Musik als Medizin

März 2019 | Medizin & Trends

Immer öfter wird Musikhören wie ein Medikament eingesetzt. Was die Klänge und Rhythmen – in vernünftiger Lautstärke gehört – bewirken.
 
– Von Mag. Sabine Stehrer

Fragt man Herrn und Frau Österreicher nach ihren liebsten Freizeitbeschäftigungen, rangiert es nach Fernsehen und Lesen auf Rang drei: das Musikhören. Mehr als die Hälfte, 55 Prozent, gibt sich laut einer Umfrage der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien täglich Klängen und Rhythmen hin. Viele begleitet Musik durch den ganzen Tag: So wird etwa auf dem Weg in die Arbeit, neben Bürotätigkeiten, beim Sport, auch bei Hausarbeiten wie dem Kochen oder Putzen Musik gehört – mit vielfältigen Auswirkungen auf Körper und Geist.

1. Musik mindert Stress

Ob New Age-Musik oder Gregorianische Choräle: Musik wie diese, auch trophotrope Musik genannt, befreit alle Menschen von negativem Stress. Wie die Klänge und Rhythmen die stressmindernde Wirkung erzielen? „Vor allem durch das Tempo, das dem Pulsschlag, der Herzfrequenz des Menschen in entstresstem Zustand entspricht“, sagt Univ. Prof. Dr. Klaus Laczika von der Universitätsklinik für Innere Medizin der Medizinischen Universität Wien, der den Effekt vielfach an Intensivpatienten beobachtet hat. So sei bei Patienten, die aus der Narkose aufwachen, und bemerken wo sie sind, Stress mit all seinen Begleiterscheinungen wie hohem Puls und flacher Atmung programmiert. „Hören sie dann trophotrope Musik, passen sich Körperfunktionen, die vom unwillkürlichen Nervensystem gesteuert werden, der Musik an, der Puls wird langsamer, die Herzfrequenzvariabilität verbessert sich, die Atmung vertieft sich“, sagt Laczika. Oft schon binnen weniger Minuten des Musikhörens sinkt auch der Spiegel des Stresshormons Cortison im Blut – ein untrügliches Zeichen für Entspannung.

2. Musik lindert Schmerzen

Ob Jazz à la Miles Davis oder Klassisches à la Bach: Vor allem die Lieblingsmusik eines Menschen kann, wenn er Schmerzen hat, das Ausmaß der Schmerzen verringern. Wie beispielsweise klassische Klänge oder jazzige Rhythmen schmerzlindernd wirken? Befragungen von Teilnehmern an den vielen Studien, die diesen Effekt von Musik untersuchten, ergaben, dass die Musik, die einem die liebste ist, binnen kurzer Zeit positive Gefühle auslöst. Dadurch werden Schmerzen nicht mehr als so stark wahrgenommen – wahrscheinlich, weil das Gehirn die Glückshormone Serotonin und Dopamin produziert sowie schmerzhemmende Substanzen.

3. Musik gibt Energie

Ob Heavy Metal von Rammstein oder Hard Rock von AC/DC: Musik, die einen schnellen Rhythmus hat und laut ist, also ergotrope Musik, wirkt aktivierend und motivierend. Wie schnelle Beats, tiefe Bässe und kreischende Gitarren Energie geben können? Erfahrungen von Profisportlern, und auch die Beobachtungen Laczikas zeigen, dass ergotrope Klänge und Rhythmen dabei helfen, sich zum Sport zu motivieren sowie dabei, Kranke zu aktivieren. Erklärbar ist dies damit, dass diese Musik auf vielen Ebenen anregend wirkt: So erhöhen sich beim Hören die Puls- und Atemfrequenz, und mehr Blut wird durch den Körper gepumpt. Tiefe Bässe, ob vom Instrument ausgehend oder vom Sänger, stehen für Dominanz, die der Hörende zu imitieren versucht: So ist eine bessere Leistung möglich.

4. Musik vertreibt Missstimmungen

Ob Pink Floyd oder die Beatles: Egal, wie die Lieblingsmusik eines Menschen beschaffen ist – sie bringt Freude ins Leben, macht Spaß. Wie Klänge und Rhythmen gegen Missstimmungen und depressive Stimmungen wirken können? An Depressionen Erkrankte, die sich als Testpersonen für eine Studie über die Wirkung von Musik zur Verfügung stellten, gaben an, dass sie sich nach dem Hören ihrer Lieblingsmusik besser fühlten. Erklärbar ist dies nicht nur damit, dass das Hören Glückshormone ausschüttet, sondern auch mit positiven Erinnerungen, die oft an die Lieblingsmusik geknüpft sind.

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Wie Musik gehört wird und wie Singen wirkt

Wie wirkt Singen?

Wie viele Österreicher hören nicht nur Musik, sondern singen auch? Wohl jeder hin und wieder. Rund 100.000 tun dies außerdem in einem der hierzulande 3500 Chöre. Das ist auch gut so, denn Singen wirkt sich laut Univ. Prof.
Dr. Gertraud Berka-Schmid auf vielfältige Art und Weise positiv auf die Gesundheit aus. Als Psychiaterin und Neurologin sowie Gesangspädagogin an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien hat sie sich viel mit der Wirkung von Singen auf die Gesundheit befasst. „Singen ist gestaltetes Atmen“, sagt sie. Ein Atmen, das in psychophysische Balance führe, dabei helfe, Stress abzubauen und Stress vorzubeugen. Das Atmen beim Singen steigere auch die Durchblutung, was dem Gehirn, dem Gedächtnis und dem Gemüt guttut – sowie über die Aktivierung des Zwerchfells außerdem der Leber, den Nieren und dem Darm. Gemeinschaftliches Singen, wie in einem Chor, steigere als emotionales und soziales Ereignis das Wohlbefinden des Menschen noch einmal.

Wie wirkt Musizieren?

Wie viele Österreicher hören nicht nur Musik und singen, sondern spielen auch ein Instrument? Nach einer Umfrage des Linzer Instituts für Markt- und Sozialanalysen hat jeder Fünfte einmal ein Instrument gespielt, jeder Dritte davon musiziert das ganze Leben lang. Wer auch nur in der Kindheit Flöte, Geige oder Gitarre gelernt hat, hat viel für sich getan, erklärt Univ. Prof. Dr. Patrick Zorowka, Direktor des Departements für Hals- Nasen- und Ohrenheilkunde der Medizinischen Universität Innsbruck: „Beim Lernen eines Instruments wird das Gehirn gefordert und seine Entwicklung gefördert.“ Die Strukturen des Gehirns bilden sich schneller aus, arbeiten besser zusammen.
So tut sich ein musizierendes Kind beim Lernen leichter, auch beim Erlernen von Bewegungsabläufen. Dem nicht genug: Der Vorteil bleibt erhalten, selbst  wenn später nicht mehr musiziert wird. „Das frühe Musizieren stärkt das Gehirn bis ins hohe Alter“, so Zorowka. So bleiben etwa die Gedächtnisfunktionen länger erhalten. 

Wie wird Musik gehört?

Gut zu hören ist die Voraussetzung dafür, Musik genießen zu können. Die Schwingungen, die durch die Klänge und Rhythmen von Musik ausgelöst werden, treffen im Ohr auf das Trommelfell und gelangen zum Innenohr, wo sie von Haarzellen in Nervenimpulse verwandelt und über den Hörnerv an das Gehirn geleitet werden. In mehreren Hirnregionen wird Musik mit Emotionen und Erinnerungen verknüpft. Dass das gesamte Gehirn an der Musikwahrnehmung beteiligt ist, erklärt, warum Menschen mit Alzheimer-Demenz selbst in fortgeschrittenen Stadien der Krankheit ihre Lieblingsmusik – die meist die Musik ihrer Jugend ist – wiedererkennen und sich beim Hören wohlfühlen.
Bei einer Hörminderung helfen Hörgeräte oder Implantate, Musikgenuss zu ermöglichen.
Zur Vorbeugung einer Hörminderung ist es laut Zorowka ratsam, vernünftig Musik zu hören, die Lautstärke nicht über 85 Dezibel aufzudrehen – und den Ohren auch immer wieder eine Pause zur Erholung zu gönnen.

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