Erkältungszeiten besonders wichtig sind. Eine Studie der Universität Greifswald hat ergeben, dass Personen, die regelmä­ßig alkoholhaltige Desinfektionsmittel für die Hände benutzen, deutlich seltener erkältet sind.
Und was hilft sonst noch, um gesund zu bleiben? Im Prinzip alles, was dem Organismus guttut. Moderate Bewegung als Ausgleich zum hektischen Alltag, überhaupt Stressreduktion und natürlich eine ausgewogene Ernährung, die den Körper mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt, die er für ein funktionstüchtiges Abwehrsystem braucht.

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Gegen Erkältungsbeschwerden:
6 Heilpflanzen

– Eibisch. Vor allem zur Linderung von Atemwegsinfektionen. Die in den Blättern und Wurzeln vorkommenden Schleimstoffe überziehen die Schleimhäute mit ­einem schützenden Film und wirken dadurch reizlindernd bei Husten. Damit sich die Wirkstoffe entfalten können, Eibisch-Tee als Kaltaufguss reichen. Dazu Eibischblätter oder -wurzeln mit kaltem Wasser übergießen und mindestens drei Stunden stehen lassen.

– Eukalyptus. Gilt als bewährtes Hausmittel bei Erkältungen. Die ätherischen Öle erweitern die Bronchien und unterstützen den Körper so beim Abtransport von Schleim. Denselben Effekt haben die Wirkstoffe auch bei verlegten Stirn- und Nasennebenhöhlen. Bei Hus­ten und Schnupfen empfehlen sich Inhalationen mit stark verdünntem Eukalyptusöl. Vorsicht! In konzentrierter Form hat Eukalyptusöl eine reizende Wirkung auf die Schleimhäute.

– Kapland-Pelargonie. ­Cumarine, Gerbstoffe und Öle zählen zu den Hauptwirkstoffen der ­Kapland-Pelargonie. Ein aus der rötlichen Wurzelknolle gewonnenes Extrakt unterbindet die Anhaftung von Krankheitserregern an die Zellen, wodurch Symp­tome bei Schnupfen und Bronchitis rascher abklingen.

– Lindenblüten. Sie enthalten unter anderem Schleim- und Gerbstoffe sowie Flavonoide, die einander in ihrer heilenden Wirkung ergänzen. Teezubereitungen vermögen Schleim zu lösen, Schweiß zu treiben und Fieber zu senken. Die Körper erwärmende ­Wirkung lässt sich an kalten Wintertagen auch zur Erkältungsvorbeugung zunutze machen.

– Salbei. Durch das Zusammenspiel aus unterschiedlichen Wirkstoffen finden Salbeiblätter vor allem bei Entzündungen im Mundraum und bei Halsschmerzen Anwendung. Die im ätherischen Öl des Salbeis enthaltenen Substanzen Cineol und Camphen sind des­infizierend und entzündungshemmend. Seine Gerbstoffe wirken ­zusammenziehend ­(adstringierend) und kräftigend auf die Schleimhäute.

– Thymian. Er gilt als Universalkraut bei Erkrankungen der Atemwege und ist synthetischen Anti­biotika punkto Wirkungsstärke kaum unterlegen. Die Heilpflanze weist eine starke zellschützende Wirkung auf und hemmt das Wachstum von Pilzen, Bakterien und Viren. Den ihr eigenen Seifenstoffen (Saponine) werden sekretlösende und auswurffördernde Eigenschaften zugeschrieben.

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INTERVIEW
Allergien im Winter – was tun?

Die Herbst- und Wintermonate galten lange als „allergiefreie“ Zeit. De facto haben ­manche Menschen aber auch in diesem Zeitraum Beschwerden. Dr. Verena Beck, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Allergologin in Wien erklärt im ­folgenden Interview die Hintergründe dafür.

MEDIZIN populär

Welche Ursachen können Allergien im Winter haben?

Dr. Verena Beck
In der kalten Jahreszeit trinken viele Leute gerne Glühwein. Wenn sich nach dem Genuss von Rotwein Symp­tome wie eine gerötete und verstopfte Nase zeigen, liegt möglicherweise ­eine Intoleranz gegen Histamin vor. Außerdem können die im Glühwein enthaltenen Gewürze wie Zimt, Kar­damom und Nelken selbst für Allergiesymptome sorgen.
Auch der Weihnachtsbaum kann ­Al­lergien auslösen. Zwischen den ­Nadeln sind oft Pollen und Pilzsporen enthalten, die bei Allergikern ebenso Beschwerden verursachen können wie das Baumharz, welches Terpene ausdünstet. Treten Beschwerden in ursächlichem Zusammenhang auf, sollten diese immer von einem Allergologen abgeklärt werden. 
Eine weitere Ursache kann eine Tierhaarallergie sein. Oder es besteht eine Allergie gegen Hausstaubmilben. Durch warme Heizungsluft, wenig Luftfeuchtigkeit und geringen Luft­austausch können sich die Symptome im Winter jedoch verstärken.

Welche Beschwerden verursacht eine Hausstaubmilbenallergie?

Das auslösende Allergen ist der Kot der Milben, konkret verursachen Eiweißstoffe in ihren Ausscheidungen die Allergie. Die Beschwerden können unterschiedlich stark ausgeprägt sein
und verschiedene Organe betreffen. Meis­tens leiden Patienten mit einer Hausstaubmilbenallergie an einem aller­gischen Schnupfen, Rhinitis ­genannt: Die Nase ist verstopft, es kommt zu Niesreiz und die Schleimhaut ist geschwollen. 
Auch die Augen können tränen, gerötet sein und jucken. Ebenso können sich auf der Haut Symptome in Form eines (Nessel-) Ausschlags und Juckreizes manifestieren. Wenn die Allergie sehr stark ausgeprägt ist, kann es zu einem Etagenwechsel kommen. Dabei entwickelt sich ­Hus­ten oder allergisches Asthma.

Kernobst und Nüsse sind klassische Winterspeisen. Worauf sollten Allergiker achten?

Manche Betroffene, die eine Pollenallergie haben, reagieren auf bestimmte Nahrungsmittel. Die Aller­gene aus Gräser-, Kräuter- oder Baumpollen gleichen in ihrem Aufbau den Eiweißen aus bestimmten Nüssen oder Steinobstsorten wie Äpfeln, ­Birnen oder Zwetschken – allesamt Nahrungsmittel, die im Winter gerne gegessen werden. Das Immunsystem bildet Antikörper gegen diese Eiweiß-Antigene in Pollen und reagiert daher auch auf die betroffenen Lebensmittel. Ein Tipp: Gewisse allergieauslösende Stoffe sind nicht hitzebeständig. Wird das Nahrungsmittel gekocht, verflüchtigen sich diese Substanzen, wodurch Beschwerden ausbleiben.

Wodurch unterscheiden sich die Symptome einer Erkältung von jenen einer Allergie?

Die Symptome einer Allergie ähneln einem grippalen Infekt. Man sollte daher beobachten, ob die Symptome tageszeitenabhängig auftreten. Liegt eine Hausstaubmilbenallergie vor, häufen sich die Beschwerden vor ­allem nach dem Schlafen, also in den Morgenstunden. Der Grund dafür: Im Bett findet die Hausstaubmilbe ideale Voraussetzungen für ihren ­Lebensraum – Matratze und Bett­wäsche stellen demzufolge das größte Milben­reservoir dar. Im Gegensatz zu einer Allergie sind die Beschwerden bei ­einem Schnupfen oder einer ­Erkältung in der Akutphase ständig präsent. Nach ein paar Tagen nehmen sie in ihrer Intensität jedoch ab.

Wie werden Allergien im Wesentlichen behandelt?

Zur akuten Therapie, bei der die Symp­tome behandelt werden, stehen sogenannte Antihistaminka in unterschiedlichen Formen (Tabletten, Tropfen, Nasensprays, Augentropfen) zur Verfügung. Besteht allergisches Asthma, werden lösende Substanzen und unter Umständen auch Kortison verabreicht. Asthmatiker sollten außerdem einen Notfallspray bereithalten, der adrenalinähnliche ­Subs­tanzen enthält, welche die verkrampfte Muskulatur der Bronchien entspannen.
Prinzipiell sollte man eine Allergenvermeidung anstreben, sprich man sollte versuchen, mit der auslösenden Substanz nicht in Kontakt zu kommen, weil dies die Symptome und Reaktionen fördert. Bei der sogenannten ­basalen Therapie wird das Allergen ­jedoch in steigender Dosierung ver­abreicht, wodurch das Immunsystem eine Toleranz entwickelt. Es gibt die Möglichkeit, eine stärker dosierte Spritzenkur in einem Allergiezentrum oder eine sogenannte Sublingual­therapie durchzuführen, bei der der Patient Tropfen einnimmt.

Stand 10/2019

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