Gesunder Beckenboden, starke Blase

Dezember 2019 | Medizin & Trends

Eine starke Beckenbodenmuskulatur hat positive Auswirkungen auf die Sexualität und eine gesunde Haltung. Wie sich diese Muskeln stärken lassen.
 
– Von Mag. Helga Schimmer

Rund jeder sechste Erwachsene hat ein Problem mit seiner Blase oder seinem Darm aufgrund einer Schwäche des Beckenbodens. Welche Funktion diese aus Muskeln, Bändern und Bindegewebe bestehende Basis unseres Rumpfes erfüllt, erläutert Univ. Prof. Dr. Engelbert Hanzal, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, der auch das Kontinenz- und Beckenbodenzentrum am Allgemeinen Krankenhaus, Medizinische Universität Wien leitet: „Durch den aufrechten Gang des Menschen ist der Beckenboden eine wichtige Stütze für alle Organe, die im Becken liegen. Er hält Gebärmutter, Blase und Darm in ihrer Position fest und verhindert, dass sie nach unten sinken.“ Zusätzlich sorgt er für Verschlusskraft bei Druckanstiegen im Bauchraum, etwa beim Husten, Niesen, Lachen und Sport. Will heißen: Ein kräftiger Beckenboden unterstützt in Situationen der Druckbelastung, vor allem bei einem plötzlichen Druckanstieg, die Verschlussmuskulatur der Harnröhre mit einem Reflex. „Eine gesunde Beckenbodenmuskulatur zieht sich etwa beim Husten automatisch zusammen“, präzisiert der Gynäkologe.

Besonders bei Frauen wird der Beckenboden im Laufe des Lebens viel stärker beansprucht. Schwangerschaft und Geburten setzen ihm stark zu, insbesondere wenn die Babys groß sind und Saugglocke oder Zange zum Einsatz kommen. Besteht außerdem noch eine Bindegewebsschwäche, wird schwere körperliche Arbeit verrichtet, leidet die Frau an chronischem Husten oder hat sie Übergewicht, lässt die Stabilität des Beckenbodens umso stärker nach. Hanzal: „Symptome wie Harninkontinenz, häufiger Harndrang, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Stuhlinkontinenz in verschiedenen Ausprägungen, ein unangenehmes Senkungsgefühl und im schlimmsten Fall Vorwölbungen der Beckenorgane vor den Scheideneingang bzw. After stellen sich ein.“

Den Beckenboden stärken

Die gute Nachricht: Dem ständigen Druck nach unten lässt sich vorbeugen, und zwar am bes­ten mit Beckenbodentraining und einer Gewichtsreduktion bei Übergewicht. Auch wenn schon leichte Funktionsstörungen bestehen, können mit spezieller Physiotherapie gute Behandlungserfolge erzielt werden. „Wie bei jedem Muskeltraining, hilft ebenso das Beckenbodentraining nur, wenn es regelmäßig und intensiv durchgeführt wird“, erklärt Hanzal.

Konkret bedeutet das, täglich bis zur maximalen Kontraktionskraft zu üben und auf die Muskelentspannung zwischen den Übungen zu achten. „Unter diesen Voraussetzungen reichen wenige Minuten pro Tag aus“, sagt der Experte.

Selbst bei einem sehr schwachen oder nicht mehr aktivierbaren Beckenboden gibt es Hilfe. „Zusätzlich können die Muskeln elektrisch stimuliert oder mit einer Biofeedback-Therapie wieder besser wahrgenommen und kontrolliert werden“, rät Engelbert Hanzal. Entsprechende Geräte werden von den Krankenkassen für die Behandlungsdauer leihweise überlassen. Schöpft man alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten rechtzeitig aus, können schwerwiegende Folgen einer Beckenbodenschwäche, die chirurgische Eingriffe nötig machen, in der Regel vermieden werden.

Hilfe für den schwachen Darm

Ein anderes Problem, das mit einem schwachen Beckenboden einhergeht und bei weitem öfter auftritt, als man annehmen möchte, ist der unfreiwillige Verlust des Darminhalts. „ Sieben bis  bis zehn Prozent der Bevölkerung leiden an Stuhlinkontinenz, bei deren leichtester Form man Winde schlechter halten kann. Die Beschwerden können aber auch zum unwillkür­lichem Abgang von dünnem, flüssigem Stuhl führen und – in der schwersten Ausprägung – bis zum Verlust von festem Stuhl reichen“, weiß Dr. Ingrid Haunold, leitende Oberärztin an der Abteilung für Chirurgie im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien.

Die auf Erkrankungen des Enddarms spezia­lisierte Fachärztin (Proktologin) erklärt, weshalb neun von zehn Betroffenen Frauen sind: „Schwangerschaft und Geburt beanspruchen den Beckenboden sehr stark und können Verletzungen an Muskeln hinterlassen. “

Doch Stuhlinkontinenz trifft nicht nur alte Menschen. Eine Strahlentherapie wegen Tumoren von Mastdarm oder Prostata kann unabhängig vom Alter dem Beckenboden ebenfalls so schwer zusetzen, dass sich in weiterer Folge eine Kontinenzstörung entwickelt. Dr. Haunold: „In vielen Fällen reicht es schon, die Ernährung geringfügig umzustellen und mit mehr Reis, Gries oder Bitterschokolade den Stuhl etwas fester zu machen. Manchmal lösen auch bestimmte Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel wie z.B. Magnesium eine zu rasche Stuhlabgabe aus. „Weitere sinnvolle Strategien sind medikamentöse Stuhleindickung bzw. die gezielte Entleerung des Darmes mit einem milden, innerhalb weniger Minuten wirkenden Abführzäpfchen, bevor man außer Haus geht. Besonders die Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur – unter Anleitung einer Physiotherapeutin – ist ein Behandlungsbaustein.    

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Physiotherapie für den Beckenboden

Mit gezielter Gymnastik lässt sich vorbeugen, aber auch viel zur Besserung bereits vorhandener Probleme beitragen. „Die Muskeln des Beckenbodens reagieren wie alle anderen Muskeln positiv auf Training und können gänzlich nebenwirkungsfrei die Situation verbessern. Als Nebeneffekt können die Übungen bei Frauen auch die sexuelle Empfindung verstärken“, fasst die Wiener Physiotherapeutin Christine Stelzhammer die Vorzüge des Beckenbodentrainings zusammen. Die Übungen sollten mit einer entsprechend geschulten Physiotherapeutin er-lernt werden. Wer zweimal täglich fünf- bis zehn Minuten trainiert, darf sich binnen weniger ­Wochen über merkbare Erfolge freuen.

Sabine Leh, Physiotherapeutin im niederösterreichischen Kirchstetten, regt als Basis für das Training folgendes Bild an: „Stellen Sie sich den Beckenboden als Blume in Ihrer Lieblingsfarbe vor. Beim Einatmen entfalten sich die Blütenblätter, die Blume ist weit und groß Richtung  Sonne geöffnet. Beim Ausatmen ziehen sich die Blütenblätter zusammen, die Blume schließt sich wieder fest.Das können Sie verstärken, indem Sie sich vorstellen, die Blütenblätter mit dem Beckenboden nach oben zu ziehen.“

Eine andere Übung, die 30 Sekunden lang im Wechsel durchgeführt wird, nennt Leh „Ping Pong“: „Dabei heben Sie im aufrechten Sitz auf einem Sessel die Fersen an, sagen ,Ping’ und spannen gleichzeitig den Beckenboden an. Bei ,Pong’ werden die Fersen wieder abgestellt und die Muskeln entspannt.“

Stand 12/ 2019
 

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