Wenn der Darm quält

März 2019 | Medizin & Trends

Erkrankungen des Immunsystems sind stark im Zunehmen, Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa zählen auch dazu.
 
– Von Mag. Sabine Stehrer

Etwa 30.000 Menschen leiden hierzulande an den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Eine Zahl, die weiter steigen wird, weiß Univ. Prof. Dr. Herbert Tilg von der Universitätsklinik für Innere Medizin an der Medizinischen Universität Innsbruck und erklärt, warum das so ist: „Chronisch entzündliche Darmerkrankungen gehen auf eine Erkrankung des Immunsystems zurück, und an Immunsystem-Erkrankungen leiden generell immer mehr Menschen.“ Vermutet wird, dass übertriebene Hygienemaßnahmen im Kindes- und Jugendalter ein Grund dafür sind, die dazu führen, „dass sich das Immunsystem in Ermangelung von Krankheitserregern langweilt und statt Bakterien oder Viren den eigenen Körper angreift“.
Auch eine hektische Lebensweise, gepaart mit ungesunder Ernährung spielt bei der Verbreitung von Immunkrankheiten eine Rolle. Und die Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa werden nachweislich noch durch die Gene mitverursacht. Tilg: „Beide Krankheiten treten familiär gehäuft auf, werden also vererbt.“

Breite Palette an Beschwerden

Breit wie die Palette der vermuteten Ursachen ist auch das Spektrum der Symptome. „Die Beschwerden können sehr mild bis sehr aggressiv sein“, so Tilg. Durchfall, Blutungen aus dem Darm, Bauchschmerzen, die nicht nur tagsüber, sondern auch nachts auftreten, Appetitlosigkeit, Fieber, ein Schwächegefühl und Müdigkeit zählen dazu. Nach einiger Zeit der Erkrankung, die in Schüben auftritt, können die Entzündungen im Darm auf andere Organe des Körpers übergehen, wie die Gelenke, die Augen oder Atemwege, was zu weiteren Beschwerden führt. Auch besteht bei CED ein geringfügig erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken.

Bald noch bessere Hilfe

Geheilt werden können die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zwar nach wie vor nicht, aber, so Tilg, „den Betroffenen kann viel besser als früher geholfen werden.“ Die große Mehrheit der Erkrankten, 80 bis 90 Prozent, erreicht mit Medikamenten, entsprechender darmschonender Ernährung und einer möglichst stressfreien Lebensweise einen Zustand, der fast jenem von Gesunden gleichkommt.
Manche können die Medikamente nach einigen Jahren der Behandlung absetzen und dauerhaft weglassen, ohne dass sich die Symptome der Krankheit wieder verschlimmern. Und jenen zehn bis 20 Prozent der CED-Patienten, die trotz Behandlung immer wieder an starken Beschwerden leiden, sollen laut Tilg bald neue Medikamente helfen: wieder weiter entwickelte Antikörper, die noch besser helfen sollen, weil sie gezielt bestimmte Entzündungsprozesse hemmen.

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Interview
„Ich habe mich für die Krankheit geschämt“

Nelly ist 25 Jahre alt, Studentin der Sozial- und Witschaftswissenschaften sowie angehende Psychotherapeutin – und sie hat die chronisch entzündliche Darmerkrankung Colitis ulcerosa.
Im folgenden Interview erzählt die Innsbruckerin von ihrem Leben mit der Krankheit.


MEDIZIN populär
Nelly, wie geht es Ihnen?

Nelly
Dazu kann ich momentan nur sagen: Hätte ich mehr Zeit, würde es mir bestimmt besser gehen. Ich bin derzeit sehr stark mit meinem Studium und meiner Ausbildung zur Psychotherapeutin beschäftigt. Allein in den nächsten sieben Wochen habe ich fünf mündliche Prüfungen und drei Seminararbeiten zu schreiben.

Wirkt sich der Stress auf Ihre Krankheit aus?
Immer wenn ich Stress habe, muss ich auf meine Gesundheit aufpassen, weil Stress einen Schub auslösen kann … und so ein Schub, der hat mir dann gerade noch gefehlt.

Was bringt ein Schub mit sich?
Durchfall, Blutungen, Schmerzen im Bauch, auch Gelenksschmerzen. Natürlich fühle ich mich während so eines Schubs auch sehr schwach, bin sehr müde.

Wie lang kann so ein Schub dauern?
Das ist unterschiedlich. Das Jahr, in dem ich die Matura gemacht habe, und mein erstes Studienjahr habe ich in einem konstanten Schub verbracht, der dauerte zwei Jahre. Manche Schübe halten aber auch nur ein paar Tage an.

Welche Hilfen gibt es?
In den mittlerweile zwölf Jahren, die ich nun schon an Colitis ulcerosa leide, habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir zum Beispiel Yoga hilft. Außerdem habe ich meine Ernährung umgestellt. Ich esse schon lang keine Fertigprodukte mehr und auch sonst nichts, was Zusatzstoffe enthält. Fleisch und kohlenhydratreiche Nahrungsmittel esse ich wenig, und auch beim Alkohol halte ich mich zurück.

Müssen Sie Medikamente nehmen?
Ja, solche, die die Entzündung hemmen und eine positive Wirkung auf das Immunsystem haben, auch Eisen liefern, weil ich davon durch die Blutungen viel verliere.

Wie sehr beeinflusst die Krankheit Ihr Leben?
Ich habe mich zwar mit der Krankheit arrangiert, aber sie beeinflusst mein Leben schon sehr stark, denn ich muss immer alles genau planen. Allein, dass ich in der Früh – vom Aufstehen bis ich fertig bin – wegen des länger dauernden Toilettengangs eineinhalb bis zwei Stunden brauche.  Oder wenn ich im Winter Snowboarden gehe oder im Sommer Bergsteigen. Auf Reisen kann das alles etwas kompliziert werden, auch wegen der Medikamente, die zusätzlich mitzunehmen sind.

Was waren Ihre schlimmsten Erfahrungen mit der Krankheit?
Schlimm war, als die Blutungen das erste Mal aufgetreten sind, da war ich 13, und als ich zur Darmspiegelung musste und dann erfahren habe, dass ich Coltitis ulcerosa habe. Schlimm war auch, das ich während der gesamten Schulzeit und bis zu meinem 21. Lebensjahr meine Krankheit meinem Umfeld großteils verschwiegen habe.

Warum?
Ich habe mich für die Krankheit geschämt, obwohl ich ja gar nichts dafür kann. Heute würde ich sie nicht mehr verschweigen, weil das ständige Verbergen alles, das gesamte Leben, noch einmal erschwert. So habe ich eigentlich recht wenig von meiner Jugend gehabt.

Was erhoffen Sie sich von der Zukunft?
Privat habe ich vor, so viel wie möglich zu reisen. Ich war schon in Südostasien und Australien. Demnächst möchte ich zu Verwandten nach Kanada und nach Alaska. Und beruflich möchte ich zunächst einmal im Consulting, der Unternehmensberatung, Fuß fassen, später als Psychotherapeutin anderen chronisch Kranken helfen.

Webtipp:
Opens external link in new windowwww.oemccv.at
Informationen zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sowie Hilfe zur Selbsthilfe auf der Website der ÖMCCV (Österreichische Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung).


Stand 03/2019

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