Rote Spuren beim Zähneputzen

November 2019 | Medizin & Trends

Zahnfleischbluten ist ein wichtiger Hinweis auf Zahnfleischentzündungen. Die gute Nachricht: Vor allem gründliche Mundhygiene hilft.
 
– Von Mag. Wolfgang Bauer

Ein Versuch von skandinavischen Zahnmedizinern lieferte bereits in den 1960er Jahren wertvolle Erkenntnisse zum Thema Zahnfleischbluten. Die Teilnehmer wurden gebeten, ihre an und für sich gesunden Zähne drei Wochen lang nicht zu putzen. Das Ergebnis: Alle Teilnehmer hatten nach dieser Zeitspanne mehr oder weniger stark ausgeprägtes Zahnfleischbluten.
Danach erhielten alle Teilnehmer eine professionelle Reinigung ihrer Zähne. Auch dieses Ergebnis ist bemerkenswert. Das Zahnfleischbluten war wieder weg. „Dieser Versuch zeigt deutlich, dass es einen Zusammenhang zwischen mangelnder Mundhygiene und Zahnfleischbluten gibt“, so Dr. Corinna Bruckmann vom Fachbereich Zahnerhaltung und Parodontologie an der Universitätszahnklinik der Medizinischen Universität Wien.

Entzündete Areale

Zahnfleischbluten ist zumeist ein Hinweis, dass das Zahnfleisch entzündet ist, was in der Zahnheilkunde Gingivitis genannt wird (die Endung „itis“ bedeutet, dass eine Entzündung vorliegt). Das Zahnfleisch ist geschwollen und gerötet, es liegt nicht mehr straff am Zahn an und – vor allem – es ist empfindlich, neigt beim Zähneputzen zu Blutungen. Dieses Problem kann die gesamte Mundhöhle betreffen, es kann lokal auftreten, zum Beispiel im Bereich jener Zähne, die beim Putzen schwer zu erreichen sind.

Wenn Plaque zur Plage wird

Eine Gingivitis wird in erster Linie von bakteriel­lem Zahnbelag namens Plaque verursacht. ­Plaque ist eine klebrige Mixtur aus Teilen des Speichels, aus Nahrungsresten und aus Stoff­wechselprodukten jener Bakterien, die im Mund leben. Plaque bildet sich täglich und sollte auch jeden Tag gründlich entfernt werden, so die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie Corinna Bruckmann, damit die schädlichen Stoffe nicht das Zahnfleisch reizen können.
 „Wer beim Zähneputzen blutet, sollte den Putzvorgang nicht aus Angst vor einer Verletzung abbrechen, sondern vorsichtig und gewissenhaft weiter putzen, damit der Belag mit den Giftstoffen entfernt wird“, empfiehlt die Zahnärztin. Nach zwei bis drei Tagen sollte das Zahnfleischbluten weg sein. Wenn nicht, sollte man seinen Zahnarzt aufsuchen.
Eine Gingivitis kann in manchen Situationen eher auftreten: bei Diabetes, aufgrund hormoneller Veränderungen, wie Schwangerschaft oder Pubertät. Oder als Folge einer anderen Krankheit, wie Leukämie. Manchmal auch als Nebenwirkung von Medikamenten oder weil man eine zu harte Zahnbürste verwendet.

Zähneputzen hilft und beugt vor

Bei Zahnfleischbluten können die Betroffenen selbst am besten Abhilfe schaffen. „Zumindest einmal in 24 Stunden sollte der gefährliche Zahnbelag von allen Zahnoberflächen gründlich entfernt werden“, sagt Corinna Bruckmann. Bei hohem Kariesrisiko ist dies sogar zweimal in 24 Stunden nötig, denn Plaque ist auch eine wesentliche Ursache für Karies. Alle Oberflä­chen zu reinigen bedeutet, auch die Zahninnenflächen sowie die Zahnzwischenräume zu pflegen. Diese Bereiche erreicht man häufig nur mit Zahnseide oder Zahnzwischenraumbürsten.

Bestimmte Putztechnik

Eine bestimmte Putztaktik kann dazu beitragen, dass die Problemstellen nicht umgangen oder vergessen werden. „Sinnvoll ist es bei der Reinigung mit jenen Stellen zu beginnen, die man schwer erreicht oder wo man beim Putzen einen Würgereiz verspürt“, rät Expertin Bruckmann.
Spezielle Spülungen sind ihrer Ansicht nach kein unbedingtes Muss, allerdings hält sie es für sinnvoll, die chemische Reinigung in Einzelfällen eine Zeit lang durchzuführen. Wenn zum Beispiel die Betroffenen verletzt und in ihrer Bewegung eingeschränkt sind oder Provisorien bzw. festsitzende Zahnspangen im Mund tragen, die den Putzvorgang erschweren oder an bestimmten Stellen unmöglich machen. In vielen Fällen ist auch eine professionelle Mundhygiene beim Zahnarzt nötig, um das Zahnfleischbluten abzustellen. Dabei wird auch Zahnstein entfernt, das ist hart gewordener Zahnbelag.

Zucker heizt Entzündung an

Was die Ernährung anbelangt, so empfiehlt ­Corinna Bruckmann den Zuckerkonsum einzuschränken, um Zahnfleischbluten vorzubeugen. „Zucker heizt jede Entzündung an“, so Bruckmann. Vitamin-C-Mangel, der früher bei Seefahrern zu Zahnfleischproblemen und Zahnverlust geführt hat, ist ihrer Ansicht bei dem umfangreichen Angebot an frischem Obst und Ge­müse kein nennenswertes Problem mehr.
Zahnfleischbluten kann man also durch regel­mäßig durchgeführte gründliche Mundhygiene in den Griff bekommen. Doch was geschieht, wenn man es nicht ernst nimmt oder zu spät darauf reagiert? „Dann kann sich aus einer Gingivitis eine Parodontitis entwickeln“, so Bruckmann. Während eine Gingivitis noch komplett ausheilen kann, also keine bleibenden Schä­den hinterlässt, ist dies bei einer Parodon­titis nicht mehr so leicht möglich. Denn es können sich Zahnfleischtaschen bilden, die sich mit Plaque füllen. Eine unheilvolle Kombination, damit wird nämlich die bakterielle Infektion weiter angeheizt. Zahnfleisch und Kieferknochen bilden sich zurück, die Zähne verlieren zunehmend an Halt, können im Laufe der Zeit verloren gehen.
Mehr als 50 Prozent des Zahnverlustes der österreichischen Bevölkerung geht auf das Konto einer Parodontitis. Die gute Nachricht auch hier: Selbst eine Parodontitis ist gut behandelbar. ­Corinna Bruckmann rät zu einem einfachen Selbsttest, entwickelt von der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie.

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SELBSTTEST:

Habe ich Parodontitis?

Versuchen Sie folgende Fragen zu beantworten:

  • Blutet das Zahnfleisch beim Zähneputzen oder bei Berührungen?
  • Fühlt es sich geschwollen oder empfindlich an?
  • Hat es sich zurückgezogen?
  • Scheint es, dass die Zähne länger geworden sind?
  • Hat sich die Stellung der Zähne verändert?
  • Finden Sie, dass die oberen und unteren Zähne anders zusammenbeißen als früher, haben sich Lücken zwischen den Zähnen gebildet?
  • Haben Sie immer wieder Probleme mit Mundgeruch?

Bewertung:
Wenn Sie eine oder mehrere dieser Fragen mit „Ja“ beantworten können, informieren Sie Ihren Zahnarzt. Dieser kann sich – etwa im Zuge einer parodontalen Grunduntersuchung – auf einfache und schmerzlose Art und Weise ein genaues Bild darüber verschaffen, ob Ihr Zahnfleisch gesund ist, ob eine Gingivitis oder eine Parodontitis vorliegt und kann dann die entsprechenden Behandlungsschritte einleiten.

Stand 11/2019

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